Jemen.Untereränährtes Kind.PBS.org

Unterernährtes Kind in Jemen. Ein Viertel der rund 30 Millionen Einwohner leidet an Unterernährung. Weitere Millionen sind von Unterernährung bedroht und überleben nur dank internationaler Hilfe. © PBS.org

Ukraine und Jemen: Ein Messen mit zweierlei Mass

Helmut Scheben /  Hier führt Russland Krieg, dort seit Jahren eine von den USA unterstützte saudische Koalition. Das Echo ist extrem unterschiedlich.

Donald Trump erklärte seinen Anhängern die Beziehung zwischen den USA und Saudi-Arabien mit dem ihm eigenen Biertisch-Humor: «Ich sagte zu König Salman: König, wir beschützen dich. Du würdest keine zwei Wochen ohne uns überleben. Du solltest für dein Militär bezahlen.» Trumps erste Auslandsreise ging 2017 nach Saudi-Arabien, wo er mit den Prinzen einen traditionellen Säbeltanz aufführte, nachdem er einen Deal über Waffenlieferungen im Wert von mehr als hundert Milliarden Dollar abgeschlossen hatte. Trump twitterte damals: «jobs, jobs, jobs».

Zu dieser Zeit bombardierte die saudische Luftwaffe schon seit zwei Jahren Tag für Tag den Jemen. Die Golfmonarchie führt an der Spitze einer Militärallianz arabischer Länder seit 2015 einen Krieg gegen Jemen. Laut Angaben aus Riad war das Kriegsziel, den Aufstand der vom Iran unterstützten Huthi-Miliz «Ansar Allah» zu beenden und den geflohenen jemenitischen Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi wieder in Amt und Würden zu bringen. In Wirklichkeit geht es dem saudischen König Mohammed Bin Salman aber um weit mehr als Verfassung und Rechtmässigkeit in Jemen. 

Saudi-Arabien betrachtet das kleine südliche Nachbarland als seinen Hinterhof, in dem es aus geostrategischen Gründen für Ordnung zu sorgen hat. Seit Mitte des letzten Jahrhunderts haben die Saudis sechsmal in Jemen militärisch interveniert. Bei der jüngsten Intervention leisteten vor allem USA, Grossbritannien und Frankreich Unterstützung. 

Strategische geografische Lage

Jemen war schon vor dem Krieg das ärmste Land der arabischen Welt. Es fördert zwar Gas und Öl, aber die Vorkommen werden auf nur 0,2 Prozent der weltweit nachgewiesenen Reserven geschätzt. Jemen liegt aber an der Meerenge von Bab-al-Mandab, einem strategischen Nadelöhr zwischen Rotem Meer und dem Golf von Aden, und dort werden täglich vier Millionen Barrel Oel durchgeschleust. Die freie Durchfahrt ist unverzichtbar für die Golfmonarchien.  Der Westen nimmt also in Jemen die bekannten «vitalen Interessen» wahr. In einer überparteilichen Studie zuhanden des US-Kongresses wurden Ende letzten Jahres die Gründe für den Krieg aufgeführt. In Jemen agierten «internationale Terroristengruppen», heisst es da, und ein gescheiterter Staat Jemen wäre nicht nur eine Gefahr für die Schifffahrt, sondern würde überdies dem Iran erlauben, «die Grenzen von Saudi-Arabien zu bedrohen». 

Die aufständischen Huthi-Milizen haben seit 2014 einen grossen Teil des Landes unter ihre Kontrolle gebracht. Ihre führenden Köpfe wurden im Iran in der islamischen Hochschule von Quom ausgebildet. Sie bekämpfen die Regierung Hadi, aber auch die sunnitischen Moslembrüder und die saudischen Wahabiten, die einen fundamentalistischen Islam im Jemen verbreiten. Es geht indessen, wie im gesamten Mittleren und Nahen Osten, nicht um «Religionskriege» zwischen Schiiten und Sunniten, sondern um politische Machtkämpfe, die entlang ethnisch-konfessioneller Grenzen ausgetragen werden.

