Grasende Kühe

Von wegen Gras von der Alp - die meisten Kühe in der Schweiz bekommen Sojafutter, damit sie schnell zunehmen und viel Milch geben. © Pixel-Sepp (Pixabay)

Immer noch Tierfutter auf Kosten des Regenwaldes

Daniela Gschweng /  Auch Schweizer Tiere fressen zertifiziertes Soja, in Brasilien wird trotzdem weiter abgeholzt. An den Zertifikaten gibt es Zweifel.

In die Schweiz werden jedes Jahr rund 300’000 Tonnen Soja-Futtermittel importiert. Ohne die eiweisshaltige Sojabohne würden Nutztiere kaum schnell genug wachsen und genügend Milch und Eier produzieren, um den Markt zu versorgen.

Die Massentierhaltung in Europa wäre ohne Soja nicht möglich. Angebaut wird es unter anderem in Südamerika, doch speziell in Brasilien ist der Anbau problematisch. Nachhaltigkeits-Zertifikate sollen dafür sorgen, dass für Soja kein Regenwald verschwindet. Trotzdem wird immer weiter abgeholzt. 

Viele Standards, grosse Zweifel

Im vergangenen Jahr waren 93 Prozent der Sojafutter-Importe in die Schweiz zertifiziert, gibt das Soja Netzwerk Schweiz an. Der Anteil von Soja aus Brasilien sei 2021 auf 18 Prozent gesunken, 79 Prozent aller Importe stammten aus Europa. In den Jahren davor waren es noch 58 Prozent.

An der Aussagekraft von Soja-Zertifikaten gibt es jedoch Zweifel. Allein schon, weil zahlreiche unterschiedliche Labels existieren. Für in die Schweiz importiertes Soja gibt es mehr als fünf Standards. Die wichtigsten sind Europe Soya, ISCC PLUS und ProTerra. Dass dieser «Label-Salat» nicht sehr konsumentenfreundlich ist, kennt man aus anderen Bereichen wie Möbel und Textilien.

Welches Label am besten verhindert, dass in Brasilien Regenwald für Soja gerodet wird, und ob das so zertifizierte Sojafutter in seinem Rindsfilet steckt, darüber kann sich der Konsument nur schwer ein Urteil bilden.

Woher das Sojafutter in ihren Lieferketten genau kommt und inwieweit es zertifiziert ist, darüber hüllten sich die grossen Detailhändler meist in Schweigen und beliessen es bei Absichtsbekundungen, stellt «Die Zeit» in einer Reportage über ein Dorf im Norden Brasiliens fest (Paywall, frei zugängliche englische Version hier).

Viele gute Absichten, aber wenig Konkretes vom Handel

Das ist auch in der Schweiz nicht anders: «Als Pionierin engagieren wir uns deshalb national wie international für die Verwendung von Soja aus nachhaltigem Anbau», schreibt beispielsweise die Migros, Mitglied des Sojanetzwerks Schweiz und des Round Table of Responsible Soy (RTRS). Die Kontrolle der Farmen und des Warenflusses erfolge durch unabhängige Stellen.

«Auch wenn wir viel tun, um die Sojaproduktion nachhaltiger zu gestalten, gehört Soja für uns nach wie vor zu den kritischen Rohstoffen. Deshalb versuchen wir laufend, unseren Sojaverbrauch zu reduzieren», schreibt der Detailhändler Coop, der ebenfalls Mitglied in beiden Organisationen ist. Kein Wort davon, woher das Sojafutter in der Lieferkette kommt und wie viel davon zertifiziert ist.

Oft lasse sich nicht feststellen, woher genau das in der Schweiz verfütterte Soja komme, fand auch eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), die 2021 im Auftrag von Greenpeace Schweizer Futtermittelimporte untersuchte.

Wie kommen die Zertifikate zustande?

Mit dem Soja-Moratorium, das seit 2006 gilt, sollte sich das eigentlich bessern. Die Abmachung zwischen Umweltorganisationen, Herstellern und brasilianischer Regierung regelt, wo wie viel abgeholzt werden darf. Sie untersagt den Handel mit Soja von Regenwaldflächen, die nach 2008 gerodet wurden und führte ein verpflichtendes Landregister ein.

