Erdöl-Raffinerie in Immingham (GB).Les Gibbon:Greenpeace

Erdöl-Raffinerie in Immingham (GB) © Les Gibbon: Greenpeace

Ausgerechnet reichste Länder investieren in Erdöl und Erdgas

Red. /  Für fast 90 Prozent der CO2-Emissionen bis 2050 aus neuen Quellen werden nur zwanzig Staaten verantwortlich sein.

Wenn diese zwanzig Länder darauf verzichten würden, neue Öl- und Gasquellen zu erschliessen, gingen bis 2050 173 Milliarden Tonnen CO2 weniger in die Atmosphäre. Das ist so viel CO2, wie allein die USA innerhalb von dreissig Jahren verursachen. Zu diesem Schluss kommt die Studie «Planet Wreckers: How 30 Countries’ Oil and Gas Extraction Plans Risk Locking in Climate Chaos», welche die NGO «Oil Change International» vor wenigen Tagen veröffentlichte.

Geplante zusätzliche Öl- und Gasförderung bis 2050 Anteil der Länder. Oil Change International analysis of data from Rystad Energy (July 2023)
Geplante Ausbeutung zusätzlicher Öl- und Gasquellen bis 2050 Anteil der Länder

Fünf reiche Länder des globalen Nordens, die über die grössten wirtschaftlichen Mittel und die grösste moralische Verantwortung für einen raschen Ausstieg aus den fossilen Energieträgern verfügen, sind laut Studie für die Hälfte der bis 2050 geplanten Expansion neuer Öl- und Gasfelder verantwortlich: die USA, Kanada, Australien, Norwegen und Grossbritannien. Für vier Fünftel der geplanten Expansion sind die Lizenzen bereits vergeben.

Bisherige und geplante Öl- und Gasquellen
Dunkelbraune Fläche = Ausbeutung der bestehenden Öl- und Gasquellen. Rote Fläche: Erschliessung zusätzlicher Quellen durch die zwanzig «Planeten-Zerstörer». Ocker und gelb = Zusätzliche Quellen, die andere Länder bis 2050 ausbeuten wollen.

Falls die zwanzig «Zerstörer des Planeten» ihre geplanten neuen Öl- und Gasquellen erschliessen, würde es unmöglich, die Erwärmung der Erde auf 1,5 Grad zu beschränken.

Die USA seien der künftige «Planet-Zerstörer Nummer eins», da sie allein für mehr als ein Drittel der CO2-Belastung durch die geplante zusätzliche globale Öl- und Gasförderung bis 2050 verantwortlich sind (vor allem Fracking). Schon heute sind die USA der grösste Öl- und Gasproduzent der Welt.

Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die in diesem Jahr Gastgeber der entscheidenden UN-Verhandlungen sind, werden bis 2050 ebenfalls zu den grössten Erweiterern der Öl- und Gasproduktion gehören, obwohl sie versprachen, ihre Präsidentschaft der Klimakonferenz zu nutzen, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen.

Protest während Klimaverhandlungen.David Tong oil Change International
Protest während Klimaverhandlungen

Studie-Coautor Romain Ioualalen erklärte:

«Eine Handvoll der reichsten Nationen der Welt riskiert unsere Zukunft, indem sie die Forderung nach einem raschen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ignorieren. Eine weitere Steigerung der Produktion fossiler Brennstoffe ist mit einer lebenswerten Zukunft nicht vereinbar.»

Tessa Kahn, Direktorin der britischen NGO Uplift, kommentierte: 

«Wir hören oft, dass Grossbritannien in Sachen Klimaschutz vorbildlich sie. Aber wir sind Teil eines kleinen Clubs von Ländern, die eine übergrosse Rolle bei der Verursachung der Klimakrise spielen. Wir wissen, dass wir nicht ständig neue Öl- und Gasfelder erschliessen können, wenn wir eine bewohnbare Welt wollen, aber genau das tut diese Regierung.
Rishi Sunak muss aufhören, sich den Forderungen der Unternehmen für fossile Brennstoffe zu beugen, die weiterhin obszöne Gewinne einfahren, während Millionen von uns es sich nicht leisten können, ihre Häuser zu heizen.»

Frode Pleym, Leiter von Greenpeace Norwegen, meinte:

«Dieser Bericht bestätigt, dass Norwegen sich auf einem Highway in die Klimahölle befindet. Die Wissenschaft könnte nicht deutlicher sein: Es gibt keinen Platz für einen einzigen Tropfen Öl aus neuen Feldern. Dennoch gibt der Staat Milliarden aus für die Suche nach immer mehr Quellen, sogar in der gefährdeten Arktis.»

Schliesslich die 16 Jahre alte Helen Mancini, Fridays For Future aus New York City:

«Der ‹Planet-Zerstörer›-Bericht zeigt die Gefahren, wenn fossile Brennstoffe weiter extrahiert werden und rechnet mit den historischen Umweltverschmutzern der Welt, insbesondere den USA, ab. Der Aktivismus der Jugendlichen ist nicht radikal, er ist eine Forderung nach Überleben, die die Planet-Wreckers beherzigen müssen.»

Den Öl- und Gaskonzernen sei nicht zu trauen, heisst es in der Studie. «Oil Change International» stellt deshalb unter anderen folgende Forderungen auf:

  • Keine neuen Öl- und Gaslizenzen mehr vergeben
  • Keine neuen Förderprojekte mehr genehmigen
  • Subventionen an fossile Brennstoffe abschaffen und mit dem Geld dezentrale erneuerbare Energien fördern
  • Schnellstmöglicher Ausstieg der reichen Länder des Nordens aus fossilen Energieträgern
  • Konzerne (u.a. mit Sitz in der Schweiz) für Menschenrechtsverletzungen und Umweltschäden verantwortlich machen

Die Bevölkerung fordere einen schnellen und fairen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, einen allgemeinen Zugang zu sauberer Energie, einen massiven Einsatz erneuerbarer Energien und Energieeinsparungen, stellt die NGO fest und fragt dann zum Schluss:

Werden die Regierungen auf diese Forderungen hören oder weiterhin die Industrie unterstützen, die im Zentrum der Klimakrise steht? 

Werden die Regierungen auf den wachsenden Chor wissenschaftlicher, religiöser und politischer Persönlichkeiten hören, die das Ende der Ära der fossilen Brennstoffe fordern?


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

3719017725_8c14405266

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2 Meinungen

  • am 21.09.2023 um 13:18 Uhr
    Permalink

    Und aufregen tun wir uns über die «Klimakleber». Wer merkt etwas?

  • am 22.09.2023 um 19:34 Uhr
    Permalink

    Klimakleber haben meine volle Unterstützung.

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