Serbien Rio Tinto Proteste

Grosse Proteste in Städten Serbiens gegen das Projekt von Rio Tinto. 130'000 Personen unterschrieben eine Petition. © Workers Liberty/Igor Pavicevicc

Lithium: Sieg oder Pyrrhussieg gegen Bergbau-Konzern Rio Tinto

Mirjana Anđelković Lukić /  Ohne Lithium für Batterien gibt es keine Elektromobilität. Doch das Gewinnen von Lithum verursacht gewaltige Umweltschäden.

upg. Nach Demonstrationen in ganz Serbien ruderte die Regierung zurück und zog Lizenzen zur Gewinnung von Lithium zurück. Nach Angaben von Rio Tinto könnte die Mine in Serbien den Bedarf für eine Million Autobatterien decken. Eine europäische Mine mit einem westlichen Betreiber sei für die EU von strategischem Interesse.

«Wir geben doch nicht unsere Umwelt auf, damit ihr im Westen euer ökologisches Gewissen beruhigen könnt», erklärte Politiker Vladan Lubinkovic, der gegen die Mine kämpft. Viele Gegner der Mine vermuten, dass das Projekt nach den Parlaments- und Präsidentenwahlen am 3. April wieder reaktiviert wird. Denn es lockt eine Milliardeninvestition und es drohen Schadenersatzforderungen, weil Rio Tinto nach eigenen Angaben bereits 450 Millionen Dollar investierte. Der Rio Tinto-Konzern hat jedenfalls noch nicht aufgegeben. Auf seiner Webseite heisst es unbeirrt: «Wir glauben an Jadar.»

Die serbische Ingenieurin Mirjana Anđelković Lukić, die am Militärtechnischen Institut in Belgrad arbeitete und den Abbau von Lithium bekämpft, hat Infosperber folgende Hintergründe zugestellt.


Umweltauswirkungen des Sprengstoffeinsatzes beim Jadarit-Untertagabbau 

Mirjana Anđelković Lukić
Ingenieurin Mirjana Anđelković Lukić

Mirjana Anđelković Lukić – Rio Tinto, eines der weltweit grössten Bergbauunternehmen [ein britisch-australischer Konzern; Red.], beabsichtigt, im westlichen Serbien Lithium-haltiges Jadarit-Erz abzubauen.

Das beansprucht 1234 Hektaren [1 ha = 10 000 qm; Red.] fruchtbaren Bodens und vertreibt etwa 10’000 Einwohner aus ihren Wohnungen. Rio Tinto ist berüchtigt als Unternehmen, das Luft, Erde und Wasser verschmutzt. Das Unternehmen kauft das Land von eingeschüchterten Bauern. Doch viele Bauern wollen nicht wegziehen. In dieser Gegend hat es in der Nähe des Klosters und der Kirche Friedhöfe mit Gräbern von Toten des letzten Weltkrieges sowie einen Badekurort. Alles ist betroffen.

Jadarit ist ein Lithium-haltiges Erz

Leider wurde in Serbien Lithium-Erz entdeckt, nämlich Jadarit, was viele Bergbauunternehmen, darunter auch Rio Tinto, auf den Plan gerufen hat. Jadarit ist ein erst vor kurzem [2006; Red.] entdecktes Erz, ein Natrium-Bor- Lithium-Silikat-Hydroxid mit der Formel LiNaSiB3O7 (OH). [genauer: NaLi[B3SiO7(OH)]; Red.] Das Mineral Jadarit ist gemäss gewissen Geologen nicht sonderlich reich an Lithium: Es enthält 5 bis 20 kg Lithium pro Tonne Erz. Das Erz befindet sich in einer Tiefe von 400 bis 600 Metern. 

