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«Er konnte wohl gar nicht anders, als auf den Durchbruch der Vernunft zu hoffen»: Billo Heinzpeter Studer über Hanspeter Guggenbühl. © Janko Ferlič on Unsplash, Infosperber

in memoriam hpg: Hanspeter und die Aufklärung

Billo Heinzpeter Studer /  Es gibt diesen einen Satz von Hanspeter Guggenbühl, den sein Freund Billo Heinzpeter Studer erst nach Jahren entschlüsselt hatte.

«Aber sagt mal: Seid Ihr eigentlich Demokraten?» Diesen Satz liess Hanspeter ein paarmal fallen, wenn wir im Zürcher «Vorbahnhof» bei Leberli, Kartoffelstock und Bier zu Mittag assen, bevor wir uns wieder in die Redaktionsräume der «LeserZeitung» auf der dritten Etage zurückzogen, zu einer Sitzung oder zur Weiterarbeit an Texten, in rauchgeschwängerten Räumen; einige von uns frönten bedenkenlos dem stimulierenden Tabakmissbrauch, damals auch Hanspeter noch, wenn ich mich recht erinnere.

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Billo Heinzpeter Studer (1947), arbeitete als Sozialforscher und Journalist, gründete 2000 die Organisation fair-fish, die er bis heute präsidiert. Er verfasste diesen Beitrag im Rahmen der Serie «in memoriam hpg» (siehe Box).

Aber säged emal, sind Ihr eigentli Demokrate? Das warf er so nebenbei ins Gespräch, vermutlich ausgelöst durch irgendein Stichwort von einem von uns. Ich hatte nie recht verstanden, was er mit seiner Frage bezweckte. Ich kannte Hanspeter damals nicht gut, er gehörte zur weiteren Redaktion, die sich alle zwei Wochen traf und hin und wieder vertrat er einen der angestellten Redaktoren während dessen Ferien. War die Frage provokativ gemeint, spöttisch? Oder wollte er sich versichern, dass wir – ein bunter Haufen von ganz links bis hin zur Mitte – bei aller Öko-Radikalität unserer Forderungen an die Gesellschaft nicht in erziehungsdiktatorische Denkmuster abdriften würden, wie sie damals ja gelegentlich noch im Schwange waren.

Viel später hab ich dank unseres Austauschs vielleicht begriffen, worum sich seine Frage drehte. Hanspeters Recherchieren und Schreiben war Aufklärung, ihn trieb die Überzeugung, dass Wissen die Menschen dazu führen müsse, ihr Verhalten zu verändern. Als Individualist durch und durch konnte er wohl gar nicht anders, als auf den Durchbruch der Vernunft zu hoffen; das ist die Brücke, die uns einander näherbrachte.

Wir haben uns nach der 1980 verunglückten Fusion mit den Kollegen vom «focus» zum eher kurzlebigen «Tell» etwas aus den Augen verloren, hielten den Kontakt mit gelegentlichen E-Mails aufrecht, trafen uns nur einmal bei einer wehmütig schönen Feier der einstigen Redaktion der «LeserZeitung», fünfundzwanzig Jahre nach deren Ende. Der Kontakt brach auch danach nie ab; wir schätzten uns gegenseitig, ich ihn als begnadeten Journalisten zu einer Zeit, in der das zum ökonomischen Auslaufmodell wurde, er mich zu meinem Erstaunen als begabten Campaigner zu einer Zeit, als das hierzulande noch kein wirklich lukratives Geschäftsmodell war.

Erst nach meiner Auswanderung nach Italien haben wir uns wiederholt getroffen. Vielleicht lag das auch ein wenig an Hanspeters Affinität zu meinem neuen Heimatland, das er als nicht minder begnadeter Velotourist so oft durchfahren hatte; seinen Erzählungen davon hab ich, der das Fahrrad eher aus praktischen Alltagserwägungen nutzt, staunend gelauscht, bewundernd auch, vor allem den Umstand, dass er mit nur zwei Kilo Gepäck wochenlang unterwegs sein konnte; er hatte daraus regelrecht eine Kunst gemacht. Er schilderte mir seine Fahrten, wenn ich manchmal, während kurzer Aufenthalte in der Schweiz, ihn und seine Partnerin Beatrix, die ich ebenfalls seit der «LeserZeitung» kenne, in ihrem durchdacht gemütlichen Heim in Illnau besuchte, zu einem feinen Nachtessen und langen Gesprächen auf der Terrasse, über Gott und die Welt, über alte Freunde und Liebesbeziehungen, über unsere geliebte Arbeit, die uns immer noch wichtig war und lebendig erhielt.

