Spannungen gross

Was sind «geopolitische Spannungen»? «Missstimmung», «Streit» oder gar «Krieg»? © © KI-Bild/Chat-GPT

Moderner Journalismus: Verschleiern statt klar texten

Marco Diener /  Präzise Sprache ist keine Hexerei. Doch viele Journalisten arbeiten lieber mit Fremdwörtern und Oberbegriffen. Niemand versteht's.

mdb. Von Mitte Februar bis Mitte März 2025 sind auf Infosperber fünf Artikel zu diesem Thema erschienen. Hier sind nun alle kritisierten plus viele zusätzliche Ausdrücke aufgelistet. Einige stammen von Infosperber-Leser Jürg-Peter Lienhard, andere von Infosperber-Korrektor Benedikt Weissenrieder.


Kürzlich berichtete Radio SRF über «geopolitische Spannungen». «Spannungen» ist ein Oberbegriff. Er kann vielerlei bedeuten: «Missstimmung», «Unstimmigkeiten», «Differenzen», «Unfriede», «Querelen», «Zerwürfnis», «Streit». Gemeint war etwas anderes – nämlich der Krieg zwischen Russland und der Ukraine. Der Oberbegriff «Spannungen» ist nichtssagend – und in diesem Fall verharmlosend. Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine ist nicht eine kleine «Unstimmigkeit», sondern eine «Tragödie».

Solche Oberbegriffe sind unter Journalisten in Mode gekommen. Oberbegriffe tönen gescheit, aber sie sagen nichts. Weitere solche Oberbegriffe sind «Ausrufezeichen», «Event», «Feindseligkeiten», «Stakeholder», «Thema», «toxisch», «Unregelmässigkeiten» oder «Verwerfungen».

Sogar von «Gastronomen» ist häufig die Rede. Dabei liesse sich ganz einfach sagen, ob es sich um einen «Wirt», einen «Hotelier», einen «Koch» oder einen «Kellner» handelt.

Oder das «Paper»: Ist es eine «Notiz»? Sind es «Unterlagen»? Ist es ein «Vertrag»? Oder eine «Doktorarbeit»?

  • abwickeln: Das ist Finanzjargon. Wenn es heisst, dass eine Bank «abgewickelt» werden sollte, dann bedeutet das: Man sollte sie «in Konkurs gehen lassen».
  • adressieren: Die «Berner Zeitung» schrieb kürzlich: «Wiederum ein paar Tage später adressierte Anwalt Steinegger ein Schreiben an die Insel-Führung und an die Universitäts-Leitung.» Dabei hätten sich die Leser wohl mehr dafür interessiert, ob der Anwalt das Schreiben auch abgeschickt hat. «Adressieren» ist ein Modewort aus dem Englischen – besonders beliebt unter Beratern.
  • aktiv: Gegenüber einer Zeitung soll der Sicherheitschef von Saas-Fee VS gesagt haben: «Die Skifahrer missachten aktiv unsere Anweisungen.» Andernorts lesen wir, da habe einer den anderen «nicht aktiv eingeladen». «Aktiv» ist überflüssig. Fast immer.
  • am Ende des Tages: Damit ist nicht die Zeit um 18 oder um 20 Uhr herum gemeint. Es ist eine Lehnformulierung aus dem Englischen. Sie bedeutet «letztlich» oder «schliesslich».
  • Analyst: Auch ein Lehnwort aus dem Englischen. Eigentlich handelt es sich um «Analytiker».
  • Angriffskrieg: Jeder Krieg beginnt mit einem Angriff. «Angriffskrieg» ist ein Propagandawort. Es bringt zum Ausdruck, wer der Alleinschuldige sein soll. Das Wort «Angriffskrieg» kam mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine in Mode.
  • ansonsten: Unnötig gespreizt. «Sonst» reicht vollauf.
  • Arealentwicklung: Eines der Lieblingswörter von Leuten, die in der Verwaltung oder in der Immobilienbranche tätig sind. Gemeint sind «Überbauungen». Aber «Arealentwicklung» klingt offenbar weniger negativ als «Überbauung».
  • aufgleisen: SRF berichtete: «Neue Tarifregelung für ambulante Behandlungen ist aufgegleist.» Was das bedeutet? Nichts. Die Zuschauer erfahren nicht, was «geplant», «beschlossen», «eingeführt» oder bereits «in Kraft» ist. Übrigens: «Auf den Weg bringen» oder «auf den Schlitten bringen» ist auch nicht besser als «aufgleisen».
  • ausrollen: Auch so ein Lehnwort aus dem Englischen. Die Swisscom behauptet beispielsweise, sie habe «die Software an allen elf Standorten gleichzeitig ausgerollt». Wer sich vor Augen führt, wie das aussähe, kann nur den Kopf über diese Formulierung schütteln. Vermutlich hat die Swisscom die Software «eingeführt». Aber wer weiss?
  • Ausrufezeichen: Wer hat nicht schon alles «ein Ausrufezeichen gesetzt»? Sportler, Politiker, Künstler. Was sie getan haben? Eine ausserordentliche «Leistung erbracht», etwas «in aller Deutlichkeit gesagt», einen «Preis gewonnen». Das sagt man am besten auch so. Siehe auch «Fragezeichen».
  • Banker: Ein Allerweltswort, dazu noch unpräzise. Denn es gibt «Bankiers» und «Bankangestellte». «Bankangestellte» sind – wie der Name sagt – Angestellte; «Bankiers» hingegen sind «Besitzer» oder «Verwaltungsräte» einer Bank.
  • barrierefrei: Wenn etwas «barrierefrei» ist, dann hat es keine Barriere. Wenn etwas «nicht barrierefrei» ist, dann hat es auch keine Barriere. Denn eigentlich geht es gar nicht um Barrieren, sondern darum, ob ein Gebäude oder ein Verkehrsmittel «behindertengängig» ist.
  • Begrifflichkeit: Das ist an sich ein Fachbegriff aus der Philosophie. Gemeint ist meistens bloss ein «Begriff» oder ein «Wort». Aber die «Begrifflichkeit» mit ihren Nachsilben «-lich» und «-keit» klingt halt beeindruckender.