Über der Erzlagerstätte gibt es fossiles Wasser

Über der Erzlagerstätte, etwa 25 Meter unter der Erdoberfläche, gibt es Salzwasser aus dem Miozän [Das Miozän begann vor 23,03 Millionen Jahren und endete vor 5,33 Millionen Jahren; Red.], offenbar ein Rest des pannonischen Meeres. Die Salzkonzentration beträgt etwa 30 Prozent [gesättigte Kochsalzlösung liegt bei ca. 35%; Red.]. Es handelt sich um unterschiedliche Salze, nicht nur um Natriumchlorid. Beim Abpumpen des Salzwassers wird es zu einer mehr oder weniger starken Absenkung der Erdoberfläche kommen, was im Fall von Überschwemmungen schwer abschätzbare Folgen haben kann, denn der Fluss Jadar ist hochwassergefährdet. Wenn das Hochwasser nicht abfliessen kann, bleibt es in den Senken liegen. Es stellt sich die Frage, wie das im Bergbau anfallende Wasser gereinigt wird. Es ist zu befürchten, dass dieses Wasser die nahe gelegenen Flüsse Jadar und Drina sowie die Trinkwassergewinnung von Belgrad kontaminieren wird.

Auswirkungen des Sprengstoffeinsatzes

Das Bergbauunternehmen Rio Tinto plant, täglich 5’000 Tonnen Jadarit-Erz abzubauen. Dazu braucht es pro Tag 3,7 bis 7 Tonnen Sprengstoff. Das sind dann 110 bis 220 Tonnen pro Monat. Derartige Sprengstoffmengen werden sonst nur im Tagebau eingesetzt. Der Bergbau beeinträchtigt die Böden, nämlich durch Erosion, Verlust der Biodiversität, Kontamination des Bodens, Grundwasserverschmutzung, Verschmutzung der Oberflächengewässer, Luftverschmutzung, Beeinträchtigung durch Staub und Gase als Folge des Einsatzes von Bergbaumaschinen und Sprengstoff. Die Umweltverschmutzung ist bereits eine Folge der geologischen Exploration, der Vorbereitung, der Öffnung und des Betriebs der Mine.

Während militärische Sprengstoffe grundsätzlich aus chemisch reinen Bestandteilen bestehen, enthalten zivile Sprengstoffe, wie sie im Bergbau eingesetzt werden, auch Oxidationsmittel, Sensibilisatoren und inerte Bestandteile, weswegen sie eine heterogene Struktur aufweisen. Wenn sie keinen einzigen als Spreng- oder Explosivstoff klassifizierten Bestandteil enthalten, gehören sie zur Klasse der Abbruchmittel. Wegen ihrer geringen Zündempfindlichkeit sind Abbruchmittel ausserordentlich sicher in Bezug auf ihren Transport, ihre Lagerung und Handhabung, sodass sie nicht den strengen Vorschriften der echten Sprengstoffe unterstellt sind. Das vereinfacht vieles und verbilligt ihre Herstellung und ihre Anwendung. Moderne zivile Sprengstoffe sind viel stabiler und gegenüber Feuchtigkeit viel widerstandsfähiger als traditionelle Sprengstoffe. Zudem kann man sie mit Pumpen direkt in die Bohrlöcher einfüllen.

Das Unternehmen Rio Tinto setzt beim Abbau des Jadarit-Erzes und beim Ausbruch der unterirdischen Stollen Emulsionssprengstoffe mit zwei Komponenten ein. Diese bestehen aus Ammoniumnitrat und gewissen organischen Brennstoffen. Sie sind wasserbeständig und setzen bei der Explosion nur eine geringe Menge giftiger Substanzen frei. 

Erderschütterungen führen zu Gebäudeschäden

Die in Minen und Steinbrüchen künstlich ausgelösten Explosionen haben Begleiterscheinungen, nämlich: Wolken aus Staub und Gas, wobei auch toxische Gase auftreten, atmosphärische Schockwellen, Ausbreitung von Bruchstücken des abgebauten Gesteins und seismische Erschütterungen (Erdbeben). In den Staub- und Gaswolken, die beim Abbau des Jadarit-Erzes auftreten, wird Schwefelwasserstoff, der nach faulen Eiern stinkt, und Arsen, das Boden und Wasser vergiftet, enthalten sein. In diesen Staubwolken kann man zudem Nickel, Cadmium, Bor und viele andere Elemente finden. Beim Abbau des Gesteins bildet sich Feinstaub von 10 bis zu 2,5 Mikrometer Durchmesser. Zudem treten noch feinere Partikel der Grössenordnung Nanometer auf, die die erwähnten Metalle ebenfalls enthalten und die, wenn sie eingeatmet werden, zu verschiedenen Lungenkrankheiten und Krebs führen können.