Zertifikate sollen belegen, dass alles mit rechten Dingen zugeht, keine gentechnisch behandelten Pflanzen verwendet werden, kein Landraub vorliegt und Arbeitskräfte anständig behandelt werden.

Brasilien allerdings ist ein riesiges Land, in dem Eigentumsansprüche teilweise noch immer mit dem Recht des Stärkeren durchgesetzt werden.

Kontrolleure verlassen sich auf ein zweifelhaftes Register

Wenn ein neuer Acker in ein Zertifizierungsprogramm aufgenommen wird, wird er zwar kontrolliert. Bei der Prüfung verlassen sich die Kontrolleure aber oft auf das brasilianische Landregister CAR (Cadastro Ambiental Rural).

Dessen Eintragungen seien aber allzu oft falsch, berichtet «Die Zeit». Für ein überprüftes Gebiet gebe es beispielsweise 17 Prozent mehr eingetragenes Land, als überhaupt Fläche zur Verfügung stehe. Inzwischen trügen Land- und Forstwirte ihre Grundstücke selbst ein. Oft sind es Flächen, die Indigenen zustünden, welche sich aber kaum wehren können. Den Händlern wiederum reicht ein CAR-Zertifikat als Beleg dafür, dass das Land dem Bauern gehört.

Die Produktionsbetriebe werden sonst eher selten kontrolliert. Der Round Table for Responsible Soy mit Sitz in Zürich kommt einmal im Jahr bei teilnehmenden Farmern vorbei, hat «Die Zeit» recherchiert. Die Kontrolleure prüfen, ob gerodet wurde, ob es Landkonflikte gibt, welche Pestizide eingesetzt werden und wie die Arbeitsbedingungen sind.

Zertifizierende sind nicht wirklich unabhängig

Organisationen wie RTRS Schweiz führen die Kontrollen auch nicht selbst durch. Die Organisation beauftragt Subunternehmer. Diese werden für die Abnahme von den Landbesitzern bezahlt. Inwieweit eine Kontrolle damit noch unabhängig stattfinden kann, ist fraglich. Dieses Subunternehmer-System sorgt auch bei anderen Zertifikaten wie FSC und in Ländern wie Rumänien für Probleme (Infosperber berichtete).

Strenge Gesetze gibt es, sie werden aber nicht voll durchgesetzt

2020 fand ein internationales Forscherteam, dass 20 bis 25 Prozent der von Brasilien exportieren Sojaernte von illegal abgeholztem Land stammten (Infosperber berichtete). Am meisten rodeten dabei wenige grosse Unternehmen.

Brasilien bekennt sich zum Schutz des Regenwalds. Das Soja-Moratorium schützt einen Teil des Landes vor Abholzung, strenge Gesetze gegen Rodungen gibt es auch. Dass Brasiliens Präsident Bolsonaro eher auf die wirtschaftlichen Vorteile der Soja- und Fleischproduktion setzt und die Landrechte von Indigenen nur zögerlich anerkennt, ist jedoch ein offenes Geheimnis. Brasilien, sagte er auf dem Weltklimagipfel 2021, könne mit seinem Wald anstellen, was es wolle. 

Auch modernste Technik hilft nur teilweise

Infolge des Moratoriums bauen Sojabauern verstärkt im Norden Brasiliens Soja an. Oft übernehmen sie das Land von Viehbauern. Dieses ist nicht mehr geschützt, weil es dort bereits keinen Regenwald mehr gibt. Die Viehbauern ziehen weiter und suchen neue Weiden.

Greenpeace-Ulet-Ifansasti
Brennender Regenwald

Ob dort, wo sie sich niederlassen, gesetzeswidrig gerodet wurde, ist schwer auszumachen. Während der Waldbrandsaison ist es kaum möglich, alle Brände zu lokalisieren und zu kontrollieren. Die zuständigen Behören haben dazu viel zu wenig Personal. Und wenn Brandstifter bei Bewölkung Brände legen, kann auch eines der modernsten Satellitenüberwachungssysteme der Welt nichts ausrichten.

Dann passieren Szenen wie die, von denen die «Zeit»-Reportage berichtet: Ein Indigener steht traurig und verbittert am Rand eines gerodeten Feldes, das wieder ein Stück seines Lebensraums weggefressen hat. Den Federschmuck nimmt er vorsichtshalber ab, als sich ein Jeep nähert.

