Den Fischen droht der Hühnerstall
Ein Masthuhn ist eine Effizienzmaschine. Zusammen mit Tausenden Artgenossen lebt es in grossen Ställen und soll in seinem kurzen Leben nur ein Ziel erreichen: möglichst schnell zunehmen. Dazu hat es etwa einen Monat Zeit. Herz, Kreislauf, Knochen und Gelenke halten das gerade noch aus, Bewegung stört nur. Das Produkt: ein proteinreiches Nahrungsmittel für den globalen Markt.
Während die schlimmsten Auswüchse der Pouletmast inzwischen kritisiert und teilweise eingedämmt werden, drohen Fischen dieselben Missstände. Vor allem Lachse sollen im Industriemassstab gezüchtet werden wie einst Hühner – günstig, schnell und massenhaft.
Für das Leben in engen Käfigen sind Lachse nicht geschaffen
Weltweit werden mittlerweile mehr Zuchtfische gegessen als Fische aus Wildfang. Dabei weiss man längst, was das für die Tiere bedeutet: Lachse sind Raubfische. Sie haben einen grossen Bewegungsbedarf, brauchen Verstecke und stehen teilweise in Konkurrenz zueinander. Für das Leben in engen Käfigen sind sie nicht geschaffen. Jeder vierte Junglachs überlebt die Enge nicht, die meisten Tiere sterben dabei an Krankheiten. Entkommen die Zuchtlachse, bedrohen sie die schwindenden natürlichen Bestände. Und für die Futterrationen der Käfigtiere werden anderswo die Meere leergefischt.
Vor allem die USA planen den Ausbau der Aquakultur im grossen Stil. Die Trump-Regierung hat im April das erste nationale Büro für Fische und Meeresfrüchte (Office of Seafood) ins Leben gerufen. Ihr Ziel: die US-amerikanische Aquakultur massiv auszubauen und Regulierungen abzubauen. Bisher werden 80 Prozent der in den USA konsumierten Meeresfrüchte importiert. Das soll sich ändern – nach dem Motto «Feed America First». Als Standorte für neue Zuchtanlagen sind die Küstengewässer vor Alaska, Kalifornien und im Golf von Mexiko vorgesehen.
Den Lachsen droht dabei dasselbe wie einst den Hühnern. «Der Supersize-Effekt. Wie beim Hühnerboom in den 1950er-Jahren», sagt Ben Williamson von der Tierschutzorganisation Animal Outlook gegenüber dem «Guardian». Die Zeitung beschreibt die drohende «Chickenifizierung» der Fischzucht am Beispiel einer Lachsfarm im US-Bundesstaat Maine.
Auslöser ist ein Undercover-Video, das eine verdeckt dort arbeitende Aktivistin von Animal Outlook auf einer Fischfarm in Maine gedreht hat. Mitarbeitende schlagen darin Fische mit Metallstangen, treten nach den Tieren und werfen sie herum. In einer Sequenz wird ein lebender Fisch aufgeschnitten. Dazu kommen Berichte über Rattenbefall im Fischfutter und die Tötung von mehreren Zehntausend Fischen, weil zu viele gezüchtet wurden.
Das Video ist bereits die zweite verdeckte Dokumentation der Anlage von Cooke Aquaculture. 2019 zeigte ein ähnliches Video deformierte Lachse, die in Behältern erstickten. «Wir haben [2019] sicher viele Dinge getan, die wir nicht hätten tun sollen», kommentiert ein Mitarbeiter der Fischfarm die Tierquälerei im aktuellen Video.
Trotz Missständen zertifiziert
Der Lachs aus der Anlage des kanadischen Konzerns ist sogar zertifiziert und wird unter der Marke «True North» verkauft. Die Organisation Best Aquaculture Practices, die das Zertifikat vergibt, hat laut dem «Guardian» eine Untersuchung angekündigt. Der Betreiber äusserte sich nicht zu den Vorwürfen.
Animal Outlook sieht in der Art und Weise, wie die Fische behandelt werden, ein systemisches Problem. Dazu kommen andere, bereits bekannte: Wasserverschmutzung durch Medikamente, Futterreste und Chemikalien; ökologische Schäden; Krankheiten, die von den Zuchtfischen in Netzgehegen auf ihre wilden Artgenossen übergehen können; die genetische Auslöschung wilder Arten durch entkommene Fische; Antibiotikaresistenzen.
Viele Tierwohl-, Umwelt- und Konsumentenorganisationen lehnen die Lachszucht in der derzeitigen Form inzwischen ab. Dabei wurde sie einst als Mittel gegen Überfischung angesehen. In Ländern, die grosse Zuchtanlagen planen, wie Island, wächst der Widerstand.
Zumindest in Sachen Tierleid scheint sich etwas zu tun: Wissenschaft und Rechtsprechung haben in den vergangenen Jahren mehr und mehr anerkannt, dass Fische leidensfähige Tiere sind. Fische ohne Betäubung zu erschlagen oder zum Ersticken abzulegen ist schlicht grausam. Das wird nicht mehr bestritten. Einige Fachleute wie Ben Williamson sind grundsätzlich der Meinung, dass sich Lachse für ein Leben in Gefangenschaft nicht eignen und ihre Zucht deshalb grundsätzlich grausam ist.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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