Kommentar

Lehrpersonenbildung: Die Angst vor der «Akademisierung»

Heinz Moser © zvg

Heinz Moser /  Die Lehrpersonenausbildung ist heute zu «verakademisiert»– so lautet eine Hauptkritik am aktuellen Lehrpersonenmangel.

Haarscharf ist das schweizerische Bildungswesen im neuen Schuljahr an einem gravierenden Lehrpersonenmangel vorbeigeschrammt. Nun hofft man auf das, was seit Jahrzehnten im Bildungswesen «Schweinezyklus» genannt wird. Damit wird beschrieben, dass sich bei einem Arbeitskräftemangel viele Interessentinnen und Interessenten auf den Mangelberuf aufmerksam werden und eine Ausbildung machen. Bis sie aber am Ende dieser Ausbildung angelangt sind, haben sich die erhofften Chancen bereits verflüchtigt, und es droht schon wieder der Überfluss.

Ob sich Angebot und Nachfrage bei den Lehrpersonen automatisch einpendeln, ist jedenfalls unsicher. Allein im Kanton Zürich haben von den 18’000 Lehrpersonen 330 kein Lehrdiplom. Und ähnlich sieht es in vielen anderen Kantonen aus. Tickt die Ausbildung also falsch, wenn so viele «Diplomlose» nun die Kartoffeln aus dem Feuer holen müssen?

Die Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung belegen, dass es beim Presseecho nicht nur um Meldungen im Sommerloch ging. Der Mangel ist gravierend und wird auch in den nächsten Jahren ein Thema bleiben. Nach dem «Bildungsbericht Schweiz» von 2018 wird es 2025 im 1. und 2. Jahr der Primarstufe gegenüber 2015 12% mehr Schülerinnen und Schüler geben, vom 3. bis 8. Jahr der Primarstufe 14% und auf der Sekundarstufe I ebenfalls 12%. Schon 2018 war also gemäss diesem Bericht klar: «Aktuell sind die für 2025 erwarteten Schülerzahlen demgemäss grösser als jemals in der Geschichte der schweizerischen Volksschule, was Konsequenzen für den Bedarf an Ressourcen und Personal haben wird.»

Diskussionen um den Lehrpersonenmangel

Wie hilflos Expertinnen und Experten auch heute noch mit solchen Hiobsbotschaften umgehen, belegte eine Diskussion im Zürcher «Tages-Anzeiger», wo Ideen zur Behebung des Lehrpersonenmangels diskutiert wurden. Wenn Nationalrätin Sandra Locher eine nationale Taskforce zum Lehrpersonenmangel fordert, so ist das selbst noch keine Lösung. Nach Konferenzen und Taskforces wird immer gerufen, wenn man nicht mehr weiter weiss. Und auch die Pflicht der Arbeitgeber, «die strategische Führung einer Taskforce zu übernehmen», sagt über Lösungen noch reichlich wenig aus.

Ein weiterer Experte sieht ein zentrales Problem darin, dass viele Millennials das Leben geniessen möchten und nicht alles dem Berufsleben opfern. So meint Thomas Minder, Präsident des Schulleiterverbands : «Viele sind jetzt auf Reisen, weil sie Corona-Nachholbedarf haben und ausreichend Geld mit Stellvertretungen verdient haben. Nächsten Sommer werden sie den Schulen hoffentlich zur Verfügung stehen.» Die Probleme werden sich auf diese kurzfristige Weise allein nicht auflösen. 

Denn die Teilzeitbeschäftigung von Lehrpersonen hat ein doppeltes Gesicht: Auf der einen Seite verstärkt sich dadurch die Mangelsituation. Aber die Aussicht, einen Beruf zu wählen, wo es möglich ist, das Pensum zu reduzieren, macht den Lehrberuf auch zusätzlich attraktiv. Man weiss, dass man sofort wieder eine Stelle kriegt, wenn man zum Beispiel einige Monate auf Weltreise war.

