Euronews Videoscreenshot Terminal Roland Garr

Das 2024 eröffnete Ankunftsterminal des Roland Garros Airports auf La Réunion ist hell, luftig und angenehm. © Euronews (Videoscreenshot)

Auf Réunion kühlt sich der Flughafen mit Wind

Daniela Gschweng /  Das Terminal auf der tropischen Insel kommt ganz ohne Klimaanlage aus – dank traditioneller Bauprinzipien.

Sonne, Hitze, Feuchtigkeit – die tropische Insel La Réunion hat von all dem reichlich. Dennoch kommt das Ankunftsterminal des Flughafens ohne Klimaanlage aus. Besucherinnen und Besucher beschreiben die Halle als geräumig, hell, luftig und angenehm. Es gibt bodentiefe Fenster, viel Holz und etliche Grünpflanzen.

Das Beste aber: Der in Flughäfen sonst übliche eisige Hauch der Klimatisierung bleibt den Fluggästen erspart. Dafür weht ständig eine leichte Brise durch das Gebäude. Der konstante Luftstrom ist das Resultat ausgeklügelter Technik und schlauer Architektur. In dem hohen, verglasten Gebäude mit dem geschwungenen Dach steuern Sensoren mehr als 800 Fensterlamellen, um die Lüftung zu regulieren.

Mehr als die Hälfte der Gebäudeoberfläche lässt sich öffnen. Was den Eindruck erzeugt, mehr draussen als drinnen zu sein. Zahlreiche Grünpflanzen verstärken dieses Gefühl. Die Gebäudetechnik erzeugt auch bei Temperaturen von über 30 Grad draussen ein angenehmes Raumklima. Das System senkt die gefühlte Temperatur um vier bis fünf Grad – fast so viel, wie eine Klimaanlage leisten würde.

Der Clou: Die Lücke im Dach

Am auffälligsten aber sind Lage und Form des Roland Garros Airport Arrival Terminals. Denn La Réunion hat ausser tropischer Hitze noch etwas anderes: die Passatwinde. Das Gebäude ist genau in Ost-West-Richtung gebaut. So hilft der Wind mit, das Gebäude mit Luft zu durchströmen.

In der Mitte des geschwungenen Dachs befindet sich dazu ein auffälliger, breiter Graben, durch den warme Luft nach draussen gelangen kann. Mehr als sieben Meter grosse Deckenventilatoren sorgen zusätzlich dafür, dass die Luft umgewälzt wird.

Das Raumklima hat auch ganz praktische Auswirkungen auf die Menschen, die dort arbeiten: Sie entgehen der berüchtigten «Aircon Flu», der Klimaanlagen-Erkältung. Delphine Robert, die einmal pro Woche für den Tourismusverband im Flughafen arbeitet, hofft, nun seltener krank zu werden.

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Ein auffälliges Merkmal ist ein grosser Graben in der Mitte des geschwungenen Hallendachs.

Der Bau des Terminals sei ein Wagnis gewesen, sagt Marc Delanoë, Leiter für nachhaltige Entwicklung am Roland Garros Airport. «Von Anfang an ohne Klimaanlage zu planen, war ein Risiko», sagte er gegenüber dem «Guardian». Die acht Jahre Planungs- und Bauzeit hätten sich jedoch gelohnt.

«Von der Temperatur als Massstab wegkommen»

Man müsse von der Temperatur als alleinigem Massstab für Wohlbefinden wegkommen, erklärt der Architekt Éric Bussolino vom Pariser Architekturbüro AIA Life Designers, das das Gebäude plante. «Ziel ist es, einen Luftstrom von etwa einem Meter pro Sekunde zu erzeugen, um die gefühlte Temperatur zu senken.»

Dafür holte sich AIA Unterstützung beim lokalen Architekten Olivier Brabant, der bereits mehrere Gebäude auf der tropischen Insel gebaut hatte. Die imposante Ankunftshalle ist nicht das erste «bioklimatisierte» Gebäude auf La Réunion.

Die Einwohnerinnen und Einwohner von La Réunion sind seit Generationen Durchlüftungs-Fachleute. «Unsere Vorfahren bauten in Windrichtung. Sie öffneten und schlossen bestimmte Fenster und Türen, um die Belüftung anzupassen, wenn ihnen zu warm oder zu kalt war», beschreibt es Delanoë. Für ein grosses Gebäude müsse man einfach nur den Massstab ändern.