Die Huthis gehören zu den Haschemiten, einer Elite von politischen Führern und Religionsgelehrten, die sich auf direkte Abstammung vom Propheten Mohammed beruft. Bis zur Ausrufung der Republik im Jahr 1962 hatte dieser Stammesadel über Jahrhunderte die politische Macht inne. Westliche Regierungen geben sich überzeugt, dass die Huthis – trotz Waffenembargo und Seeblockade der jemenitischen Küsten – vom Iran mit Raketen und Kampfdrohnen beliefert werden. Teheran weist jede Beteiligung an dem militärischen Geschehen in Jemen kategorisch zurück

Jemen war lange ein zweigeteiltes Land, der Norden unter türkisch-osmanischer, der Süden unter britischer Kolonialherrschaft. In den 1960er Jahren strahlte der «blockfreie» Nationalismus des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser auf die arabische Welt aus und war Öl auf den Flächenbrand der Unabhängigkeitsbewegungen. 1962 triumphierte im Norden eine Republik Jemen über die alte, halbfeudale Stammesgesellschaft. 1967 wurde im Süden eine «Demokratische Volksrepublik» ausgerufen. Der Norden war westlich orientiert, der Süden wurde ein Brückenkopf der Sowjetunion. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fand – fast gleichzeitig mit dem Mauerfall in Deutschland – eine Wiedervereinigung statt, die ähnlich wie in Deutschland die weitgehende wirtschaftliche Übernahme des sozialistischen Südjemen durch den kapitalistischen Norden nach sich zog. 

Diesen Artikel gibt es auch als Audio-Hörbeitrag: hier klicken!

Den Radio-Postcast hat Klaus Jürgen Schmidt von «Trommeln im Elfenbeinturm» realisiert.

Jemen, ein zerrissenes Land

Zu dieser Zeit war Ali Abdullah Saleh schon zwölf Jahre lang Präsident des Nordjemens, und niemand ahnte, dass er sich mit seinem Clan weitere zwei Jahrzehnte an der Macht halten würde. Seit den Aufständen gegen die osmanische und britische Kolonialherrschaft im letzten Jahrhundert war der Jemen ein zerrissenes Land, in dem die Machtkämpfe mit militärischer Gewalt ausgetragen wurden und politische Allianzen und Fronten ständig wechselten. Gewaltsame Erhebungen, Putsch und Mord waren in all diesen Jahren beinah die normale Form des Regierungswechsels. Die Stämme und ihre Kultur, ihre Formen der Rechtsprechung und Konfliktbewältigung haben bis heute mehr Gewicht als staatliche Justiz, Polizei und Verwaltung.

 Saleh schaffte es 33 Jahre lang, die Clans und Interessengruppen gegeneinander auszuspielen und Loyalitäten zu erkaufen. Als 2011 der sogenannte «Arabische Frühling» den Jemen erreichte, brach die von Saleh gelenkte Machtbalance zusammen, und alle Versuche, unter Vermittlung des Golfkooperationsrates und der UNO eine Reformregierung und einen friedlichen Übergang zu etablieren, schlugen fehl. Das war der Moment, in dem die Huthis ihre politische und militärische Offensive begannen. Sie konnten 2014 innerhalb kurzer Zeit die Hauptstadt Sanaa einnehmen und dringen ständig weiter nach Süden vor.

Im Jemen wird – trotz aller Dementis auf beiden Seiten – in einem Stellvertreterkrieg der Machtkampf zwischen den USA und dem Iran der Ayatollahs ausgetragen. Die saudischen Kampfjets und Helikopter aus den USA sind in dieser Hinsicht nicht mehr und nicht weniger als das militärische Werkzeug westlicher Geostrategie. Saudi-Arabien führt einen Präventivkrieg, der es täglich 200 Millionen Dollar kostet, um zu verhindern, dass der Feind Iran über seinen Einfluss auf die Huthis in die Nähe der saudischen Grenze kommen könnte. Klingt diese Art von Argumentation seit dem 24. Februar 2022 nicht irgendwie bekannt? 

