Laubfrosch Beatrix Mühlethaler

Der Mensch stösst ins Grüne vor. Das ist der Tod des grünen Laubfroschs. © Beatrix Mühlethaler

Der Laubfrosch und sein Siedlungsproblem in der Schweiz

Hartmuth Attenhofer /  Der Mensch drängt die Natur zurück. Aber nicht nur mit seinem Verhalten, sondern wegen seiner schieren Menge. Serie, Teil 2.

Red. Hartmuth Attenhofer, Sozialdemokrat, war Journalist, Zürcher Kantonsrat, Bezirksrat und Statthalter. Im ersten Teil seiner Bevölkerungs-Serie beschrieb er den Konflikt zwischen wachsender Bevölkerung und Berggorilla in Uganda. Heute blickt er aus der Froschperspektive in die Schweiz.

Im Februar las ich im Tages-Anzeiger die betrübliche Geschichte über einen ausgetrockneten «Fröschenweiher». Konkret: In Zollikerberg wurde ein Weiher «stillgelegt», das heisst leergepumpt und ausgetrocknet. Alle Erdkröten (Bufo bufo), die in den Jahren zuvor in diesem Weiher geschlüpft waren und sich zu kleinen Krötchen entwickelt hatten, bissen bei ihrer Rückkehr in trockenen Staub. Sie hatten sich in den ersten warmen Februartagen aufgemacht, um sich am Ort ihrer Herkunft fortzupflanzen. Im Trockenen geht das aber nicht. Aus. Fertig. Schluss. Statt eines Weihers entsteht jetzt ein Mehrfamilienhaus.

Es trifft nicht nur die Erdkröte, die relativ zäh ist und sich auch an «unwirtlichen» Orten hält. Es trifft alle 16 Amphibienarten in unserem Land. Allen voran trifft es den Laubfrosch (Hyla arborea). Das ist der kleine nette Kerl im leuchtend grünen Kleid und mit grossen goldgelb funkelnden Augen. Der Bilderbuchfrosch par excellence. Mit maximal vier Zentimetern Körperlänge ist er unser kleinster Froschlurch. Und er ist der am meisten gefährdete. Da er anspruchsvoller ist als die Erdkröte, finden wir ihn im human besiedelten Raum selten. Der Laubfrosch braucht freistehende Gewässer mit offenen Ufern. Und er braucht Ruhe.

Freies Seeufer – für wen?

Freistehende Gewässer mit offenen Ufern – für sich allein. Das also braucht der Laubfrosch zum Überleben. Velowege, Spazierpfade und Seebadis sind nichts für ihn. Für die anderen Amphibien auch nicht. Es gibt in der Schweiz zwar noch viele Gewässer, die Amphibien als Lebensgrundlage dienen könnten. Gewässer wie der gewesene Weiher von Zollikerberg… Solche Weiher müssen weichen, weil hier immer mehr Menschen leben, die in Häusern wohnen wollen. Der Mensch stösst ins Grüne vor und verdrängt die Natur. Das ist der Lauf der Dinge. Und der Tod des Laubfroschs.

Glaubt man den Angaben des statistischen Amtes des Bundes, wächst die Bevölkerungszahl in der Schweiz aktuell um jährlich 0,7 Prozent. Es leben in der Schweiz aktuell 8,667 Millionen Personen. Davon 0,7 Prozent macht 60’700 Menschen. Jedes Jahr wächst also die Bevölkerungszahl in der Schweiz um rund 60’700, zum Teil durch Zuwanderung, zum Teil immer noch durch Geburtenüberschuss. Zur besseren Einordnung und für Vergleiche: die 60’700 liegen zwischen Biel mit 55’100 und Lugano mit 63’100 Einwohnern.

Schafft zwei, drei, viele Luganos

Konkret: Diese jährlich zusätzlichen 60’700 Menschen wollen wohnen, arbeiten, pendeln, lernen und sich vergnügen. Und ins Grüne fahren. Jahr für Jahr kommen 60’700 Menschen mit diesen Begehren zu den bereits hier lebenden Menschen hinzu. Die Raumplanung in unserem Land muss also jedes Jahr und immer wieder für neue 60’700 Menschen Raum schaffen: für Wohnungen, Strassen, Arbeitsplätze, Infrastrukturen und andere Petitessen. Wir müssen Jahr für Jahr eine Stadt in der Grösse von Lugano in die Schweizer Landschaft stampfen.

