Felsendom hinter Gitter und Stacheldraht

Der Felsendom in Jerusalem, gesehen durch Gitter und Stacheldraht, ein Ort von Bedeutung, abgeschirmt durch Barrieren, die nicht nur aus Metall bestehen. © Pascal Studer

«Wir wären keine Freunde geworden»

Pascal Studer /  Auf dem Asphalt eines Fussballplatzes in Amman begann eine Freundschaft. Dann nahm ihr der Krieg die Sprache.

Red. Pascal Studer hat mehrere Jahre für die Redaktionen der Zuger Zeitung, Luzerner Zeitung, der Jordan Times und fürs Schweizer Fernsehen SRF gearbeitet. Jetzt schreibt er an der Universität Basel eine Doktorarbeit über die Erinnerungskultur palästinensischer Journalistinnen und Journalisten.

Als Mohammad wieder eine Grosschance auf dem kalten Asphalt auf einem Fussballplatz in der jordanischen Hauptstadt Amman liegen gelassen hat, grinsten wir uns wie kleine Kinder an. Menschen leben, um sich zu verbinden, dachten wir wohl beide. Und an jenem Abend wussten wir: Wir beide, wir werden Freunde.

Was Mohammad und mir mit Leichtigkeit gelungen war, ist ein Geschenk. Insbesondere damals, als im Gaza-Streifen wieder israelische Bomben fielen. Wenige Wochen vor dem Beginn dieser neuen Freundschaft hatte die Hamas aus dem palästinensischen Gaza-Streifen Israel angegriffen, Hunderte Menschen getötet, Geiseln genommen, Kriegsverbrechen begangen. Der volle Umfang der israelischen Reaktion würde sich erst in den kommenden Wochen und Monate offenbaren. Doch alle auf dem Fussballfeld sahen schon damals, was war: Brutalität, Völkerrechtswidrigkeit, Trauer, Hoffnungslosigkeit und Traumata. Frische Traumata und solche, die wieder aufreissen würden.

Zwischen Figo und Gaza

Mohammad nahm das Leben, wie er Fussball spielte: mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Früher als Kind wurde er in seiner Nachbarschaft Figo genannt, nach dem portugiesischen Edeltechniker und Weltfussballer des Jahres 2001. Dessen Wechsel von Barcelona zu Real Madrid hatte ihm Mohammad nie verziehen, er, der Verehrer des katalanischen Tiki-Taka. Wir sprechen darüber und es scheint wie eine Belanglosigkeit. Doch das ist es nicht. Der Fussball hat die Eigenschaft, es zu ermöglichen, sich dem Ernst des Lebens für kurze Zeit zu entziehen. Damals hiess dies: Abstand zu gewinnen von den schrecklichen Bildern aus Gaza. Denn wer über Fussball schwelgt, streitet, philosophiert, für den sind zumindest für einen kurzen Moment getötete Kinder weit weg.

Es sind Bilder, die anders wirken als hier bei uns. Man sieht sie im Augenwinkel auf flimmernden Bildschirmen, wenn man das Wechselgeld für den Falafel erhält, den man soeben bezahlt hat. Blutende Menschen, sterbende Kinder. «Tfaddal, sahten» – «hier bitteschön, geniesse es». Die Schreie aus dem Fernsehen: In der gleichen Sprache wie jene des palästinensischen Verkäufers. Ob er Familienangehörige in Gaza hat? Ich habe ihn nie gefragt.

Vor allem aber sind die Bilder spürbar. Sie übersetzen sich auf die Menschen, die ihnen ausgeliefert sind. Sie sind zusammengenäht, breiten sich aus als riesige Decke, über die Trauer und Wut der Menschen von Aqaba bis Irbid. Jordanien ist ein Land, das grösstenteils von palästinensischen Menschen mit Migrationsgeschichte bewohnt wird. König Abdullahs Frau, Königin Rania, ist Palästinenserin.

