Als Bewegungsfreiheit zur Ausnahme wurde
Stefan Zweig, österreichischer Schriftsteller und Chronist des untergehenden Europas, hinterlässt uns in «Die Welt von Gestern» ein Dokument des Unvorstellbaren. Er beschreibt keine Vergangenheit, sondern eine andere Ordnung der Zivilisation: Menschen bewegen sich über Kontinente hinweg, ohne dass der Staat sie erfasst. Man reist, notiert er mit einer für uns heute geradezu verstörenden Selbstverständlichkeit, «ohne einen Pass zu besitzen oder überhaupt je gesehen zu haben» (nicht, weil es keine Pässe gab, sondern weil sie meist weder verlangt noch systematisch kontrolliert wurden). Was wir hier lesen, ist kein sentimentales Erinnern an bessere Zeiten. Es ist die Analyse einer Freiheit, deren Verlust wir nicht einmal mehr betrauern können, weil wir ihre Existenz kaum noch für möglich halten.
Was Zweig uns zeigt, ist nicht bloss eine andere Zeit, sondern ein anderes Menschsein: die Welt vor der Zäsur von 1914. Der Erste Weltkrieg – wir haben ihn als Schlachten und Schützengräben abgespeichert. Doch eines der Vermächtnisse des Krieges liegt woanders: in der Verwandlung des Menschen in Datensätze.
Die Erfindung der Lesbarkeit
Mit jedem Schuss, der an der Front fiel, wuchs im Hinterland ein Apparat heran, der Menschen sortierte, katalogisierte. Mit jedem Pass, jedem Visum, jeder Karteikarte wurde der Mensch neu erfasst und geordnet. Die beiläufigen Fragen von einst – Wer bist du? Woher kommst du? – wurden zu Kontrollpunkten eines Systems, das den Menschen entziffern wollte. Der Mensch wurde lesbar gemacht, und deshalb erst im grossen Massstab kontrollierbar. Diese neue Lesbarkeit ist ein Erbe des 20. Jahrhunderts.
Was wir heute sachlich als «Migrationsregime» bezeichnen, ist in Wahrheit ein moralischer Bruch mit der Vergangenheit. Grenzregime, Asylverfahren, Aufenthaltsstatus: All diese Begriffe verdecken eine Umkehrung. Die Ausnahme von gestern – die Kontrolle – wurde zur Regel von heute. Die Regel von gestern – die Bewegungsfreiheit – zur Ausnahme von heute. Und aus dieser Umkehrung erwuchs, fast unausweichlich, jene Politik der Angst, die heute unsere Gesellschaften prägt.
«Flüsse voller Blut»
Birmingham, 1968: Ein Mann betritt ein Podium und verändert mit wenigen Sätzen die politische Landschaft Europas. Enoch Powell, konservativ und gebildet, beschwört in seiner «Rivers of Blood»-Rede eine Apokalypse der Identität. Er malt das Bild einer Nation, die sich selbst abhanden kommt. Nicht durch Krieg oder Wirtschaftskrisen, sondern durch die blosse Anwesenheit des Anderen. Was folgt, ist politischer Selbstmord und posthume Auferstehung zugleich. Powell verliert sein Amt und gewinnt ein Erbe: Er wird zum Urvater eines Diskurses, der bis heute unsere Debatten prägt.
Doch nicht 1968 beginnt diese Entwicklung, sondern zwanzig Jahre zuvor. Am 22. Juni 1948 legt die «Empire Windrush» in Tilbury östlich von London an. An Bord: karibische Bürger des Empires, gekommen auf Einladung der Krone, um ein kriegszerstörtes Land wiederaufzubauen. In diesem Moment existieren zwei Möglichkeiten der Geschichte nebeneinander: die der imperialen Verflechtung und die der nationalen Abgrenzung. Powell entscheidet diesen Konflikt. Seine Worte werden zum Grundriss einer neuen politischen Architektur: Die Nation als bedrohter Körper, Migration als Krankheit, Politik als Immunabwehr. Was als Verlustangst beginnt, endet als System.
«Ring in der Chetti»
1970 hält ein Mann in Sempach, einer kleinen Stadt im Kanton Luzern, eine Rede. Seine Worte sind ein Echo von Birmingham, wenige Wochen nach der Niederlage seiner «Überfremdungsinitiative», die den Ausländeranteil in der Schweiz drastisch begrenzen wollte. Er spricht wie ein Sieger, obwohl er verloren hat: James Schwarzenbach, rechtsextremer Politiker und Publizist, beschwört vor der historischen Kulisse eidgenössischer Schlachten eine neue Bedrohung. Nicht mehr Habsburger Ritter, sondern fremde Arbeiter seien es nun, die den beschränkten Raum der Schweiz bedrängten. Die Worte markieren eine Zeitenwende. Der moderne Nationalstaat organisiert Zugehörigkeit neu, als etwas, das definiert, dokumentiert und kontrolliert wird, nicht mehr als Frage von Ort und Beziehung, sondern von Dokumenten. Die Schweiz wird vom Zufluchtsort zur bedrohten Festung.