Bauen kann man grundsätzlich in zwei Richtungen: in die Breite oder in die Höhe. Für die Breite bietet sich die Landschaft an, das Mittelland, die voralpine Region und die sanften Jurahügel. Das Mittelland ist eh schon überstreut mit Lagerhallen, Einfamilienhüüsli-Teppichen und Autobahnen, da kann man getrost zwischen Bodensee und Genfersee Jahr für Jahr immer wieder eine Stadt wie Lugano hineinmosten. Der Siedlungsdruck verlangt es und die Politik knickt ein. Die Böden werden versiegelt und die Natur wird verdrängt. Es wird fleissig gebaut, jedes Jahr erneut für 60’700 Menschen. Ein paar von ihnen wohnen bald dort, wo in Zollikerberg ein Weiher war.

Putzig oder hoch

Das Bauen in die Höhe ist da komplexer. Nicht wegen der Statik, sondern wegen der Politik. Hochhäuser, also Bauten ab dem 7. Stockwerk, brauchen spezielle Zonen und Sonderbauvorschriften. Da können alle mitreden. Das ist zwar spannend, aber auch zermürbend. In den Städten und den Kern-Agglomerationen eröffnet sich die Möglichkeit der Verdichtung nach innen. Das ist zwar sicher ein vernünftiger Ansatz. Die Umsetzung stösst aber auf Widerstand, wie beispielsweise die geplante Überbauung Thurgauerstrasse in Zürich Seebach gezeigt hat, mit der der Zürcher Stadtrat 700 Wohnungen, zum Teil im Hochhaus (wääk!), also höher verdichtet, erstellen lassen wollte. Die Nachbarschaft rundum in ihren putzigen Häusern (fachsprachlich: kleinmassstäbliche Überbauung) wehrte sich mit Hilfe von ganz links (AL). Zum Glück vergeblich.

Man sieht: Verdichtung wird schwierig. Was also bleibt, ist die Fläche. Konkret das Mittelland mit den Wiesen, Wäldern, Auen, Bächen und Teichen. Roden, kanalisieren, entwässern schafft Baugrund. In diese Fläche passen noch problemlos Lugano 2, Lugano 3, Lugano 4, Lugano 5… Das geht am schnellsten und ist effizient. Irgendwo müssen die 60’700 Menschen ja wohnen können, die jedes Jahr dazukommen. Und die Laubfrösche sollen ihr keckes Maul halten. Machen ja eh nur Lärm: äpp, äpp, quaak.

Friday for Frogs

Es gibt kaum eine Partei, die sich nicht der erhaltenswerten Landschaft verschrieben hat. Bunte Wälder, grüne Felder, lächelnde Seen und herrliche Berge. Schöne Schweiz. Das wollen alle erhalten. Das geht aber nicht mit Lugano 2, 3, 4 und so weiter. Das geht nur mit einem Wachstums-Stopp. Als der Club of Rome vor 49 Jahren vor dem Kollaps warnte und «Grenzen des Wachstums» forderte, zählte die Weltbevölkerung 3,85 Milliarden Köpfe; das ist die Hälfte von heute (7,76 Milliarden). Die Zahlen für die Schweiz: Vor 49 Jahren lebten hier 4,6 Millionen, Ende 2020 waren es 8,667 Millionen Menschen. Kein Platz für Frösche, aller Raum für uns. Men’s first!

