«Elaboré en Suisse» mit Raps aus …
Es ist eine Geheimniskrämerei sondergleichen: Die Schweizer Konsumenten und Konsumentinnen sollen nicht wissen, woher die Lebensmittel, die sie kaufen, stammen. Nehmen wir das M-Budget-Rapsöl aus der Migros. Auf der Flasche steht in französischer Sprache: «Elaboré en Suisse.»
Das heisst: Das Rapsöl könnte aus der Schweiz stammen. Oder auch nicht.
«Elaboré en Suisse» bedeutet laut Artikel 15 der Verordnung betreffend die Information über Lebensmittel nämlich bloss, dass ein Lebensmittel in der Schweiz «vollständig erzeugt, genügend bearbeitet oder verarbeitet worden ist». Etwas konkreter: «Wenn es in einer Weise bearbeitet worden ist, dass es dadurch seine charakteristischen Eigenschaften oder eine neue Sachbezeichnung erhalten hat».
Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn Raps in der Schweiz zu Rapsöl verarbeitet worden ist. Rapsöl hat andere «charakteristische Eigenschaften» als Raps und «eine neue Sachbezeichnung».
Woher stammt der Raps?
Die Migros macht sich die schwammigen Vorschriften zunutze: Sie schreibt auf die Flasche «Elaboré en Suisse», obwohl der Raps fürs Rapsöl möglicherweise gar nicht aus der Schweiz stammt. Aber woher stammt er? Infosperber fragte bei der Migros nach.
Die Migros behauptet: «Die Herkunft und Kennzeichnung unserer Produkte sind uns wichtig, und wir legen grossen Wert auf Transparenz.» Doch die Migros beweist das pure Gegenteil. Sie schreibt nämlich: «Gerne geben wir Ihnen eine allgemeine Übersicht (…) – ohne jedoch auf die Details zu einzelnen Produkten einzugehen.»
Mit anderen Worten: Die Migros pfeift – entgegen ihren eigenen Angaben – auf Transparenz. Die Konsumenten sollen nicht wissen, woher der Raps fürs «Schweizer» Rapsöl stammt.
Europa hat fast 50 Länder
Auch Coop verkauft in seiner Billiglinie Prix Garantie ein Rapsöl. Es ist «Hergestellt in der Schweiz». In der Zutatenliste steht, dass der verwendete Raps aus der Schweiz und aus Europa stamme. Doch Europa hat mittlerweile fast 50 Länder. Infosperber wollte deshalb wissen, aus welchen dieser Länder der Raps stammen könne.

Coop antwortet nur widerwillig. In der Antwort steht: «Innerhalb der EU sind Deutschland und Frankreich die wichtigsten Produzenten des Rapses.» Und ausserhalb der EU? Das sagt Coop nicht.
Konfitüre mit Erdbeeren aus China?
Das Rapsöl ist kein Einzelfall. Auch Produkte wie Konfitüre oder Tomatenkonzentrat werden zwar in Europa hergestellt – aber mit Zutaten von allen Ecken der Welt. So gibt es Hersteller, die dafür Tomaten und Erdbeeren aus China verwenden. Das ist laut Gesetz auch ohne Herkunftsangabe zulässig.

Die Herkunft einer Zutat muss laut Artikel 16 der bereits erwähnten Verordnung nur angegeben werden, wenn gleichzeitig «der Anteil dieser Zutat am Enderzeugnis 50 Massenprozent oder mehr beträgt und die Aufmachung des Produkts darauf schliessen lässt, dass diese Zutat eine Herkunft hat, die nicht zutrifft».
Das heisst: Wenn ein Anbieter ein Tomatenkonzentrat «all’italiana» anböte, dafür aber nicht italienische Tomaten verarbeiten würde, dann müsste er das deklarieren. Doch die Anbieter hüten sich, den Eindruck zu erwecken, ihr Tomatenkonzentrat habe irgendetwas mit Italien zu tun.
Jedes Land dieser Erde
Aldi deklariert die Herkunft der Tomaten seines Konzentrats freiwillig. Oder tut zumindest, als ob. Auf der Tube steht: «Mit Tomaten aus der EU und Nicht-EU.» Allerdings ist das ein weites Feld. Denn dazu gehört jedes Land dieser Erde.

