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Dollar-Schwemme ohne reale Deckung © cc

Das Finanz-Casino strapaziert unser Vertrauen

Ernst Wolff /  Die grosse weltweite Umverteilung von Vermögen nach der Krise 08/09, die Geldschwemme sowie «Too big to fail» bedrohen die Zukunft.

Viele Menschen werden in diesen Tagen des Jahreswechsels von einem Gefühl unbestimmter Zukunftsangst beherrscht. Sie spüren, dass unsere Gesellschaft an einem Punkt angekommen ist, an dem es so wie es bisher nicht weitergehen kann. Zeit also, einmal Bilanz zu ziehen und eine Standortbestimmung vorzunehmen.

Der Wendepunkt 2007/2008

Die Welt, in der wir leben, hat sich in den vergangenen Jahren von Grund auf verändert. Der alles entscheidende Wendepunkt war die Krise von 2007/2008. Nach über drei Jahrzehnten der Deregulierung des Finanzsektors hatte ausufernde Spekulation zu riesigen Schuldenblasen geführt. Der Zusammenbruch des kreditgetriebenen US-amerikanischen Häusermarktes liess eine davon platzen und trieb internationale Grossbanken, Versicherungen und Konzerne rund um den Globus an den Rand des Ruins.

Umverteilung von Vermögen

Anschliessend zwangen die hinter diesen Institutionen stehenden Investoren die Politik, die Grossunternehmen, die nach geltenden Marktregeln pleite waren, nicht abzuwickeln, sondern im Zuge einer riesigen Vermögensumverteilung mit Hilfe von Steuergeldern am Leben zu erhalten. Den erwerbstätigen Menschen, welche die für diesen «Bail-out» notwendigen Summen erwirtschaftet hatten, wurde erklärt, das Ganze geschehe zu ihren Gunsten, denn die geretteten Unternehmen seien «too big to fail» («zu gross, um sie zusammenbrechen zu lassen»).

Obwohl die Politik damals hoch und heilig versprach, die Finanzmärkte in die Schranken zu weisen, geschah wenig. Im Gegenteil: Unter dem Vorwand, die Wirtschaft wieder ankurbeln zu wollen, begannen die wichtigsten Zentralbanken der Welt nach der Krise, Unsummen an Geld zu schaffen und diese Unsummen genau denen zur Verfügung zu stellen, die den Zusammenbruch zu verantworten hatten. Und zwar zu immer niedrigeren Zinssätzen.

Das Wachstum der Weltwirtschaft betrug von 1994-2014 5,3% jährlich, das Wachstum des Schuldenbergs 9% jährlich. Entsprechend rasant ist die globale Verschuldung auf 225 Billionen Dollar gestiegen (Grafik Stockman’s)
Die Grossbanken und grossen Konzerne wiederum investierten das billige Geld nur wenig in die lahmende Wirtschaft, sondern in erster Linie in den viel lukrativeren, aber auch riskanteren Finanzsektor. Damit blähten und blähen sie den Finanzsektor sogar noch weiter auf. Viele Konzerne nutzten das billige Geld, um zum Vorteil der bisherigen Aktionäre konzerneigene Aktien aufzukaufen. Da Grossbanken und Hedge Funds immer noch sicher sein können, dass sie im Notfall wieder als «too big to fail» gelten und erneut gerettet werden, ist ihre Risikobereitschaft heute noch grösser als vor 2008.

Bankenrettung mit hohen Kosten für alle andern

Die negativen Langzeitfolgen der Rettung von 2007/2008 müssen nicht etwa die dafür Verantwortlichen tragen. Die Kosten für die Rettung bekommen vielmehr alle andern zu spüren: Um die Löcher in den Staatskassen zu stopfen, die durch die Bankenrettung entstanden sind, stieg im Rahmen der «Austeritätspolitik» in den meisten Ländern die Arbeitslosigkeit, Steuern wurden erhöht, Löhne, Renten und andere Sozialleistungen gekürzt. Diese Entwicklung verschärfte die soziale Ungleichheit, die inzwischen ein historisches Ausmass angenommen hat: 2015 verfügten weniger als einhundert Menschen über ein grösseres Vermögen als die Hälfte der Menschheit.

Finanzcasino mit hohem Gefahrenpotenzial

Das von den Zentralbanken praktizierte Gelddrucken bei wiederholten Zinssenkungen hat zu immer grösseren Blasen an den Aktien-, Anleihe- und Immobilienmärkten und zu einer gravierenden Verzerrung der ökonomischen Realität geführt. Waren diese Märkte früher ein Gradmesser für den Zustand der Realwirtschaft, so spiegeln sie heute in erster Linie das Ausmass der Manipulation durch die Zentralbanken.

