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Gemeinsame Forderungen an Gesundheitsminister Alain Berset

BR Berset könnte Tausende Todesfälle vermeiden

Urs P. Gasche / 03. Mai 2012 - Patienten- und Konsumentenorganisationen der ganzen Schweiz fordern elektronische Patienten-Dossiers, die ihren Namen verdienen.

Allein in den Schweizer Akutspitälern kommt es jedes Jahr zu rund 130'000 Zwischenfällen mit gesundheitlichen Folgen für die Patienten und zu mindestens 1300 vermeidbaren Todesfällen. Das bestätigt die Stiftung Patientensicherheit. Das Bundesamt für Gesundheit geht sogar von 2000 bis 3000 vermeidbaren Todesfällen aus.

Über 50'000 Patientinnen und Patienten lesen während ihres Spitalaufenthalts vermeidbare Infektionen auf und erkranken deshalb häufig an einer Lungenentzündung oder eines Abzesses. Dazu kommen noch mehr Patientinnen und Patienten, die in Spitälern Opfer von vermeidbaren Pannen, Irrtümern oder von Behandlungen werden, die nicht dem allgemein anerkannten Standard entsprechen.

Gesundheitliche Schäden wegen unkompatibler Medikamente

Weitere 5000 Patientinnen und Patienten sterben, weil ihnen Praxisärzte Medikamente verschrieben haben, die miteinander nicht kompatibel waren. Das schätzen die Pharmakologie-Professoren Gerd Kullak-Ublick und Stephan Krähenbühl.

Andere vermeidbare Fehler und Pannen in Arztpraxen, namentlich wegen falscher Diagnosen, sind bei all diesen Zahlen noch nicht berücksichtigt.

Die Folgen all dieser Zwischenfälle sind längere Spitalaufenthalte, vermeidbare Komplikationen und Nachbehandlungen sowie ungeplante Wiedereintritte ins Spital.

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DATENAUSWERTUNG WÜRDE VIELE SCHWACHSTELLEN FRÜHER ERKENNEN

Viele dieser vermeidbaren Komplikationen und Todesfälle könnten verringert werden, wenn Spitäler und Spezialarztpraxen die Patientendaten einheitlich erfassen und auswerten würden.

Was im Verkehrswesen und in der Bauwirtschaft schon längst selbstverständlich ist, ist der Gesundheitsbranche fremd.

Ereignen sich an der gleichen Kreuzung in kurzer Zeit zwei Todesfälle, wird die Kreuzung sofort saniert. Strassenverantwortliche können so schnell handeln, weil die Unfälle zentral gemeldet werden. Nur deshalb wird schnell erkannt, welche Gestaltung der Kreuzung an den Todesfällen schuld ist.

Oder ein Flugzeugabsturz mit 150 Toten: Die Daten werden sofort zentral ausgewertet, Schwachstellen weltweit publiziert und die Flugzeuge des gleichen Typs bei allen Fluggesellschaften der Welt gegroundet, kontrolliert und verbessert.

Oder die Suva: Verunfallen mehrere Bauarbeiter am gleichen Gerüst oder mit der gleichen Maschine, so werden alle diese Unfälle der Suva gemeldet, so dass diese sofort Massnahmen anordnen kann, um weitere Unfälle zu vermeiden.

Keine Datenauswertung im Gesundheitswesen

Nicht so im Gesundheitswesen. Trotz mehrerer Tausend vermeidbarer Todesfälle und Zehntausender vermeidbarer Komplikationsfällen werden die Daten nicht einmal nach gleichen Kriterien erfasst, geschweige denn zentral ausgewertet.

Ein frühzeitiges Erkennen von schlechten Behandlungsmethoden, von überdurchschnittlich vielen Infektionsfällen, von schlechten Implantaten oder von gravierenden Medikamenten-Nebenwirkungen ist damit unmöglich.

Was die Datenverarbeitung betrifft, sind Spitäler, Ärzte und Apotheker schwer im Rückstand. Während wir unser Bankgeschäfte und Steuerdaten elektronisch erfasst im Internet abrufen und konsultieren können, suchen wir unsere persönlichen Gesundheits-Dossiers vergeblich. Erst etwa jede siebte Arztpraxis erfasst die Patientendaten elektronisch. Und bei den Spitälern haben fast alle eine andere Software. Häufig ist der Datenaustausch nicht einmal zwischen einzelnen Abteilungen des gleichen Spitals möglich, geschweige denn zwischen den Spitälern und Reha-Kliniken und Praxisärzten.

Davon haben zwanzig Chefärzte und Klinikdirektoren der Region Zürich die Nase voll. In einem gemeinsamen «Manifest» kritisieren sie den «unnötig hohen Grad an spital-, klinik- und abteilungsspezifischer Individualität». Sie fordern «ein einheitliches Informationssystem in allen Schweizer Spitälern» sowie endlich «eine einheitliche Leistungserfassung».