Die Überforderung von Berufsanfänger/innen

Aber auch Lehrer und Lehrerinnern äussern sich über die Unattraktivität ihres Berufes – etwa eine Lehrerin und Journalistin im «Blick», die aus dem Nähkästchen plaudert: «Ich vikarisiere an einer ersten Oberstufe. Nach einiger Zeit kommt heraus, dass eins der Mädchen in meiner Klasse, sie ist gerade 13 geworden, den Jungen in der Zehn-Uhr-Pause für 20 Franken Blowjobs gibt. Auf dem Klo.» Und mit ähnlichen Erlebnissen zu Sex- und Gewalterfahrungen geht es weiter. Die Beispiele machen immerhin deutlich: Wo Quereinsteiger/innen und Berufsanfänger/innen Unterricht übernehmen, ist Coaching und Beratung in schwierigen Situationen unabdingbar. Da geht es nicht um eine verfehlte Ausbildung, sondern es braucht ein System von erfahrenen Ansprechpersonen, die zu Hilfe kommen, wenn die Situation die Lehrenden überfordert.

Akademisierung – das rote Tuch

Richtig ist auf dem Hintergrund solcher Diagnosen die Forderung von Roland Reichenbacher, Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Zürich im «Tages-Anzeiger»-Artikel: «Jammern und Schuldzuweisungen nützen nichts! Wir müssen langfristig ernsthaft über die Attraktivität und die gesellschaftliche Anerkennung des Lehrberufs nachdenken.» Und diese hängt damit zusammen, dass schon in der Ausbildung gelernt wird, mit schwierigen und herausfordernden Situationen umzugehen.

Deshalb wollte man am Anfang dieses Jahrhunderts die Qualität der Ausbildung absichern, indem man die Lehrpersonenausbildung, wie fast überall in der Welt, an Hochschulen verlegte. Seit dieser «Tertiarisierung» der Lehrpersonenbildung wird dies aber immer wieder als verfehlte Akademisierung der Lehrerbildung gegeisselt – weil die früheren Seminare noch viel praxisnäher und der Lehrberuf früher so viel attraktiver gewesen seien. So meint Florence Mauli, Projektleiterin Bildung Economiesuisse  im «Tages-Anzeiger» apodiktisch: «Keine Lösung ist hingegen eine weitere Akademisierung. Eine Primarlehrperson benötigt keinen Masterabschluss.» Und sie fügt hinzu: «Die Schulleitungen und die Gemeinden müssen die Arbeitsbedingungen nachhaltig verbessern. Die PH müssen eine weniger akademisierte Ausbildung anbieten.»

Doch ist Theorie nur kompliziert und lebensfremd – indem sie hilft, den gesunden Menschenverstand vergessen zu lassen? Lehrpersonen müssen nicht allein unterrichten. Sie arbeiten mit Eltern zusammen, die oft mit Argusausgen den schulischen Alltag verfolgen. Sie müssen sich mit Gender- und Integrationsfragen auseinandersetzen und neue pädagogische Konzepte ausprobieren, die auf sie zukommen. Es wird von ihnen auch erwartet, nicht nur in ihrer Klasse aktiv zu sein, sondern auch im Schulteam mitzuwirken. Und natürlich sollten sie dabei kritisch bleiben und nicht jede Neuerung schon als Fortschritt feiern. Hier liegt auch der Wert einer theoretisch anspruchsvollen Grundbildung:  Erst durch das Reflektieren versteht man die Situation der Schülerinnen und Schüler richtig und kann auf angemessene Weise handeln.

Ein fundiertes Wissen über den schulischen Alltag gehört deshalb zur Ausbildung dazu. Das gilt ähnlich heute in handwerklichen Berufen, wo theoretisches Wissen immer wichtiger geworden ist. Der Übergang von Hauswart/innen zu «Facility Managern» bedeutet nicht nur, dass die Bezeichnung besser tönt. Er hängt auch mit einem Berufsprofil zusammen, das breiter und anforderungsreicher geworden ist. Das gilt auch für den Lehrberuf. Auch hier haben sich die Anforderungen gewandelt und sind im Vergleich zu früher komplexer und umfassender geworden.

