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«Wie könnte unsere Gesellschaft die Kurve kriegen?»: Diese Frage stand im Zentrum von Hanspeter Guggenbühls Wissensdurst. © zvg

in memoriam hpg: Über die Weigerung, etwas einfach hinzunehmen

Jakob Weiss /  Wer mit Hanspeter Guggenbühl in persönlichem Kontakt stand, wurde nicht von seiner Neugier verschont.

Jakob Weiss (73) war zwanzig Jahre lang in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft tätig, schrieb parallel dazu  eine sozialwissenschaftliche Dissertation über Bauern und Bäuerinnen und veröffentlichte 2017 das Buch «Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise. Lasst die Bauern wieder Bauern sein». Er verfasste diesen Beitrag im Rahmen der Serie «in memoriam hpg» (siehe Box). © zvg

Hanspeter war ein Zahlenmensch, sagten viele. Er wusste die Höhe jedes befahrbaren Passes in der Schweiz – und die benötigte Zeit für seinen Anstieg mit dem Rennvelo. Genauso hatte er die Energielandschaft mit ihren steigenden Kurven und angestrebten Absenkpfaden zahlenmässig im Griff. Wenn ich zum Verbrauch von Energie etwas wissen wollte, obwohl uns beiden bewusst war, dass Energie nicht verbraucht werden kann, dann bekam ich den zuverlässigen Bescheid von ihm. Samt Antworten auf meine manchmal ausufernden Rückfragen.

Hanspeter war auch für mich der Mann der gut geprüften Zahlen, mit denen ich mich selber schwer tue. Statt exakten Quantitäten forsche ich lieber unsicheren Qualitäten nach. Was natürlich eine fast unzulässige Vereinfachung unserer Positionen ist, denn Hanspeter brachte aus den Quantitäten die Qualität hervor. Er stellte Zahlen in den erhellenden Zusammenhang, setzte sie ins richtige Verhältnis und schaffte damit Klarheit. Er bereitete den soliden Boden, um darauf Erkenntnisse und Überzeugungen aufzubauen.

Ich beschäftige mich eher mit dem erdigen Boden und dem flüchtigen Menschsein: Was ist ein Bauer? Warum nennt er seine Wiesen und Äcker «Flächen» und sagt «Produkt», wenn er vom Kalb oder den Äpfeln spricht? Und setzt «Pflanzenschutzmittel» ein, um (andere) Pflanzen und Organismen zu exekutieren? Wegen der Sprache, der ökonomisch und technisch verformten, setzt sich in der Landwirtschaft das offensichtlich Nötige nicht durch, lautet meine These. Aber damit das jemand begreifen will, braucht es auch Zahlen, insbesondere zum Einsatz von Energie: mit Herstellung und Verarbeitung wenden wir durchschnittlich etwa 14 Kalorien auf, bis 1 Nahrungskalorie in unserem Magen landet. Oder: Nicht 60, sondern null Prozent beträgt unser Selbstversorgungsgrad, wenn man auch die (hauptsächlich fossile und importierte) Energie in Rechnung nimmt, die von den Schweizer Bauern zur Erzeugung von Gemüse, Getreide, Milch und Fleisch verbraucht wird.

Hanspeters Zugang zur Welt über Zahlen und meiner über Wörter und Sprechweisen fanden gerade bei Speis und Trank – und oft im Lachen – ihren gemeinsamen Nenner. Bei Sprüchen, die manchmal äusserst träf, manchmal einfach saulustig und manchmal bös-polemisch waren. Nach solchen Essentialisierungen kehrten wir wieder zurück zu den nicht bestreitbaren Fakten, zu seinen Zahlen, mit denen es im formbaren Rahmen der gelebten Demokratie einen persönlichen Umgang zu finden galt. Diesen hat Hanspeter mit seiner eigenen Lebensweise und in seinen Büchern eindrücklich dokumentiert. Davon erzählen andere Beiträge in dieser Sammlung «pro memoriam hpg». Jedoch: Was fehlt besonders nach dem symbolbehafteten Tod dieses wachen und energievollen Menschen?

Für mich ist es seine besondere Art zu fragen. Seine Neugier, seine interessierte Teilnahme. Sich gegenseitig aus dem Leben erzählen, zuhören. Um dann wieder zu fragen: «Jaaa, aber hast du auch bedacht, dass ….. ?» Ausserhalb der persönlichen Beziehung verstand es Hanspeter, Geschwurbel einfach wegzufiltern und mit einer ganz und gar lapidaren Frage den Schwachpunkt der Argumentation blosszulegen. Hartnäckig auf simplen Tatbeständen beharren. Was soll logisch oder vernünftig sein an der Vorstellung, die Wirtschaft müsse ständig wachsen? Was ist effizient oder fortschrittlich daran, wenn 70 kg Menschengewicht von 1800 kg Autogewicht unter dem Einsatz von nicht erneuerbarem Erdöl herumbewegt werden?