Noch dramatischer ist die Entwicklung im Bereich der Derivate (reine Finanzprodukte, die mit der Realwirtschaft nichts zu tun haben). Obwohl sie das globale Finanzsystem bereits zweimal (1998 und 2007/2008) existenziell bedrohten, haben ihr Umfang (der wegen mangelnder Regulierung nur annähernd geschätzt werden kann) und damit auch ihr Gefahrenpotential seit der letzten Krise weiter zugenommen.

Am Ende folgt die grosse Geldentwertung

Die nach 2007/2008 zur Stützung des Weltfinanzsystems ergriffenen Massnahmen haben zu einer Abhängigkeit geführt, die es in diesem Ausmass noch nie gegeben hat: Damit die Aktien-, Anleihen- und Immobilienmärkte nicht in sich zusammenbrechen und das gesamte System mit in den Abgrund reissen, müssen Investoren unablässig mit neuem Geld zu immer günstigeren Zinssätzen versorgt werden. Am Ende wird die kontinuierliche Erhöhung der Geldmenge zur vollständigen Geldentwertung führen und damit in eine Hyperinflation führen. Doch die Europäische Zentralbank, die japanische Zentralbank und das US-FED halten nicht nur an dieser Strategie fest, sondern weitet sie derzeit noch aus. Der Grund dafür, dass allein die EZB mit dem Kauf von Staatsobligationen jeden Tag zwei Milliarden Euro ins System pumpt, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand des Systems: Ohne diese Manipulation wäre das System in der gegenwärtigen Form offensichtlich nicht aufrecht zu erhalten.

Sparer sollen keine grossen Summen von ihren Konten abziehen
Da die Senkung der Zinsen bereits die Nullgrenze erreicht hat und nun immer weiter in den Minusbereich vordringt, werden bereits Massnahmen getroffen, um den arbeitenden Menschen den Rückzug aus dem bestehenden Geldsystem abzuschneiden: Die drastische Einschränkung des Bargeldverkehrs und ein geplantes Bargeldverbot sind nichts anderes als Barrieren, die errichtet werden, um eine Flucht der breiten Masse aus den Bankkonten hin zum Bargeld zu verhindern. Auch das «Bail-in» (das Heranziehen der Einlagen von Sparern und Kleinaktionären im Fall eines Bankzusammenbruchs), das ab dem 1. Januar 2016 für alle Banken im Euroraum gilt, ist im Grunde nichts anderes als die Vorbereitung einer umfassenden Enteignung arbeitender Menschen für den Fall, dass die Banker sich erneut an den Finanzmärkten verspekulieren.

Sieben Jahre nach der Krise von 2008 markiert 2015 einen Wendepunkt: Die bisherigen Massnahmen zeigen wie bei einem Drogensüchtigen immer weniger Wirkung und müssen daher in immer höheren Dosen verabreicht werden. Dennoch bleibt die Wirkung zunehmend aus. Dafür treten immer stärkere Nebenwirkungen auf, die das Spiel zunehmend gefährlicher machen. Anders ausgedrückt: Das Finanzsystem ist an einem Punkt angekommen, an dem die bisherigen Massnahmen grossenteils ausgereizt sind. Bei einer Umkehr dieser Politik riskiert das Systems als Ganzes einzustürzen, denn die riesige Verschuldung erträgt keine merklichen Zinserhöhungen mehr, ohne dass Zahlungsunfähigkeiten eine Kettenreaktion auslösen.
Die Realwirtschaft kann sich nicht erholen, da ihre Renditen nicht annähernd so hoch sind wie auf den Finanzmärkten. Die höchsten Gewinne sind in den kommenden Monaten dort zu erzielen, wo sie den grössten sozialen Schaden anrichten – im Bereich der Währungsspekulation in den Schwellenländern.

Wie lange kann es so weitergehen?

