Kommentar

Internationale Medienschaffende müssen nach Gaza, aber …

Pascal Studer ©

Pascal Studer /  Seit mehr als 930 Tagen sind internationale Medienleute ausgesperrt, aber die palästinensischen berichten – jeden Tag.

Red. Pascal Studer hat mehrere Jahre für die Redaktionen der Zuger Zeitung, Luzerner Zeitung, fürs Schweizer Radio und Fernsehen SRF und freischaffend gearbeitet. Jetzt schreibt er an der Universität Basel eine Doktorarbeit über die Erinnerungskultur palästinensischer Journalistinnen und Journalisten.

Es steht schlecht um die globale Medienfreiheit. Reporter ohne Grenzen – die internationale NGO steht für eine Welt ein, in der alle Menschen vollen Zugang zu Informationen haben – hat vergangene Woche die alljährliche Rangliste der Pressefreiheit auf der Welt publiziert. Einmal mehr habe sich die Situation für Journalistinnen und Journalisten verschlechtert. «Nur noch einer von 100 Menschen weltweit kann sich durch eine vielfältige, gesunde Medienlandschaft informieren», so Christian Mihr, Geschäftsführer für Politik und Strategie bei Reporter ohne Grenzen.

Einen Tag nach der Publikation dieses tiefst beunruhigenden Berichts fordern internationale Medienhäuser einmal mehr den Einlass in den Gaza-Streifen. Etwas, was ihnen die israelische Regierung seit mehr als 930 Tagen verwehrt. Und wogegen journalistische Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen beim israelischen Supreme Court längstens Klage erhoben haben. Doch das Gericht drückt sich, der Entscheidungsprozess zieht sich seit Dezember 2023 hin.

Westliche Hybris

«BBC», «Le Monde» und «The New York Times», «The Guardian», «El País» und «Frankfurter Allgemeine Zeitung»: Auf dem Appell sind sie versammelt, die internationalen Schwergewichte des Journalismus. Schulter an Schulter stehen sie ein für die Medienfreiheit, die mit jedem Jahr mehr unter Beschuss gerät, die so eng korreliert mit der Tatsache, dass inzwischen mehr Menschen in Autokratien als in Demokratien leben. Solidarität in Zeiten der Krise, die «Crème de la Crème» der Zunft als Speerspitze für den Kampf der Medienfreiheit. So weit, so gut?

Nicht ganz. Denn der Schein trügt. Natürlich ist der Tenor des Appells richtig, natürlich müssen so viele Reporterinnen und Reportern wie möglich in den Gaza-Streifen gehen können – und zwar ohne die Begleitung der israelischen Armee. Es ist auch richtig, dass der Appell die Arbeit der palästinensischen Kolleginnen und Kollegen hervorhebt. «Wie alle Palästinenser im Gaza-Streifen haben sie unter extrem schwierigen Bedingungen gelebt und gearbeitet – sie waren mit Hunger, Vertreibung, dem Verlust von Angehörigen sowie anhaltenden Einschränkungen und tödlichen Angriffen konfrontiert. Sie sollten diese Last nicht allein tragen müssen, und sie sollten geschützt werden», heisst es.

Und doch: Kein Wort davon, dass die israelische Armee gezielt Journalistinnen und Journalisten im Gaza-Streifen angreift. Kein Wort darüber, dass gemäss neusten Zählungen seit dem 7. Oktober 2023 bereits über 290 palästinensische Journalistinnen und Journalisten von israelischem Feuer getötet wurden. Kein Wort darüber, dass der Krieg in Gaza, den führende Expertinnen und Völkerrechtsprofessoren als Genozid bezeichnen, längst der tödlichste Konflikt für Journalistinnen und Journalisten der Menschheitsgeschichte geworden ist.

Vor allem aber schaffen es die solidarischen Zeilen nicht, über die eigene Hybris hinwegzutäuschen. Denn was genau erwarten die Journalistinnen und Journalisten in Gaza zu sehen?

Fremde Federn

Gehen wir vom folgenden Szenario aus: In einem überraschenden Entscheid öffnet der israelische Supreme Court die Grenzen in den Gaza-Streifen. Die israelische Regierung, die Armee, die Opposition, die Gesellschaft: Es gibt Widerspruch, doch der Entscheid wird letztlich respektiert. Bereits am gleichen Tag sind internationale Journalistinnen und Journalisten vor Ort.

Was werden sie dort tun? Sollten sie Arabisch sprechen, werden sie mit der palästinensischen Zivilbevölkerung sprechen. Ihre Erfahrungen aufschreiben, ihre Leidensgeschichten, ihre Verluste, auch Zeugnisse ihrer Widerstandskraft. Manchmal werden die Gespräche übersetzt, wahrscheinlich von Palästinenserinnen und Palästinensern, die weitaus besser Englisch sprechen als die meisten Journalisten Arabisch. Die Medienschaffende werden Zerstörung sehen und sie mit ihren Kameras einfangen, auf einen Server abspeichern und durch ihre Publikationen der ganzen Welt zugänglich machen. Sie werden erfahren, was es heisst, für etwas keine Worte zu finden.

Kurz: Die internationalen Reporter würden genau das tun, was ihre palästinensischen Kolleginnen bereits getan haben. Wofür sie in so vielen Fällen mit ihrem Leben bezahlt haben. Wieder. Und wieder. Und wieder.

Womit wir bei der Krux dieser Geschichte angelangt sind: Wir verleihen «westlichen» Journalistinnen und Journalisten – die unterzeichnenden Personen arbeiten alle in westeuropäischen, nordamerikanischen oder australischen Medienhäusern – mehr Glaubwürdigkeit als ihren palästinensischen Kolleginnen und Kollegen. Wir diffamieren Journalisten aus Gaza und porträtieren gleichzeitig israelische Armeevertreter. Was sagt dieser Diskurs über uns aus?

«Lasst uns nach Gaza», heisst der Titel des Appells der Journalistinnen und Journalisten. Doch die Überschrift sollte heissen: «Glaubt unseren Kolleginnen und Kollegen in Gaza». Die Menschen in den hiesigen Medienhäusern, den Regierungen und Parlamentsgebäuden, auf den Strassen und an Küchentischen wissen genug darüber, was in Gaza passiert ist, was noch immer geschieht. Sie wissen es vor allem wegen den palästinensischen Journalistinnen und Journalisten, die vom ersten Tag der israelischen Invasion darüber berichtet haben.


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