In London oder Paris wurden aber bislang keine jemenitischen Flaggen an den Balkonen gesichtet. In Zürich wurden keine Konten saudischer Geschäftsleute gesperrt. Keine Schulklassen singen in Berlin auf der Strasse, um Geld für den Jemen zu sammeln, und keine Parlamentarierin ist in den Jemen gereist, um vor den Ruinen der Luftangriffe Betroffenheit darzustellen. Der Westen ist eben stets bereit, die Konflikte, die man Russen oder Chinesen anlasten kann, mit grosser Empörung zu bewirtschaften. Bei den eigenen Kriegen nimmt man es weniger genau mit der Empörung.  

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Dieser Beitrag erschien zuerst in einer kürzeren Fassung in der Weltwoche sowie ganz auf GlobalBridge.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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10 Meinungen

  • am 10.05.2022 um 11:13 Uhr
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    Leid ist Leid. Man sollte das nicht vermischen. Das bringt uns nicht weiter.
    Aber, und da gebe ich dem Autor recht, unsere Doppelmoral und Scheinheiligkeit ist schwer zu ertragen.

    1
  • am 10.05.2022 um 11:15 Uhr
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    Besten Dank für diese Aussage. Wäre Zeit, dass auch Schweizer Parlamentarier versuchten, diese Zusammenhänge zu verstehen.

    2
  • am 10.05.2022 um 14:00 Uhr
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    Mich interessiert, welche Waffensysteme, welche Taktik die Huthi den Saudis entgegenstellen und wie und in welcher Form die iranische Unterstützung trotz der blockierten Seewege, die sich sehr zum Vorteil Saudi-Arabiens abriegeln lassen, ins Land kommt. Sa.Arabien hat m.W.n. ein hochgerüstetes und gut ausgebildetes Militär westlicher Prägung (auch wenn sich einige russische Geräte im Sortiment befinden) – hier finden sich die besten Erzeugnisse europäischer und us-amerikanischer Waffenhersteller. Der Iran kann sich weder finanziell noch von den Lieferungen her annähernd so stark engagieren wie Sa.Arabien. Er hat selbst ein chronisch unterfinanziertes und enorm modernisierungsbedürftiges Heer, dem es ständig an hochwertigen Ersatzteilen mangelt – was also läuft da unten genau?

    1
  • am 10.05.2022 um 15:41 Uhr
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    Dass dieser Krieg im Jemen vor allem ein Krieg zwischen der schiitischen und sinitischen Glaubensrichtung ist, verschweigt uns der Verfasser dieses Artikels. Ebenso, dass die Waffen der Huthis, die sie aus dem Iran erhalten, hauptsächlich aus Russland stammen. Die USA, Großbritannien und Frankreich unterstützen die arabische Allianz logistisch und aufklärerisch. Und auch Deutschland und andere Länder wie die Schweiz leistet indirekt über Waffenlieferung an Saudi-Arabien seinen Beitrag. Auch das bleibt im Beitrag im Dunkeln. Darum passt es auch, dass dieser Artikel in der Weltwoche erschienen ist.
    Aber richtig ist, dass dieser Krieg für die Bevölkerung Jemens eine Katastrophe ist. Und leider, nicht nur im Westen, sondern weltweit keine Beachtung findet.

