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Zwischen festem Arbeitsplatz und Homeoffice: Coworking besetzt eine zukunftsträchtige Lücke. © CoWomen on Unsplash

«Gerade für uns Mütter ist Coworking praktischer als pendeln»

Nathalie Sassine-Hauptmann, Beehive-Magazin.ch /  Die frühere Präsidentin des Verbands der Schweizer Coworking-Spaces will das Arbeitsplatzmodell von den Städten aufs Land bringen.

Seit wann sind Sie «Frau Coworking»? Und was hat Sie dazu bewegt?

Ich habe 2012 das Thema Coworking für mich entdeckt und ziemlich schnell entschieden, dass ich einen Space in Wil betreiben will. Mein damaliger Arbeitgeber hatte kurz zuvor Homeoffice als Möglichkeit abgeschafft (grundlos) und aus Vereinbarkeitsgründen hat diese Tatsache ein Art Trotz-Reaktion in mir geweckt. So quasi, wenn es bei euch nicht geht, dann mache ich es selber und suche mir eine neue Herausforderung.

Ihr Coworking-Space in Wil gibt es seit sieben Jahren. Was arbeiten da für Menschen?

Bei uns arbeitet ein buntes Gemisch von Personen zwischen 22 und 60. Angestellte aus der Telekom-, Bank- und Maschinen-Branche, freischaffende Texter/innen, Berater/innen, Grafiker/innen, ein junges Startup für Webapplikationen mit fünf Mitarbeitern, Coaches, Broker, Projektentwickler/innen und und und. Die Konstellation wechselt täglich und so trifft man immer andere Menschen an.

Gibt es viele berufstätige Frauen mit Kind in euren Coworking-Offices?

Seit ein paar Jahren schon, aber immer noch nicht so viele wie ich es bei der Gründung erwartet hatte. Ich dachte damals, berufstätige Mütter würden meine Hauptzielgruppe und hätten das Bedürfnis, lokal arbeiten zu können und trotzdem aus dem Haus zu kommen. Jetzt zieht es langsam an, aber sie bleiben ein harziges Segment. Vermutlich, weil es noch kein koordiniertes Betreuungsangebot gibt. Coworking mit Kita war so ein Traumziel, weil meine Jungs 2014 noch im Vorschulalter waren. Heute machen sie bald den Sprung in die Sek und somit ist es für mich persönlich kein aktueller «Pain» mehr.

Was genau wollt ihr in der Schweiz mit den Coworkings verändern?

Wir wollen das Thema aus den Städten aufs Land bringen. Coworking in ländlichen Regionen birgt so viele Chancen, dass es – wenn es so zusammenkommt wie wir es uns wünschen – eine echte Eier-legende-Woll-Milch-Sau sein kann. Wir wollen den Dorfplatz rundum ein Coworking-Angebot neu denken. Lokale Ökosysteme neu aufbauen, wo Leute nicht nur wohnen, sondern wieder vermehrt lokal arbeiten, einkaufen und sich engagieren. Der positive Nebeneffekt ist, dass die Umwelt von den reduzierten Pendelkilometer massiv verschont und die Investitionen für den Ausbau der Transport-Infrastruktur anders eingesetzt werden könnten. Zudem profitiert Jede:r vom Zeitgewinn. Die Zeit kann für Familie, Sport und/oder eben lokales Engagement eingesetzt werden. Win-win-win, sozusagen!

Inwiefern hat die Coronakrise dabei geholfen, den Mindset zu verändern? Bei Arbeitgebern und Arbeitnehmern?

Die Coronakrise hat alle Wissensarbeiter und Schüler in ein weltweites gleichzeitiges Massenexperiment geschickt. Eine solche Studie hätten wir uns nie und nimmer leisten können. Die Resultate zeigen, dass alle Firmen jetzt wissen, dass dezentrales Arbeiten doch geht, sogar in Sektoren mit heiklen Kundendaten wie Banken. Das Argument «bei uns nicht möglich» ist nicht mehr glaubwürdig. Jetzt, wo alle FlexWork getestet haben, wurde auch ersichtlich, wo Homeoffice an die Grenzen stösst: zu wenig Platz, Vereinsamung oder gerade das Gegenteil – alle zu Hause und an effizientes Arbeiten ist nicht zu denken. Und jetzt kommt die ideale Lösung: Coworking. Im Moment müssen wir voll Gas geben und das Angebot weiter ausbauen. Denn wenn alle morgen auf einmal coworken dürften, hätten wir viel zu wenige Plätze in den Regionen.

Wie sieht der Plan für «Landeier»-Coworkings genau aus?

Gerade für uns Mütter ist das teils viel praktischer, als wenn wir in die nächste Stadt müssen. Bei VillageOffice ist das Land unser Fokus. Bis 2030 wollen wir ein Netzwerk von 1000 Spaces aufbauen, damit jede und jeder die/der möchte, innerhalb von 15 Minuten mit Velo oder ÖV zu einem Coworking Space kommt. Um unser Ziel zu erreichen, suchen wir Partnerschaften mit Gemeinden und weitere Partner, die an unser genossenschaftliches Entwicklungs- und Betriebs-Modell glauben. Mit der SBB haben wir einen ersten Rahmenvertrag für den Ausbau von regionalen Bahnhöfen. Weitere Traumpartner wären zum Beispiel die Raiffeisen Bank (lokal-verankerte Genossenschaften) und die Post. Anstatt Poststellen zu schliessen, könnten sie in VillageOffices umgewandelt werden.

Ihr Wunsch für die Zukunft?

Ich hoffe, dass Coworking eines Tages zum Service publique wird. Jede anständige Gemeinde hat eine Bibliothek, die unterstützt, aber nie als Profit-Center betrieben wird. Regionales Coworking wird nie ein extrem lukratives Geschäftsmodell im kapitalistischem Sinn sein. Aber den Mehrwert, den es für Standorte bringt, wäre gerade für unsere individualisierte Gesellschaft bedeutend.

Jenny Schäpper-Uster ist Geschäftsführerin des Coworking Spaces «Büro Lokal» in Wil, St. Gallen. Ausserdem ist sie Mitgründerin und Verwaltungsrätin der VillageOffice Genossenschaft und bis März 2020 Präsidentin von Coworking Switzerland, der nationalen Vereinigung der Betreiber von Coworking Spaces in der Schweiz.

Dieser Text erschien zuerst auf Beehive-Magazin.ch.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Nathalie Sassine-Hauptmann (1973) ist Mitgründerin von Beehive, einem Magazin für berufstätige Frauen mit Kind. Sie veröffentlichte das «Rabenmutter – die ganze Wahrheit über das Mutterwerden und Muttersein», gründete neben Beehive zwei Firmen im Tourismus (webook.ch, TravelBoo) und ist Mutter zweier Kinder.

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