Tamedia-Verleger schweigt sich über eine Lösung für Westschweizer und Tessiner aus © rts/cc
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Pietro Supino redet am Wesentlichen vorbei

Urs P. Gasche / 31. Mrz 2015 - Der Tamedia-Verleger will die SRG aushöhlen, um den Zeitungen zu helfen. Seine radikalen Forderungen ignorieren die Rolle der SRG.

In einer ganzseitigen Philippika zieht Tamedia-Verleger Pietro Supino in der NZZ gegen die SRG vom Leder. Das Schweizer Fernsehen und das Schweizer Radio SRF sollen sich in Zukunft auf «Beiträge von staatspolitischer Bedeutung beschränken, die auf dem freien Markt nicht in gewünschtem Ausmass oder in der gewünschten Qualität angeboten werden».

SRG-Budget um einen Drittel kürzen

Einen solchen «Public Value Test» würden laut Supinos «grosszügiger» Schätzung nur ein Drittel aller Fernseh- und -Radiosendungen der SRG erfüllen. Daraus schliesst der Tamedia-Verleger: «Dafür brauchte es höchstens zwei Drittel der heute zur Verfügung stehenden Mittel

Der Verleger von «Tages-Anzeiger», «Der Bund», «Berner Zeitung», «Bernerbär», «SonntagsZeitung», «20Minuten», «20Minuten-online», «Landbote», «Zürcher Oberländer», «Zürcher Unterländer, «Zürichsee-Zeitung», «Le Matin», «Le Matin Dimanche», «24Heures», «Tribune de Lausanne», «Bilan», «Finanz und Wirtschaft» verlangt nichts weniger, als dass die SRG «wie die (britische) BBC auf Werbeeinnahmen verzichten kann» und im Internet auch auf werbefreie, umfassende Informationsportale verzichtet. Denn die Bezahlmodelle im Internet für Angebote der Tamedia könnten «nicht gelingen, wenn die SRG gebührenfinanzierte Gratis-Inhalte gleicher Art anbietet».

Westschweiz und Tessin mit keinem Wort erwähnt

Wer sich eine ganze Zeitungsseite lang über die Rolle der SRG und des Service public ausbreitet und mit keinem Wort die Rolle der SRG für die französische und die italienische Schweiz erwähnt, unterschlägt die wichtigste Funktion der SRG in unserem Land, nämlich öffentlich-rechtliche Fernseh- und Radioprogramme für diese sprachlichen Minderheiten zu ermöglichen.

Die in der Westschweiz und im Tessin erhobenen Gebühren sowie die vom Westschweizer Fernsehen eingenommenen Werbeeinnahmen würden bei weitem nicht reichen, um für derart kleine Bevölkerungsgruppen und Minderheiten eigene Programme zu produzieren.

Deshalb zweigt die SRG heute fast 40 Prozent der TV-Gebühren aus der Deutschschweiz und etwa die Hälfte der Werbeeinnahmen vom Deutschschweizer SRF TV für das welsche und das Tessiner Fernsehen und Radio ab.

Die genauen aktuellen Zahlen hätte Supino bei der SRG nachfragen können. Sobald das Deutschweizer Fernsehen Marktanteile und damit Werbeeinnahmen verliert, bekommen dies in erster Linie die Westschweizer und Tessiner zu spüren.

Wenn Pietro Supino das SRG-Fernsehen und -Radio auf «Beiträge von staatspolitischer Bedeutung» zusammenstutzen und das SRG-Budget um einen Drittel zusammenstreichen will, und überdies noch ein «Werbeverbot à la BBC» vorschlägt, dann ist von einem Gross-Verleger, der sich mit dem «Service public» befasst, zu erwarten, dass er gleichzeitig Vorschläge macht, wie die Westschweizer und die Tessiner ihre Fernseh- und Radioprogramme finanzieren sollen:

  • Braucht es dann eine Vervielfachung der Gebühren?
  • Muten wir den andern Sprachregionen Programme zu, die direkt vom Staat mit Steuergeldern (mit-)finanziert sind?
  • Sollen sich Welsche und Tessiner künftig mit nur je einem Fernseh- und Radioprogramm zufrieden geben?