Kein Studium «light»

Akademisierung ist nur dort schlecht, wo sie die Erfahrungen des Alltags durch lebensfernes Buchwissen ersetzt. Deshalb darf das Lehramtsstudium aus Angst vor der Akademisierung nicht durch ein Lehrdiplom «light» entwertet werden, um mehr Interessentinnen und Interessenten durchzuschleusen. Vielmehr muss der Beruf so ausgestaltet sein, dass er intellektuell und praktisch herausfordert. Auch vierjährige Masterstudiengänge sind nicht auszuschliessen, wenn sie neue Perspektiven für eine Karriere im Bildungssystem eröffnen. Nur wenn der Lehrberuf anspruchsvoll und gut bezahlt bleibt, wird er seine Anziehungskraft behalten und noch vergrössern. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor war bis 2013 Professor an der PH Zürich.
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3 Meinungen

  • am 29.08.2022 um 12:29 Uhr
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    zu grosse akademisierung?
    noch nicht lange wurde eine studie gemacht, welche die studenten an den pädagogischen hochschulen als die am wenigsten an wissenschaft interessierten personen verortete…
    als lehrer im alter von 64 kann ich nur sagen: ich wünshcte, ich hätte in meiner seminaristischen ausbildung mehr wissenschaftliche grundlagen in sachen pädagogik erhalten und nicht nur ein paar rezepte «erfahrener» lehrpersonen.
    das konnte ich dann in der heilpädagogischen zusatzausbildung nachholen, zum glück. meine ganze berufslaufabahn umfasste laufend weiterbildung, sei es in kursen oder im selbststudium.
    wenn mir dann ein deutlich jüngerer kollege vorwirft, ich sei zu wissenschaftsgläubig, weiss ich auch nicht mehr weiter…
    es ist in den kollegien gang und gäbe, dass weitgehend entgegen neuster wissenschaftlicher erkenntnisse, lieber aus dem bauch heraus diem alten rezepte aus der schwarzen pädagogik verwendet werden.

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  • am 29.08.2022 um 12:48 Uhr
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    Man kann sich auch kaputt akademisieren, wenn man für die Erfüllung eines Erziehungs-und Bildungsauftrages akademische Grade benötigen würde.
    Hierfür sind wohl eher zunächst einmal andere Qualitäten gefragt und da müssen sich die nicht-studierten sicherlich nicht herabwürdigen lassen.
    Vielleicht überlegt man sich ja mal einen Blick aus der Perspektive derer, die gebildet werden sollen zu riskieren, und kommt hinter das Geheimnis einer guten zwischenmenschlichen Beziehung um das zu vermeiden, wie dem 20 Franken Job und ähnlicher Missstände.

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  • am 29.08.2022 um 15:27 Uhr
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    Ich bin auf dem Weg über das Oberseminar Lehrer geworden und habe später in Pädagogischen Hochschulen unterrichtet. Die Umstellung war aus meiner Sicht keine gute Sache. Ich spreche bis heute mit vielen Studierenden und die Bilanz ist traurig, ja erschütternd. Die nach wie vor gültigen Anliegen Pestalozzis aber auch diverser heutiger Reformpädagogen kommen da nicht vor. Ich denke dabei etwa an Rudolf Steiner oder Gerald Hüether. Die Schule soll für die Kinder da sein, vertreten sie. Also müsste die allererste Fragen immer sein: Was brauchen Kinder heute, um im Leben zu bestehen, in einem denkbar herausfordernden Leben freilich. Eine vereinseitigte Intellektualisierung führt da nicht weiter. Kinder müssten stark werden, rundum lebenstüchtig und nicht bloss gescheit. Die Arbeitswelt zeigt sich in Anbetracht des Nachwuchses wenig erfreut. Versager sind an der Tagesordnung. Die Lehrerbildung steckt in einer Sackgasse. Die Schule ebenso.

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