  • Blutbad: Niemand badet. «Blutbad» ist ein Wort, das an Zynismus kaum zu übertreffen ist.
  • Blutvergiessen: Niemand läuft mit der Giesskanne herum. Siehe auch «Blutbad».
  • Blutzoll: Niemand bezahlt Zoll. Das Wort ist so zynisch wie das «Blutbad» und das «Blutvergiessen». Denn «Zoll» ist eine obligatorische Abgabe.
  • Botschafter: Roger Federer war ein erfolgreicher Tennisspieler. Aber er war nie Diplomat. Und trotzdem wird er ständig als «Botschafter» von Kaffeemaschinen, von Schokolade, einer Bank, von Luxusuhren, von chinesischen Kleidern, von teuren Schuhen und sogar als «Botschafter» der Schweiz bezeichnet. Dabei ist er nichts anderes als ein «Werbeträger».
  • Care-Arbeit: Ein Allerweltswort. Geht es um Kinder, Behinderte, Alte? Sind sie krank, verletzt, eingeschränkt? Brauchen sie Betreuung, Pflege oder Heilung? Oder bloss Unterhaltung? Über all das sagt «Care-Arbeit» nichts aus.
  • CEO: Ist ganz einfach der «Direktor», allenfalls der «Generaldirektor».
  • CFO: Und das ist der «Finanzchef».
  • Challenge: Genauso beschönigend wie «Herausforderung» (siehe dort).
  • CO2-Emissionen: Warum nicht «CO2-Ausstoss»?
  • Crowdfunding: Früher hiess das «Spendensammlung». Und das war gut so.
  • diametral: Häufig in der Kombination «diametral entgegengesetzt». Doch wie anders als «diametral» soll etwas «entgegengesetzt» sein?
  • Diaspora: Heisst – weniger akademisch ausgedrückt – «Gemeinschaft».
  • Disruption: Ist eine «einschneidende Veränderung».
  • disruptiv: Modewort. Hat ursprünglich zwei Bedeutungen: 1. In der Biologie «grob gemustert». 2. In der Technik «ein Gleichgewicht oder ein System zerstörend». Ansonsten bedeutet es wohl: «Schaut her – was für ein kluger Kerl ich bin! Dass ich solche Wörter kenne! Und anwende!»
  • divers: Bedeutet eigentlich «vielfältig». Aber das klingt weniger woke. Wobei: «woke» ist ein Fall für sich.
  • DNA: Auf Deutsch eigentlich «DNS». Oder «Desoxyribonukleinsäure». Der Ausdruck stammt aus der Genetik. Als Leser staunen wir darüber, was alles im Erbgut angelegt sein soll. Die Migros hat nach eigenen Angaben die Nachhaltigkeit in der «DNA». Die Transparenz auch. Die Regionalität ebenso. Und die soziale Verantwortung sowieso. Für die UBS müssen Unternehmer die richtige «DNA» haben. Und Aldi hat «Top-Qualität zum besten Preis» in der «DNA». Dabei ist den Firmen die Nachhaltigkeit, die Transparenz oder was auch immer möglicherweise «wichtig». Am besten würden sie das auch einfach so sagen.
  • dysfunktional: Hin und wieder ist von «dysfunktionalen Familien» die Rede. Steriler lässt sich ein Problem fast nicht schildern. Dabei geht es eigentlich um Kindsmissbrauch, schlagende Väter, betrunkene Mütter, Armbrüche, Schwartenrisse. Das soll man auch so benennen.
  • Eigner: Das ist ein «Eigentümer». Oder vielleicht auch nur ein «Besitzer».
  • einordnen: «Wir ordnen ein.» Es vergeht kaum eine «10-vor-10»-Sendung am Fernsehen SRF, in welcher der Moderator oder die Moderatorin dieses Versprechen nicht abgibt. Dabei stehen keine Ordner auf dem Tisch, und es hat auch kein Regal an der Wand. In den Fernsehsendungen wird nichts «eingeordnet», sondern «erklärt». Bestenfalls.
  • emissionsintensiv: «Stinkt» es? Ist es «lärmig»? «Verpestet» jemand die Luft? «Vergiftet» einer die Böden? Es gäbe so viele schöne Wörter, die mehr sagen.
  • emotional: Radio SRF berichtete über eine Frau, deren Mann bei einem Erdbeben umgekommen war. An seinem Todestag werde sie immer «emotional». «Emotional» ist ein Oberbegriff, der wenig aussagt. Ist die Frau «traurig», «niedergeschlagen», «unglücklich» oder sogar «verzweifelt»?
  • energieintensiv: Beschönigend: Warum nicht sagen, dass ein Betrieb viel Energie «verbraucht» oder «verschwendet»? «Energieintensiv» ist neutral. Und es ist genau das, was die PR-Leute, die diesen Begriff einst in die Welt gesetzt haben, wollen. Als «energieintensiv» liesse sich auch ein Atomkraftwerk bezeichnen – weil es viel Strom erzeugt. Aber niemand sagt so etwas.
  • Entlastungspaket: Wie wär’s mit «Sparpaket»?
  • Erzählung: Die «Erzählung» ist die Schwester des «Narrativs». Die «Erzählung» hat gegenüber dem «Narrativ» den Vorteil, dass das Wort auch für Nicht-Lateiner verständlich ist. Aber sonst: Die «Erzählung» ist genau so perfid wie das «Narrativ». Wer von einer «Erzählung» oder einem «Narrativ» spricht, der unterstellt, dass etwas faul ist. Deshalb: Warum nicht gleich «Behauptung», «Gerücht», «Märchen», «Lügengeschichte»? Damit wäre das Problem benannt.
  • Event: Das ist ein «Anlass», eine «Veranstaltung», ein «Fest», eine «Feier», vielleicht ein «Konzert».
  • Expats: In der Regel reiche Ausländer, die sich gar nicht Mühe geben, sich einzuleben. Wenn es so ist, kann man es auch so sagen.
  • Expertise: Ist einfach «Fachwissen».
  • Fachexperte: Es gibt «Fachleute» und es gibt «Experten». Aber «Fachexperten»?
  • Fachkräftemangel: Warum nicht einfach «Personalmangel»? Oft geht es ja gar nicht um «Fachkräfte». Aber um «Personal» geht es immer.
