Locker angepriesener Unsinn über Nahrungsergänzungsmittel
Die Regale mit Nahrungsergänzungsmitteln sind inzwischen so lang wie die halbe Kühltheke. Die Anzahl der rezeptfreien Pillen, Säfte, Ölen und Pülverchen ist kaum noch überschaubar. Ein Zeichen dafür, wie beliebt die sind. Ständig scheint es neue, vielversprechende Produkte zu geben. Viele Kundinnen und Kunden informieren sich darüber im Internet – und sind damit häufig schlecht beraten.
Was dort behauptet wird, ist oft nicht überprüfbar, im schlimmsten Fall sogar gefährlich. Der Grossteil der Influencer-Werbung ist irreführend – zumindest auf Instagram. Das hat die deutsche Konsumentenorganisation Foodwatch bei einer Untersuchung im Januar dokumentiert.
Haarsträubende Behauptungen auf Instagram
Während 23 Tagen prüfte Foodwatch mehr als 4000 Stories und Posts von 193 Influencerinnen und Influencern, deren Inhalte den Stichworten «Ernährung», «fit», «nutrition», «health» und «natural» zugeordnet waren und die regelmässig Inhalte veröffentlichten. Was die rund 200 deutschsprachigen Gesundheits- und Fitness-Influencer als Werbung für Nahrungsergänzungsmittel posteten, sei teilweise haarsträubend, fasst die Organisation zusammen.
514 der Stories und Posts hatten einen Gesundheits- oder Krankheitsbezug. 101 Influencer bewarben darin 560-mal Produkte mit Gesundheitsversprechen, nach Einschätzung von Foodwach in 550 Fällen in nicht zulässiger Form. Machten die Influencer mehrere Health Claims für dasselbe Produkt, wurde der Post als unzulässig gewertet, sobald eine Aussage nicht den gesetzlichen Vorschriften entsprach. 98,2 Prozent der gemachten Gesundheitsaussagen seien damit unzulässig.
Geschäftsmodell: Nähe
Das Problematische daran: Den sympathischen, nahbaren und meist jungen Menschen in den Kurzvideos nimmt man gerne ab, dass der strahlende Teint, die durchtrainierten Muskeln und die entspannte Art von Kreatin, Kollagen oder einem anderen Produkt stammen. Sie sprechen eine Sprache, die das Publikum versteht und wirken authentisch – wie die Freundin von nebenan. Auch weil man sie fast täglich auf dem Handybildschirm sieht. Sie stellen damit eine Nähe her, die bei klassischer Werbung weniger ausgeprägt ist und weit über Produktinformation hinausgeht.
Das gehört zum Geschäftsmodell. Häufig Neuigkeiten zu posten, gehört neben Nahbarkeit, Vertrauenswürdigkeit und der freundschaftlichen Ansprache zur Strategie. Und es wirkt: Nach Daten der Verbraucherzentralen in Deutschland haben 36 Prozent der Erwachsenen, die sich auf Social Media zu Ernährungsthemen informieren, schon einmal ein Produkt gekauft, das dort beworben wurde.
Viele Gesundheitsinfluencer haben Werbepartnerschaften mit grossen Herstellern, die ihrerseits hunderte Influencer unter Vertrag haben. Besonders aktiv in der Influencer-Werbung für Gesundheitsprodukte waren laut Foodwatch im vergangenen Jahr die Unternehmen ESN (ein Zusammenschluss der Firmen Fitmart und More Nutrition) sowie die Berliner Unternehmen Sunday Natural und Big Zone.
Ganz locker – und ganz locker falsch
Die Konsumentinnen und Konsumenten wollen meist ihrer Gesundheit etwas Gutes tun. Oder mehr als das: Sie suchen Hilfe bei der Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten. An dieser Stelle wird es schwierig. Das sagt nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern auch der Gesetzgeber – in der EU wie in der Schweiz.
Behauptungen, dass Nahrungsergänzungsmittel Krebs heilen, gegen Depressionen wirken, Blutwerte beeinflussen oder – wie in einem Fall – die Corona-Impfung rückgängig machen können, sind im besten Fall wissenschaftlich nicht belegt, im schlimmsten Fall irreführend und gefährlich. Im Zweifelsfall sind die lockeren Werbevideos also ganz locker falsch.

Die europäische Health-Claims-Verordnung sowie die nationalen Gesetze in Deutschland und der Schweiz verbieten solche Aussagen. Denn sie können erheblichen Schaden anrichten: etwa wenn Nahrungsergänzungsmittel in der Schwangerschaft eingenommen werden, obwohl sie dafür nicht vorgesehen sind, wenn sie zu hoch dosiert werden oder wenn Konsumentinnen und Konsumenten eine notwendige medizinische Behandlung aufschieben, weil sie auf die Wirkung der Mittel vertrauen.

Eine ähnliche Auswertung gab es bereits im Juni 2025. Damals überprüfte Foodwatch 20 Tage lang Instagram-Accounts von Fitness- und Gesundheitsinfluencern. Viele behaupteten auch in diesem Test wissenschaftlich nicht belegbare Wirkungen von Nahrungsergänzungsmitteln, etwa bei Kollagenpräparaten. Einige versprachen sogar medizinische Effekte wie verbesserte Leberwerte – was klar verboten ist. Werbung war zudem nicht immer als solche gekennzeichnet.
Um juristischen Probleme zu umgehen, erzählen viele Influencerinnen und Influencer gerne von ihren persönlichen Erfahrungen. Wenn ein Mittel bei ihnen selbst Kopfschmerzen, Haarausfall oder Müdigkeit beseitigt hat, fällt ein solcher Erfahrungsbericht unter Umständen nicht unter die EU-Health-Claims-Verordnung, sondern zählt als persönliche Meinungsäusserung. «Eine rechtliche Grauzone», erklärt die Verbraucherzentrale Brandenburg.
Social-Media-Werbung wird kaum kontrolliert
Foodwatch ist also keineswegs die erste Organisation, der die Schieflage auffällt. Auch andere Organisationen äussern seit Jahren Bedenken. Kontrolliert wird dagegen kaum. Foodwatch fragte kürzlich 399 deutsche Lebensmittelbehörden nach Kontrollen und Beanstandungen in den vergangenen zwei Jahren. Von den 309 Ämtern, die antworteten, gaben 284 an, Social-Media-Werbung nicht ohne konkreten Anlass zu überprüfen. Die Foodwatch-Campaignerin Rebekka Siegmann spricht von «Wildwest-Atmosphäre».
Im gesamten Jahr 2025 wurden demnach nur 30 Werbeaussagen mit Gesundheitsbezug behördlich überprüft und 17 davon beanstandet. Allerdings erheben nicht alle deutschen Behörden entsprechende Daten. Für eine routinemässige Kontrolle von Social-Media-Inhalten fehle Personal, sagten einige der Befragten. Ein Landkreis erklärte, man habe keinen Zugang zu Social Media. Vorbildlich sei dagegen die Stadt Karlsruhe: Dort gibt es eine halbe Stelle für den Bereich Onlinehandel.
«Der Sheriff schaut weg», fasst Siegmann zusammen. Es könne nicht sein, dass Verbraucherinnen und Verbraucher auf Social Media systematisch mit irreführender Gesundheitswerbung getäuscht würden, während die zuständigen Stellen überlastet oder technisch abgehängt seien und Konsumentenorganisationen wie Foodwatch die Arbeit übernehmen müssten.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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