    5
  • am 10.05.2022 um 16:01 Uhr
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    Ein ausgesprochen wertvoller Beitrag! Grossen Dank an Infosperber!
    Die augenfälligen Analogien zwischen dem Krieg in der Ukraine und dem bereits länger dauernden Krieg im Jemen sind (trotz aller Unterschiede, die zwischen diesen Kriegen ebenfalls bestehen) ausreichend, um aus dem Satz, „Putins Krieg gegen die Ukraine ist unentschuldbar“ zu folgern: „Der von den USA, aber auch von England und Frankreich unterstützte Krieg Saudiarabiens gegen den Jemen ist unentschuldbar.“
    Dasselbe gilt ebenso für die Unterstützung der Huthis durch den Iran.
    Konsequenz: Dieselben Gründe, die uns zum Boykott von Kohle, Öl und Erdgas aus Russland bewegen, sprechen auch gegen den Import von Öl und Erdgas aus Saudiarabien und all den Ländern, die den Krieg in Jemen befeuern. Den Bezug fossiler Energien aus dem Iran haben wir ja – obgleich grossenteils aus anderen Gründen – schon länger aufgegeben bzw. minimiert.

    1
  • am 10.05.2022 um 16:02 Uhr
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    Vielen Dank für diesen Artikel. Geniesse jeden Beitrag der ohne die üblichen Angriffe auf die Denkfähigkeit der Menschen auskommt.

    Declassified UK produzierte vor kurzem einen kleinen Film zu BAE Systems und Yemen.
    https://www.youtube.com/watch?v=GhsPkdFusJI

    1
  • am 10.05.2022 um 16:35 Uhr
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    Ein sehr guter Beitrag – herzlichen Dank!

    1
  • am 10.05.2022 um 22:44 Uhr
    Permalink

    Dass es im Jemen um das strategische Nadelöhr in der Meerenge des Bab-al-Mandab und letztlich um einen Machtkampf zwischen den USA und Iran geht, leuchtet ein. Auch wenn dahinter eine lange lokale und internationale Geschichte steht. Danke für diese Information! Damit wird der Jemen-Krieg verständlicher. Und dass es um mehr als „internationale Terroristen“ geht, wie es eine „überparteiliche Studie zuhanden des US-Kongess“ besagt, davon war auszugehen.
    Was ich bis jetzt noch nicht kapiert habe ist, worum es in Syrien ging und geht. Bestimmt auch um Iran und um Entwicklungen, die aus dem Ruder gelaufen sind.

    1
  • am 11.05.2022 um 08:24 Uhr
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    ‘s ist leider Krieg – und ich begehre
    Nicht schuld daran zu sein!
    Seit sieben Jahren wird im Jemen Krieg geführt. Hat die Schweiz auch diesen Krieg mit Waffenexporten unterstützt? Ja!
    Kriegsmaterialexporte der Schweiz an die von Saudiarabien im Krieg im Jemen angeführte Militärallianz von 2015 – 2021.:147,6 Millionen Franken. Kunden waren Saudiarabien, Bahrain, Katar Kuwait und die Arabischen Emirate.
    Kriegsmaterialexporte der Schweiz an die Staaten die im Krieg im Jemen die Militärallianz von 2015 – 2021 logistisch unterstützte: 579 Millionen Franken USA, Frankreich, Grossbritannien und Pakistan. Diese Staaten waren in diesen Jahren auch an anderen Kriegen beteiligt, am Krieg in Afghanistan, im Irak, in Syrien, in Afrika.
    Laut der offiziellen Statistik des Bundes exportierte die Schweiz von 1975 – 2021 für 20,8 Milliarden Franken Kriegsmaterial. Verkauft wurden diese Rüstungsgüter zu einem grossen Teil an kriegführende Staaten, in Spannungsgebiete und menschenrechtsverletzende Regimes

    1
  • am 12.05.2022 um 09:49 Uhr
    Permalink

    Merci Helmut Scheben für diese Nachhilfe in der Geschichte Jemens.
    Merci auch für den Link zu K. J. Schmidt mit den Infos zur internen Lage in Russland.
    Beide Beiträge liefern wichtige Mosaiksteine zur Beurteilung und Einschätzung der politischen Situation.

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