Die negativen Auswirkungen der Sprengungen, beispielsweise die Bodenerschütterungen, die zur Beschädigung von Gebäuden führen, sind Anlass für Streitfälle zwischen den Unternehmen, die die Sprengungen ausführen, und den Besitzern der beschädigten Gebäude.

Lokale Interessen stehen gegen nationale Interessen

In den meisten Ländern sind Bergbaugesellschaften gezwungen, strenge Umwelt- und Sanierungsvorschriften einzuhalten, um Schäden für die Umwelt und die menschliche Gesundheit in einem akzeptablen Rahmen zu halten. Diese Normen und Vorschriften erfordern gemeinsame Schritte, um die Umweltauswirkungen zu beurteilen, Umweltmanagementpläne auszuarbeiten, die Schliessung der Mine zu planen (Schliessungspläne müssen bestehen, bevor mit dem Abbau begonnen wird) und die Umwelt während und nach der Schliessung zu überwachen. 

Die gesamte Gerichtsbarkeit im Bereich Bergbau liegt bei den Behörden der Republik Serbien, während die örtlichen Behörden, auf deren Grund und Boden sich die Mine befindet, praktisch keine Entscheidungsmacht haben. Die Gelder aus den Lizenzgebühren, die für die Schürfrechte bezahlt wurden, sind Bestandteil des nationalen Budgets, aus dem nur ein winziger Bruchteil in die örtlichen Budgets fliesst.

Das bedeutet, dass die lokalen Interessen gefährdet sind, wenn grosse Unternehmen auftauchen, deren einziges Interesse der Profit ist und die bewusst in Länder kommen, wo die Umweltvorschriften weniger streng sind oder wo es keine strenge Kontrolle bezüglich Anwendung von weltweit gültigen Normen und von umweltverträglichem Bergbau gibt. Deren Behauptung, es würde umweltverträglicher Bergbau betrieben und man werde mit den örtlichen Behörden zusammenarbeiten und sie unterstützen, ist eine Unwahrheit, um die Medien und die staatlichen Organe darüber zu täuschen, dass weder die Gesetze noch die eigenen firmeninternen Normen eingehalten werden.

Ein Beispiel, wie es werden kann

Wenn jemand wissen will, welche Auswirkungen der Einsatz von kommerziellen Explosivstoffen zum Abbau von Jadarit-Erzgängen hat, dann muss er die Stadt Bor besuchen, wo ein chinesisches Unternehmen in Čukar Peka mit solchem Sprengstoff Kupfer und Gold abbaut. Einwohner berichten von ständigen Erdbeben, die auch nachts stattfinden, als Folge der Sprengungen. Wohnhäuser werden beschädigt, in deren Wänden lange, bis zu 10 Zentimeter breite Risse entstehen, Sodbrunnen vertrocknen, die Umwelt wird verschmutzt, landwirtschaftlicher Boden wird beschädigt, Wälder werden illegal abgeholzt. All dies beweist, dass das Unternehmen nichts von umweltverträglichem Bergbau hält. 

Gleichzeitig werden zuvor geknüpfte Kontakte mit der lokalen Bevölkerung abgebrochen. Die Haushalte erleiden beträchtlich wirtschaftliche Verluste, haben kein Wasser mehr in ihren Sodbrunnen, ihr Besitztum an landwirtschaftlichem Boden, Wald und Einrichtungen ist gefährdet und wegen der Verschmutzung der Luft und der Gewässer können sie nicht mehr ihrer traditionellen Wirtschaftstätigkeit nachgehen. Wegen dem gewaltigen Staub als Folge der Sprengungen können sie ihre üblichen landwirtschaftlichen Kulturen nicht mehr anlegen, ja, nicht einmal mehr Gemüse für den Eigenbedarf anbauen.

