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Danco Island, Antarktis © Derek Oyen, Unsplash

Überlaufene Wildnis: Immer mehr Touristen am Südpol

Daniela Gschweng /  Die Exklusivität von Antarktis-Reisen wird zur Illusion. Die Touristen stehen den Pinguinen fast auf den Füssen.

In der Antarktis findet dieser Tage wieder eine Art Ringelreihen statt. Es ist Südpol-Sommer. Hochsaison. Erwartet werden 100’000 Tourist:innen, die von anderen Reisenden möglichst wenig mitbekommen sollen.

Vor drei Jahren, in der Saison 2019/2020, reisten noch 75’000 Touristen ans südliche Ende der Welt. Den Eindruck der abgelegenen, unberührten Wildnis zu erhalten, wird immer schwieriger.

So tun, als wäre man alleine da

Für die Kapitäne der Kreuzfahrtschiffe gleicht es einer komplizierten Choreografie, ausser Sichtweite der anderen Schiffe zu bleiben. «Die Besucher tun so, als ob sie die Einzigen wären», beschreibt die Ökologin Dana Bergstrom, die für die Australian Antarctic Division arbeitet, gegenüber dem «Guardian».

Besucherinnen und Besucher sollen am Südpol finden, was sonst selten ist: Saubere, einsame, unberührte und deshalb beeindruckende Natur. Eine Antarktiskreuzfahrt sei die ultimative Reise, wirbt ein Tourenveranstalter.

Jedes Jahr mehr Touristen

Tourismus in der Antarktis gibt es seit den 1950er-Jahren. Die erste touristische Expedition fand 1966 statt, seit 1970 gibt es regelmässig Kreuzfahrten. In den 1980er und 1990er Jahren gingen Tourist:innen auch für kurze Besuche an Land, um aus sicherer Entfernung Tiere zu beobachten.

Wer die Antarktis besucht, kann dort inzwischen Kajak und Ski fahren, Schneeschuh wandern, klettern und für kurze Übernachtungen bleiben. Es gibt sogar jedes Jahr einen Marathonlauf auf King George Island. Die Fahrten werden immer luxuriöser.

IAATO-Antarktis-Besucherstatistik-2011-2022
Mit Ausnahme der Saison 2021/2022, in der Reisebeschränkungen galten, stiegen die Besucherzahlen in der Antarktis bisher jedes Jahr.

Mit Ausnahme der Saison 2021/2022 stiegen die Besucherzahlen jährlich an, zeigt der Jahresbericht der Antarktis-Reiseveranstalter IAATO. Peter Carey, ein Forscher am Wilson Center, hat laut dem «Guardian» kürzlich 42 Kreuzfahrtschiffe in der Region gezählt. Erst 2020 wurde die Flotte von 40 Schiffen auf 69 aufgestockt.

Ego- statt Öko-Tourismus

In diesem Umfang sei Tourismus in der Antarktis nicht mehr nachhaltig, sagt die Ökologin Bergstrom.

Aus Öko- werde zunehmen Ego-Tourismus, findet sie. Die Ökologin ist nicht die Einzige, die besorgt ist über die Entwicklung. Die Antarktis ist ein einzigartiges, empfindliches Ökosystem. Es entstand, weil der unwirtliche Ort Millionen Jahre vom Rest der Welt getrennt war.

Diese Isolation wird durch den zunehmenden Tourismus aufgehoben, mit allen unschönen Begleitumständen. Lärm und Abgase der Kreuzfahrtschiffe können die Tierwelt stören, Touristen können fremde Pflanzen einschleppen oder Krankheiten wie die Vogelgrippe.

Die meisten Besucher:innen stammen aus den USA und China. Sie buchen eine ein- bis zweiwöchige Kreuzfahrt von Argentinien aus.

Auf die wenigen Tourenplätze beginne ein «irrer Run», sobald die Touren veröffentlicht würden, berichtet die ehemalige Touristenführerin Hanne Nielsen. Man versuche, die Illusion der Exklusivität zu erhalten, sagt die Dozentin für antarktisches Recht und Regierungsführung an der Universität von Tasmanien, die fünf Jahre lang als Tourguide in der Antarktis und dem südlichen Neuseeland gearbeitet hat.

Angebliche «Citizen Science» als ökologisches Feigenblatt

Die Antarktis wird immer mehr zum Mitmach-Erlebnis. Wer schon einmal dort ist, kann bei vielen Veranstaltern gleich noch Gutes tun: Tiere zählen, Wasserproben nehmen oder das Wetter beobachten zum Beispiel.

Auf einer PR-Tour von Airbnb an den Südpol sammelten die Teilnehmenden vor fünf Jahren beispielsweise gleich noch Schneeproben für die Wissenschaft (Infosperber berichtete). Solche Citizen-Science-Projekte sind oft unsinnig und schaden mehr, als sie nützen, sagen Forschende. Es verschaffe den Veranstaltern eine Art soziale Lizenz für den Tourismusbetrieb, sagt Nielsen.

Die Organisatoren geben sich Mühe, die Umweltgefahren zu begrenzen. Besucher dürfen sich nicht auf den Boden oder in den Schnee setzen und müssen Abstand von Wildtieren halten. Schuhe und Ausrüstung werden vor Landgängen kontrolliert, damit keine fremden Samen an Land gelangen.

Zu wenig Regeln und zu viele Touristen – das Risiko steigt

Schiffe, die weiter als bis zum 60 Breitengrad fahren, dürfen kein Schweröl mehr verbrennen.

Diese Regel der Internationalen Schifffahrtsorganisation IMO ist fast die einzige, die es bisher in der Antarktis gibt. Noch ist weder die Zahl der Touristen noch die der Kreuzfahrtschiffe begrenzt.

Landgänge sind auf etwa 200 Hektaren erlaubt, verteilt über ein Gebiet so gross wie Frankreich. Reiseveranstalter müssen eine Umweltverträglichkeitsprüfung vorlegen. Der Antarktisvertrag regelt den Umgang mit Abfall, Meeresverschmutzung und Fischerei. Es gibt bisher keinen Anhang, der sich mit Tourismus befasst.

Das Risiko steigt, je mehr Touristen kommen. Immer wieder gibt es Unfälle, bisher glücklicherweise keine grösseren. Und die Antarktis bleibt eine menschenfeindliche, leere Gegend. Bei einem Unglück wie der Havarie eines Kreuzfahrtschiffes könnten Mensch und Umwelt wegen der abgelegenen Lage nur unter grossen Schwierigkeiten geholfen werden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

Velofahrer

Anders Reisen – Umwelt schonen

Wie sich der Konflikt zwischen Reiselust und Klimafrust entschärfen lässt: Alternativen im Tourismus.

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Eine Meinung zu

  • am 2.03.2023 um 07:53 Uhr
    Permalink

    Die Leute fliegen alle zum Südpol um ’sich über die Folgen des Klimawandels zu informieren›. Die Reise wird natürlich mit Zertifikaten kompensiert…

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