Virtuelles Kraftwerk

Ein virtuelles Kraftwerk drosselt den Spitzenverbrauch und entschädigt dafür Unternehmen und Haushalte. © asgal

Google zahlt fürs Stromsparen, um KI-Rechenzentren zu betreiben

Urs P. Gasche /  Für KI-Rechenzentren fehlt es an Strom. Jetzt zahlt man Haushalte und Firmen, wenn sie in Spitzenzeiten weniger Strom verbrauchen.

Zusätzlichen Strombedarf kann man decken, in dem man in neue AKWs, Gaskraftwerke oder Windkraftanlagen investiert. Oder man gibt die Milliarden aus, um den vorhandenen Strom rationeller zu verwenden, der bisher verschwendet wurde. Das Potenzial ist riesig.

Google schöpft jetzt für die vielen geplanten Rechenzentren vorerst den zweiten Weg aus. Der Konzern sorgt mit finanziellen Anreizen dafür, dass andere während der Strom-Spitzenzeiten weniger Strom verbrauchen. Die damit frei werdende Leistung dieser «virtuellen Kraftwerke» steht dann für Googles Rechenzentren zur Verfügung.

Vereinbarung mit Voltus

Am 22. Oktober 2026 beauftragte Google das Start-Up-Unternehmen Voltus in San Francisco, solche «virtuellen Kraftwerke» bereitzustellen. Bereits baut Voltus mit einem der grössten US-Netzbetreiber PJM ein solches Kraftwerk für Google auf. 

Das funktioniert so: Voltus bündelt Batterien, Klimaanlagen, Ladestationen, Industrieprozesse und Notstromaggregate von Firmen und Haushalten und steuert deren Stromverbrauch. Die mitmachenden Unternehmen und Haushalte werden dafür bezahlt, dass sie bereit sind, bei einem überlasteten Stromnetz oder in Notfällen ihren Verbrauch auf ein Signal hin zu senken oder eine Batterie zu entladen.

Die Teilnehmenden profitieren auch von tieferen Stromrechnungen. Die genauen finanziellen Bedingungen sind noch nicht bekannt. Haushalte machen meistens zusammen mit ihrem lokalen Stromversorger mit.

Voltus lässt sich von Netzbetreibern und Betreibern von Rechenzentren dafür zahlen, diese flexible Leistung zu finden und zu steuern. 

Vieles geschieht automatisch:

  • Intelligente Thermostate regeln an heissen Tagen die Klimaanlage um ein bis zwei Grad herunter.
  • Firmen schalten in Notlagen bestimmte Maschinen ab oder dimmen das Licht.
  • Elektroautos laden ausserhalb der Spitzenzeiten und entladen in Spitzenzeiten.
  • Batterien speichern Solarstrom vom Dach und geben ihn ab, wenn der Netzstrom knapp ist.

Jede einzelne Massnahme bringt wenig. Gebündelt ergeben sie laut Voltus aber zuverlässig grosse Kapazitäten, und zwar schon innerhalb weniger Jahre.

Bereits im Juni hatte Voltus mit Google ein Programm über 100 Megawatt vereinbart. Laut Voltus-Chefin Dana Guernsey wollten mehr Kunden mitmachen als Plätze vorhanden waren. Deshalb wurde das Programm stark ausgebaut. Landesweit verwaltet Voltus bereits rund 9500 Megawatt. Das ist die Leistung, die Voltus zu Spitzenzeiten drosseln kann. Das PJM-Netz umfasst 13 Bundesstaaten und versorgt 67 Millionen Menschen.

Für die Google-Rechenzentren soll Voltus Google in Spitzenzeiten bis zu 1070 Megawatt bereitstellen. Das entspricht etwa der Leistung des Kernkraftwerks Gösgen. Sie wird allerdings nur während einzelner Stunden gebraucht. Anders als ein AKW produziert das virtuelle Kraftwerk keinen Strom, es senkt den Verbrauch, wenn das Netz knapp ist.

