Depositphotos_599049600_L

Gelöst als Flüssigkeit im Labor - so kennen die meisten Formaldehyd. Als Gas in der Umgebungsluft kann es aber grossen Schaden anrichten. © Depositphotos

USA: Lobbyeinfluss bei Lockerung der Formaldehyd-Grenzwerte

Daniela Gschweng /  Dokumente zeigen, dass massgebliche Studien von einem einzigen Forscher stammen – und von der Industrie finanziert wurden.

Formaldehyd ist ein krebserregender Stoff, der in jeder Konzentration gesundheitsschädlich ist. Dieser Meinung war bis vor Kurzem auch die US-Regierung. Doch Ende 2025 schwächte die US-Umweltbehörde EPA diese Risikoeinschätzung überraschend ab.

Interne Dokumente zeigen, dass die EPA unter Donald Trump die Regeln für das krebserregende Formaldehyd gezielt abgeschwächt hat – und sich dabei auf industrienahe Forschung stützte. Darunter sind Studien, welche die Behörde zuvor selbst als veraltet oder unzuverlässig eingestuft hatte.

Dreimal so hoch wie in der Schweiz

Als krebserregend soll Formaldehyd in der Luft nur noch ab einem Schwellenwert von 0,3 ppm (parts per million) gelten – dreimal so viel, wie das Bundesamt für Gesundheit hierzulande noch als unbedenklich empfiehlt.

Die Neueinschätzung der EPA stellt eine Aufweichung der US-Regeln dar, auf die die herstellende Industrie jahrelang hingearbeitet hatte. Darüber berichtete der «Guardian» unter Bezug auf interne Dokumente, deren Herausgabe die Non-Profit-Organisation Environmental Defense Fund (EDF) mit Hilfe von Öffentlichkeitsgesetzen erzwungen hatte. Die weltweit aktive Organisation mit Sitz in New York setzt sich seit den 1960er-Jahren für Umweltanliegen ein. Sie beschäftigt mehrere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.

Halskratzen mit Krebsrisiko gleichgesetzt

Ab etwa 0,3 ppm macht sich Formaldehyd durch Schleimhautreizungen in Augen und Rachen bemerkbar. Die EPA setzt also bemerkbare Auswirkungen wie Halskratzen mit dem Krebsrisiko gleich. Dafür entscheidend ist aber eher die dauerhafte Belastung, nicht die Menge der Chemikalie, die man auch bemerkt. Das markiert einen grundlegenden Richtungswechsel: Während der Regierungszeit von US-Präsident Joe Biden, die im Januar 2025 endete, galt jede Menge Formaldehyd als krebserregend.

Schon methodisch liegt bei der Neubewertung einiges im Argen: Die EPA stützt sich den Unterlagen zufolge erstens grösstenteils auf wenige Studien eines einzelnen Wissenschaftlers, des Toxikologen Rory Conolly. Diese sollen belegen, dass niedrige Formaldehydkonzentrationen sicher sind. Zweitens zieht sie begrenzte Daten anderer Forschender heran sowie Studien, welche die EPA zuvor als veraltet oder unzuverlässig eingestuft hatte.

Die Behörde habe sich hauptsächlich auf Conollys Arbeit verlassen, bestätigte die Chemikerin Maria Doa, die nach 30 Jahren im Dienst der EPA vor fünf Jahren zum Environmental Defense Fund wechselte. Sowohl interne EPA-Fachstellen als auch unabhängige Gremien wie die National Academy of Science, Engineering and Medicine (Nasem) hatten früher bestätigt, dass es keinen sicheren Grenzwert für Formaldehyd gebe.

«Cherry-Picking» und fehlende wissenschaftliche Unabhängigkeit

Kritiker werfen der Umweltbehörde vor, Daten selektiv ausgewählt und gezielt einzelne Studien herausgegriffen zu haben. Breitere wissenschaftliche Erkenntnisse, die ein Krebsrisiko bereits bei niedrigeren Belastungen zeigen, habe die EPA dagegen ignoriert. Ein schwerwiegender Vorwurf, über den «Infosperber» im Januar berichtete.

