Uebervölkerung Verkehrsspitze Bahnhof hpg.

Gedränge in der Enge: Verbreiter von Viren sind die hochmobilen Menschen, wenn sie sich zu nahe kommen. © Hp. Guggenbühl

Kampf um Naturraum: It’s the overpopulation, stupid!

Hartmuth Attenhofer /  Wer verdrängt Gorilla, Laubfrosch & Co? Es ist die wachsende Zahl der Menschen und ihr wachsender Anspruch auf Lebensraum. Teil 3.

Red. Hartmuth Attenhofer, Sozialdemokrat, war Journalist, Zürcher Kantonsrat, Bezirksrat und Statthalter. Im ersten und zweiten Teil seiner Bevölkerungs-Serie beschrieb er den Konflikt zwischen wachsender Bevölkerung und Naturraum von Wildtieren in Afrika und in der Schweiz. Im dritten und letzten Teil zeigt er, wie das Wachstum der Bevölkerung die Gattung Mensch selber bedroht.

März 2021: Die Medien berichten landesweit über ein neues Säugetier, das im Raum Genf aufgetaucht ist: Die «Kleinfleck-Ginsterkatze» (Genetta). Sie gehört zur 35 Arten umfassenden Familie der Viverriden, die mit den eigentlichen Katzen aber nichts zu tun haben, und zu der auch jene Viverride gehört, der Larvenroller (Paguma), der für die Übertragung des Covid-19-Virus berühmt wurde. «Unsere» Genetta war seinerzeit von den Römern aus Afrika nach Europa eingeschleppt worden, hielt sich aber nur in Iberien und Südfrankreich. Die dort zunehmende Verstädterung bewirkt einen Migrationsdruck, sodass das putzige Tierchen nun zu uns kommt. Es hat sich an menschliche Nähe gewöhnt und besiedelt oft Vorgärten. Und Dachstöcke; da, wo sich auch Fledermäuse gerne aufhalten.

Franz Hohlers «Irrtum»

Es sind nicht die Tiere, die in die menschlichen Siedlungen eindringen oder sie «zurückerobern», wie das Franz Hohler in der «Rückeroberung» (1982) so schön beschreibt. Es verhält sich umgekehrt. Adler und Hirsch (und eben auch die Genetta) erobern nichts und sie holen sich nichts zurück, sondern sie sind auf der Flucht! Denn der Mensch stösst in Bereiche vor, die er bislang mied. Er verdrängt damit die Natur, sodass Hohlers Adler und Hirsch in ihrer Not bis an den Rand und sogar in die menschlichen Siedlungen hinein flüchten.

Corona ist die Antwort der Natur auf die Überbevölkerung der Erde. 7,8 Milliarden sind wir schon, über 10 Milliarden sollen wir bis 2050 werden. Kein Wunder, wehrt sich da die Natur. Corona hat schon drei Millionen Menschen dahingerafft. Das schafft zwar Platz, aber viel zu wenig. Denn wollte die Natur tatsächlich Platz schaffen, und das möglichst effizient, würde sie nicht die alten Männer dahinraffen, sondern die jungen Frauen im gebärfähigen Alter. Das wäre effizient. Und nachhaltig! Tut die Natur aber nicht. Nein, sie reagiert darauf, dass wir ihr zu nahekommen. Denn wir sind zu viele und breiten uns masslos aus. Auf ihre Kosten.

Der Mensch verbreitet Viren, nicht das Tier

Das Corona-Virus und seine Mutanten leben seit ewig schadlos in einigen der rund 1100 Arten von Fledertieren. Weil wir Menschen den Wildtieren den Lebensraum streitig machen, müssen manche Tierarten zusammenrücken, die sich sonst weiträumig aus dem Weg gehen. Während die Fleder«mäuse» mit dem Coronavirus in Frieden leben, kennen Schleich«katzen» das Coronavirus nicht. Da sich deren Lebensräume immer mehr überschneiden, kommen diese Tiere miteinander in Berührung und das Virus springt über. Da Viverriden in weiten Teilen Asiens von manchen Menschen gegessen werden, ist man heute sicher, dass Covid-19 auf diesem Weg auf den Menschen übergesprungen ist. Aber weder die Fledertiere noch die Viverriden haben das Virus verbreitet, denn sie leben weitgehend ortstreu. Verbreitet hat das Virus der hochmobile Mensch.

Die bekannteste der 35 Arten der Viverriden ist übrigens der Fleckenmusang (Paradoxurus), aus dessen Exkrementen (Scheisse) man für Gourmets die Kaffeebohnen herausklaubt, die der Fleckenmusang unverdaut ausgeschieden hat. Aus diesen Bohnen wird der Kaffee «Kopi Luwak» gebraut. Für die Produktion dieses Scheiss-Kaffees gibt es sogar Farmen. Wann von dort irgendein Virus seinen Siegeszug durch Europas Kaffeetassen antritt, kann niemand voraussagen. Aber ahnen.