  • Fachspezialist: Siehe «Fachexperte»: Es gibt «Fachleute» und es gibt «Spezialisten». Aber «Fachspezialisten»?
  • Fallzahlen: Warum nicht «Fälle»? Das reicht eigentlich.
  • Feindseligkeiten: Ein ganz übles Wort. Denn es wird auch dann verwendet, wenn «Krieg» herrscht.
  • Femizid: «Frauenmord» ist durchaus treffend und weniger distanziert. Zudem erinnert es – im Gegensatz zu «Femizid» – nicht an «Pestizid» und «Fungizid».
  • Feuerwehrpersonen: Radio SRF berichtete, dass die «Feuerwehrpersonen» den Waldbränden in Kalifornien machtlos gegenüberstünden. Ein schönes Beispiel für verunglückte geschlechtergerechte Sprache. Denn seit jeher gibt es das Wort «Feuerwehrleute». Das ist durchaus geschlechtsneutral.
  • final: Die «Berner Zeitung» schrieb: «Kommt die Schweiz final zu diesem Schluss, kann sie der spanischen Justiz die Unterstützung verweigern.» «Final» und «zum Schluss» bedeuten das Gleiche. Aber «final» klingt klug.
  • finalisieren: Was nicht alles finalisiert wird! Verträge, Vereinbarungen und neuerdings – wenn man der «Berner Zeitung» glauben will – sogar ein Hochhaus. Dabei wurde es einfach «fertiggebaut».
  • Finanzen: Das ist «Geld».
  • Finanzielle Mittel: Das auch.
  • fit: Ist ein Allerweltswort geworden. Da werden «Mitarbeiter fit für den Arbeitsmarkt gemacht», «touristische Attraktionen fit für die neue Saison» und Angestellte «fit für die immer neuen digitalen Anforderungen». Und als ob das nicht reichen würde, behauptet die «Berner Zeitung», bei einer Hausrenovation würden auch noch «die Metallgriffe in Kleinarbeit fit gemacht». Werden sie «geschliffen», «gestrichen» oder «verstärkt»? Und die Menschen: «geschult», «unterrichtet» oder «angelernt»? Fit bedeutet alles. Und nichts. Das Wort ist unbrauchbar.
  • fixen: Machten früher Drogensüchtige. Jetzt tun es Wichtigtuer mit voller Agenda. Sie entlehnen das Wort aus dem Englischen. Sie könnten auch sagen: «abmachen» oder «vereinbaren».
  • flächenintensiv: Beschönigender Immobilien-Branchenjargon. Bedeutet eigentlich, dass unverschämt viel Boden überbaut wird.
  • Fragezeichen: Erfunden hat es möglicherweise der einstige «Kassensturz»-Moderator Ueli Schmezer – jetzt verbreitet es sich wie eine Seuche: das «Fragezeichen». Beispiel aus einem Fussball-Matchbericht im Fernsehen SRF: «Kommt dieses Aufbäumen zu spät? Fragezeichen.» Ein dummes «Mödeli». Denn dass es sich um eine Frage handelt, geht schon aus der Satzstellung und dem Tonfall hervor. Der Zusatz «Fragezeichen» ist überflüssig.
  • Freiwilligenarbeit: Die meisten Leute arbeiten «freiwillig». Sie könnten auch die Stelle wechseln. Sie sind ja nicht Sklaven. Gemeint ist «ehrenamtliche Arbeit», «unentgeltliche» oder «unbezahlte Arbeit».
  • frontal: «Murdoch frontal angegriffen», meldete das «St. Galler Tagblatt». Ob «frontal» oder «lateral» ist egal. Wichtig ist eigentlich nur, dass der Verleger «angegriffen» wurde. Wichtiger wäre, ob er mit Worten oder mit Taten angegriffen wurde.
  • Funktionalität: Die Postfinance rühmte sich kürzlich, dass sie eine neue «Funktionalität» anbiete. Sie verwendet ein Wort, das für alle, die blenden wollen, wie geschaffen ist. «Funktionalität» bedeutet hier nichts anderes als «Funktion».
  • Fussabdruck: Unfreiwillig komisch berichtete Radio SRF über Minenprojekte in Schweden: «Eine neue Mine hat immer einen grossen Fussabdruck.» Stattdessen hätte SRF melden können: «Eine neue Mine führt immer zu grossen Umweltschäden.» Das wäre leichter verständlich. Und nicht absurd.
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  • Gamechanger: Das Coronavirus wird oft als «Gamechanger» bezeichnet. Aber warum nicht gleich sagen, was das Coronavirus verändert hat?
  • Gastgeber: Modewort. Eigentlich jemand, der jemanden privat einlädt. Aber inzwischen sind damit auch «Wirte» und «Hoteliers» gemeint.
  • Gastronom: Auch ein Modewort. Neben dem «Wirt» oder dem «Hotelier» kann auch der «Koch» oder der «Kellner» gemeint sein.
  • Gebäulichkeit: Wörter mit den kombinierten Nachsilben «-lich» und «-keit» sind hässlich. Immer. Warum nicht einfach «Haus», «Bau», «Baute»? Und wenn es unbedingt eine Nachsilbe sein soll: «Liegenschaft.» Oder mit Vorsilbe: «Gebäude.»
  • gefühlt: Der «Blick» teilte seinen Lesern mit: «Gefühlt wird das Fliegen teurer.» Die Leser hätten wohl gerne gewusst, ob es nur «gefühlt» oder «tatsächlich» teurer werde. Und am besten gleich auch noch um wie viel.
  • Gegenteil: Die «Sonntags-Zeitung» schrieb: «Junge Frauen sind nicht freier als früher, im Gegenteil.» Das hiesse dann: Sie sind freier. Denn das Gegenteil von «nicht freier» ist «freier». Aber das war natürlich nicht gemeint. «Im Gegenteil» ist fast immer falsch.
  • Gemengelage: SRF meldete: «In dieser Gemengelage traf Wirtschaftsminister Robert Habeck mit seiner vielbeachteten Videorede einen Nerv.» Die «Gemengelage» ist ganz einfach eine «Situation», vielleicht auch ein «Durcheinander».