Die Strassen füllen sich mit Menschen, sie wollen gehört werden. Doch ihre Stimmen verändern wenig. Beim Königshaus, das die Beziehungen mit Israel bis zum heutigen Tag weiterführt, sich darauf beschränkt, seinen Aussenminister zwar deutliche, aber letztlich wirkungslose Worte sprechen zu lassen. Auch das ist eine Geschichte, die erzählt werden muss: die ambivalente Haltung der arabischen Länder gegenüber dem palästinensischen Volk, von den geheimen Verhandlungen Jordaniens mit Israel während der Vertreibung der Palästinenserinnen und Palästinenser 1948, dem jordanisch-palästinensischen Bürgerkrieg 1970, der gespaltenen Rolle Ägyptens bis hin zu den Diskriminierungen palästinensischer Menschen im Libanon, die bis heute anhalten.

Die Stimmen, schreiend aus dem Fernsehen, wütend von den Strassen, verhallen auch in Regierungen, Parlamenten und Medienhäusern im Westen. Wie schwer kann es sein, sich in die Lebensrealitäten der Menschen in Gaza hineinzuversetzen? Welche mentale Akrobatik ist nötig, um den Kontext des 7. Oktobers 2023 auszublenden? Eine Zäsur bedeutet nicht eine neue Zeitrechnung. Der Konflikt begann nicht mit dem tödlichen Angriff der Hamas. Kontext herstellen, ohne zu relativieren: Ist es nicht das, was Journalismus ausmacht?

«Wie geht es dir?»

Mohammad ist mit dem Ringen der Narrative vertraut. Er ist klug, belesen, hat Überzeugungen. Sich selbst bezeichnet er als Kommunist. Das war nicht immer eine einfache politische Haltung in einem Land, in dem der eigene König in den USA sozialisiert wurde und zum Zeitpunkt seines Amtsantritts besser Englisch als Arabisch sprach. Vor der Krönung Abdullahs zeigte sich der historische Einfluss der Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges, als McCarthys «Rote Angst» auch das Wüstenkönigreich umklammerte. Mohammad kennt die Geschichten der Verfolgung der Kommunistischen Partei in seinem Land. Doch ebenso kennt er seinen moralischen Kompass, den er bewahren will in einer Gesellschaft, welche marginalisierte Gruppen unterdrückt. Wenn Menschen jedweder politischen Couleur etwa Frauenrechte als zweitrangig betrachten, sagt er: «Wie kannst du diese Meinung haben?», sein Kopf leicht schüttelnd, die Stirn gerunzelt. «Der Machismo im Land», sagt er später zu mir, mit eindeutigem Tonfall, sein Unverständnis wahrnehmbar.

Mohammad holt mich oft mit seinem Lieferwagen ab und fährt mich zum Fussballplatz. Es scheppert und rumpelt. Auch an jenem Abend, mehrere Monate nach dem Beginn der israelischen Invasion in den Gaza-Streifen, als Mohammads Cousin am Steuer sitzt. Ich sehe ihn an diesem Abend zum ersten Mal. Wie so oft wird über Politik gesprochen. Und Politik bedeutet hier: Palästina, Israel, Joe Biden, Bibi Netanjahu, und manchmal auch der Holocaust.

«Du widerst mich an», sagt Mohammad. Nicht kleinlaut, nicht murmelnd, sondern so klar, dass ich es trotz dröhnenden Motors auch auf dem Rücksitz vernehme. Eben sagte Mohammads Cousin, er sei der Meinung, dass die Shoah erfunden sei. Millionen Ermordungen, mit einem Satz für einen kurzen Moment in diesem dunklen Fahrzeug aus der Geschichte getilgt, vergessen gemacht.

Monate später werde ich beobachten, wie die Israelis die Bilder aus Gaza als «Pallywood» bezeichnen. Verhungernde Kinder, getötete Menschen, die Schreie und Wehklagen: alles angeblich erfunden, auch wenn Menschenrechtsorganisationen, UNO-Vertreterinnen und führende Forscher zu dem Thema längst von Genozid sprechen.

Die Kälte der israelischen Kriegsrhetorik steht im Widerspruch mit der Wärme der Menschen, die ich in Jordanien oft erfahre. Beispielsweise im Januar 2024, als eine Grippewelle das halbe Land im Griff hatte. Auch mich, der meinte, sich an harte Winter gewohnt zu sein, dabei aber die schlecht isolierten jordanischen Häuser erst kennenlernen würde. Mein Handy surrt, Mohammad fragt: «Wie geht es dir? Was brauchst du?»

