Kommentar

kontertext: Das grosse Zuviel und das Sehnen nach dem Kleinen

Michel Mettler © zvg

Michel Mettler /  Zwischen Gotthelfs Schweiz, EU-Dämonie und dem babylonischen Wirrwarr des Internets: Wir sind viele und müssen damit leben lernen.

Sie alle sind hier: der kosovarische Karosseriespengler, sein Bruder, der Jurist, die portugiesische Pflegerin meiner Tante, an der Waren­hauskasse die Frau aus Uganda – sie bedient alle, die vor dem Self-Checkout fremdeln.

Auf dem Heimweg öffnet mir der äthiopische Busfahrer die Tür; zu­hause grüsst die Schulsozialpädagogin aus Nordrhein-Westfalen über den Zaun; der Devisenhändler mit japanischen Eltern lebt über mir – ich höre ihn in seiner Muttersprache telefonieren. Die aus dem Bal­tikum zugewanderte Architektin hat mir den Schlüssel für ihr Ferien­haus auf Rügen geschickt; sie ist befreundet mit meinem Neffen, dem amerikanisch-schweizerischen Doppelbürger, der für Rätinnen und Räte Reden schreibt.

Meine hergeflüchteten Freunde aus der Ukraine schliesslich, Ehe­leute, die inzwischen beide ihre Jobs gefunden haben und beliebt sind unter Arbeitskolleginnen und -kollegen, haben immer Zeit, um mir zu helfen, wenn im Haushalt meine zwei linken Hände wieder einmal scheitern an der real existie­renden Apparatewelt.

«Einfalt»

Sie alle sind hier, so wie ich hier bin. Und ihre Anwesenheit lässt es fühlen: Die Sehnsucht nach dem Kleinen, Reinen, Überschaubaren und Aufgeräumten bleibt bis auf weiteres ungestillt. Darum sprechen wir oft gebrochen miteinander oder behelfen uns mit einem Standardenglisch. Aber wir sind im Gespräch.

Oder nicht?

So jedenfalls scheint es: An einem virtuellen Stammtisch debattieren ein Gamer, eine Botanikerin, ein Banker und ein Milchpreisfetischist vom Bauernverband. Sie reden (gleichzeitig) über Gewässerschutz, Freizügigkeitsabkommen, Internetkriminalität, Chancengleichheit und den Stadt-Land-Graben. Längst nicht mehr alle heissen sie Senn, Plüss oder Häfliger. Auch darin unterscheidet sich diese Gegenwart von jener Schweiz, die auf Plakaten der Rechten auftaucht, garniert mit Sennenkäppchen und Melkschemeln, als sollte unser Leben eine Karikatur von Jeremias Gotthelfs Welt sein.

Spendenbalken blau

In dessen Büchern, wenn man sie denn liest, kommen die Schachers und Jowägers nicht immer gut weg, aber es sind sortenreine, bis in die Keimbahn rot-weiss gefärbte Mitglieder des FC Heil-dir-Helvetia. Ihre Sprache ist getränkt mit Flurnamen, Mutterwitz und dialektalen Färbungen, die nach Tal- und Seitentalschaften aufgefächert sind. Aus der Art, wie einer das Butterfass benennt, lässt sich ableiten, von welcher Flussbiegung er stammt.

Von wegen Keimbahn: Liesse sich heute DNA von einer gotthelfschen Figur analysieren, ergäbe sie die selbe wilde Diversität wie die meine, von der prähistorischen Höhle über das Wikingerschiff bis in den römischen Senat. Jedes menschliche Genom erzählt die Geschichte einer unabsehbaren Vermischung.

Trotzdem ist heute anders vom Zusammenleben zu sprechen als zu Jeremias’ Zeiten: Fernab von jeder Genetik wollen die Umstände des Herkommens und der kulturellen Einflüsse erörtert sein, denn sie verstehen sich nicht mehr von selbst wie in Bitzius’ Emmental. Und es gibt sie, die Sprache für dieses Herkommen – auch dann, wenn ich radebreche. Vielleicht ist sogar Gestammel die adäquateste Art, von einer Welt zu handeln, die in ihre Facetten zerspringt, nachdem wir so viele sind.

Bei aller Fragmentiertheit ist da aber noch immer eine Gemeinschaft, die sich über das Wie und Wohin ihres Zusammenlebens verständigen will, gebrochen zwar, aber in ihren Übereinkünften verlässlich, solan­ge sie sich auf ein Grundgesetz bezieht. Wenn nötig auch mit Händen und Füssen, mit Sternchen, Likes und Comic-Sprechblasen – will man verstehen, wovon «der andere» spricht, ist jedes Mittel recht.

Oder nicht?

Vielheit

Bei Gotthelf ist ein Fremder jemand, der aus Basel ins Emmental kommt, einen Anzug trägt, Geld hat und Land aufkaufen will; ein Spekulant, der schon im Elsass war und Gott weiss wo sonst noch. Mit dem redet man nicht, um ihn zu verstehen (denn man versteht ihn schon, bevor er den Mund aufmacht, weil er ein Typus ist). Man redet mit ihm nur, um ihn aufs Kreuz zu legen.