  • generieren: Ist ein Modewort. Bundesrat Albert Rösti sagt: «Floriert die Wirtschaft, generiert das Steuereinnahmen.» Das gibt der banalen Aussage ein bisschen mehr Gewicht. Eigentlich bedeutet der Satz bloss: «Die blühende Wirtschaft bringt höhere Steuereinnahmen.» Weitere Alternativen zu «generieren»: «erzeugen», «herstellen», «erschaffen», «zeitigen».
  • geopolitisch: Das ist Politjargon. «Weltpolitisch» täte es auch.
  • geopolitische Verwerfung: SRF meldete: «Auf geopolitische Verwerfungen kann die Landesregierung bekanntlich wenig Einfluss nehmen.» Und meinte: «Kriege».
  • global: Lässt sich gut vermeiden. Bedeutet: «weltweit.»
  • globaler Süden: Die Bezeichnungen «Entwicklungsländer» oder gar «Dritte Welt» gelten heute als inkorrekt. Der Begriff «globaler Süden» ist als Ersatz aber untauglich. Kaum jemandem dürfte nämlich bewusst sein, dass zwei der südlichsten Länder überhaupt – Australien und Neuseeland – zum «globalen Norden» gehören. Albanien und die Ukraine – je nach Definition – hingegen zum «globalen Süden».
  • Handvoll: Pro Tag könnten oft «nur eine Handvoll» Lastwagen in den Gazastreifen fahren, berichtete die «Berner Zeitung». Nur: Wie viele sind das? Eigentlich passt ja kein einziger Lastwagen in eine Hand. Gemeint war wohl, dass man die Zahl der Lastwagen «an einer Hand abzählen» könnte.
  • Herausforderung: Radio SRF berichtete über die Trinkwasser-Qualität: «Extreme Wetterereignisse sind eine Herausforderung für die Qualität des Wassers.» Was die Moderatorin damit wohl gemeint hat? Wenn von einer «Herausforderung» die Rede ist, dann ist meist ein «Problem» gemeint.
  • historisch: Kommt häufig in in der Sportberichterstattung vor, obwohl die wenigsten Ereignisse in die Geschichte eingehen werden.
  • hochpreisig: Ist ein PR-Wort. «Hochpreisig» bedeutet «teuer».
  • horizontal: Ganz einfach: «waagrecht.»
  • HR: Warum nicht «Personalwesen» oder «Personalabteilung»? Wäre deutsch. Und verständlich.
  • HR-Chef: Und warum nicht «Personalchef»?
  • Impact: Laut der «Republik» hat «die Digitalisierung einen starken Impact». Warum nicht «grosse Auswirkungen»? Oder – noch besser: Warum diese «grossen Auswirkungen» nicht gleich benennen, statt um den heissen Brei herumzureden?
  • Indigene: Wurde wohl erfunden, damit wir nicht mehr von «Eingeborenen» sprechen. Aber es gäbe ja noch die «ursprüngliche» oder die «einheimische Bevölkerung», die «heimische» oder die «eingesessene». Das verstünden dann auch Nicht-Akademiker.
  • Influencer: Eigentlich «Beeinflusser». Anders kann man gesponserte Schnösel, die jungen Leuten allerlei Kosmetika und dergleichen beliebt machen wollen, nicht bezeichnen.
  • Inklusion: Bedeutet eigentlich «Teilhabe».
  • inklusiv: Wer «inklusiv» hört, denkt möglicherweise als Erstes an Gratis-Alkohol im Pauschalferien-Hotel. Aber Alkohol oder andere Inklusiv-Leistungen sind damit nicht gemeint. «Inklusiv» bedeutet, dass niemand ausgeschlossen werden soll. Könnte man auch so sagen.
  • Job: Englische Wörter sind häufig kürzer als deutsche. Der «Job» ist ein Beispiel dafür. Doch was nützt ein kurzes Wort, wenn es eine Verallgemeinerung ist? Wenn es alles Mögliche bedeuten kann: «Beruf», «Stelle», «Arbeit», «Auftrag», «Mandat».
  • Kassenbon: «Den Kassenbon wollen Sie?», fragen die Angestellten an der Supermarktkasse. Keine Ahnung, wer die Weisung erlassen hat, dass der «Kassenzettel» oder die «Quittung» nun «Kassenbon» heissen soll. Mit einem «Bon» oder einem «Gutschein» hat der Papierstreifen ja nichts zu tun. Er ist wertlos, solange man nichts umtauschen will.
  • kompakt: Kürzlich teilte ein Restaurant mit, seine Speisekarte werde «kompakter». Gemeint war «kleiner». Oder «ausgedünnt». Die Zeitungen in der Stadt übernahmen das Wort «kompakt».
  • Kompensation: Eigentlich «Lohn». Der Begriff «Kompensation» wird nur für Riesenlöhne verwendet. Warum wohl? Wer muss was «kompensieren»?
  • kompliziert: Neuerdings ist alles «kompliziert»: in der Politik, im Sport, auf der Arbeit. «Kompliziert» dürfte aus dem Englischen oder aus dem Französischen entlehnt sein: «It’s complicated.» Oder: «C’est compliqué.» Dabei ist es häufig gar nicht «kompliziert», sondern bloss «schwierig».
  • Kreditausstände: Bankenjargon. «Kreditausstände» sind nichts anderes als «Schulden».
  • kritisch: Radio SRF berichtete kürzlich über «kritische» Rohstoffe. Was das heisst? Erfuhren die Zuhörer nicht. Gemeint sein können Rohstoffe, die «wichtig» sind, «dringend nötig», «knapp», «selten» oder «rar», «gefragt», «begehrt», aber auch «heikel» oder «gefährlich». Warum sagen uns die Radioleute nicht, was Sache ist?
  • Kulinarik: Modewort. Es bedeutet «Kochkunst». Warum also nicht «Kochkunst» sagen? Das Wort ist gleich lang. Und erst noch für alle verständlich.
  • Kundenbedürfnis: Viele Betriebe richten sich nach angeblich veränderten «Kundenbedürfnissen». Tatsächlich bauen sie ihre Dienstleistungen ab.
