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In der Antarktis gibt es bisher nur unbefestigte Flughäfen, wie diesen Gletscherflughafen auf dem Union Glacier. © cc-by Christopher Michel

Australien will Milliarden-Flughafen in die Antarktis bauen

Daniela Gschweng /  Experten halten den Plan für überrissen und ökologisch desaströs. Es geht auch um politische Symbolik.

Geht es nach den Plänen Australiens, wird in der Antarktis demnächst der erste ganzjährig nutzbare Flughafen gebaut. Das Multi-Milliarden-Projekt sieht eine 2,7 Kilometer lange Landebahn an einem der abgelegensten Orte der Welt vor. Die Planung ist bereits angelaufen – bis Anfang Februar können sich interessierte Unternehmen melden, die in der Antarktis bauen wollen.

Kritiker bezeichnen das Mega-Projekt als ökologisch wie finanziell unsinnig. Australien will damit ein geopolitisches Symbol an den Südpol setzen. Andere Staaten könnten folgen.

Ein Runway für 20 Wissenschaftler

Das geplante «Davis Aerodrome» soll laut der australischen Regierung den Zugang zur fünf Kilometer entfernten Davis-Forschungsstation erleichtern. Auf der australischen Station halten sich im Sommer bis zu hundert Personen auf, im Winter sind es etwa 20.

Die Forschenden im Camp ihrerseits wollen eine solche Erleichterung teilweise gar nicht, zu gross sei die ökologische Belastung, sagen sie. Neben der Zerstörung durch den Bau würde der Lärm der ankommenden und abfliegenden Flugzeuge regelmässige Störungen für Brutkolonien von Riesensturmvögeln, Robben und Adéliepinguinen mit sich bringen. Und das in einer Weltgegend, in der schon Tourismus kritisch zu sehen ist.

Ein Vorhaben mit diesen ökologischen Auswirkungen sei bisher einmalig in der Antarktis, sagte Shaun Brooks, Umweltwissenschaftler am Institut für Antarktisstudien der University of Tasmania gegenüber dem «Guardian». Brooks schätzt, dass das Flughafen-Projekt den menschlichen Fussabdruck in der Antarktis um 40 Prozent erhöhen wird. Die University of Tasmania ist eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen in der Antarktis.

Grossbaustelle für zehn Jahre

Für den Bau benötigt werden beispielsweise 11’500 in Australien gefertigte Betonblöcke, von denen ein einzelner zehn Tonnen wiegt. Dazu käme zusätzliche Infrastruktur, wie ein Lagerbereich für Sprengstoffe und Flugbenzin, Gebäude für Feuerwehr und Rettung, obendrauf Landgewinnung aus dem Meer für eine Werft und eine vier Kilometer lange Zufahrtsstraße. Die Planung sieht vor, umliegende Hügel einzuebnen. Der gesamte Bau würde mindestens ein Jahrzehnt dauern.

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Ein Adéliepinguin mit einem frisch geschlüpften Küken.

Wofür, ist fraglich. Geoff Dimmock, Logistiker im Ruhestand und ehemals zuständig für die Postverteilung in der Antarktis, erzählt, in den 1980er-Jahren habe ein einziger Postflug eine Panik in einer Kolonie von Königspinguinen ausgelöst, bei der 7000 Tiere starben. Pinguine wärmen ihre Eier auf den Füssen, bis das Küken schlüpft. Bei einer Stampede sind die Eier den harschen antarktischen Bedingungen ausgesetzt. Lärm kann die Arterhaltung also empfindlich stören.

Der ehemalige Logistik-Manager hält das australische Mega-Projekt nicht nur für ökologisch fragwürdig, sondern auch für wirtschaftlich überrissen, und bescheinigt ihm ein «schlechtes Preis-Leistungs-Verhältnis».

Schlechtes Vorbild für die Weltgemeinschaft

Die australische Regierung versichert, bei der Durchführung des Projekts so umweltschonend wie möglich vorzugehen. Sowohl Brooks wie Dimmock halten das für schwer möglich. Zudem gebe Australien damit international ein schlechtes Vorbild ab.

