Der Krieg, der die amerikanische Rechte spaltet
Ein Gespräch in der Show von Tucker Carlson zeigt, wie eine politische Gewissheit der amerikanischen Rechten gerade zerbricht. Carlson, lange der einflussreichste Moderator von Fox News und heute Betreiber eines eigenen digitalen Mediennetzwerks, spricht mit Saagar Enjeti, Co-Moderator der populären Online-Politiksendung «Breaking Points». Was wie eine gewöhnliche aussenpolitische Debatte beginnt, entwickelt sich schnell zu etwas anderem. Es geht um mehr als Iran, mehr als einen Krieg. Es geht um Verrat. Um die Frage, ob Donald Trump, der «Make America Great Again»-Messias, die Bewegung verkauft hat. Ob die Maga-Bewegung am Ende nur eine weitere amerikanische Erlösungsfantasie war.
Carlson sagt Dinge, die im konservativen Fernsehen lange undenkbar gewesen wären. «Das ist Israels Krieg. Das ist nicht der Krieg der Vereinigten Staaten», sagt er. Und dann: «Die Entscheidung wurde hier nicht von den Vereinigten Staaten getroffen, sondern von Benjamin Netanjahu.» Und schliesslich: «Es geht um regionale Vorherrschaft. Israel will den Nahen Osten kontrollieren.»
«Ich sehe keinen einzigen Weg, wie dieser Krieg das Leben irgendeines Amerikaners verbessern wird», sagt Enjeti. Die Kosten seien schon jetzt enorm: steigende Energiepreise, Milliarden für Militäreinsätze und strategische Risiken für amerikanische Bündnisse. Wenn die Strasse von Hormus geschlossen bleibe, könnte der Ölpreis auf 200 Dollar pro Fass steigen. Gaspreise würden explodieren, die amerikanische Wirtschaft unter Druck geraten.
Carlson nickt. Sein Gesicht: wie immer diese Mischung aus Verwirrung und Empörung. «Wenn selbst Trump uns nicht vor einem System retten kann, das seine eigenen Wähler verachtet», sagt Carlson, «was ist dann die Alternative?»
Die Frage trifft einen Nerv. Jahrzehntelang war die republikanische Rechte eine Bewegung mit erstaunlicher ideologischer Stabilität: Bomben werfen. Gott loben. Israel unterstützen. Diese simple Formel hielt alles zusammen. Die Evangelikalen mit ihren Bibeln. Die Wirtschaftsliberalen mit ihren Portfolios. Die Populisten mit ihren Flaggen. Die Neocons mit ihren Kriegsplänen. Eine grosse, dysfunktionale Familie. Jetzt bricht der ganze Laden auseinander.
Vom Buchanan-Bruch zur Carlson-Revolte
Ähnliche Risse hat die amerikanische Rechte schon einmal erlebt. In den neunziger Jahren stellte Pat Buchanan – Nixon-Berater, Kulturkämpfer und Präsidentschaftsbewerber – das aussenpolitische Dogma der Republikaner infrage. Buchanan glaubte, nicht der Feminismus habe die Frauen befreit, «sondern das Auto, der Supermarkt, der Geschirrspüler, der Wäschetrockner, die Gefriertruhe». Er sprach von Capitol Hill als «israelisch besetztem Gebiet», sah den amerikanischen Schulterschluss mit Israel als geopolitischen Irrweg und warnte zugleich vor einem «demografischen Winter des weissen Amerika».
William F. Buckley, Gründer des konservativen Leitmagazins «National Review» und lange Zeit intellektueller Schiedsrichter der amerikanischen Rechten, drängte ihn aus der Bewegung. Während Buckley die respektable Rechte verteidigte, verkörperte Buchanan einen nationalistischen Anti-Globalismus, der heute die junge Rechte begeistert. Hier tauchen Figuren auf, die Buchanan wie einen moderaten Onkel aussehen lassen. Sie haben «Youtube»- oder «Rumble»-Kanäle. Sie haben Millionen Follower. Leute wie der rechtsextreme Streamer Nick Fuentes, der 2025 in seiner «Rumble»-Show «America First» sagte: «Juden kontrollieren die Gesellschaft, Frauen sollten verdammt noch mal den Mund halten, Schwarze müssten grösstenteils eingesperrt werden – dann würden wir im Paradies leben.»
Tucker Carlson prägt diese Verschiebung mit. Im Oktober 2025 führte er ein zweistündiges Gespräch mit Fuentes. Carlson sagte darin, evangelikale «christliche Zionisten» seien von einem «Hirnvirus» befallen. Fuentes sprach von der «organisierten jüdischen Gemeinschaft», die übermässigen Einfluss ausübe. Millionen schauten zu.
