220828 SoZ Titel

Titelseite der Sonntags-Zeitung vom 28. August © tamedia

SoZ propagiert Ausflug mit Kreuzfahrtschiff, Heli und U-Boot

Urs P. Gasche /  Mit dem Eisbrecher stosse man «in verschlossene Reviere» vor. Gleichzeitig warnt die SoZ auf fünf Seiten vor Folgen der Klimakrise.

Leserinnen und Leser der Sonntags-Zeitung sind verwirrt. Auf der Frontseite informiert diese darüber, «wie ein einziger heisser Sommer die Berglandschaft dauerhaft verändert». Im Innern des Blattes schildert die Redaktion auf vier Seiten schlimme Folgen der Klimakrise. «Kein Schnee mehr, kein Eis. Der Berg ist zum ersten Mal völlig schwarz», zitiert die SoZ einen ETH-Glaziologen gleich über zehn Zeitungsspalten hinweg.

Die Botschaft: Es gibt allen Grund, die Klimakrise ernst zu nehmen.

Schon machten sich Leserinnen und Leser darauf gefasst, dass jetzt Appelle folgen, weniger herumzufliegen und weniger Fleisch zu essen.

Doch auf Seite 70 der gleichen Ausgabe folgt die Entwarnung. Die Luxusjacht «Scenic Eclipse» sei «gut gerüstet für Abenteuer und Eis». Für besondere Ausflüge seien ein Helikopter und sogar ein U-Boot an Bord. Man könne «beeindruckende Erkundigungstouren» unternehmen. Die Redaktion der Sonntags-Zeitung warb für die Reise sogar mit Angabe der Buchungsadresse und des Preises: Ab 1040 Franken pro Tag mit einer Übernachtung. Vollpension und eine unbegrenzte Getränkeauswahl seien inbegriffen. Und auch ein «24-Stunden-Butlerservice».

220828 SoZ Reisen
Auf der Seite «Reisen» der Sonntags-Zeitung vom 28. August

Am Schluss der seitenlangen Eloge schrieb Autorin Priska Amstutz, Co-Chefredaktorin des «Tages-Anzeigers», sie habe die Reederei darauf angesprochen, «dass die Kreuzschifffahrt als grosse Klimasünderin gilt». Darauf habe man ihr gesagt, dass die Ausstattung des Interieurs nur an Partnerfirmen vergeben werde, «die über eine Öko-Zertifizierung verfügen». Was den Treibstoff betreffe, müsse man auf Schiffe der nächsten Generation warten.

Die Co-Chefredaktorin informierte nicht einmal darüber, ob die Luxusjacht mit schwefelarmem Treibstoff oder doch etwa mit Schweröl fährt. Und auch nicht darüber, welche Treibstoff- und anderen Abfälle ins offene Meer gelassen werden.

Schliesslich wurde ihre Reise «von der Scenic-Gruppe unterstützt», wie Amstutz ganz am Schluss vermerkte.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Velofahrer

Anders Reisen – Umwelt schonen

Wie sich der Konflikt zwischen Reiselust und Klimafrust entschärfen lässt: Alternativen im Tourismus.

Zeitungen_1

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

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5 Meinungen

  • am 29.08.2022 um 11:35 Uhr
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    Man darf von der Co-Chefredaktorin Priska Amstutz nicht viel erwarten. Sie wurde für die Vermehrung von Soft-Geschichten nach oben katapultiert und verantwortet das Ausgehmagazin Züritipp, das nach eine Neukonzeption vor allem den Konsum anzukurbeln hilft. Boutiquen werden mit ihren Nipp-Sachen hochstilisiert und die Gastronomie abgefeiert, was das Zeug hält. Der Tagi will vor allem Geld verdienen um die Aktionäre zu beglücken. Das ist ihm zudem auch noch gelungen durch die Ausdünnung der Auslandsberichterstattung und die magere Berichterstattung aus dem Tessin und der Westschweiz. Das Wichtigste ist für den Tagi natürlich Zürich und dort deren reiche Klientel. Da sie ihre Arbeit so gut macht, durfte sie wohl gratis das Abenteuer mit Heli erleben, wurde ja auch so deklariert.

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  • am 29.08.2022 um 11:49 Uhr
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    Die Unverschämtheit, mit der sich dieses Medienunternehmen bei jeder Gelegenheit als «schampar besorgt» über den Klimawandel inszeniert und dabei jedem ernsthaft in Sorge lebenden eigenen Leser den Stinkefinger zeigt, ist kaum zu überbieten – aber leider Alltag. Wie etwa ein grosser Detailhändler, der sich unglaublich nachhaltig gibt, und gleichzeitig Flug- und andere Reisen à gogo verkauft, nebst jedwelchem Schrott aus China natürlich. Oder soll man sich noch aufregen über die Berichterstattung über die «Erholung» der Flughäfen, die endlich wieder soviele Passagiere haben, wie vor dem Corona-Spektakel? Oder soll man sich doch eher darüber wundern, dass grüne Parteien und solche, die sich grün geben, angesichts des Klimawandels und des durch den Ukraine-Krieg erzwungenen Energieengpasses nicht das historische Momentum erfassen und endlich ernsthaft Strategien für die Abkehr vom Wachstumswahn auflegen und konkrete und nachhaltige Verhaltensänderungen einfordern?

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  • am 29.08.2022 um 12:52 Uhr
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    Danke , dass Sie auf diese Widersprüche hinweisen. Ins gleiche Kapitel gehören auch die regelmässig beigelegten Hochglanzwerbebroschüren.

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  • am 30.08.2022 um 12:08 Uhr
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    Es agieren wohl die meisten Verlage in dieser schizophrenen Manier. Der Bund (Tamedia) plazierte auch ein ganzseitiges Inserat für eine «Leserreise» nach Norddeutschland per Flug (immerhin «Zug auf Anfrage möglich»), was in der heutigen Ausgabe einen kritischen Leserinbrief von Esther Enderli auslöste. Und die meisten Tamedia-Leserreisen gehen an exotische Orte auf fernen Kontinente, Luxus-Konsum getarnt als Bildung.

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