  • Kundenbegleiter: Das ist ein Beruf bei den SBB. Früher hiess er «Kondukteur». Passender wäre «Kontrolleur», denn die Hauptaufgabe ist die Kontrolle der Billette.
  • Künstliche Intelligenz: Oft ist nichts anderes gemeint als das, was wir bislang «Automatisierung» nannten.
  • Leak: Stammt aus dem Englischen und bedeutet «Leck». Das deutsche Wort ist gleich lang. Und erst noch verständlich.
  • letztendlich: Vermischung von «letztlich» und «endlich» (siehe auch «schlussendlich»).
  • Leuchtturmprojekt: Die «Neue Zürcher Zeitung» kritisierte schon vor zehn Jahren: «Der Ausdruck ‹Leuchtturmprojekt› gehört in die Kategorie der ‹Quantensprünge› und ‹Meilensteine›. Auch bei diesen Schlagwörtern geht es in erster Linie darum, einer an sich banalen Sache mit einer glänzenden Etikette einen superlativen Hauch zu verleihen. Meist steckt aber weniger drin, als die pompöse Verpackung verspricht.» Dem ist nichts hinzuzufügen.
  • LKW: In der Schweiz werden sperrige und schwere Güter von einem «Camion» transportiert oder von einem «Lastwagen». Aber bestimmt nicht von einem «Lastkraftwagen». Die Abkürzung müsste daher «LW» heissen. Wenn eine Abkürzung überhaupt nötig ist.
  • Mangellage: Seit ein paar Jahren fürchten wir uns vor allerlei «Mangellagen»: etwa beim Strom oder beim Gas. Aber warum «Mangellage»? Warum nicht einfach «Mangel»?
  • margenstark: Das ist Managerjargon. Und bedeutet eigentlich «einträglich». Aber das tönt ein bisschen entlarvend.
  • marktfrisch: Reine Werbesprache. Die Migros verkauft Lageräpfel und Lagerkarotten, die mehr als ein Jahr im Lagerhaus lagen, tatsächlich als «marktfrisch».
  • Meeting: Das ist eine «Sitzung». Oder ein «Treffen».
  • Mitarbeitende: Verschleiert die Abhängigkeitsverhältnisse. «Angestellte» trifft es genauer. Und ist genauso geschlechtsneutral.
  • Narrativ: Siehe «Erzählung».
  • natürlich: Meist überflüssig. Wer ständig schreibt, etwas sei «natürlich» so und so, würde besser erklären, warum es so ist.
  • Null, rote: Wirtschaftsjargon. Eine «rote Null» ist ein «kleiner Verlust». Aber das Wort «Verlust» klingt nicht gut.
  • Null, schwarze: Ebenfalls Wirtschaftsjargon. Aber ein «kleiner Gewinn».
  • offensiv: «Offensiv» bedeutet eigentlich «angriffig». So wird das Wort beispielsweise auch im Sport verwendet. Neuerdings ist aber auch von «offensiver Sprache» die Rede. Doch damit ist nicht «angriffig», sondern «beleidigend» gemeint. Das ist nicht das Gleiche. Deshalb sind die beiden deutschen Wörter erste Wahl.
  • On-Boarding: Klingt gut. Aber bedeutet eigentlich bloss: Der oder die neue Angestellte wird «eingearbeitet».
  • Opportunität: Börsensprache. Heisst nichts anderes als «Möglichkeit» oder «Gelegenheit». Tönt aber kompetenter.
  • Overtourism: Ganz einfach «zu viele Touristen». Ist deutsch. Und verständlich.
  • Paper: Nichts anderes als ein «Papier» oder «Unterlagen».
  • Paradigmenwechsel: Die «Basler Zeitung» berichtete darüber, dass die SP-Ko-Präsidentin «einen Paradigmenwechsel in der Basler Verkehrspolitik» wolle. Will sie eine «Kehrtwende» oder nur einen «Richtungswechsel»? Beides wäre genauer als der «Paradigmenwechsel».
  • performen: Modewort. Bedeutet alles und nichts. Heutzutage «performen» vor allem Künstler auf der Bühne. Ob sie «singen», «trompeten», «tanzen» oder «ein Lied in den Saal schmettern» – das bringt das Wort «performen» nicht zum Ausdruck. Auch Wertpapiere «performen». Ob sie viel «Ertrag abwerfen» oder ob der «Wert steigt» – auch das bleibt offen.
  • Perimeter: Planer- und Beamtendeutsch. «Gebiet» wäre besser und – wenn es unbedingt ein Fremdwort sein soll – auch «Areal».
  • per se: Die abgetretene Stadtberner Bildungs- und Sozialdirektorin Franziska Teuscher sagte: «Ein Schulhaus steht per se für Zukunft.» Sie hätte «per se» weglassen können – der Satz hätte sich inhaltlich nicht geändert. «Per se» ist überflüssig. Immer.
  • Person: Geschlechtergerechte Sprache in Ehren – aber manchmal kommt es zu Entgleisungen. Wenn etwa Radio SRF von einer «Interviewperson» spricht; wo es doch eigentlich um einen «Interviewten» oder eine «Interviewte» geht.
  • persönlich: Wer sich in den Vordergrund stellen will, sagt nicht nur «ich», sondern «ich persönlich». Alle anderen lassen «persönlich» besser weg.
  • Persönlichkeit: Die «Luzerner Zeitung» frohlockte: «Mit Elisabeth Burger gewinnt Caritas Aargau eine Persönlichkeit mit einer langen politischen Erfahrung.» Warum «Persönlichkeit»? Warum nicht einfach «Person»? Warum so unterwürfig? Interessanter wäre – wenn schon –, dass Burger zur Präsidentin gewählt wurde.
  • physisch: Sogar der «Blick» versucht es hochgestochen: «Die physische Verfassung muss stimmen.» Warum nicht die «körperliche»? Ist nur zwei Buchstaben länger. Hinzu kommt: Zwischen «physisch» und «psychisch» besteht Verwechslungsgefahr. Zwischen «körperlich» und «geistig» nicht.
  • Pilot: Nicht jeder «Pilot» kann fliegen. Denn manch ein «Pilot» ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern ein «Pilotversuch».