Gelegentlich, wenn der Abend lang wurde, läschelte mir Hanspeter eine Zigi ab. Er konnte damit umgehen, eine Zigi und dann wieder Schluss, anders als ich, der nur Null oder Hundert kann; er hatte das Autofahren irgendwann einfach aufgegeben, ich schützte mich und andere durch den Nichtbesitz eines Fahrausweises. Nun hat ihm das am Ende nichts genützt, er starb als Demokrat der Landstrasse, die längst von Mächtigeren okkupiert ist. Ich war wahnsinnig zornig und traurig, als ich auf Infosperber die Nachricht von seinem Unfalltod las.

***

in memoriam hpg: Serie im Gedenken an Hanspeter Guggenbühl

HPG

Hanspeter Guggenbühl (2. Februar 1949 – 26. Mai 2021) gehörte zu den profiliertesten Schweizer Journalisten und Buchautoren für die Themen Energie, Umwelt, Klima und Verkehr. Hanspeter Guggenbühl engagierte sich seit den Gründerjahren mit viel Leidenschaft für Infosperber – er schrieb mehr als 600 Artikel und prägte die Online-Zeitung ganz wesentlich. Sein unerwarteter Tod ist ein grosser Verlust für den Journalismus, für Infosperber und für alle, die ihm nahestanden. 

Um einen Beitrag an das Andenken von Hanspeter Guggenbühl zu leisten, haben sich mehrere Schweizer Autor:innen bereit erklärt, einen Text mit der Vorgabe zu schreiben, dass Hanspeter ihn gerne gelesen hätte. «Gerne gelesen» heisst nicht, dass er nicht widersprochen hätte – war ihm die argumentative Auseinandersetzung doch ebenso wichtig wie das Schreiben. 

Diese Texte werden in den kommenden Wochen in loser Folge publiziert und sind an der blauen Grafik erkennbar, die auch in diesem Text enthalten ist. Alle Beiträge werden als Serie «in memoriam hpg» zusammengefasst und im hier verlinkten Dossier vereint. 

Die Beitragenden (in alphabetischer Reihenfolge): 

  • Marcel Hänggi, Journalist und Autor mit Fachbereich Umwelt und Klima, Lehrer, Mit-Initiant der Gletscher-Initiative, Zürich. 
  • Reto Knutti, Professor für Klimaphysik, ETH Zürich, Zürich. 
  • Jürgmeier (Jürg Meier), Schriftsteller, Winterthur. 
  • Rudolf Rechsteiner, alt Nationalrat (SP, Basel), Ökonom (Dr. rer. pol.), selbständiger Berater und Dozent für Umwelt- und Energiepolitik mit Schwerpunkt erneuerbare Energien, Basel.
  • David Sieber, Journalist, Chefredaktor von «Die Südostschweiz» (bis 2015), Chefredaktor «Basellandschaftliche Zeitung» (bis 2018), Chefredaktor «Schweizer Journalist» (bis 2021), Basel. 
  • Felix Schindler, Journalist mit Fachbereich Mobilität, Zürich.
  • Billo Heinzpeter Studer (1947), arbeitete als Sozialforscher und Journalist, gründete 2000 die Organisation fair-fish, die er bis heute präsidiert. Lebt in Monfalcone, Adria.
  • Jakob Tanner, emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte, Universität Zürich, Zürich.

Den Nachruf, den sein langjähriger Freund und Weggefährte Urs P. Gasche schrieb, finden Sie hier: Adieu, lieber Hanspeter.

( fxs. )


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Billo Heinzpeter Studer (1947), arbeitete als Sozialforscher und Journalist, gründete 2000 die Organisation fair-fish, die er bis heute präsidiert. Lebt in Monfalcone, Adria.

Zum Infosperber-Dossier:

HPG

in memoriam hpg

Mehrere Schweizer Autor:innen leisten einen Beitrag zum Andenken an den Journalisten Hanspeter Guggenbühl (2.2.1949 - 26.5.2021).

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Eine Meinung zu

  • am 9.08.2021 um 12:33 Uhr
    Permalink

    HPG habe ich nicht gekannt. Auch nicht seine Frage, die bei mir sinngemäss lange gelautet hat: Haben wir eigentlich eine Demokratie? Ich stelle diese Frage nicht mehr. Meine Antwort heisst klar: Nein. Denn das, was Parteien von Links bis Rechts vorne auf der Bühne aufwendig und scheinheilig als Demokratie treiben, dient eigentlich vor allem den Interessen der gross Mächtigen und der schwer Reichen. Sie geben hinter den Kulissen den Takt und den Ton an. Sie sagen, wo’s lang geht: und das fürwahr nicht in Richtung Demokratie.

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