Als 2025 der proisraelische Aktivist Charlie Kirk ermordet wurde, verbreiteten sich in denselben Netzwerken innerhalb weniger Stunden Theorien über eine israelische Beteiligung. Kirk sei getötet worden, weil er begonnen habe, mit Israel zu brechen. Die Spekulationen verbreiteten sich so schnell, dass sich der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu gezwungen sah, in einem Video zu erklären, Israel habe Kirk nicht ermordet.
Tucker Carlson griff diese Atmosphäre auf und sprach bei Kirks Trauerfeier von Männern, die «in einem lampenbeleuchteten Raum, Hummus essend» über das Schicksal Amerikas entscheiden. Allein dieses Bild – halb Metapher, halb Verschwörung – zeigte, wie sehr sich das politische Klima bereits verschoben hatte.
Wenn der Israel-Konsens zerbricht
Auch die politischen Institutionen bemerkten den Wandel. In Washington begriff das «American Israel Public Affairs Committee» (Aipac), die mächtigste proisraelische Lobbyorganisation der Vereinigten Staaten, dass ein jahrzehntelanger Konsens auf der Rechten zu bröckeln begann. Seit Jahrzehnten arbeitet die Organisation daran, proisraelische Politik in Washington durchzusetzen. Über ihre Wahlkampforganisation «United Democracy Project», ein Name von der Ehrlichkeit eines Friedenspanzers, hat das Netzwerk seit 2022 mehr als hundert Millionen Dollar in amerikanische Wahlkämpfe investiert, um Kandidaten mit klar proisraelischer Linie zu unterstützen und Kritiker Israels zu verhindern. Besonders sichtbar wurde diese Macht 2024 in New York, wo Aipac-nahe Gruppen mehr als 14 Millionen Dollar ausgaben, um den israelkritischen Kongressabgeordneten Jamaal Bowman aus dem Amt zu drängen.
Der Ton der Debatte verschärfte sich entsprechend. Der republikanische Politiker Randy Fine, eine der lautesten proisraelischen Stimmen im republikanischen Lager, erklärte bei der Republican Jewish Coalition: «Tucker Carlson ist der gefährlichste Antisemit in Amerika.» Gleichzeitig sprechen Figuren, die einst zu den lautesten Israel-Unterstützerinnen der amerikanischen Rechten gehörten, plötzlich eine andere Sprache. Marjorie Taylor Greene, ehemalige republikanische Kongressabgeordnete aus Georgia und lange eine der treuesten Verbündeten Trumps, spricht inzwischen – wie auch die rechte Kommentatorin Candace Owens – offen von einem «Genozid» in Gaza und fordert, Amerika dürfe sich für Israels Politik nicht länger «instrumentalisieren lassen».
Bürgerkrieg rechter Medien
Das traditionelle konservative Lager reagiert auf diese Israelkritik aus den eigenen Reihen wie ein Alkoholiker, dem man das letzte Bier wegnimmt: mit einer Mischung aus Empörung und Verzweiflung. Mark Levin, «Fox-News»-Moderator und eine der grossen Medienstimmen der amerikanischen Rechten, beschimpft Carlson als eine Made, als «mehr Made als Maga». Ben Shapiro, Gründer der konservativen Medienplattform «The Daily Wire», erklärt, die ehemalige Fox-Moderatorin Megyn Kelly – die sich ähnlich wie Carlson kritisch zum Krieg geäussert hat – sei ein «unfassbarer Feigling». Levin verspottet Kelly als «Crazy Grandma Groyper» – auf die Groypers verweisend, die digitalen Sturmtruppen von Nick Fuentes. Die rechtsextreme Influencerin Laura Loomer beschimpft Kelly auf X als «dumme Schlampe».
Tucker Carlson selbst wiederum, mit einem Blick eines Aristokraten, der gerade verstanden hat, dass sein Chauffeur ein Kommunist ist, bezeichnet Levin als «Kriegstreiber» und nennt den Angriff auf die iranische Führung «absolut widerwärtig und böse», Worte, die er bis vor kurzem für vegane Restaurants reserviert hatte.
Es ist kein gewöhnlicher Medienstreit, sondern ein ideologisches Erdbeben. Jahrzehntelang waren die konservativen amerikanischen Medien ein geschlossener Club mit klaren Regeln: Man hasste die Linken, liebte Israel und trug Krawatten, die aussahen, als hätte man sie bei einer Versteigerung beschlagnahmter Mafia-Besitztümer erworben. Jetzt fallen ihre wichtigsten Stimmen übereinander her wie Hyänen, denen man ein zu kleines Steak hingeworfen hat.