An dieser Szene, in Gotthelfs Romanen viel ambivalenter dargestellt, zeigt sich, wie tiefgreifend der Begriff von Fremdheit sich gewandelt hat. In urbanen Zentren verbindet heute viele Menschen die Einsicht, dass sie sich fremd fühlen in der Gegenwart. In manchem Schweizer Dorf aber könnte man meinen, die Menschen verbinde die Art, wie sie aufgehen in ihrer Umgebung (wogegen die Neubauquartiere, die sie meiden, wie Schlafstädte anmuten).

Beide Lebensweisen – abgesehen von den vielen Mischformen dazwi­schen –, die «entfremdete» der Stadt und die «verwurzelte» des Landes, gehören zur Gegenwart: zwei Pole einer Gesellschaft, deren Pluralität als Reichtum wie als Ärgernis verstanden werden kann.

Die Lesart entscheidet, ob man darin ein Zuviel (an Diversität) oder ein Zuwenig (an Verständigung) sieht. Doch beide Gesellschaften, die Gotthelfsche wie die heutige, kommen nicht umhin, auszuhandeln, wie sie leben wollen, was sie als das Gemeinsame und was als das In­dividuelle definieren.

Gotthelfs Figuren tun das beim Politisieren in der Beiz, auf der Chilbi und beim Gewerbetreffen, in der Käserei, nach dem Gottesdienst. Die Heutigen müssen es anderswo versuchen, im Internet, auf social me­dia, im Fitnesstudio, beim Studieren von Abstimmungsunterlagen, in der Kantine, beim Radiohören und noch immer auch an Gemeinde­versammlungen und Landsgemeinden.

Einheit

Wie und wo immer diese Auseinandersetzung geführt wird, sie muss sich den gegebenen Tatsachen stellen: Das prekäre Wir in diesem Text ist ein Mixed Pickles-Glas. Wir sind ins Unabsehbare vermehrt, gemessen an Bitzius’ Zeiten. Der Hautfarben sind mehr, der Konfes­sionen und Berufe, der Allergien, Lebensthemen, Syndrome, Sportarten und Spleens. Wir sind durchweg weitgereister. Die Fragen, die wir regeln sollen, haben an Komplexität zugelegt. Sie zeugen von Globalisie­rung, infrastruktureller Kleinteiligkeit, vom Universalismus der tech­nologischen Diskurse und von der neuen Verwobenheit aller Themen über den virtuellen Raum.

Zugleich ist aber auch das Verbindende gestärkt: Viel mehr als zu Gotthelfs Zeiten werden universelle Themen grenzübergrei­fend und in Standardsprachen verhandelt: in Maschinen- und Konferenzsprachen, Standardzeichensätzen und Emojis, in Terminalsprachen und im hin­terleuchteten Zeichenfeld der internationalen Signaletik: Lift, Exit, Start, Standby, Parking, One Way …

Vielfalt

Wer die oben berührten Fragen angehen und die Auseinandersetzung führen will, muss damit leben, dass dieses Viel und seine Diversität gegeben ist und bleiben wird. Das ist immer öfter unbequem. In vie­len Schulen fällt es beim ohnehin mühevollen Geschäft des Wissens­erwerbs inzwischen schwer, sich zu verständigen, und manches Ge­tratsch im Zugabteil scheint nur noch mit ear-pod-verstopften Gehör­gängen hinnehmbar zu sein, wie ein Gang durch die Waggons zeigt.

Wer nun aber sagt, wir müssten nur weniger werden, und schon wür­de dies alles sich gedeihlicher regeln lassen, ist entweder ein Schelm oder eine Träumerin. Der Verweis auf die grosse, runde Zahl führt in die Irre und es fehlt ihm nicht an Naivität. Wer gar Polemiken mit die­ser Zahl verknüpft, suggeriert, dass es eine natürliche Grenze gibt. Ein Blick in die nähere Vergangenheit räumt mit diesem Irrglauben auf: Was den Vorfahren unzumutbar vorgekommen wäre, ist heute längst über­schritten. Auch technologische Mittel verhelfen dazu: Wohnformen, Homeoffice, der Viertelstundentakt. Darüber hinaus ist die Schweiz so dicht mit ihrem Aussen verflochten, dass das Netz ihrer Abhängig­keiten einem Nervensystem gleicht. Schneidet man Bahnen durch, gehen Funktionen verloren. In der Abschottung droht das Verküm­mern, materiell ebenso wie geistig.

Wenn die Schweiz sich vor Menschen schützt, schützt sie sich vor sich selbst – vor den Erfahrungsräumen ihrer Zukunft. Aber nur die sind offen, denn nach Gotthilfingen führt kein Weg zurück. Selbst dann nicht, wenn wir uns mitsamt unserem digitalen Hofstaat halbie­ren sollten.

Im übrigen: Wer Gotthelf liest, erfährt in allen Schattierungen der moralischen Ambivalenz, dass es kein Zuckerschlecken wäre, noch einmal zwischen Butterfass und Schweinestall zu leben.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur, greift Beiträge aus Medien kritisch auf und pflegt die Kunst des Essays. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Michel Mettler

Michel Mettler, geb. 1966, lebt als freiberuflicher Autor und Herausgeber in Klingnau. Er interessiert sich für die Geschichtlichkeit von Gegenwart und Erzählungen, die der Subtext schreibt. Zuletzt hat er als Co-Herausgeber den Band DUNKELKAMMERN veröffentlich (Suhrkamp 2020).

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