Jedes Jahr im frühen Frühling treffen sich beherzte Menschen zum «Fröschetragen». Das ist eine schöne Geste gegenüber der Natur; konkret: gegenüber der Erdkröte. In manchen Gebieten müssen die Erdkröten auf ihrer Frühlingswanderung Strassen überqueren, was regelmässig zu verheerendem Massenstreben führt. Die «Froschträgerinnen und Froschträger» besammeln sich dann frühmorgens, ausgerüstet mit Gummistiefeln, Plastikkessel und warmen wetterdichten Kleidern an den betroffenen Strassenrändern. Im Schein der Taschenlampe sammeln sie die Erdkröten ein und bringen sie über die Strasse in Sicherheit. Jetzt will man, so habe ich gehört, nächstens die Klimajugend «Friday for Future» zum «Fröschetragen» aufbieten. Ich bin dann dabei und sehe nach, wie viele Klima-Jugendliche mitmachen; selbst im Dunkeln, bei Regen und Kälte kann ich nämlich bis fünf zählen.

Was wirklich gegen die Klimaerwärmung hilft, aber niemand zu sagen wagt, steht demnächst hier.

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Der erste Teil: «Kampf um Naturraum: «Der Berggorilla und sein Verlust an Lebensraum in Afrika»

Lesen Sie im dritten Teil: «Kampf um Naturraum: «It’s the overpopulation, stupid!»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Bevlkerung_Erde

Pro und Contra Bevölkerungszunahme

Die Bevölkerung auf unserem Planeten hat in den letzten 200 Jahren enorm zugenommen.

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3 Meinungen

  • am 24.05.2021 um 23:24 Uhr
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    Endlich wird’s mal beim Namen genannt! Die Natur leidet extrem unter dieser Zuwanderung und dem dazugehörenden Bauboom! Wir brauchen endlich eine Begrenzung der Bevölkerung! Unendliches Wirtschaftswachstum auf kosten uns aller muss endlich ein Ende haben! Warum wird hier seitens der Politik nicht gehandelt? Die Masseneinwanderungsinitiative wäre gut gemeint gewesen leider weigerte sich das Parlament diese umzusetzen!
    Unsere Ressourcen sind begrenzt vor allem der Boden auf dem wir leben! Bis 2050 muss die Landwirtschaft Weltweit 60% mehr Lebensmittel anbauen damit wir alle was auf dem Teller haben! Ob da für uns noch was übrig ist wenn wir alles zubetonieren und uns mit Vorschriften über regulieren?

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  • am 25.05.2021 um 07:28 Uhr
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    Tja, 2014 wars, als fast das gesamte politische Establishment Hass und Häme über die «Ecopop-Initiative» verbreitete. Seither wagt sich kaum noch jemand an das Thema, zu toxisch die vermuteten Folgen. Dennoch, die entsprechenden Probleme sind ja nicht vom Tisch, im Gegenteil. Daher ist der aktuelle Beitrag aus der Laubfroschperspektive hoch willkommen. Wobei die Fokussierung auf die Bevölkerungszahl zu kurz greift, sie sollte stets mit dem ebenfalls steigenden Flächenverbrauch pro Person gesehen werden.

    1
  • am 28.05.2021 um 21:05 Uhr
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    Etwas zum Nachdenken: +++ UMWELTZERSTÖRUNG +++ PANDEMIEN +++ KRIEGE +++ HUNGER +++ UNRUHEN +++ ANARCHIE +++ FLÜCHTLINGE +++ KLIMA-KATASTROPHE +++ MASSENTIERHALTUNG +++ TIERQUÄLEREI +++ GEMEINSAME URSACHE +++ Die Grund-Ursache für alle Umweltprobleme inklusive der Klimakatastrophe ist meiner Ansicht nach die globale Überbevölkerung des Menschen, der immer mehr Natur zurückdrängt und zerstört. Jede Umweltschutzmaßnahme ist daher immer nur kurzfristig wirksam, weil pro Jahr rund 100 Millionen Menschen dazukommen, die wiederum Ressourcen verbrauchen, den CO2-Ausstoß vergrössern und den menschlichen «Fussabdruck» deutlich erhöhen. Daher hilft nachhaltig nur ein weltweiter, humaner, aber konsequenter Geburtenstopp mit anschließenden Geburtenregelungen für alle Menschen weltweit, um alle Umweltprobleme an der Wurzel zu packen. Bitte UNTERSCHREIBEN und UNTERSTÜTZEN: https://www.change.org/p/weltweite-geburtenregelungen-verbindlich-einf%C3%BChren-introduce-obligatory-world-wide-birth-controls

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