Bundesgesetz über das elektronische Patienten-Dossier

Der Protest der Chefärzte ist vor dem Hintergrund des geplanten «Bundesgesetzes über das elektronische Patientendossier» zu sehen, das noch der frühere Gesundheitsminister Didier Burkhalter in Vernehmlassung geschickt hatte. Dieses Gesetz schreibt weder eine einheitliche Codierung der erfassten Daten vor, noch eine zentrale anonymisierte Auswertung, noch das obligatorische Mitmachen von Arztpraxen und Spitälern.

Bis eine Auswertung der Daten möglich werde mit dem Zweck, Schwachstellen der Gesundheitsversorgung frühzeitig zu erkennen, dauere es eine weitere Generation, beschied das Bundesamt für Gesundheit.

Schon seit 1996 gibt das Kranken- und Unfallversicherungsgesetz KVG dem Bundesrat die Kompetenz, von Spitälern Daten zur Qualitätsüberprüfung einzufordern. Für eine Qualitätsüberprüfung müssten die Daten einheitlich und miteinander vergleichbar sein. Doch der Bund hat solche Daten nie eingefordert.

Protest der wichtigsten Patienten- und Konsumentenorganisationen

Patienten- und Konsumentenorganisationen verlangen jetzt endlich eine zentrale Auswertung der anonymisierten Daten durch eine Stelle, die von den Leistungserbringern unabhängig ist. Ärzte und Spitäler müssten obligatorisch mitmachen und alle Daten seien selbstverständlich nach einheitlichen Kriterien und Kodierungen zu erfassen.

Bei den nicht anonymisierten persönlichen Daten müssten die Betroffenen autonom entscheiden können, wem sie diese Daten zugänglich machen.

Gemeinsame Forderungen

Patienten- und Konsumentenorganisationen verlangen jetzt endlich eine zentrale Auswertung der anonymisierten Daten durch eine Stelle, die von den Leistungserbringern unabhängig ist. Zu diesem Zweck müssten Ärzte und Spitäler die anonymisierten Daten nach einheitlichen Kriterien und Kodierungen auf elektronischem Weg obligatorisch liefern.

Der Dachverband Schweizerischer Patientenstellen DVSP, das Westschweizer und Tessiner Konsumentenforum und die Stiftung für Konsumentenschutz SKS haben sich auf folgende gemeinsame Forderungen zu Handen von Gesundheitsminister Alain Berset geeinigt:

1. Der Bund muss formale, einheitliche und vergleichbare Kriterien für die Datenerfassung erlassen, möglichst identisch mit einem ausländischen Vorbild.

2. Der Bund muss den Leistungserbringern eine Frist setzen zum obligatorischen Mitmachen.

3. Die Patientinnen und Patienten entscheiden autonom und freiwillig, welche Daten gegenüber den einzelnen Leistungserbringern einsehbar sind.

4. Eine zentrale Stelle, die von den Leistungserbringern unabhängig ist, muss die anonymisierten Daten auswerten und die Resultate veröffentlichen.

5. Die PatientInnen und KonsumentInnen wollen das «gläserne Spital» und den «gläsernen Spezialisten».

6. Die Zeit drängt. Die eHealth-Patientendossiers sind beschleunigt zu verwirklichen.

«Es geht um Tausende von vermeidbaren Todesfällen und Zehntausende von vermeidbaren Komplikationen, Infektionen, Unverträglichkeiten, Medikationsfehlern und Irrtümern – mit häufig schweren Folgen für Patientinnen und Patienten», erklärt Erika Ziltener, Präsidentin des Dachverbands der Patientenstellen.

Einige der Forderungen könne Bundesrat Alain Berset in alleiniger Kompetenz erfüllen. «Ob er es tut oder nicht, wird mit entscheiden, wie viele weitere Patientinnen und Patienten in den kommenden zehn und zwanzig Jahren vermeidbare gesundheitliche Konsequenzen erleiden müssen oder sogar an vermeidbaren Todesursachen zu sterben», meint Ziltener.

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LES EXIGENCES COMMUNES EN FRANÇAIS

Les exigences des patients et des consommateurs sont les suivantes :

1 La Confédération doit édicter des critères formels, uniformes et comparables pour la collecte des données, aussi identiques que possible avec un modèle étranger.

2. La Confédération doit fixer un délai aux fournisseurs de prestations pour leur participation obligatoire.

3. Les patients décident de manière autonome et volontaire quelles données peuvent être consultables par les différents fournisseurs de prestations.

4. Un organe central, indépendant des fournisseurs de prestations, doit évaluer les données anonymisées et publier les résultats.

5. Les patients et les consommateurs veulent «l'hôpital de verre» et les «spécialistes de verre.»

6. Le temps presse. Les dossiers de patients e-health doivent devenir réalité de manière accélérée. Il s'agit de centaines de décès évitables et des dizaines de milliers de complications, d’infections, d’allergies et de fautes et d’erreurs de médication évitables - souvent avec des conséquences graves pour les patients.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Mitglied des Stiftungsrats der Schweizerischen Stiftung für Konsumentenschutz.

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