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Die Studie von der Uni Lausanne, der ETH und der EPFL zementiert das Bild vom reichen, alten Sack. © Depositphotos

Die Rentner-Hatz geht weiter

Marco Diener /  Rentner besitzen zehn Mal so viel wie Erwerbstätige. Zu diesem Schluss kommen Wissenschaftler. Nur haben sie falsch gerechnet.

«Rentnerhaushalte sind vermögender als Haushalte im Erwerbsalter.» Das schreiben Marius Brülhart, Andreas Fuster, Isabel Z. Martinez und Falone Moseka in der Zusammenfassung der Studie «Vermögen und Erbschaften in der Schweiz des 21. Jahrhunderts». Die Wissenschaftler von der Uni Lausanne, der ETH und der EPFL wollen herausgefunden haben, dass «das Medianvermögen von Haushalten über 65 Jahren fast zehn Mal so hoch» sei «wie jenes von Haushalten unter 65 Jahren».

In der Studie liefern die Autoren konkrete Zahlen aus dem Jahr 2021 – zum Beispiel für Bern. Damals hätten Haushalte von Leuten unter 65 Jahren 27’500 Franken besessen, Haushalte von Rentnern hingegen 250’100 Franken.

Die Zahlen stammen von den Steuerverwaltungen. Und das ist ein Problem.

Das Geld aus der 3. Säule

Denn im steuerbaren Einkommen der Erwerbstätigen fehlen wesentliche Vermögensteile. So etwa das Geld, das in der 3. Säule steckt. Das waren 2024 Gelder in der Höhe von insgesamt 151 Milliarden Franken. Sie gehören den Erwerbstätigen. Aber die Erwerbstätigen müssen diese Gelder nicht versteuern. Daher tauchen sie in keiner Steuerstatistik und auch nicht in der Studie auf.

Wenn es dann aber auf die Pensionierung zugeht, müssen die Leute ihre Guthaben aus der 3. Säule beziehen – und versteuern. Daher kommen die Gelder in der Steuerstatistik plötzlich zum Vorschein. Und auf einmal steigt das Vermögen bei der Pensionierung – zumindest auf dem Papier – massiv an. Bei einem Paar, in dem beide stets das Maximum für Unselbständige einbezahlt haben, macht das um die 500’000 Franken aus.

Das erklärt einen Teil der Vermögensunterschiede zwischen Erwerbstätigen und Rentnern.

Das Geld aus der 2. Säule

Nicht viel anders ist es beim Pensionskassenvermögen. Immer mehr Pensionierte beziehen das Kapital aus der 2. Säule nicht mehr als Rente, sondern als Kapital. Das zeigen die Zahlen des Bundesamts für Statistik. Demnach bezogen 45 Prozent derjenigen, die 2024 pensioniert wurden, das gesamte Kapital. Weitere 19 Prozent liessen sich einen Teil ihres Pensionskassen-Guthabens als Kapital auszahlen. Insgesamt sind das also 64 Prozent.

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Nach Angaben des Bundesamts für Statistik bezogen die frisch Pensionierten im Jahr 2024 insgesamt 17,1 Milliarden Franken. Das Amt schreibt: «Dies entspricht durchschnittlich 280’210 Franken pro Person.» Auch das sind Gelder, die den Erwerbstätigen zwar gehören, aber erst bei einem Kapitalbezug in den Steuerstatistiken auftauchen.

Das erklärt ebenfalls einen Teil der Vermögensunterschiede zwischen Erwerbstätigen und Rentnern.

Kurz zusammengefasst lässt sich sagen: Wegen der Kapitalbezüge aus der 3. und allenfalls auch aus der 2. Säule wächst bei den meisten Leuten in der Phase zwischen 60 und 65 Jahren das Vermögen stark an. Aber eben nicht das reale Vermögen, sondern bloss das steuerbare Vermögen.

Schlimmer als ein Vergleich von Äpfeln und Birnen

Marius Brülhart, Mitautor der Studie und Professor an der Uni Lausanne, muss auf Anfrage von Infosperber zugeben: «Uns interessieren vererbbare Vermögen. Diese Definition beinhaltet bezogene Guthaben aus der 2. und der 3. Säule, nicht aber Rentenansprüche aus der 1. und der 2. Säule.» Das heisst:

  • In der Studie fehlen beim Vermögen der Erwerbstätigen die Gelder aus der 2. und der 3. Säule.
  • Beim Vermögen der Rentner sind die bezogenen Gelder aus der 2. und der 3. Säule jedoch enthalten.

Das kann man nicht einmal mehr als Vergleich von Äpfeln mit Birnen bezeichnen.

Aber die Studie passt wunderbar zum gegenwärtigen Zeitgeist. Da werden die Menschen, die während des Wirtschaftsbooms zur Welt gekommen sind, als «Boomer» beschimpft, als lauter Egoisten, die bei den Abstimmungen zur 13. AHV-Rente und zum Eigenmietwert nur an sich selber gedacht haben sollen.

Aus dem letzten Jahrhundert

Zusammen mit den Tamedia-Zeitungen erfand die Politologin Rahel Freiburghaus nach den beiden Abstimmungen das Märchen von der Gerontokratie. Sie wärmte eine Idee auf, die Mundartrocker Polo Hofer noch im letzten Jahrhundert hatte: ein Stimmverbot für Menschen ab einem gewissen Alter.

Seit dem Ja zur 13. AHV-Rente im März 2024 schimpfen viele Journalisten und Politiker auf die reichen Alten, denen es angeblich nur ums eigene Portemonnaie geht. Wenn es darum geht, diese Stimmung weiter zu schüren, kommt eine Studie, die zeigt, wie reich die Alten angeblich sind, wie gerufen.

Auch wenn die Zahlen falsch sind.

Weiterführende Informationen


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Zum Infosperber-Dossier:

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Politologen behaupten, die Alten würden Abstimmungen für sich entscheiden. Es drohe die Herrschaft der Alten. Manche Politologen befürworten eine Einschränkung des Stimm- und Wahlrechts.

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