  • PKW: In Deutschland ist ein Auto ein «Personenkraftwagen». In der Schweiz ein «Personenwagen». «PKW» ist in Deutschland die durchaus passende Abkürzung. In der Schweiz hingegen «PW». Wenn es überhaupt eine Abkürzung sein muss.
  • Player: Ein Wort für Faule. Wer das Wort «Player» verwendet, muss nicht genau überlegen, was er eigentlich sagen möchte. In den Deutschschweizer Medien wurde «Player» letztes Jahr fast 10’000 Mal verwendet. Mal waren grosse Unternehmen wie Microsoft gemeint, mal mächtige Staaten wie die USA, dann wieder grosse Parteien wie die SVP, wichtige Organisationen wie die WHO, aber auch das Bundesamt für Wohnungswesen, Pensionskassen oder Initiativkomitees.
  • positiv: Die «Berner Zeitung» berichtete über einen Fussballer, der nach einer Verletzung «noch positiv» gewesen sei. Auch «das Umfeld wollte positiv» sein. Die Formulierung stammt aus dem Englischen («to be positive») und aus dem Französischen («être positif»). Dabei könnten wir uns im Deutschen durchaus differenzierter ausdrücken: «hoffnungsvoll», «zuversichtlich» oder – wenn es ein Fremdwort sein muss – «optimistisch».
  • postkolonial: Bedeutet eigentlich «die Zeit nach der Kolonialzeit betreffend». Aber das Wort wird mit den unterschiedlichsten Bedeutungen aufgeladen. Deshalb ist häufig unklar, was es bedeutet. Daher: meiden!
  • präferieren: Imponierwort. «Bevorzugen» ist besser.
  • präventiv: Der «Blick» macht schon wieder auf klug, wenn er von «präventiven Wolfsabschüssen» berichtet. Warum nicht von «vorsorglichen Wolfsabschüssen»? Oder noch besser nur von «Wolfsabschüssen»?
  • Preisanpassung: Marketingsprache. Woran werden denn die «Preise angepasst»? An die Gewinnerwartungen der Aktionäre? Wahrscheinlich schon. Denn «Preisanpassungen» sind stets «Preiserhöhungen». Und deshalb sollten wir sie auch als solche bezeichnen.
  • preisintensiv: Ebenfalls Marketingsprache. Bedeutet «teuer».
  • Preismassnahme: Nochmals Marketingsprache. Bedeutet «Preiserhöhung». Siehe auch «Preisanpassung».
  • Prekariat: «Prekariat raus, Oberschicht rein.» Das war eine Schlagzeile von SRF zum Wohnungsmarkt. «Arme raus, Reiche rein» wäre anschaulicher. Oder wenn es sein muss: «Unterschicht rein, Oberschicht raus.» Wer das Wort «Prekariat» verwendet, hat ein «prekäres» Verhältnis zur deutschen Sprache.
  • priorisieren: Heisst eigentlich «bevorzugen» oder «vorziehen».
  • proaktiv: Manchmal führen Fremdwörter dazu, dass der Autor zwei Mal das Gleiche sagt (siehe «final»). Manchmal führen sie auch dazu, dass sich der Autor selber widerspricht. Zum Beispiel in der «Berner Zeitung»: «Nachträglich hätten die Behörden zusammen mit den Veranstaltern proaktiv und transparent informieren sollen.» Ja, was nun? «Nachträglich» oder «proaktiv»?
  • Provenienz: Kunsthistorikerjargon. Bedeutet «Herkunft». Was erst noch kürzer ist.
  • Reality-Show: Kommt häufig am Fernsehen. Doch «Reality-Show» ist ein Widerspruch in sich. Handelt es sich um die «Realität»? Oder doch nur um eine «Show»?
  • Regularien: SRF informierte uns darüber, dass es «Regularien für die Ausbeutung des Meeresbodens» brauche. Gemeint waren «Regeln».
  • regulieren: Nichtssagender Oberbegriff. Wenn es um Wölfe geht, ist meist «töten» oder «abschiessen» gemeint. Wenn es um Pestizide geht, ist «einschränken» oder «verbieten» gemeint. Warum also nicht genau das schreiben?
  • Resort: Modewort. Ist einfach ein «Feriendorf» oder eine «Ferienanlage».
  • Respekt: Die Leute haben «Respekt vor einer Ansteckung», «vor einer neuen Aufgabe» oder «vor einer Abfahrtsstrecke». Sie wollen ja nicht sagen, dass sie sich «fürchten» oder sogar «Angst haben».
  • restituieren: Jargon – häufig unter Kunsthistorikern. Siehe auch «Provenienz». «Restituieren» bedeutet «zurückgeben». Klingt aber weniger bedeutsam.
  • Roadtrip: Warum nicht «Autoreise» oder «Motorradreise»? Dann weiss jeder, worum es geht. Allerdings: Ein «Roadtrip» klingt schon ein bisschen abenteuerlicher.
  • sanktionieren: Ein Wort, das die Gefahr von Missverständnissen in sich birgt. Denn es kann genauso gut «gutheissen» bedeuten wie «ahnden», «bestrafen», «büssen» oder «boykottieren». Also besser meiden.
  • schlussendlich: Vermischung von «schliesslich» und «endlich» (siehe auch «letztendlich»).
  • schultern: Die «Berner Zeitung» berichtete drüber, dass die «Schweizer Wirtschaft bei Ausfuhren in die USA hohe Zölle schultern» muss. «Schultern» ist ein Allerweltswort wie «stemmen» (siehe dort). Zölle «schultert» man nicht, denn man trägt sie nicht mit sich herum. Man «entrichtet» sie.
  • Schummelei: Verbreitete sich nach Bekanntwerden des VW-Dieselskandals. Warum war bloss immer nur von einer «Schummelei» die Rede, wo es doch ein handfester «Betrug» war?
  • Scooter: Wieder ein doppeldeutiges Wort. Kann ein «Trottinett» oder ein «Motorroller» sein.
  • seitwärts: Wirtschaftsjargon. Börsenkurse bewegen sich angeblich «seitwärts». Wer das verstehen will, muss ein Diagramm vor Augen haben. Wenn sich Kurse «seitwärts bewegen» heisst das, dass sie sich gar nicht bewegen. Sie sind «stabil», «stagnieren» oder «verharren auf dem gleichen Niveau».
