GPT Abwasser Industrie

Offenbar wissen die verarbeitenden Unternehmen selbst oft nicht, dass sie PFAS verwenden – im Abwasser finden sie sich aber wieder. © mit KI erstellt

Schweizer Industrie verbraucht arglos weiter PFAS

Daniela Gschweng /  Der Bund hat keine Ahnung wie viel, aber im Abwasser hat es sogar verbotene PFAS. Die Verursacher wissen oft von nichts.

Über PFAS-Fluorchemikalien wird intensiv berichtet. Seit Längerem Thema sind PFAS in Lebensmitteln oder die Belastung von Wasser und Boden mit Trifluoracetat (TFA). In der EU gibt es immer mehr PFAS-Beschränkungen. Gerade ist beispielsweise ein Verbot mehrerer PFAS in Kleidung und Kosmetika in Kraft getreten.

Die Schweiz hat ihren Umgang mit den teils giftigen Stoffen offenbar noch nicht gefunden, doch das Problem rückt näher. Sei es beim Konflikt zwischen Bauern, die mit PFAS kontaminiertes Fleisch weiter verkaufen möchten und einem Gesetzgeber, der das eigentlich verhindern muss. Oder bei TFA und dessen Auswirkungen auf die Gesundheit, die Kosten für die Wasserwirtschaft, die Risiken für Versicherungen oder die Kosten für Bodensanierungen.

Während die EU Grenzwerte verschärft, wäre es wichtig zu wissen, wo PFAS eingesetzt werden und woher Verschmutzungen kommen. Wie viel der Ewigkeitschemikalien jeden Tag in die Schweizer Umwelt gelangt, lässt sich aber höchstens schätzen.

Keiner weiss, wie viel PFAS verbraucht werden

Daten dazu gibt es wenige. Für Trifluoressigsäure (TFA), die sich sogar im Regen findet, rechnen Forschende zum Beispiel die Mengen zusammen, die über Pestizide und Kältemittel in die Umwelt gelangen. Über deren Nutzung und Importe gibt es konkrete Zahlen. Das ergibt zumindest eine gute Schätzung.

Für andere PFAS-Chemikalien ist eine solche Rechnung nicht möglich. Aus Stichprobenmessungen ist die PFAS-Belastung der Schweizer Flüsse bekannt – in grossen Gewässern und weiter flussabwärts werden in der Regel mehr PFAS-Chemikalien gefunden. Ein Zeichen dafür, dass sie in der Industrie eingesetzt werden. Als Ursache in Frage kommen auch Altlasten wie Feuerlöschplätze oder stillgelegte Firmengelände. PFAS, die in der Industrie genutzt werden, müssen zwar importiert werden, der Zoll hat dazu aber keinen Überblick.

Teilweise viel PFAS im Industrieabwasser

Eine Stichprobenmessung des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich (Awel) im vergangenen Jahr jedenfalls ergab Erstaunliches. Das Awel wertete 40 Abwasserproben aus Betrieben unterschiedlicher Branchen aus – von der Wäscherei bis zum Galvanikbetrieb. Sie enthielten fast durchgehend PFAS, einige in hohen Konzentrationen. Systematische Unterschiede zwischen den Branchen fanden sich laut Awel nicht. 32 Betriebe leiten ihr Wasser direkt in die Kanalisation ein.

Was sogar die Testenden überraschte: In den Stichproben fanden sich auch die beiden giftigen und seit Jahren verbotenen Stoffe PFOS (Perfluoroktansulfonsäure) und PFOA (Perfluoroktansäure). Die letzte Übergangsfrist ist 2024 abgelaufen. «Es ist auffallend, dass die zwei verbotenen Substanzen immer noch weit verbreitet im Betriebsabwasser zu finden sind», hält der Bericht fest.

Viele Unternehmen wissen von nichts

«Zwischen den gemessenen PFAS-Belastungen und den Angaben der Betriebe besteht eine deutliche Diskrepanz, da der Einsatz PFAS-haltiger Produkte oft verneint wird», schreibt das Awel weiter. Ob die Ursache ein Nichtwissen oder ein Nichtwissenwollen sei, sei nicht klar. PFAS werden in einer Vielzahl von Produkten eingesetzt und müssen grösstenteils nicht deklariert werden.

Viele Betriebe wüssten gar nicht, ob und in welchem Umfang sie mit PFAS arbeiten, sagt Dominik Werner von Scienceindustries zum «Beobachter», der der Mengenfrage nachging. Ein Umstand, der ihm Sorge bereitet. Der Chemikalienrechtsexperte versucht nach eigenen Angaben gerade, sich einen Überblick zu verschaffen. Eher zufällig sei er beispielsweise kürzlich darauf gestossen, dass PFAS auch beim Abfüllen von Mineralwasser eine Rolle spielten. Die Fluorchemikalien steckten in den Dichtungen und Pumpen der Produktionsanlagen.

PFAS könnten für Betriebe zu einem «ernst zu nehmenden rechtlichen und wirtschaftlichen Risiko» werden, befürchtet er. Zum Beispiel, wenn Abwässer gereinigt werden müssen oder wenn PFAS in Produkten verboten werden, die das Unternehmen für die Fertigung braucht. Das ist kein weit hergeholtes Szenario – in der EU läuft seit mehreren Jahren ein Beschränkungsverfahren, mit dem die gesamte PFAS-Stoffklasse bis auf wenige Ausnahmen verboten werden soll.