Warum das Modell funktionieren kann

Die meisten Stromnetze haben während des grössten Teils des Jahres genügend Reserven. Knapp wird es nur in wenigen Spitzenstunden, etwa an heissen Sommertagen oder bei Winterstürmen. Will eine Firma ein grosses Rechenzentrum ans Netz anschliessen, muss der Netzbetreiber vor allem diese Spitzenstunden abdecken können. Neue Gaskraftwerke für Spitzenlast sind teuer. Auf Turbinen wartet man inzwischen jahrelang. Virtuelle Kraftwerke können die Nachfrage in diesen kritischen Momenten senken.

Google nennt das Modell eine «entscheidende kurzfristige Lösung». Ellen Zuckerman, bei Google für Energiemärkte in Nord- und Südamerika zuständig, erklärte gegenüber der «New York Times», man könne den Kapazitätsbedarf damit «schnell und in grossem Umfang» decken und gleichzeitig das Engagement für saubere Energie verstärken. 

Langfristig werden die Tech-Konzerne wohl trotzdem herkömmliche Kraftwerke brauchen. Bis dahin ist das virtuelle Kraftwerk schneller, billiger und umweltfreundlicher.

Das US-Energieministerium schätzte 2023, dass sich virtuelle Kraftwerke bis 2030 verdreifachen und die Netzkosten jährlich um rund 10 Milliarden Dollar senken könnten, weil weniger Spitzenlastkraftwerke und weniger Netzausbau nötig wären. In einem Update von Anfang 2025 hielt es an diesem Ausbauziel fest.

In den USA sind es Techkonzerne wie Google, die mit eigenem Geld Kapazitäten «virtueller Kraftwerke» einkaufen. In Europa versuchen einige Länder, in diese Richtung zu regulieren. In Grossbritannien zahlt der staatliche Systembetreiber Neso mit dem «Demand Flexibility Service» Haushalte direkt dafür, dass sie in Spitzenzeiten weniger Strom verbrauchen. Das Programm ist dem Voltus-Modell am ähnlichsten. Bereits im Winter 2022/23 machten 1,6 Millionen Haushalte und Firmen mit. Eine Auswertung zeigte, dass teilnehmende Haushalte ihren Verbrauch während der Einsätze um 23 Prozent senkten.

Die Schweiz und Deutschland hinken hinterher

In den USA kann ein privates Start-Up wie Voltus solche «virtuellen Kraftwerke» in kurzer Zeit organisieren. In der Schweiz und in Deutschland braucht es Gesetze und Verordnungen, um nur schon flexible Strompreise einzuführen. Die Kilowattstunden sollten in den Stunden mit vollausgelasteten Netzen (Peak-Zeiten) am teuersten sein und in Stunden mit tiefem Stromverbrauch am günstigsten. Das wird die Stromverbraucher dazu bringen, ihr Verhalten etwas anzupassen.

Allerdings ist der Anreiz für Haushalte nicht sehr gross, denn wegen überrissener Grund- und Zählergebühren beeinflusst der Stromverbrauch nur etwa die Hälfte der Rechnungsbeträge. Das wirkt wie Mengenrabatte: Wer Strom spart, wird bestraft: Wegen fixer Grund- und Zählergebühren steigen die Kosten je Kilowattstunde. Je mehr jemand Strom verschwendet, desto weniger kostet ihn eine Kilowattstunde.

Die Gebühren und Tarife für die Industrie und für Rechenzentren sind – im Gegensatz zu den Gebühren und Preise für die Haushalte – ein wohlgehütetes Geschäftsgeheimnis. Man kann annehmen, dass Rechenzentren – trotz der Kritik wegen des enormen Stromverbrauchs – von Mengenrabatten profitieren.

Von grossen «virtuellen Kraftwerken» wie in den USA sind die Schweiz und Deutschland noch weit entfernt. Bei uns überwiegen Berichte und Untersuchungen: In Deutschland hat die Bundesnetzagentur zum ersten Mal im Jahr 2026 einen Bericht zur «Flexibilität im Stromversorgungssystem» veröffentlicht. In der Schweiz veröffentlichte das Bundesamt für Energie im April 2026 eine «Untersuchung des Regelenergiebedarfs der Schweiz im internationalen Vergleich».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

SolaranlageBauernhof-1

Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

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