Ob Conolly objektiv und unabhängig geurteilt hat, ist zudem fraglich. Seine Studien umfassen einen Zeitraum von etwa 20 Jahren. Mindestens die frühen Arbeiten wurden laut dem «Guardian» vom Branchenverband Chemical Industry Institute of Technology finanziert, eine Studie von 2023 bezahlte der American Chemistry Council.

Conolly selbst sieht darin kein Problem: «Auf die Qualität der Wissenschaft kommt es an», sagte er gegenüber dem «Guardian». Seine Arbeiten haben es bis ins deutsche Umweltbundesamt geschafft, wo eine seiner Studien als Quelle für eine Einschätzung des Asthmarisikos durch Formaldehyd diente.

Lobbytreffen und problematische Personalien

Die Unterlagen zeigen zudem ein ungewöhnliches dreitägiges Treffen zwischen der EPA und Branchenverbänden sowie führenden Formaldehydherstellern und -anwendern, das 2023 stattfand. Conolly nahm als Referent daran teil. Es bestehe ein breiter wissenschaftlicher Konsens, dass die US-Bewertung von Formaldehyd Mängel aufweise, argumentierte der American Chemistry Council bei diesem Treffen. Maria Doa stellte bei 11 der 15 zitierten Wissenschaftler:innen «erhebliche Interessenkonflikte» fest.

Kritik entzündet sich auch an Personalentscheidungen innerhalb der EPA. Mit dem Amtsantritt Donald Trumps wurden zahlreiche Stellen neu besetzt. Das ist bei einem Regierungswechsel zwar nicht ungewöhnlich – über die Risikobewertung von Formaldehyd entschieden jedoch ausgerechnet zwei Personen, die kurz zuvor noch für die chemische Industrie gearbeitet hatten.

Formaldehyd ist einer der am weitesten verbreiteten Luftschadstoffe. Neben roten Augen, Halskratzen und Kopfschmerzen kann das wasserlösliche Gas langfristig Krebs verursachen. Dass Formaldehyd in zahlreichen Produkten wie Sperrholz, Desinfektionsmitteln oder Klebstoffen enthalten ist, ändert daran nichts. In der EU und der Schweiz wurden die Grenzwerte für Produkte und Raumluft in den vergangenen Jahren deshalb stetig verschärft. Die nächste Änderung steht im August an und betrifft vor allem Holzwerkstoffe.

Bei der Änderung sei es vor allem um Geld gegangen, sagte Doa gegenüber dem «Guardian». Die EPA stellt die Lockerung dagegen als Korrektur früherer Fehler der Biden-Regierung dar. Konkrete Folgen dürfte der neue Grenzwert für Vorschriften zum Schutz von Angestellten und Arbeiter:innen haben. Bei der Herstellung von Klebern und Holzprodukten könnten Sicherheitsvorschriften deutlich gelockert oder ganz aufgehoben werden.

Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen befürchten, dass Formaldehyd nur die erste Chemikalie ist, die in den USA unterhalb eines Schwellenwerts als sicher eingestuft wird.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
➔ Solche Artikel sind nur dank Ihren SPENDEN möglich. Spenden an unsere Stiftung können Sie bei den Steuern abziehen.

Mit Twint oder Bank-App auch gleich hier:



_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Gift_Symbol

Gifte und Schadstoffe in der Umwelt

Sie machen wenig Schlagzeilen, weil keine «akute» Gefahr droht. Doch die schleichende Belastung rächt sich.

Lobbyist_Hand

Macht und Einfluss von Lobbys

Für Anliegen zu lobbyieren ist legitim. Doch allzu mächtige Lobbys korrumpieren Politik und Gesellschaft.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

Direkt mit Twint oder Bank-App



Spenden

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...