Dasselbe Schicksal, wenn nicht ein noch schlimmeres, steht den Bewohnern von Radjevina im Westen von Serbien bevor. Die Mine und die Erzverarbeitung von Rio Tinto befinden sich im fruchtbarsten Gebiet von Rajevina. Dort werden Himbeeren und verschiedene andere Früchte angebaut, wird Bienenhonig produziert, entsteht aus gesunder Kuhmilch Käse in verschiedenen Sorten. Jeder Quadratmeter Boden wird landwirtschaftlich genutzt.

Die Mine selbst beansprucht 1234 Hektaren sauberen und gesunden Boden und wird eine Fläche von weiteren 2023 Hektaren landwirtschaftlich unbenutzbar machen. Rio Tinto beabsichtigt, die grösste Lithium-Mine von Europa zu errichten und dabei nicht nur die fruchtbare Gegend von Radjevina zu verschmutzen, sondern auch Gebiete ausserhalb des Bergbaugeländes, was Auswirkungen auf ganz West-Serbien und darüber hinaus bis jenseits der Landesgrenze haben wird. Die Mine oder die Gesundheit ist Sache der gesamten Behörde Serbiens, insbesondere aber des Umweltschutz- und des Gesundheits-Ministeriums. 

Norwegen hat Rio Tinto zum unerwünschten Konzern auf norwegischem Staatsgebiet erklärt. Als eine auf Sprengstoff spezialisierte Ingenieurin halte ich es für das Beste, wenn Rio Tinto dorthin zurückkehrt, wo es herkommt, vorher aber noch die Löcher verschliesst, die es bei uns gebohrt hat.

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Übersetzung aus dem Französischen von Dieter Kuhn.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Die Autorin engagiert sich als Ingenieurin gegen die geplante Gewinnung von Lithium in Serbien.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Konzerne_UggBoyUggGirl

Die Macht von Konzernen und Milliardären

Wenn Milliarden-Unternehmen und Milliardäre Nationalstaaten aushebeln und demokratische Rechte zur Makulatur machen.

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Gifte und Schadstoffe in der Umwelt

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2 Meinungen

  • am 19.03.2022 um 16:31 Uhr
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    Guter und wichtiger Artikel.
    Die Förderung von Rohstoffen für die Energiewende und die damit verbundenen, direkten auswirkungen auf die Umwelt und Natur, findet viel zu wenig beachtung. Noch mehr Raubtierkapitalismus, der uns bereits an diesen Punkt der Geschichte geführt hat, kann nicht die Antwort sein.
    Ein Artikel von Counterpunch zu diesem Thema
    https://www.counterpunch.org/2022/03/16/the-impacts-of-green-new-deals-on-latin-america/

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  • am 20.03.2022 um 13:37 Uhr
    Permalink

    Sehr guter Artikel. Genau solche Informationen sind notwendig um sich als Leser eine eigene Ansicht (nicht Meinung) darüber bilden zu können: Sachlich- und fachlich kompetent. Die zentralen vier Ebenen der Entscheidungsfindung werden dabei tangiert. 1.) Die soziale Frage, d.h. welche Folgen hat es für die Menschen vor Ort. 2.) Die ökologische Frage, d.h. welche Folgen hat es für die Natur vor Ort. 3.) Die Ökonomische Frage, d.h. welche Auswirkung und welchen wirtschaftlichen Nutzen hat es für die Menschen, die Region und das Land, wem nutzt es? 4.) Die rechtliche Frage, d.h. wie wird der Entscheidungs- beziehungsweise Beschlussprozess in einer Sache geführt. Genau diese vier Ebenen müssen in jedem Sachverhalt immer transparent dargelegt werden. Dies ermöglicht in allen Fragen ein hohes Mass an solidarisch- demokratischer Verantwortungskultur, für das Individuum wie auch für die repräsentativ politisch Handelnden. Norwegens Haltung in diesem Zusammenhang ist vorbildlich.

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