Geschummelt werden kann auch später noch

Geschummelt wird auch dann noch, wenn Soja Brasilien längst verlassen hat. Woher das importierte Soja tatsächlich stammt, lässt sich noch auf dem Weg zur Futterkrippe verschleiern. Zum Beispiel dadurch, dass Soja zunächst an einen grossen internationalen Hafen verschifft, dann umgeladen und weitertransportiert wird, von Rotterdam zu einem Rheinhafen in Deutschland beispielsweise. In den Papieren stammt es dann womöglich nicht mehr aus dem Problemland Brasilien.

«Ein etabliertes Label für entwaldungsfreie Lieferketten gibt es nicht», stellt die Autorin des «Zeit»-Artikels fest. Noch weiter geht Greenpeace, das in dem Report «Destruction: Certified/Zertifizierte Zerstörung» feststellt, dass Labels wie FSC, RSPO (Round Table of Sustainable Palm Oil) und RTRS massgeblich zur weltweiten Waldzerstörung beitragen. Auch Greenpeace bemängelt die Kontrollen durch beauftragte Agenturen und beklagt die mangelnde Transparenz bei Lieferungen durch Subunternehmer.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Weiterführende Informationen

Zum Infosperber-Dossier:

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«Fair Trade» und «Bio»

Viele zahlen für fairen Handel und für echte Bio-Produkte gerne mehr. Das öffnet Türen für Missbrauch.

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Die Klimapolitik kritisch hinterfragt

Die Menschen beschleunigen die Erwärmung der Erde. Doch kurzfristige Interessen verhindern griffige Massnahmen.

Wald

Schutz der Natur und der Landschaft

Nur so weit es die Nutzung von Ressourcen, wirtschaftliche Interessen oder Freizeitsport zulassen?

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2 Meinungen

  • am 16.06.2022 um 19:02 Uhr
    Permalink

    Von wegen Gras von der Alp!
    Ein guter Artikel nur etwas verwirrlich geschrieben! Das Gras kommt nie von der Alp, es wird dort von den Wiederkäuern abgeweidet. Die Kraftfutterzufuhr auf Alpen ist streng geregelt. Bio Knospe Wiederkäuern darf maximal 5 % «Kraftfutter» gefüttert werden, dazu gehört auch Soja. Biobauern die Weiderinder produzieren haben sich verpflichtet kein Soja zu verfüttern. Das steht auch so in den Bio Weide Rind Richtlinien und wird jährlich von staatlich anerkannten Organisation kontrolliert. Von wegen Abholzung für den Sojaanbau. direkt oder indirekt wie sie es schreiben, wurden und werden weltweit viel mehr Wälder abgeholzt für Oelpalmen? Auch für vegetarische Produkte, Pizza Teig etc. Da müsste doch einmal die Frage gestellt werden: «Werden da nicht nur die Wälder abgeholzt, die Tiere dort getötet und zum Teil sogar ausgerottet?» Die gleiche Frage stellt sich bei den Pflanzen! wahrscheinlich gibt es viele Pflanzen die schon vor der Entdeckung ausgerottet wurden

    0
  • am 17.06.2022 um 14:19 Uhr
    Permalink

    Ameisengift
    Sehr gut der Artikel über Ameisengift, ich verstehe aber nicht was da in der Politik abläuft, kürzlich wurde diese Mitteilung in den Medien verbreitet:
    «Der Ständerat will für Hobbygärtnerinnen und -gärtner den Gebrauch von Pflanzenschutzmittel einschränken. Sie sollen nur noch für Menschen, Insekten und Gewässerlebewesen ungiftige Substanzen anwenden dürfen, die auf einer Liste des Bundes stehen.
    Ausserdem sollen Pestizide für den eigenen Garten in kleinen Gebinden «ready to use» verkauft werden müssen. Der Ständerat hiess dazu am Montag eine Motion von Maya Graf (Grüne/BL) mit 20 zu 15 Stimmen und bei zwei Enthaltungen gut. Die Motion geht an den Nationalrat»
    Wie passt das zusammen mit dem Verkauf von Ameisengift? Heisst dass, jede Person praktisch alles Gift kaufen kann so lange er dem Verkäufer sagt was der hören will, Hobbygärtner, Hausbesitzer ohne Garten dafür mit Ameisen, Aelpler, Bauer, Ameisenallergie etc….

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