«In den beschränkten Raum, den wir haben, können wir nicht unbeschränkt Ausländer hineinnehmen», sagt Schwarzenbach. Der Satz klingt sachlich, fast technokratisch. Die Alpenrepublik, einst Durchgangsland und Schmelztiegel, wird in seiner Rede zum «Ring in der Chetti», zum geschlossenen Glied einer Kette. Der Raum erscheint knapp. Die Freiheit der Bewegung, über Jahrhunderte selbstverständlich, wird zum Privileg.
Wir waren die Geflüchteten
Die Geschichte kennt eine bittere Ironie: Was wir heute als Anomalie bekämpfen, war einst unser eigenes Schicksal. Die Schweiz war jahrhundertelang eine Nation der Auswanderer. Im 19. Jahrhundert verliess jeder dritte Schweizer seine Heimat, nicht aus Abenteuerlust, sondern aus nackter Not. Wir waren die «Wirtschaftsflüchtlinge» Europas, die Fremden in fernen Ländern. Dieser Wandel ist mehr als ein historisches Kuriosum. Mit der Industrialisierung wurde aus einem Land der Auswanderer ein Land der Einwanderer, und mit dieser Transformation ging das Bewusstsein für die eigene Migrationserfahrung verloren.
Was folgte, war eine Choreographie der Heuchelei. In den Wirtschaftswunderjahren holte man Arbeitskräfte und verweigerte ihnen gleichzeitig die Zugehörigkeit. Das Saisonnierstatut – heute fast vergessen – war nichts anderes als die bürokratische Formalisierung einer fundamentalen Unmenschlichkeit: Man wollte die Arbeit, nicht den Menschen. Die Hände, nicht die Seelen. Die Produktivität, nicht die Gemeinschaft.
In dieser Logik liegt die Urszene unserer heutigen Migrationspolitik. Die Schweiz inszeniert sich als humanitärer Hafen und errichtet gleichzeitig immer höhere Mauern. Sie profitiert von globaler Mobilität, während die wählerstärkste Partei die Angst vor dem Fremden beschwört.
Kontrolle ohne Grenzen
Die Mobilität des Menschen ist so alt wie seine Geschichte. Seit Jahrtausenden wandern wir dorthin, wo das Leben besser scheint, ein Grundmuster menschlicher Existenz, so selbstverständlich wie der Wechsel der Jahreszeiten. Was sich verändert hat, ist nicht der Mensch, sondern die Architektur seiner Grenzen.
Stefan Zweigs Welt kannte den Pass als Höflichkeit, nicht als Notwendigkeit. Unsere Gegenwart hat aus dieser Höflichkeit ein System gemacht. Ein System von beispielloser Widersprüchlichkeit. Wir sind so vernetzt wie nie zuvor und so überwacht wie nie zuvor. Während Daten in Sekundenbruchteilen Kontinente überwinden und Kapital grenzenlos fliesst, werden menschliche Körper zu Objekten einer immer perfekteren Kontrolle, kategorisiert, biometrisch vermessen, abgewiesen. Die Freiheit, die wir feiern, ist zur Abstraktion geworden. Was bleibt, ist eine Welt der unsichtbaren Mauern.
Trumps Mauer ist das perfekte Symbol unserer Zeit: monumental in der Rhetorik, banal in der Wirkung und doch von erschreckender Konsequenz. Vor 120 Jahren brauchte ein Mensch keinen Pass, um eine Grenze zu überschreiten. Heute entscheidet die Herkunft darüber, ob er überhaupt reisen darf und unter welchen Bedingungen.
Bewegung auf Antrag
Was Zweig in «Die Welt von Gestern» beschreibt, ist keine romantische Verklärung. Es ist das Zeugnis einer verlorenen Selbstverständlichkeit. Einer Freiheit, die durch bewusste politische Entscheidungen abgeschafft wurde.
Im vergangenen Jahrhundert hat sich nicht nur das Grenzregime verändert, sondern die Freiheit selbst. Diese Transformation vollzog sich in historischen Augenblicken – 1914, 1933, 2001 – und veränderte unser Bild vom Menschen. Der moderne Staat hat in seiner Angst vor dem Chaos die Kontrolle zum Normalzustand erhoben. Aus dem Bürger wurde ein Datenpaket, aus dem Reisenden ein Sicherheitsrisiko, aus dem Menschen eine Kategorie. Was sich verändert hat, ist nicht die Bewegung, sondern ihre Voraussetzung: Früher musste der Staat begründen, warum er sie einschränkt. Heute muss der Mensch begründen, warum er sich bewegen darf.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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