«Heb Sorg»

Nicht nur die Grippewelle geht im Januar 2024 herum in Jordanien. Sondern auch das Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofs: «Nach Auffassung des Gerichts sind die Tatsachen und Umstände (…) ausreichend, um festzustellen, dass zumindest einige der von Südafrika geltend gemachten Rechte, für die es Schutz beantragt, plausibel sind.» Das Oberste Gericht der Vereinten Nationen verleiht der Klage Südafrikas Legitimität, kommt zum Schluss, dass Israels Krieg ein Völkermord sein könnte. Ein endgültiges Urteil steht noch aus. Doch die Menschen vor Ort nehmen den Gerichtsspruch bereits vorweg: Die sozialen Medien, die Streetart in Amman, die das Stadtbild prägt, die Gespräche in Cafés: «Genozid».

Auch Mohammad tat dies. Felsenfest war seine Überzeugung: Israel begehe einen Genozid am palästinensischen Volk. Damals argumentierte ich dagegen, juristisch, klausuliert, vielleicht herzlos, wohl überheblich. Ich rezitierte den Fall Kroatien vs. Serbien, sagte, der Genozid müsse die «einzige mögliche Schlussfolgerung» auf einen entsprechenden Sachverhalt sein. Oder: Im Zweifel für den Angeklagten.

Noch. Denn schon damals, in diesem verrauchten Café in diesem Künstlerviertel von Amman, hatten diese Zweifel eigentlich schon massgeblich an Gewicht verloren. Mit jeder genozidalen Äusserung der israelischen Regierung, jeder völkerrechtswidrigen Attacke auf die palästinensische Zivilbevölkerung, jedem gestoppten, mit Essen beladenen Hilfskonvoi für eine hungernde Bevölkerung. Die Intention, eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise auszulöschen – der sogenannte «dolus specialis» –, das hatte ich damals in meinem Völkerrechtsstudium gelernt. Ist das, was die israelische Armee der palästinensischen Zivilbevölkerung antut, nicht genau das?

Mohammad und ich wurden uns damals nicht einig. Heute wäre es anders. Doch nicht das war das Ende unserer Freundschaft. Auch nach diesem Gespräch verbrachten wir wunderbare Stunden in Cafés und in Lieferwagen, erlebten verpasste Chancen auf dem Fussballfeld. Wir planten um 3 Uhr nachts, zusammen ein Drehbuch zu schreiben, fern von Politik und Krieg. Mohammad gab mir das Gefühl, ein Zuhause gefunden zu haben. Am Vorabend des ersten iranischen Angriffs auf Israel im April 2024 flog ich zurück in die Schweiz. Als wir uns zum Abschied lange umarmten, wussten wir noch nicht, dass mein Flug einer der letzten sein sollte, bevor der jordanische Luftraum gesperrt wurde. «Dir balak habibi, bhabak kteer» – «Heb Sorg, mein Lieber. Ich liebe dich sehr».

street Art Amman_Kriegsopfer und Mädchen
Streetart in Amman auf der Terrasse des Darat Community Cafés: Ein palästinensisches Kind mit Laterne, darüber Tauben und Olivenzweige. Das Werk ersetzte ein früheres Motiv eines Olivenbaums – ein Hinweis darauf, wie sich das kulturelle Gedächtnis der Stadt unter dem Eindruck des Gaza-Kriegs verändert. In Jordanien entstehen solche Arbeiten nicht im luftleeren Raum, sondern im Rahmen dessen, was politisch geduldet wird.

Die Eisendrehtür

Menschen leben, um sich zu verbinden. Doch Kriege, so mussten Mohammad und ich lernen, entzweien. Die Tragik liegt in seiner Belesenheit. Er, für den die Religion Opium für das Volk ist, kennt den biblischen Traum der messianischen israelischen Regierung, der Evangelikalen aus den USA. Eine Karte biblischen Wahns, auf der sich Israel ausstreckt vom östlichen Ägypten bis in den Irak, von Syrien bis Saudi-Arabien. Mit Sicherheit kennt er auch die Rede von Bezalel Smotrich, dem extremistischen israelischen Finanzminister und Beauftragten für den illegalen Siedlungsbau im Westjordanland, die Jordanien als Teil Israels deklarierte. Smotrich, für den das Aushungern von zwei Millionen Palästinenserinnen und Palästinensern moralisch zu rechtfertigen ist.