Konkrete Mengen, ausgerechnet in einem EU-Dokument

Wie viele PFAS-Chemikalien in der Schweizer Industrie gebraucht und verarbeitet werden, ist eher Spekulation. Der Bund tappt laut «Beobachter» im Dunkeln. Die Verwendung von PFAS in der Schweizer Industrie wird nicht zentral erfasst. Das Bundesamt für Umwelt bereite ein Forschungsprojekt zum PFAS-Verbrauch vor. Ergebnisse gebe es nicht vor 2028. Das Zürcher Awel plant eine zweite, systematische Untersuchung von Abwässern.

Fündig wurden die «Beobachter»-Journalist:innen Tina Berg und Thomas Angeli aber an anderer Stelle: Im EU-Konsultationsverfahren zur geplanten Regulierung von PFAS kann jeder und jede das laufende Gesetzgebungsverfahren kommentieren. 40 Schweizer Unternehmen und Verbände nutzten diese Möglichkeit, um darzulegen, warum ihre PFAS-Anwendung unbedingt von Einschränkungen ausgenommen werden sollte – vom Dichtungshersteller bis zum Messinstrumentebauer.

Zehn davon gaben an, mit welchen PFAS-Mengen sie arbeiten. So kamen 780 Tonnen pro Jahr zusammen – das dürfte ein Bruchteil dessen sein, was Schweizer Unternehmen tatsächlich an PFAS verwenden.

Nur ein Unternehmen gab Auskunft

Die Skandale und Prozesse der vergangenen Jahre zeigen dennoch Wirkung. Mit den Schmuddel-Chemikalien in Verbindung gebracht werden möchten Unternehmen eher nicht. Die einzige Firma, die mit dem «Beobachter» darüber reden wollte, zog ihre Zitate vor der Veröffentlichung zurück und wollte namentlich nicht genannt werden. Die Nutzung der meisten PFAS ist dabei nicht illegal, auch die Einleitung ins Abwasser nicht. In der Schweiz gibt es keine Grenzwerte.

Sollte das betreffende KMU ohne PFAS-Polymere wie PTFE (Teflon) auskommen müssen, sei man auf die grossen Chemieunternehmen angewiesen, zitiert der «Beobachter». Um selbst einen Ersatz zu finden, sei der Betrieb zu klein, erklärte er. So dürfte es auch vielen anderen gehen.

Grosse Sorgen macht sich der Technische Leiter aber dennoch nicht – es gibt seit Jahren erhebliche Lobby-Anstrengungen, Fluorpolymere vom geplanten EU-Verbot auszunehmen, darauf vertraut er. Das Hauptargument dabei: Flourpolymere seien weniger giftig, weil sie weniger PFAS abgäben und sich nicht in Wasser lösten. Teilweise ist das richtig, aber höchstens die halbe Wahrheit. Die Herstellung von Fluorpolymeren verursacht erhebliche Umweltverschmutzung.

Die Belastung anderswo kümmert Schweizer Unternehmen wenig

Etwa sechs Produktionsstätten gibt es in Europa. In der Schweiz werden keine PFAS produziert. «Die Gebiete rund um solche Chemiewerke sind so verseucht, dass man sie mittlerweile Sacrifice-Zones [Opferzonen] nennt», erklärt ETH-Experte Martin Scheringer gegenüber dem «Beobachter».

Einer der betroffenen Orte ist der Chemiepark Gendorf im bayerischen Landkreis Altötting, wo erst Hoechst, dann das US-Unternehmen 3M eine Produktionsanlage für verschiedene PFAS betrieben. Ein Drittel der Fläche des Landkreises, rund 190 Quadratkilometer, gilt als mit PFOA kontaminiert. Der Kreistag will diese Fläche auf 380 Quadratkilometer ausweiten. Einige Bewohnerinnen und Bewohner sind so hoch belastet, dass ihnen empfohlen wird, kein Blut zu spenden.

Die Schweizer Unternehmen interessiere das wenig, so Scheringer: «Man importiert die Fluorpolymere und kümmert sich nicht um den Rest. Damit setzt man aber auf Stoffe, deren Herstellung der lokalen Bevölkerung grosse Belastungen aufbürdet.»

Ob, wann und wie viel PFAS in Zukunft in Altötting produziert werden, ist unklar. Aber nicht, wo die Verantwortung dafür liegen wird. 3M, das sich unter anderem wegen zahlreicher juristischer Auseinandersetzungen aus der PFAS-Herstellung zurückgezogen hat, hat sein Gendorfer Tochterunternehmen Dyneon gerade an die Schweizer Capmont Group verkauft, eine Investitionsgesellschaft. Die Verantwortung für Altlasten trägt 3M.

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Zum Infosperber-Dossier:

PFAS.Dossier.M&P

PFAS-Chemikalien verursachen Krebs und können Erbgut schaden

Die «ewigen Chemikalien» PFAS bauen sich in der Natur so gut wie gar nicht ab. Fast alle Menschen haben PFAS bereits im Blut.

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