  • Selbstwahlrestaurant: Neumodischer Ausdruck für «Selbstbedienungsrestaurant». Ist aber unsinnig. Jedes Restaurant ist ein «Selbstwahlrestaurant». Denn der Gast kann wählen, was er essen oder trinken möchte.
  • seriös: Stammt aus dem Englischen oder aus dem Französischen: «serious problems» oder «des problèmes sérieux». Wenn deutschsprachige Medien von «seriösen Problemen» schreiben, dann geht es mitnichten darum, dass diese Probleme «vertrauenswürdig» sein könnten, sondern dass es sich um «ernsthafte Probleme» handelt.
  • Sexarbeit: Ist eine Verharmlosung. Mit dem Wort «Sexarbeit» tun wir so, als wäre «Prostitution» eine Arbeit wie jede andere auch. Ist sie aber nicht. Manchmal wäre es gut, wenn wir bewährte Begriffe wie «Prostitution» beibehalten würden. Aber wir sollten auch nicht unbedingt in die alten Zeiten zurückfallen, als es noch «gewerbsmässige Unzucht» hiess.
  • Slot: Der «Berner Zeitung» entnahmen wir, dass Ursula von der Leyen «in der Woche vor Weinachten einen Slot für Ignazio Cassis frei hätte». Das heisst: «Sie hatte Zeit.» Oder: «Sie hatte kurz Zeit.»
  • Spielermaterial: Die «Berner Zeitung» analysierte das «Spielermaterial» des Schlittschuh-Clubs Bern (SCB). Einen menschenverachtenderen Ausdruck für die «Spieler» dürfte es kaum geben.
  • Spin-off: Wieder die «Berner Zeitung»: «Das sind zwei Firmen, die von Absolventen der Fachhochschule als Spin-off gegründet wurden.» Für Laien – und vermutlich auch für viele Journalisten ist das unverständlich. Ein «Spin-off» ist eine Geschäftseinheit, die aus einer Firma oder von einer Universität ausgelagert wurde und nun ein rechtlich eigenständiges Unternehmen ist. Das könnte man ja auch so erklären. Wenn es überhaupt wichtig ist.
  • Stakeholder: Kann alles Mögliche sein: «Angestellter», «Kunde», «Lieferant», «Bank» – einfach jemand, der aus irgendeinem Grund ein Interesse an einer Firma hat.
  • Standardsituation: Oder auch einfach nur «Standard». Im Fussball ein Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Sachen wie «Penalty», «Freistoss», «Corner» oder «Einwurf». Warum nur reden Fussballreporter ständig von «Standardsituationen», wenn sie mühelos sagen könnten, was Sache ist.
  • stemmen: Einst brauchte es viel Kraft, damit man etwas «stemmen» konnte. Ein Sportler «stemmte» etwa einen schweren Pokal in die Höhe. «Stemmen» war einmal ein sehr anschauliches Wort. Aber heute? Heute ist daraus ein Wort geworden, das alles und nichts bedeutet. Wenn wir den Zeitungen Glauben schenken wollen, dann werden «Herausforderungen gestemmt», «Umsetzungen gestemmt», «Mieten gestemmt», «Klinikkosten gestemmt» – ja, laut der «Sonntags-Zeitung» wird sogar «Geld gestemmt». Gemeint war: «Geld investiert.»
  • studiert: Manchmal ist von «studierten Juristen» die Rede. Dann stellt sich gleich die Frage: Gibt es auch Juristen, die nicht «studiert» haben? Eher nicht. Das wären dann «Hochstapler».
  • Tabu: Journalisten sprechen gerne über «Tabuthemen» Nur beweisen sie damit, dass das Thema eigentlich gar kein «Tabu» ist. Also: Hände weg vom Wort «Tabu».
  • Technologie: Bedeutet eigentlich «die Lehre der Technik». Meistens ist mit «Technologie» bloss «Technik» gemeint. Aber «Technologie» klingt halt ein bisschen wissenschaftlicher.
  • tektonische Plattenverschiebung: In einem Interview mit dem abtretenden Chef des Amtes für Kultur des Kantons Bern meinten die «Bund»-Journalisten: «In Ihre Amtszeit fielen diverse tektonische Plattenverschiebungen.» Das ist Unsinn. Im Amt für Kultur gibt es keine «tektonischen Plattenverschiebungen». Und auch bei Wahlen gibt es keine «tektonischen Plattenverschiebungen», selbst wenn das Wichtigtuer unter den Journalisten gerne behaupten. Eine «tektonische Plattenverschiebung» gibt es auf Island. Und dort ist sie ein ernsthaftes Problem.
  • Thema: SRF meldete über sich selber: «Wir haben das Thema, dass wir möglichst viele ausbilden müssen.» Dabei hat SRF nicht ein «Thema», sondern eine «Aufgabe» oder ein «Problem».
  • Thematik: Blähwort für «Thema». Oder auch für «Aufgabe» oder für «Problem». Siehe auch «Thema».
  • thermische Verwertung: Die Berner Young Boys geben die Getränke im Stadion in Holzbechern ab. Leider lassen sich diese nicht auswaschen. Deshalb werden sie nun «thermisch verwertet». Oder anders gesagt: Sie werden «verbrannt».
  • toxisch: Mittlerweile ist alles «toxisch»: Beziehungen, Partner, Konstellationen, das Arbeitsklima, sogar Aktien – und vor allem Männlichkeit. Damit ist aber wenig gesagt. Denn «toxisch» bedeutet einfach «giftig». Meist ist aber «bösartig», «gefährlich», «schädlich» oder «zermürbend» gemeint. Warum also nicht diese wunderbaren deutschen Wörter verwenden?
  • triggern: Modewort. «Warum triggert uns eine spanische Erdbeere so sehr?», fragte die «Berner Zeitung». Sie hätte auch «Warum stört uns …» schreiben können.
  • unregelmässig: In Tamedia-Zeitungen war von «unregelmässigen Verträgen» die Rede. Gemeint waren «unsaubere», vielleicht sogar «gesetzwidrige». Was wirklich das Problem mit den Verträgen war, erfuhren die Leser nicht.