Die Frage, die sich aufdrängt, lautet: Wie lange kann dieses System noch bestehen? Eine präzise Antwort darauf lässt sich nicht geben. Einen globalen Schuldenstand von über 200 Billionen US-Dollar hat es in der Geschichte der Welt noch nicht gegeben. Auch negative Zinsen waren bisher unbekannt und für das Gelddrucken gibt es keine bekannte Obergrenze. Dass es irgendwann zur Hyperinflation führen muss, steht fest, aber niemand kann sagen, wie weit die Aktien-, Anleihen- und Immobilienmärkte sich noch künstlich aufblähen lassen, bevor die Blasen platzen.
Sollten die Zentralbanken an die Grenzen ihrer Möglichkeiten stossen, stünde noch der Internationale Währungsfonds (IWF) mit seiner eigenen Währung, den «Sonderziehungsrechten», zum Eingreifen bereit. Diese bereits 2008 in grossem Stil eingesetzte Währung wird ausschliesslich an Staaten vergeben und könnte im Ernstfall einen Crash noch um einige Zeit hinauszögern.
Das System basiert auf Vertrauen
Kredite in Billionenhöhe, denen keine realen Werte zugrunde liegen, liefern die Finanzmärkte noch mehr als früher dem irrationalen Faktor «Vertrauen» aus. Deshalb ist es angesichts der vielen wirtschaftlichen Krisenherde nicht ausgeschlossen, dass ein unvorhergesehenes Ereignis (ein «black swan») zum Vertrauensverlust der Anleger und damit zum Einsturz des gesamten Kartenhauses führt. Sollte dies geschehen, stünde die Weltwirtschaft von einem Augenblick auf den anderen vor der grössten Krise aller Zeiten. Das Weltfinanzsystem verknüpft heute sämtliche Länder so eng miteinander, dass kaum ein Winkel der Erde vom wirtschaftlichen Zusammenbruch und der resultierenden Entwertung des Papiergeldes verschont bliebe.

Auch im Jahr 2016 bleibt die wichtigste Aufgabe die Aufklärung. Nur wer erkennt, dass die grösste Gefahr für die westlichen Staaten weder vom islamistischen Terror, noch von Russland, noch von China ausgeht, sondern

  • von der Macht des eigenen Finanzsektors,
  • vom Wahnsinn der Nationalbanken, die mit Milliardenspritzen verzweifelt versuchen, die Realwirtschaft anzukurbeln, sowie
  • von der zunehmenden Kluft zwischen Vermögenden und Verarmten,

kann sich gegen diese historische Herausforderung zur Wehr setzen. Die Gefahren, vor denen die Welt steht, waren seit dem Zweiten Weltkrieg nie so gross wie heute.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Ernst Wolff ist freier Journalist und Autor des Buches «Weltmacht IWF – Chronik eines Raubzugs», erschienen im Tectum-Verlag, Marburg.

Zum Infosperber-Dossier:

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2 Meinungen

  • am 31.12.2015 um 12:20 Uhr
    Permalink

    Um 2007/2008 gibt es noch zwei weitere Wendepunkte:
    2006 Peak Oil – ab dann nehmen die verfügbaren Erdölreserven weltweit ab.
    2008 Verlieren die USA den Irakkrieg definitiv: Die Kriegsziele Militärbasen im Irak und der Zugriff auf das Irakische Erdöl müssen abgeschrieben werden.
    Aussichten: mit der nächsten Finanzkrise wird die USA den frei druckbaren Dollar als Weltwährung verlieren. Damit werden auch die 1’500 (offiziell etwa die Hälfte) Militärbasen unbezahlbar.
    MfG
    Werner T. Meyer

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  • am 1.01.2016 um 10:17 Uhr
    Permalink

    Anfangs der 70er Jahre wurde auch in den USA klar, dass das Vertrauen in den Dollar schwächelte. Also hat man flugs das traditionelle Kriterium «in golde we trust» durch «in God we trust» ersetzt und dies auch noch auf die Banknoten gedruckt.

    Ganz so weit sind wir in Europa offenbar noch nicht, oder vielleicht auch nicht mehr genügend gottesgläubig, um solche Massnahmen glaubwürdig, lies vertrauensfördernd zu machen.

    Wenn aber die Hüter des Geldwertes offen von «positiven» Inflationsraten sprechen und Zentralbänkler alles unternehmen, um das Vertrauen in den Wert des Geldes zu zerstören, bzw. sich nicht scheuen sinnlose Wechselkursmanipulationen zugunsten der Spekulanten zuzulassen oder gar erst zu initiieren, wie das am 15.1.15 geschah, so muss man sich doch die Frage stellen ob die Gier der wenigen die Welt regiert oder zu regieren erlaubt werden soll.

    Aber auch ganz brave Neo-Keynesianer glauben offenbar an die realen Auswirkungen der unbegrenzten Geldmengenausweitung und wünschen, wie weiland der Baron von Münchhausen, sich an den eigenen Haaren aus dem selbst geschaffenen Sumpf zu ziehen. Bei Null- oder gar negativen Zinsen ist die «Liquidity trap» programmiert. Auch die dümmsten Finanzinvestitionen sind bei der aktuellen EZB-Politik noch rentabler als reale Investitionen in produktive Kapazität. Wenn so etwas auch von den Kindern der früheren Hyperinflationsgenerationen mitgetragen wird, darf man sich getrost Fragen über den Geisteszustand unserer Politiker stellen.

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