Kommentar

Mein atomarer Briefbeschwerer

Heribert Prantl © Sven Simon

Heribert Prantl /  Vor 40 Jahren kam es im oberpfälzischen Wackersdorf zur «Pfingstschlacht». Jetzt steht dort eine Gewerbegebiet.

Der Bauzaun war fünf Kilometer lang, er war vier Meter hoch und aus dicken Stahlstäben; er sicherte das Baugelände der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) Wackersdorf in der Oberpfalz. Dieses Baugelände war 120 Hektar gross, so gross also wie 170 Fußballfelder.

Die WAA Wackersdorf war das gigantische atomare Vorzeigeprojekt der CSU, Symbol für die Atompolitik der Staatsregierung unter Ministerpräsident Franz Josef Strauss. Sie gilt bis heute als eines der umstrittensten Bauwerke in der Geschichte der Bundesrepublik. Vier Jahre nach Baubeginn, nach anhaltendem Widerstand aus der Bevölkerung, wurde der Bau der WAA eingestellt.

Nun gilt es, daran zu erinnern – denn die drei Tage vor 40 Jahren sind als «Pfingstschlacht» von Wackersdorf in die Zeitgeschichte eingegangen. Es waren dunkle Tage, und zugleich ein Höhepunkt von Zivilcourage und zivilem Widerstand in der Bundesrepublik.

Es waren Tage wie im Bürgerkrieg: Zum ersten Mal in der bundesdeutschen Geschichte wurde CS-Reizgas gegen Demonstranten, es waren Zehntausende, eingesetzt. Das Gas wurde versprüht von Wasserwerfern, insgesamt 40 waren im Einsatz, es wurde auch in Kartuschen abgeworfen aus den tieffliegenden Hubschraubern des Bundesgrenzschutzes.  

Es gab mehrere Hundert Verletzte, darunter Kinder und alte Menschen. Es gab Dutzende Polizeibeamte, die nach der Pfingstschlacht ihren Dienst quittierten, weil sie solche Schlachten nicht mehr schlagen wollten. Und: Nach der Pfingstschlacht solidarisierten sich auch friedliche einheimische Protestierer mit den Krawallos und den Chaoten, die aus der ganzen Republik angereist waren und durch ihre Gewalttätigkeiten die exzessive staatliche Gegengewalt provozierten.

Die Pfingstschlacht von Wackersdorf ist und bleibt ein Lehrstück für ein sicherheitspolitisches und politisches Versagen; ein Exempel dafür, wie eine Gewaltspirale funktioniert. «Eskalation» nennt man das dann im einschlägigen Vokabular.

Die Oberpfalz galt damals als ein zutiefst konservativer Landstrich. Die Arbeitslosigkeit war hoch, die Strauss-Regierung lockte mit 3600 Arbeitsplätzen, die mit der WAA entstehen sollten. Und Strauss versprach der Betreiberfirma eine «rasche und ungestörte Realisierung des Projekts».

Aber es kam anders. Es passierten Dinge, mit denen die Regierenden nicht gerechnet hatten. Die Oberpfalz erwachte, sie protestierte, sie demonstrierte, sie leistete Widerstand. Nach der Einstellung des Atomprojekts entstand auf dem ehemaligen WAA-Baugelände ein ganz und gar atomfreies Gewerbegebiet, der «Innovationspark Wackersdorf; dort gibt es heute mehr Arbeitsplätze, als es mit der WAA gegeben hätte …

An all das erinnert mich ein kleines Denkmal auf meinem Schreibtisch; es ist ein Stück aus dem Bauzaun in Wackersdorf, von der ehemaligen WAA-Betreiberfirma auf einen Sockel montiert – als Briefbeschwerer.

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Der atomare Briefbeschwerer.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Dieser Kommentar des Kolumnisten und Autors Heribert Prantl erschien zuerst als «Prantls Blick» in der Süddeutschen Zeitung.
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