Wildtiere sind seit Jahrmillionen Träger von Viren und Bakterien. Sie überstehen das schadlos, wenn sie genug Platz haben, um sich auszuweichen. Auch der Mensch hat sich während Jahrtausenden mit den Wildtieren und ihren Viren und Bakterien arrangiert; er hat ja selber welche. Überall dort aber, wo Menschen eng zusammenkommen (Kaserne, Heim, Disco, ÖV) kann sich ein einmal eingeschlepptes (Schad-)Virus rasant verbreiten. Wir Menschen wissen also, dass räumliche Enge kritisch ist und wir uns vorsehen müssen.

Hilft weniger rülpsen?

Jedes Jahr wächst (wie schon im ersten Teil dieser Serie LINK gezeigt), die Menschheit um 82 Millionen Personen. Das ist so viel, wie in ganz Deutschland Menschen leben. Jedes Jahr müssen also auf dieser Welt Wohnraum und Ackerfläche, Energieanlagen und Verkehrsfläche für ein ganzes Deutschland hingestellt werden. Jedes Jahr aufs Neue!

Weil sich der Mensch derart vermehrt und ausbreitet, gerät die Natur in Bedrängnis und es kommt zu Katastrophen wie Corona. Die bald 8, bald 9, bald 10 Milliarden Menschen verbrauchen die natürlichen Ressourcen, verursachen Umweltschäden und erwärmen das Klima. Nicht nur die Vulkane, nicht nur die Sonnenaktivitäten wärmen das Klima auf, sondern vorab wir Menschen mit unserer schieren Existenz. Wir mit unserer masslosen Vermehrung.

Was tun? Weniger Fleisch essen? Weniger fliegen? Weniger rülpsen? Ja, das darf man vertreten. Es beruhigt das Gewissen, wiegt aber die 82 Millionen Menschen, die jährlich neu hinzukommen, nicht auf. Auch unser CO2-Gesetz ist gut gemeint; seine erwartete Wirkung wird aber allein durch das jährliche Bevölkerungswachstum in der Schweiz um 60’700 weitgehend aufgewogen.

Auch der Papst weiss es

Was die Erde und die darauf lebenden Menschen und Tiere rettet, ist Geburtenkontrolle. Ein Wachstums-Stopp, vom Club of Rome schon vor 49 Jahren gefordert, ist unabdingbar. Das Bevölkerungswachstum weltweit muss sinken. Zwei Kinder pro Frau sind genug (Fertilität von 2,1). Das hat sogar Papst Franziskus im Apostolischen Schreiben «Amoris Laetitia» (2016) eingesehen, in dem er sich zwar staatliche Eingriffe in die Kinderzahl verbat, aber angesichts von Notlagen Verständnis für moderate Eingriffe zeigt. Auf eine Interview-Frage, wie viele Kinder denn eine Frau haben solle, sagte Franziskus, «zwei sind genug, aber es dürften auch einmal drei sein». Also nicht vier, fünf oder neun. Das ist wenigstens ein Lichtblick.

Politikerinnen und Politiker aller Räte, die sich in der Klimafrage auf Vegi-Tage, Velowege und Windrädli-Strom kaprizieren, machen es sich zu einfach. Denn «it’s the overpopulation, stupid!», die das Klima erwärmt. Wollen wir das Klima wirklich retten, braucht es Leute in der Politik, die den Zusammenhang zwischen Überbevölkerung und Naturverschleiss erkennen. Es braucht eine ehrliche Politik, die das Problem Überbevölkerung benennt und ihr Handeln darauf ausrichtet. Wir brauchen eine mutige Politik auf allen Ebenen, die strategische Bedingungen stellt, statt Pflästerli anbringt. So haben der Berggorilla (LINK) und unser Laubfrosch (LINK) eine Chance zum Überleben. Und Covid-19 keine.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Bevlkerung_Erde

Pro und Contra Bevölkerungszunahme

Die Bevölkerung auf unserem Planeten hat in den letzten 200 Jahren enorm zugenommen.

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5 Meinungen

  • am 26.05.2021 um 12:15 Uhr
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    Der Artikel ist aus meiner Sicht nicht ausgewogen. Es gibt weltweit riesige Unterschiede zwischen den Ländern, was die Reproduktions- aber auch die Sterberaten angeht. Hier müsste man deutlich genauer hinschauen und nicht pauschale Geburtenkontrollen postulieren. Z. B. ist das Thema Armut sehr stark mit einer hohen Reproduktion verknüpft aber eben auch mit hohen Sterberaten. Somit ist das Thema weitaus komplexer und Themenfelder wie Armutsbekämpfung, Frauenrechte, Zugang zu Wasser, Sanitäreneinrichtungen und medizinischer Versorgung müssten mitgedacht werden.
    Obwohl ich gut mit der Vorgabe von 2-3 Kindern im Durchschnitt leben kann, finde ich den Artikel problematisch, da automatisch davon ausgegangen wird, dass mit einer Bevölkerungsstabilisierung die Klimaprobleme bewältigt werden können. Denn auch dieser Ansatz ist nur einer von vielen weiteren Ansatzpunkten. Ausserdem unterschätzt der Autor, wie soviele andere auch(!) das Potential einer Ernährungsumstellung, welche deutlich weniger tierische Podukte enthält. Das erwähnte Eindringen des Menschen in bisher kaum genutzte Lebensräume hat sehr stark mit dem gigantischen Flächenbedarf für die Produktion von Fleisch- und Milchprodukten zu tun. 80 % der weltweiten Landwirtschaftsfläche (und auch in der Schweiz) wird dafür verwendet! Mit einer Ernährungsumstellung könnte auf diesen Flächen viel CO2 gebunden werden in Wäldern, Mooren und anderen organischen Böden. Soll liessen sich gut auch 10 Mia. Menschen nachhaltig versorgen.