Infosperber fragte deshalb bei Aldi, Coop, Lidl und Migros nach, woher die Erdbeeren für die Konfitüre und die Tomaten fürs Konzentrat stammen. Die Migros verweigerte – wie bereits erwähnt – jegliche Information über die Herkunft der Rohstoffe. Die anderen Anbieter waren ein bisschen offener:
- Aldi: Die Erdbeeren für die Konfitüre der Marke Grandessa («Hergestellt in Belgien») können laut Aldi «aus verschiedenen Ländern stammen. Diese liegen vorwiegend in Europa, beispielsweise Deutschland, Spanien und Frankreich». Die Antwort zeigt: Die Erdbeeren könnten durchaus auch aus Übersee stammen.
Die Tomaten fürs Konzentrat («Hergestellt in Griechenland») stammen aus Griechenland, Ägypten oder Chile. - Coop: Die Erdbeeren für die Prix-Garantie-Konfitüre («Hergestellt in Österreich») stammen «aktuell aus Ägypten». Wichtig ist das Wort «aktuell». Denn es zeigt, dass sich Coop aus aller Welt beliefern lässt.
Klar ist hingegen die Antwort, woher die Tomaten fürs Prix-Garantie-Konzentrat mit der Aufschrift «Hergestellt in Italien» stammen: «aus Italien». - Lidl: Die Erdbeeren für die Konfitüre der Marke Maribel («Hergestellt in Deutschland») kommen «aus Ägypten und Spanien».
Beim Konzentrat der Marke Baresa («Hergestellt in Italien») ist es komplizierter. Da «variiert die Herkunft der Rohstoffe je nach Verfügbarkeit und Ernteerträgen». Gegenwärtig stammen die Tomaten «aus der Ukraine, Spanien und Chile».
Wohlgemerkt: Die Herkunft der Zutaten findet sich nicht auf den Packungen. Infosperber hat sie erfragt. Die Konsumenten hingegen sollen nicht wissen, welche Reisen die Produkte hinter sich haben, ehe sie in unseren Regalen stehen.
«Produit suisse» und «Emballé en Suisse»
Neben der Angabe «Elaboré en Suisse» beziehungsweise «Hergestellt in der Schweiz» finden sich auf Lebensmittel-Verpackungen auch Angaben wie «Produit suisse»/«Schweizer Produkt» oder «Emballé en Suisse»/«Abgepackt in der Schweiz.»
Ersteres bedeutet, dass das Produkt in der Schweiz hergestellt wurde – und zwar mit Schweizer Zutaten. Zweiteres bedeutet bloss, dass die Ware in der Schweiz verpackt wurde.
Wenig Transparenz herrscht auch im Tiefkühlregal. Auf der Beerenmischung der Migros steht «Elaboré en Sérbie», auf den tiefgekühlten Heidelbeeren «Emballé en Sérbie». Woher die Früchte stammen? Das will die Migros – man rechnet bereits damit – nicht sagen.
Offener ist auch hier die Konkurrenz. Coop druckt auf die Packungen mit der Beerenmischung und den Heidelbeeren zwar «Abgepackt in der Schweiz». Zusätzlich erfahren die Kunden aber auch noch, dass die Heidelbeeren aus Kanada stammen und die Beerenmischung aus Polen, Serbien und Marokko.

Lidl deklariert immerhin, dass die Heidelbeeren aus «PE» stammen. Wer ein bisschen Fantasie hat, kommt drauf: Sie stammen aus Peru. Genau wie die Heidelbeeren von Aldi.
Aus Afrika, Asien, Europa oder Amerika
So transparent ist Aldi aber nicht immer. Auf der Packung mit der tiefgekühlten Beerenmischung steht: «Ursprünge: Afrika, Asien, Europa, Amerika.» Der Kunde erfährt also, dass die Beeren nicht aus Australien stammen. Und auch nicht von der Antarktis …

Solche Herkunftsangaben sind ein Hohn. Aber sie sind zulässig. Denn in der Verordnung steht: «Anstelle eines Produktionslandes kann bei verarbeiteten Lebensmitteln ein übergeordneter geografischer Raum angegeben werden, wie ‹EU› oder ‹Südamerika›. Bezüglich der Angabe des Produktionslandes gelten geschnittene Mischprodukte und Honigmischungen als verarbeitete Lebensmittel.»
Die Angabe «Ursprünge: Afrika, Asien, Europa, Amerika» ist also zulässig. Aber unnütz.
Coop verkauft Migros-Joghurt
Auch bei Molkereiprodukten haben es nicht alle Anbieter mit der Transparenz. Nehmen wir als Beispiel Naturejoghurt im kleinen Becher. Die Migros druckt aufs Joghurt der Marke M-Classic nur den Code «CH 2434» auf. Ein solcher Code ist für Produkte tierischer Herkunft obligatorisch.
Wer wissen will, was der Code «CH 2434» bedeutet, muss im Internet nachschauen. Infosperber hat es getan. «CH 2434» bedeutet: Elsa in Estavayer-le-Lac FR. Das ist nicht weiter erstaunlich. Denn die Grossmolkerei ist eine 100-prozentige Migros-Tochter.
Erstaunlich ist hingegen, dass auch das Naturejoghurt der Coop-Billiglinie Prix Garantie den Code «CH 2434» trägt. Das heisst: Coop lässt sein Joghurt von der Migros-Tochter Elsa im Kanton Freiburg herstellen.
Offener deklarieren Aldi und Lidl ihre Milchprodukte. Sie drucken auf viele Produkte nicht nur den obligatorischen CH-Code auf, sondern auch Name und Adresse der Molkerei oder der Käserei.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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