Auch ohne Neubauten verursacht die zunehmende menschliche Anwesenheit am Südpol Emissionen, Abfälle und Lärm. Um die 80 Forschungsstationen zu erreichen, von denen die Hälfte ganzjährig besetzt ist, gibt es derzeit etwa 40 unbefestigte Flugpisten in der Antarktis. Das Wilkins Aerodrome bei Camp Davis ist erst seit 2008 in Betrieb. Die Piste besteht aus Gletschereis, das im Hochsommer instabil wird. Während dieser Zeit gibt es keine Flüge.

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Australien plant einen befestigten Flughafen nahe der Davis-Forschungsstation in der Antarktis.

Für eine Handvoll Forschende, die bisher auch ohne einen gut ausgebauten Flughafen auskommen, sei ein solches Unternehmen unnötig, sagen Brooks wie Dimmock. Um die Wissenschaft ginge es dabei kaum. Obwohl sich die Flugpause wegen des Klimawandels in den vergangenen Jahren um mehrere Wochen verlängert habe, käme man seit Jahrzehnten gut zurecht. Viel eher ginge es darum, «Flagge zu zeigen».

Ein Symbol geopolitischer Interessen

Hinter dem geplanten Flughafen stehen weniger wissenschaftliche als geopolitische Interessen. Australien bemüht sich, in der Antarktis Präsenz zu zeigen, vor allem gegenüber China. Die asiatische Grossmacht betreibt in der Antarktis vier Forschungsstationen, drei davon auf australischem Territorium. 2022 will China eine fünfte Basis eröffnen.

Wobei «Territorium» in diesem Zusammenhang ein schwieriger Begriff ist. Der Antarktis-Vertrag, untersagt Gebietsansprüche in der Antarktis. Dennoch gibt es mehr oder weniger scharf umrissene Ansprüche.

Die internationale Übereinkunft, die 1961 in Kraft trat, legt fest, dass die Antarktis nur für friedliche Zwecke genutzt werden darf, sie erlaubt wissenschaftliche Forschung, aber keine wirtschaftliche Ausbeutung oder militärische Aktivitäten. Internationale Übereinkommen schützen die einzigartige antarktische Flora und Fauna. Das 60 Jahre alte Vertragswerk ist unbegrenzt gültig, könnte jedoch in den nächsten Jahrzehnten überarbeitet werden, mehrere Staaten versuchen, sich dafür in Position zu bringen.

Kaum Kontrolle, was in der Antarktis geschieht

Dafür, dass die Kriterien eingehalten werden, sorgen Kontrollen durch andere Staaten. Praktisch sind diese schwer durchzuführen. Ein Team in die Antarktis zu senden, ist aufwendig und teuer. Australische Kontrolleure prüften laut «ABC» in den acht Jahren vor 2019 genau eine ausländische Station, die von den USA betrieben wird. Die chinesische Station Kunlun, die es seit mehr als 10 Jahren gibt, ist schwer zugänglich und wurde noch nie kontrolliert.

Obwohl China seine Aktivitäten in der Antarktis in dieser Zeit ausgebaut habe, erschienen diese durch geschickte Medienpräsentation umfangreicher als sie seien, bemerkt «Forbes». Chinas Präsenz in der Antarktis sei verglichen mit anderen Ländern gering, Chile und die USA haben wesentlich mehr Personal vor Ort und betreiben mehr Basen. Zudem habe China regelmässig logistische Probleme.

Australien ist mit China wirtschaftlich eng verbunden. Noch im Dezember retteten die beiden Staaten in einer aufwendigen Aktion gemeinsam einen Notfallpatienten aus der Antarktis. Es geht also vor allem um politische Symbolik. Aber nicht nur – Australien und Neuseeland argwöhnen, dass China in der Antarktis militärische Forschung zu Navigationssystemen betreibt.

Der Bau des australischen Flughafens könnte zu weiteren, ähnlichen Bauvorhaben anderer Staaten führen und damit die Umweltbilanz des antarktischen Kontinents nachhaltig verschlechtern.


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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