Die Siedlungen sehe ich zum ersten Mal im November 2024. Ich reise mit einer palästinensischen Studentin vom illegal besetzten Ostjerusalem nach Ramallah. Die Mauern sind so hoch, dass wir aus dem doppelstöckigen Bus manchmal den Himmel nicht sehen. Wir passieren gemeinsam den Qalandia-Checkpoint. Sie muss sich gegen die schwere Eisendrehtüre stemmen, damit sie sich bewegt. Ich habe wenige Dinge gesehen, die so steril und gleichzeitig so traurig sind wie dieses monströse Konstrukt aus Betonmauern, Metall und surrenden Kameras.

Wir werden durchgeschleust, ich sehe Stacheldraht und den wunderschönen Sonnenuntergang, doch keine israelischen Soldaten, ohnehin fast keine Menschen. Es scheint gewollt, jeglichen menschlichen Kontakt zu vermeiden. Es ist so offensichtlich: Der Besatzer weicht dem Blick seiner Unterdrückten aus, seinen Stimmen, seinen Gefühlen. So funktioniert Entmenschlichung. So wird der Mensch zur Nummer, zum entbehrlichen Objekt der Vertreibung. Wenn der Besatzer die Augen jener nicht sieht, die er entrechtet.

«Ich möchte nicht Tee trinken mit diesen Leuten»

Mohammad werde ich nie davon erzählen. Die Decke zusammengenähter Bilder breite sich auch über uns aus und lässt unsere gemeinsame Leichtigkeit verstummen. «Wo bist du? Wann treffen wir uns?» Ich warte vergebens, dass mein Telefon vibriert. Keine Antwort, auch nach meiner Rückkehr aus Palästina nach Jordanien. Bis einige Tage vor meiner erneuten Abreise aus Amman. Mohammad fährt mit seinem Lieferwagen vor. Wir trinken Tee, am selben Ort, wo wir schon so viele Stunden zusammen verbracht hatten. Ich frage ihn, ob wir uns zu einigen Expats aus Deutschland setzen wollen, die ich soeben kennengelernt hatte. Mohammad zögert. Ich erkenne, wie er sich verändert hat, seine Leichtigkeit aus seinem Gesicht verschwunden ist. Er fragt, ob wir uns allein unterhalten können.

«Ich möchte nicht Tee trinken mit diesen Leuten», sagt er. Ich frage ihn, wieso. Ist er traurig? Ist er wütend? Ist er müde? «Was machen sie hier? Sie sollen in Berlin sein, bei ihrer Regierung protestieren, bis diese keine Waffen mehr nach Israel sendet.» Staatsräson, Recht auf Selbstverteidigung, Präventivschlag: Solche Worte machen Mohammad Angst. Sie signalisieren ihm, dass auf der Welt keine Regeln mehr gelten. Dass Israel nicht in Gaza aufhört, sondern weitermacht, Schritt für Schritt, Entmenschlichung für Entmenschlichung, Drohnenangriff für Drohnenangriff.

Mohammad sagt, er verabscheue nun Europäer. Das Ringen mit seinem Gewissen ist so offensichtlich wie damals der Moment, in dem wir Freunde wurden. Er sagt, er wolle nicht so fühlen, wisse, dass dieser Gedanke falsch sei. Dass Staatsangehörige nicht verantwortlich gemacht werden könnten für das Handeln ihrer Regierung. Es ist das menschliche Herz im Konflikt mit sich selbst. Langsam begreife ich, was Mohammad mir mitteilen möchte. «Mohammad, wenn wir uns heute kennengelernt hätten, wären wir Freunde geworden?», frage ich. Er schaut auf, zögert, dann sagt er: «Nein. Wir wären keine Freunde geworden.»

«Libanon braucht Blut»

Am 28. Februar 2026 haben Israel und die USA den Iran angegriffen. Einen Monat zuvor war ich in Beirut, habe die Zerstörung gesehen, welche die israelischen Raketen eineinhalb Jahre zuvor verursacht hatten.