Von sich selber sagte er, dass er ja immer das Gleiche erzähle bzw. frage. Nichts Neues und nichts Besonderes: nur die gleichen Zahlen und Verhältnisse, in einem je nachdem leicht veränderten Kontext. Hanspeter weigerte sich, das gesellschaftlich Selbstverständliche als selbstverständlich hinzunehmen. Da konnte er einen mit seinen Fragen zur Lebensweise auch treffen, weil sie einen «Fehler» aufdeckten. Eher einen faktischen, als einen ideologischen. Doch zu viele falsche Fakten ergeben eben eine schädliche Ideologie. Den Tolggen im lebenspraktischen Reinheft nahm er einem gar nicht übel, vielleicht schwärmte er sogar einen Moment lang davon, wie gerne er eigentlich Auto fahre. Aber natürlich nicht am Steuer des eigenen und höchstens zur Erreichung gemeinsamer Ziele.

Hanspeters gelebte Konsequenz gründete auf Prinzipien, führte aber nicht ins Dogma und nicht zum blindmachenden Feindbild. Er überliess es allen, wie sie selber leben wollten. Doch mit wem er in persönlichem Kontakt stand, der oder die wurde nicht von seiner Neugier verschont. Und diese richtete sich gleichermassen auf menschliche Beziehungen wie auf Lebensstile. Und seit Jahrzehnten auf die Frage, wie unsere Gesellschaft noch die Kurve kriegen könnte, statt dem Abgrund zuzufahren.

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in memoriam hpg: Serie im Gedenken an Hanspeter Guggenbühl

HPG

Hanspeter Guggenbühl (2. Februar 1949 – 26. Mai 2021) gehörte zu den profiliertesten Schweizer Journalisten und Buchautoren für die Themen Energie, Umwelt, Klima und Verkehr. Hanspeter Guggenbühl engagierte sich seit den Gründerjahren mit viel Leidenschaft für Infosperber – er schrieb mehr als 600 Artikel und prägte die Online-Zeitung ganz wesentlich. Sein unerwarteter Tod ist ein grosser Verlust für den Journalismus, für Infosperber und für alle, die ihm nahestanden.

Um einen Beitrag an das Andenken von Hanspeter Guggenbühl zu leisten, haben sich mehrere Schweizer Autor:innen bereit erklärt, einen Text mit der Vorgabe zu schreiben, dass Hanspeter ihn gerne gelesen hätte. «Gerne gelesen» heisst nicht, dass er nicht widersprochen hätte – war ihm die argumentative Auseinandersetzung doch ebenso wichtig wie das Schreiben.

Diese Texte werden in den kommenden Wochen in loser Folge publiziert und sind an der blauen Grafik erkennbar, die auch in diesem Text enthalten ist. Alle Beiträge werden als Serie «in memoriam hpg» zusammengefasst und im hier verlinkten Dossier vereint.

Die Beitragenden (in alphabetischer Reihenfolge):

  • Marcel Hänggi, Journalist und Autor mit Fachbereich Umwelt und Klima, Lehrer, Mit-Initiant der Gletscher-Initiative, Zürich. 
  • Reto Knutti, Professor für Klimaphysik, ETH Zürich, Zürich. 
  • Jürgmeier (Jürg Meier), Schriftsteller, Winterthur. 
  • Rudolf Rechsteiner, alt Nationalrat (SP, Basel), Ökonom (Dr. rer. pol.), selbständiger Berater und Dozent für Umwelt- und Energiepolitik mit Schwerpunkt erneuerbare Energien, Basel.
  • David Sieber, Journalist, Chefredaktor von «Die Südostschweiz» (bis 2015), Chefredaktor «Basellandschaftliche Zeitung» (bis 2018), Chefredaktor «Schweizer Journalist» (bis 2021), Basel. 
  • Felix Schindler, Journalist mit Fachbereich Mobilität, Zürich.
  • Billo Heinzpeter Studer, Sozialforscher und Journalist, Gründer und Präsident der Organisation fair-fish, Adria.
  • Jakob Tanner, emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte, Universität Zürich, Zürich.
  • Jakob Weiss, war zwanzig Jahre lang in der kleinbäuerlichen Landwirtschaft tätig und ist Autor des Buches «Die Schweizer Landwirtschaft stirbt leise. Lasst die Bauern wieder Bauern sein».

Den Nachruf, den sein langjähriger Freund und Weggefährte Urs P. Gasche schrieb, finden Sie hier: Adieu, lieber Hanspeter.

(fxs.)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

HPG

in memoriam hpg

Mehrere Schweizer Autor:innen leisten einen Beitrag zum Andenken an den Journalisten Hanspeter Guggenbühl (2.2.1949 - 26.5.2021).

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2 Meinungen

  • am 29.08.2021 um 15:59 Uhr
    Permalink

    Ob wohl eine mittlerweile wohlstandsverwahrloste Gesellschaft noch «die Kurve kriegen» kann? Lautet nicht inzwischen die existenziell relevante Frage, wie viele die Kurve kratzen werden?

    0

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