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  • am 28.05.2021 um 08:12 Uhr
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    Die schlechte Nachricht: Eine Geburtenkontrolle wirkt viel zu langsam. Bis dahin ist das Klima längst über alle Kipppunkte abgedriftet. Es sind dringend weitere Massnahmen erforderlich, zum Beispiel das kleine Schrittchen CO2-Gesetz.

    Die gute Nachricht: Das Bevölkerungswachstum hat sich bereits stark verlangsamt. Die Geburtenzahlen stagnieren seit einigen Jahrzehnten. In vielen Ländern ist diese sogar deutlich rückläufig. Der Grund für die trotzdem stark steigende Bevölkerungszahl ist die massiv gestiegene Lebenserwartung. Wenn alle doppelt so alt werden, wird es am Ende auch doppelt so viele Menschen geben, trotz stagnierender Geburtenzahlen.
    Hans Rosling zeigt es hier anschaulich in einem seiner famosen Vorträgen: https://www.youtube.com/watch?v=ezVk1ahRF78&t=600s&ab_channel=TED

    Nun hat eine exzellente Gesundheitsvorsorge und damit die Lebenserwartung viel mit der Fertilität zu tun. Wenn wir die Gesundheitsvorsorge auch in armen Ländern weiter ausbauen, tun wir langfristig am meisten für eine stabilisierende Bevölkerungszahl, auch wenn sie vorübergehend gerade deswegen noch weiter ansteigt.

    Bevölkerungsstruktur: https://www.laenderdaten.de/bevoelkerung/altersstruktur.aspx

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  • am 31.05.2021 um 19:33 Uhr
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    Als Antwort an Dominik Scheibler: Es liessen sich bestimmt 10 Milliarden Menschen ernähren, wenn niemand mehr tierische Produkte konsumieren dürfte – ausser Insekten. Auch der CO2-Ausstoss liesse sich vielleicht trotz 10 Milliarden Menschen minimieren, wenn alle zusammengepfercht in energieoptimierten Wohnsilos leben. Erstens finde ich eine solche Zukunft aber nicht erstrebenswert, und zweitens beschränken sich die Umweltprobleme ja nicht auf den CO2-Ausstoss. 10 Milliarden Menschen brauchen Elektroautos, Computer, Smartphones, Bitcoins, Büros, Strassen, Züge, Flüge, «Erholungszonen» usw. Die Menschen in den heutigen Entwicklungsländern wollen all das auch. Man kann es drehen und wenden wie man will: Wir sind zu viele. Und früher oder später wird die Natur dieses Problem lösen, wenn wir es nicht tun. Leider werden bis dann sehr viele schöne Tiere ausgestorben sein.

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  • am 1.06.2021 um 16:14 Uhr
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    Danke Herr Attenhofer! Schön, dass es jemand zu schreiben wagt! Die Menschheit lebt in einigen katastrophalen Irrtümern vor sich hin. Zwar sind diese Irrtümer alle längst bekannt, aber vorab Journalisten und Politiker reden ohne Einsicht und Verständnis oder, schlimmer, wider besseres Wissen.

    Todsünde Nr. 1: Exponentielles Wachstum auf bald 8 Milliarden ohne Sinn und Natur und Ort unseres Daseins verstanden zu haben. (Schon vor 50 Jahren durch Konrad Lorenz und viele andere angemahnt.)

    Todsünde Nr. 2: Unser Energieverständnis. Die Sonne sendet 8000 mal mehr Energie zur Erde, als wir benötigen. Wegen unserem frevelhaften Umgang mit Jahrmillionen alten fossilen (von der Natur gespeicherten) Energien verursachen wir den Treibhauseffekt und bringen nun die überschüssige Energie nicht mehr ins Weltall zurück. Unser Problem ist Energieüberschuss, nicht Mangel. Aber geforscht wird weiterhin an Fusionsenergie, eine Sonne auf Erden!, etwas, was wir zuallerletzt brauchen. Solarenergie speichern lernen, Problem gelöst!

    Todsünde Nr. 3: Der Mensch ist nicht die Krone der Schöpfung, er ist der gefährlichste Raubaffe auf Erden (Dürrenmatt).

    Die gute Botschaft: Wir haben noch etwa 50 Jahre Zeit, unsere Irrtümer einzusehen und danach zu handeln. Erste Priorität, retour auf 4 Milliarden!

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