Während eine laute israelische Drohne weit über Beirut fliegt, frage ich mich, ob dies wirklich so ein chirurgisch präziser Schlag gewesen ist auf irgendeinen Hizbullah-Kämpfer, wie es die israelische Kriegsrhetorik immer wieder in unsere Ohren trommelt.

Nun sind wieder Menschen auf der Flucht, suchen Schlafplätze aufgrund eines Krieges, den sie nicht gewollt haben. Hundertausende Menschen fliehen vom südlichen Teil des Landes in den Norden, von den südlichen Stadtteilen Beiruts in den Norden der Stadt. Im Gegensatz zum erkalteten Chat mit Mohammad laufen andere Gruppen auf meinem Telefon heiss. Es surrt und surrt: Libanon braucht Blut, wer spendet? Wer meldet sich freiwillig, um für Vertriebene zu kochen? «Wer hilft, Menschen in den nördlichen Teilen Beiruts Obdach zu geben? Dem Zustrom aus dem Süden des Landes aufzufangen, dort, wo Israel schon vor diesem neuen Krieg andauernd den sogenannten Waffenstillstand gebrochen hat?

«Es ist ein Alptraum», schreibt mir eine Freundin, die in jenen Vororten lebt, die von der israelischen Armee bombardiert werden. Die für ein paar Stunden ihr Gehör verloren hat aufgrund des Knalls der Bombe, die den ehemaligen Hizbullah-Chef Hassan Nasrallah getötet hat. Ich denke an Mohammad, an seine Angst, dass Gaza nicht die Ausnahme, sondern die Regel wird. Und tatsächlich: Erstmals seit Jahrzehnten wirft die israelische Armee wieder Flugblätter über dem Norden Beiruts ab. Darin wird der «Erfolg in Gaza» als «durchschlagend» bezeichnet – eine Botschaft, die keinen Zweifel daran lässt, was auch hier möglich sein soll.

Das Drehbuch aus Gaza: Nun auf den Libanon gestülpt. Etwa bei der Dämonisierung der Hilfssanitäterinnen und Hilfssanitäter. «Im Rahmen ihrer terroristischen Aktivitäten setzt die Hizbullah Krankenwagen in grossem Umfang für militärische Zwecke ein», so die Nachricht der israelischen Armee, einer Kriegspartei. Ich denke an die jungen Menschen, die ich regelmässig im Norden Beiruts in ihren Notfallwesten habe ausrücken sehen. Häufig sind es Freiwillige, der Staat kann das Gesundheitssystem in Libanon nur minimal aufrechterhalten. Gehört jemand von ihnen zu den dutzenden Notfall-Mitarbeitenden, welche die israelische Armee in den vergangenen Wochen bereits getötet hat?

Weisses Herz

Weiter, immer weiter dreht sich die Gewaltspirale, und mit jeder Runde multiplizieren sich die Traumata. Im Iran, im Libanon, in Jordanien, nun auch in den Golfstaaten. Und ja: auch in Israel, wo es ebenso Menschen gibt, die sich gegen die eigene Regierung auflehnen.

Mir wurde einmal gesagt, dass es im Arabischen viermal mehr Wörter gibt als im Englischen. Tatsächlich kenne ich keine Sprache, mit der man die eigenen Gefühle so schön verbalisieren kann. «Qalb abiat», ein weisses Herz, gilt jenen Menschen, die nicht nachtragend sind, verzeihen, vergeben. Mohammad war so ein Mensch. Er hat seine Hand geboten in einer Zeit, in der das grösste Werk des Krieges darin besteht, zu trennen und über einen Friedhof zu herrschen. Eine Welt, in der wir alle im Stillen trauern, weil der Schmerz und die Hoffnungslosigkeit uns die gemeinsame Sprache nehmen.

«Qalb abiat»: Ich rede mir ein, dass Mohammad sein weisses Herz wiederfinden wird. Doch der Gedanke lässt mich nicht los, dass ich Unmögliches erwarte. Wie können die Menschen in der Region uns jemals vergeben? Wenn sich das imperialistische Gebaren unserer Regierungen so tief in alles Schöne frisst? Auch in meine Freundschaft mit Mohammad, dem tänzelnden Luis Figo, der vor einer gefühlten Ewigkeit sein Scheitern auf dem Fussballplatz mit einem unbeschwerten Lachen quittierte.



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