Antworten auf solche Fragen bergen Zündstoff. Ein Verleger und Unternehmer sollte sich über die Folgen seiner Vorschläge Gedanken machen und diese nicht einfach unter den Tisch kehren.

BBC darf auf ihrem Internet-Portal Werbung akquirieren

Besonders fragwürdig ist der Vergleich Supinos mit der britischen BBC:

  • Erstens kann sie Fernsehprogramme ohne Werbeeinnahmen produzieren, weil dort fast zehnmal mehr Haushalte rund 250 Franken jährliche Gebühren zahlen.
  • Zweitens muss die BBC in Grossbritannien keine vergleichbaren, getrennten Programme in fremden Sprachen für Minderheiten finanzieren.
  • Drittens bietet die BBC ein umfassendes,

    kostenloses Informationsportal an, auf dem wenigstens im Ausland Werbung erlaubt ist.

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NACHSPIEL vom 15.4.2015:

Pietro Supinos Sprecher schweigt jetzt ebenfalls

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor war 1975/76 und 1985-1996 bei der SRG angestellt.

Weiterführende Informationen

Pietro Supinos ganzseitiger Artikel in der NZZ vom 31.3.2015

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11 Meinungen

Die Länge der Werbeblöcke auf SRF1 unterscheiden sich kaum noch von der bei den privaten Sendern. Zuviel Geld verschlingt der SRG-Wasserkopf. Service publique? Triviale Unterhaltung, Quiz und Shows, Talks... ad libitum! Politisch unausgewogene Beiträge in Informations- und Kultursendungen sind notorisch. Den «Zusammenhalt des Landes» zu bemühen um zu rechtfertigen, dass überproportional viel Gebührengelder in die Romandie und ins Tessin fliessen, ist obsolet, solange als sich das welsche Radio weigert, seine Programmangaben der marktbeherrschenden Radioprogrammzeitschrift der deutschen Schweiz (kultur-tipp) zu liefern und der Sender Swissclassic seine zweisprachige Moderation beenden musste, weil die welschen Hörerinnen und Hörer keine deutschen Ansagen goutieren. Aber nun ändern sich hoffentlich die Verhältnisse dieseits und jenseits der Saane, wenn die eben lancierte Initiative zur Abschaffung der Billag-Gebühren zustande kommt und in der Volksabstimmung angenommen wird.
Arnold Fröhlich, am 31. März 2015 um 17:35 Uhr
@ Herr Gasche
Interessant wär mal eine Recherche darüber wozu die SRG eigentlich noch Geld braucht:
Nachrichten?
= unausgewogen und von der US/Nato gesteuert, faktisch Propaganda.
wer zahlt, die erpressbaren Banken und Rohstoffkonzerne?
Unterhaltung: Glücksspiele mit kostenpflichtiger Anrufnummer (0900-xxx)
selbsttragend! Meistens sind es ENDEMOL Produktionen, Silvio Berlusconi lässt danken.
Werbesendungen zu medizinischen Themen - von der Pharmaindustrie und anverwandten Lobbygruppen gesteuert. = Kostenneutral da Werbesendungen.

Sportübertragungen = reine Werbeveranstaltungen mit einigen Zirkusaffen.
Die sollen zahlen für deren Erwähnung!

Was bleibt da an Substanz?
Der Wetterbericht - wurde gesponsert von XyZ, somit kostenneutral.
Kassensturz: hatte auch schon schärfere Zähne.

Was bleibt da noch?
Musikantenstadel: ein typischer Fall für die privaten Bezahlsender.
Superstar: dazu ist der Hörfunk wesentlich besser geeignet weil frei von Bildern.
Supermodels: sind ja gerne gesponsert von irgendeinem «Lumpenladen», auch so was für die privaten Bezahlsender.

Die Zusammenstellung beansprucht nicht deren Vollständigkeit. Die Stossrichtung kann jedoch nicht übersehen werden.

Herr Gasche, Sie kennen den Laden SRG. Danke für Aufklärung!



Etwas Musik: die Rechteverwerter kassieren, einige Verwalterjobs sind gesichert.
auch nicht so teuer.