Jahrzehntelang war Israel zudem der kleinste gemeinsame Nenner der amerikanischen Rechten. Evangelikale sahen darin eine biblische Verpflichtung, Neokonservative einen strategischen Vorposten im Nahen Osten und Republikaner schlicht einen zuverlässigen Verbündeten. Wer Israel kritisierte, stellte sich automatisch ausserhalb des konservativen Konsenses.
Heute verläuft der Konflikt um Israel und Amerikas Rolle in der Welt nicht mehr zwischen links und rechts. Er verläuft mitten durch die amerikanische Rechte. Und mit ihm beginnt ein Konsens zu zerbrechen, der diese Rechte über Jahrzehnte zusammengehalten hatte: die nahezu automatische Solidarität mit Israel.
Krieg als Zeichen der Schwäche
Carlson erzählt im Gespräch mit Enjeti, er habe Donald Trump kurz vor Beginn des Krieges mehrfach getroffen. Der Präsident habe den Angriff auf Iran nicht gewollt, sagt er, doch am Ende habe er sich ihm nicht entziehen können. «Die eigentliche Frage ist, ob die Vereinigten Staaten überhaupt noch Entscheidungen im Interesse ihrer eigenen Bürger treffen können», sagt Carlson. «Zählt unsere Stimme überhaupt noch? Stimmen wir am Ende jedes Mal für Netanjahu, egal wen wir wählen?»

Die Forderung nach der von Trump geforderten «bedingungslosen Kapitulation» Irans sei politisch schnell ausgesprochen, sagt Enjeti, historisch bedeute sie jedoch etwas anderes. «Unconditional surrender», sagt er, sei kein diplomatischer Begriff, sondern ein militärischer. Deutschland 1945. Japan nach den Atombomben. Totale Niederlage, totale Besatzung. Carlson sagt: «Bedingungslose Kapitulation bedeutet, dass fremde Soldaten deine Frau und deine Tochter vergewaltigen können, wenn sie wollen. Jeder weiss das.» Eine Gesellschaft, sagt er, werde sich gegen eine solche Kapitulation bis zum Ende wehren. Deshalb lasse sie sich nur mit extremer Gewalt erzwingen.
Es ist ein bemerkenswerter Tonfall. Die amerikanische Rechte hat jahrzehntelang Kriege gefeiert wie andere Leute Geburtstage und sie als Ausdruck nationaler Stärke betrachtet. Nun sitzt eine ihrer prominentesten Stimmen vor der Kamera und spricht über Krieg wie über eine historische Katastrophe. Wie ein Sturzbetrunkener, der morgens aufwacht und langsam begreift, was er in der Nacht angerichtet hat.
Die Revolution, die nie stattfand
Die Wähler hätten Trump gewählt, sagt Carlson, weil sie das politische System verändern wollten. Sie hätten einen Kandidaten von ausserhalb des politischen Systems unterstützt, «um das System zu erschüttern, zu zähmen und den Sumpf trockenzulegen».
Der grosse Revolutionär aus dem goldenen Turm sollte Washington auf den Kopf stellen wie ein Erdbeben den Kristallglasschrank einer reichen Tante. Die Sumpftrockenleger-Brigade marschierte mit hochgekrempelten Ärmeln nach Washington, als ginge es darum, einen verstopften Abfluss freizumachen und nicht eine Weltmacht umzubauen. Und jetzt? Die Aussenpolitik blieb vorhersehbar wie ein «Tatort» am Sonntagabend, nur dass die Pressemitteilungen jetzt in Caps Lock und mit Ausrufezeichen auf Truth Social erscheinen.
«Es gab einen revolutionären Aspekt an der Donald-Trump-Kampagne», sagt Enjeti. «Bei der zweiten noch mehr als bei der ersten.» Viele hätten geglaubt, neue Figuren würden das politische System aufbrechen. «Diese Leute galten als revolutionäre Akteure, die ins System kommen und eine Bombe hineinwerfen würden.»
«Wenn man nun sieht, dass diese US-Regierung genau das Gleiche tut wie unter all diesen früheren Präsidenten», sagt Enjeti, «dann beginnt deine Revolution plötzlich auszusehen wie der Status quo – jener Zustand, der so verhasst war und den deine Leute politisch einfach zu ihrem Vorteil ausgenutzt haben.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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