  • Unregelmässigkeit: Normalerweise geht es bei «Unregelmässigkeiten» nicht um einen falschen Rhythmus, sondern um einen «Fehler», eine «Täuschung» oder sogar um einen «Betrug». Warum also das ungenaue Wort «Unregelmässigkeiten»?
  • Unschärfe: Der «Bund» berichtete über die «Unschärfen der Prognostiker». Was eine «Unschärfe» ist? Ein «Fehler». Im Artikel ging es nämlich darum, dass die Prognostiker vor den Wahlen falsch gelegen hatten. «Unschärfe» ist ein verharmlosender Ausdruck. Warum das Kind nicht beim Namen nennen?
  • unschuldig: In der Kriegsberichterstattung ist häufig von «unschuldigen» Zivilisten die Rede. Da stellt sich sogleich die Frage: Gibt es auch «schuldige» Zivilisten? Und ist deren Leben weniger wert?
  • Unschuldsvermutung: Die «Sonntags-Zeitung» berichtete, die Staatsanwaltschaft St. Gallen habe einen «Anwalt, für den die Unschuldsvermutung gilt, angeklagt». Die «Unschuldsvermutung» ist ein juristischer Begriff. Sie gilt, solange jemand nicht verurteilt ist. Laien werden sich aber fragen, weshalb die Staatsanwaltschaft den Anwalt anklagt, wenn sie doch vermutet, er sei unschuldig. Die «Unschuldsvermutung» ist in einem Zeitungsartikel unnötig. Allenfalls könnte man von einem «mutmasslichen Betrüger» sprechen. So, wie das früher der Fall war.
  • unterwegs: Wer Zeitungen liest, erfährt, dass Menschen «mit vorgefassten Meinungen unterwegs» sind, dass sie «digital unterwegs» sind, «asketisch unterwegs», «musikalisch unterwegs», andere sind «zweisprachig unterwegs» oder «faktenfrei unterwegs». «Unterwegs» lässt sich entweder streichen oder mit einem kraftvollen Verb ersetzen.
  • urban: Bedeutet nichts anderes als «städtisch».
  • Vakzin: Ist ein «Impfstoff».
  • verbale Drohgebärde: Nichts anderes als eine «Drohung».
  • Verbindlichkeiten: Sind ganz einfach «Schulden».
  • vertikal: Warum nicht «senkrecht»?
  • Verwerfung: Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter sagte in ihrer Neujahrsansprache: «Hätten wir diese Demut vor der Demokratie nicht, würde jede Entscheidung zu Verwerfungen führen.» Was sie mit den «Verwerfungen» wohl meinte? Weiss sie es selber?
  • virtuell: Wieder der «Tages-Anzeiger»: «Es folgt ein virtuelles Gespräch am Computerbildschirm.» Frage: Was soll das Wort «virtuell»? War es ein Gespräch? Oder war es keines?
  • Visibilität: Der «Tages-Anzeiger» berichtete von Künstlerinnen, die «mit ihrer Kunst für mehr Visibilität sorgen möchten». Die Künstlerinnen wollen also für «Sichtbarkeit» sorgen – aber offenbar nicht für Verständlichkeit. Sonst würden sie nicht von «Personen mit Vulven sprechen». Es sieht aus, als ob die Künstlerinnen möglichst unter sich bleiben möchten.
  • volatil: Eigentlich Börsensprache, wird aber mittlerweile für alles Mögliche verwendet. Bedeutet «stark schwankend».
  • Volunteers: Für einmal wäre das deutsche «Freiwillige» ebenso falsch. Gemeint sind nämlich nicht Leute, die freiwillig einen Einsatz leisten, sondern gratis. Richtig wäre deshalb der etwas verstaubte Begriff «Ehrenamtliche».
  • vulnerabel: Das Wort «vulnerabel» begann während der Corona-Pandemie seine Karriere. Heisst nichts anderes als «empfindlich», «anfällig», «verletzlich», «verwundbar» oder «gefährdet». Es gäbe also eine ganze Reihe genauer Alternativen, die jeder versteht – auch ohne Hochschulabschluss.
  • wettbewerbsintensiv: Die «NZZ» informierte uns in einem Artikel über die Swisscom: «Der italienische Markt ist wettbewerbsintensiv und stark fragmentiert.» Das ist Marketingsprache. Wie alle Zusammensetzungen mit «-intensiv». Der italienische Markt ist ganz einfach «umkämpft» und stark «aufgespaltet».
  • wie: In letzter Zeit sind solche Sätze in Mode gekommen: «Ich habe es wie vergessen.» Der Zuhörer fragt sich: «Vergessen»? «Fast vergessen?» Oder «nicht vergessen»?
  • witterungstechnisch: Verlegenheitswort. Zum Beispiel verwendet, als ein Skirennen verschoben werden musste. Dabei ist an der Witterung nichts «technisch», sondern «natürlich». Zusammensetzungen mit «-technisch» sind meistens ebenso sinnlos wie Zusammensetzungen mit «-mässig».
  • woke: Modewort. Heisst «achtsam», «aufmerksam», «bewusst», «sensibel» oder «wachsam».
  • Zeitachse: Schlecht drücken sich nicht nur Journalisten aus, sondern auch Beamte. Der Kanton Luzern beklagte sich über den Bund: «Beantragte Massnahmen in der Grössenordnung von rund 200 Millionen Franken werden vom Bund nicht unterstützt oder auf der Zeitachse nach hinten verschoben.» Wer das verstehen will, muss sich ein Diagramm vorstellen – mit «Zeitachse». Dabei ginge es ganz einfach: Der Bund hat den Strassenausbau «aufgeschoben».
  • zeitintensiv: Wieder ein Modewort. Bedeutet «aufwendig» oder «zeitraubend».
  • zeitkritisch: Heisst eigentlich «dringend».
  • zeitnah: Ein wunderbares Wort für Schaumschläger. Alle anderen, die sich nicht festlegen wollen, sagen «bald» oder «rasch». Und alle, die sich festlegen, sagen «heute», «morgen» oder «nächste Woche».
  • Zivilbevölkerung: Gemeint ist eigentlich immer die «Bevölkerung».
  • Zivilgesellschaft: Und hier die «Gesellschaft». Dass diese zivil ist, versteht sich von selbst.

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