DRS 2: klingt oft ganz gut, doch so teuer ist deren Etat nicht.
thomas schweizer, am 02. April 2015 um 00:11 Uhr
Es scheint ein Missverständnis vorzuliegen. Ein gleichwertiger Service Public für alle Landesteile wird von Pietro Supino nicht in Frage gestellt. In der ungekürzten Version seines Essays, das im April im Buch „Weniger Staat, mehr Fernsehen? SRG, Service Public und der Streit um die Fernsehsteuer» bei NZZ Libro erscheint, wird dieser Punkt explizit hervorgehoben und unterstützt.

Dass die Mehrsprachigkeit der Schweiz einen Einfluss auf die Finanzierung des öffentlichen Rundfunks hat, wird in der politischen Diskussion kaum bestritten. Aber es ist ein zu einfaches Argument, um allen Diskussionen um die Zukunft des Service Public aus dem Weg zu gehen. Das zeigt beispielsweise der folgende Vergleich: Schweden gab 2008 für den öffentlichen Rundfunk pro Kopf 58 USD aus (Werbung und öffentliche Mittel), die Schweiz im gleichen Jahr 203 USD. Auch im Vergleich mit anderen Ländern wie Belgien – das für Gesamtausgaben von 96 USD pro Kopf Programme in zwei Landessprachen anbietet – liegen die Ausgaben der SRG doppelt so hoch.
Christoph Zimmer, am 02. April 2015 um 11:23 Uhr
Ich kenne die Sendungen des Schwedischen Radios nicht, aber ich nehme nicht an, dass sie in diesem kulturell hochstehenden Land sehr viel anspruchsloser als in der Schweiz sind, wo z.B. Radio «SRF2 Kultur» seine Sendungen abspeckt, zusammenlegt und massiv an Qualität eingebüsst hat; vgl. die vielen entsprechenden Lesermeinungen der letzten Monate im Kultur-tipp.
Chr. Zimmers Zahlen beweisen, dass die SRG Geld für einen administrativen Apparat verbraten, der - gemäss den bekannten Parkinson'schen Gesetzen - in erster Linie sich selbst unter- und erhält. DIESER muss angespeckt werden und das passiert nur, wenn man ihm die wie Manna vom Himmel fallenden Einnahmen aus den Zwangsgebühren streicht, die nach Ideen des Bundesrates nun auch Leute zahlen sollen, die entweder keine SRG-Sendungen sehen und hören oder (an ihrem Arbeitsplatz!) gar nicht über ein Empfangsgerät verfügen. Ein obrigkeitlich verordneter «Service publique» braucht es nicht. Die SRG soll sich, wie andere Medienunternehmen im Bereich der Presse und der privater Radioanbieter, dem Wettbewerb des Marktes stellen müssen.
Arnold Fröhlich, am 02. April 2015 um 14:11 Uhr
Tippfehlerkorrektur: Muss natürlich heissen: «Dieser muss ABGESPECKT werden..."
Arnold Fröhlich, am 02. April 2015 um 14:13 Uhr
@Christoph Zimmer. Zur Transparenz unserer Leserschaft hätten Sie angeben können, dass Sie Mediensprecher von Tamedia, d.h. von Pietro Supino sind. Sie zitieren ein Essay von Herrn Supino, auf das sich sein NZZ-Text stützt. Ich aber habe festgestellt, dass der Tamedia-Verleger auf einer ganzen Seite in der NZZ, die er abgesegnet hat, kein einziges Wort über die Folgen seiner Forderungen für die Westschweiz und das Tessin verliert.
Zu Ihrem Vergleich mit Schweden und Belgien: Sie lenken damit davon ab, um auf die von mir aufgeworfenen Fragen über die konkrete Finanzierung der Westschweizer und Tessiner Programme keine Antwort geben zu müssen. Noch besser wäre es, Herr Supino würde diese Antworten geben bzw. Vorschläge machen. Wir publizieren sie gerne auf Infosperber.
Urs P. Gasche, am 02. April 2015 um 19:08 Uhr