Traditionelles Wissen in neuem Massstab

Schon die ersten einfachen Hütten setzen auf Querlüftung, schreibt Alexandra Gerstberger in ihrer Diplomarbeit für die Universität Wien, in der sie die architektonische Geschichte der Insel untersucht. Anfangs gab es nur wenige Fenster, damit die Hitze draussen blieb. Fenster und Tür lagen einander aber stets gegenüber. Die Wände reichten nicht bis zum Dach, damit die Luft zirkulieren konnte.

Bei aufwendigeren Häusern wurde später ein Vordach üblich, das Regen und Sonne abhielt. Schon früh baute man auf der Insel sehr materialsparend. Holz war ein knapper Rohstoff, typisch waren Bambus und Fachwerk. Lamellenfenster sind häufig, Fensterläden halten die Sonne ab, Öffnungen in der Fassade und der Decke lassen die Luft zirkulieren. Auch in neuen, kompakten Bauten aus Stahl und Beton lebt man nach wie vor gerne halb draussen auf der Veranda.

Das Draussen-im-Drinnen-Gefühl

Diese Merkmale finden sich in der Ankunftshalle wieder. Das Draussen-im-Drinnen-Gefühl sollen auch die Besuchenden des Flughafengebäudes haben. Thomas Dubus, Vorsitzender des Flughafen-Verwaltungsrats, findet, das sei gelungen. «Der auffälligste Eindruck, den man beim Betreten des Gebäudes hat, ist der Kathedraleneffekt – das gigantische Raumvolumen und das Licht», beschreibt er die Ankunftshalle.

Luftstromanalyse
Projektleiter Thomas Lamet bei einer Luftstromanalyse in der Ankunftshalle.

Zu den baulichen Anforderungen gehörten natürlich auch Brandschutz und Brandbelüftung sowie Unwettersicherheit. Auf La Réunion kann es heftig regnen, Zyklone mit starkem Wind kommen in der Region ebenfalls häufig vor. Bei Bedarf lässt sich die Fassade komplett schliessen.

Je nach Quelle kostete das Flughafengebäude zwischen 65 («Euronews») und 113 Millionen Euro (Projektinfo EU) , 15 Millionen Euro davon kostete allein die Gepäckabfertigung. Bezahlt haben dies vor allem die EU und der französische Staat. Trotz grosser Mengen Glas und Beton wurde möglichst viel Holz verwendet. Im gesamten Gebäude wurden 7000 Kubikmeter Beton verbaut. Versteifungselemente aus Recyclingplastik sparten 140 Kubikmeter Beton ein – immerhin ein wenig. Für die Begrünung des Innenraums sorgt der Botanische Garten von La Réunion mit lokalen Pflanzen.

Wegen Luftverschmutzung auf Europa schlecht übertragbar

Der 2024 eröffnete bioklimatiserte Flughafen wurde inzwischen mehrmals ausgezeichnet und 2025 von der Unesco und der Internationalen Architektenvereinigung in die Liste der schönsten Flughäfen der Welt aufgenommen.

Die innovative Ankunftshalle benötigt laut «Euronews» 55 bis 60 Prozent weniger Energie als ein konventionelles Gebäude, bei derzeit 2,4 Millionen Passagieren pro Jahr. 30 Prozent der Energie, die der Flughafen benötigt, stammen aus Photovoltaik. Sein CO2-Ausstoss hat sich von 8000 Tonnen im Jahr 2011 auf 1000 Tonnen pro Jahr reduziert. Bis 2030 soll der gesamte Flughafen energieautark sein.

Während in Europa der Ruf nach Klimaanlagen immer lauter wird, ging die französische Insel also den umgekehrten Weg. Ohne weiteres übertragbar sei die Bauweise aber nicht, sagt Delanoë gegenüber dem «Guardian». Die Luft in La Réunion sei sauber, das sei in europäischen Metropolen nicht der Fall. In grossen, verschmutzten Städten auf dem europäischen Festland liessen sich die Erkenntnisse aus der natürlichen Belüftung des Terminals nur schwer umsetzen. «Man konzentriert sonst die Schadstoffe im Inneren – das funktioniert nicht.»


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