@ Urs P. Gasche: In seinem ausführlichen Essay geht Pietro Supino wie erwähnt auf die gleichwertige Service-Public-Versorgung der Landesteile ein. Zentrale Aussage seines Textes in der NZZ ist aber, dass sich die SRG auf die Erbringung eines echten Service Public konzentrieren sollte und dass die Finanzierung dieser Leistung durch ihre Gebühreneinnahmen von 1.203 Milliarden Franken mehr als gesichert ist. Die Gebühreneinnahmen steigen jährlich automatisch - in den vergangenen fünf Jahren um 10 Millionen pro Jahr - gleichzeitig sinken die Produktionskosten der SRG (siehe dazu unter anderem http://medienwoche.ch/2015/03/30/wer-kassiert-welche-digitalisierungsdividende/). Service Public in allen Landesteilen ist deshalb - wie eben auch der Vergleich mit anderen Ländern wie Schweden oder Belgien zeigt - ohne Werbefinanzierung durchaus möglich.
Christoph Zimmer, am 04. April 2015 um 22:20 Uhr
@Christoph Zimmer: Dass der Tamedia-Verleger nur einen Drittel der heutigen SRG-Beiträge als «Service public» betrachtet und verlangt die SRG soll sich auf «Service public»-Beiträge beschränken, habe ich in meinem Artikel zitiert. Dies wäre mit einem grossen Einbruch an ZuschauerInnen und einer massiven Markteinbusse verbunden. Das wiederum würde die Werbeeinnahmen der SRG auf einen Bruchteil schrumpfen lassen. Leider verschweigt Supino, mit welch tiefem Marktanteil der SRG er dann noch rechnet und mit wie viel weniger Werbeeinnahmen. Um diese Angaben wäre ich dankbar.
Frage: Kann ich die von Ihnen angegebenen Vergleichszahlen mit Schweden und Belgien als Aussagen von Pietro Supino zitieren? Oder sind Sie als Tamedia-Sprecher der Ghostwriter von Supinos Artikel und müssen diesen Artikel jetzt verteidigen?
Urs P. Gasche, am 05. April 2015 um 09:54 Uhr
Auch ich könnte auf Sendungen verzichten, z.B. die kostenträchtigen Fussballmatches. Die Programmgestaltung wird ewig ein Streitpunkt sein. Supino ist Konkurrent und sein Artikel in der NZZ muss entsprechend eingestuft werden. Dass sich hier auch die Billag-Abschaffer zu Wort melden war zu erwarten.
Jürg Schmid, am 06. April 2015 um 15:31 Uhr
Herr Gasche als ehemaliger Fernsehmitarbeiter argumentiert in dieser Debatte so, dass auch ich als Fernsehabstinent und grundsätzlicher Verweigerer von Zwangszahlungen hier das Problemfeld des service public so differenziert dargestellt sehe, dass es mir zum Beispiel als Staatskundelehrer die Grundlagen für eine unparteiische Debatte ermöglicht. Noch gut und überdurchschnittlich informativ ist überdies die Darstellung der SRG und ihrer semipolitischen Struktur durch Rico Bandle in der neuesten Ausgabe der Weltwoche. Er arbeitet glaubwürdig heraus, dass die Zuschauermitwirkung bzw. -mitbestimmung auch als Mitglied der Regionalvereine der SRG nun halt mal sehr bescheiden ist und dass etwa auch die «Wirkung» einer Ombudsstelle vor allem eine Alibifunktion hat.
Pirmin Meier, am 10. April 2015 um 12:20 Uhr
@Urs P. Gasche: Noch einmal: Pietro Supino hat eine für alle Landesteile gleichwertiges SRG-Programm nicht in Frage gestellt. Er spricht sich im Gegenteil dafür aus. Da ich zunächst dachte, es liege ein Missverständnis vor, wollte ich dieses – als Tamedia-Sprecher natürlich auch im Sinne von Pietro Supino – klären. Pietro Supino vertritt die Ansicht, dass die die SRG sich in allen Landesteilen auf die Erbringungen eines «Service Public» im eigentlichen Sinne konzentrieren sollte und dass sich dieser aus den Gebühren im aktuellen Umfang ohne zusätzliche Werbeeinahmen finanzierbar liesse. Weiter sagt er zu Fernsehwerbung, dass eine Entkommerzialisierung des SRG-Angebotes im Sinne des Sache wäre. Aber da seine Positionen öffentlich bekannt sind und unser Austausch in diesem Forum mir keinen wirklichen Erkenntnisgewinn zu versprechen scheint, lasse ich es dabei bewenden.
Christoph Zimmer, am 28. April 2015 um 20:37 Uhr

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