Kommentar

Störsender ohne Störung

Daniel Ryser © zVg

Daniel Ryser /  Die Halbierungs-Initiative trifft die SRG. Doch sie steht für mehr: eine Verschiebung von Opposition, Macht und Öffentlichkeit.

Es gibt diesen Moment, in dem man merkt, dass man auf der falschen Seite einer Barrikade steht. Oder schlimmer noch, dass es die Barrikade gar nicht mehr gibt. Die Debatte um die Halbierungs-Initiative ist so ein Moment. Offiziell geht es um Geld. Um 335 Franken, um 200 Franken, um Effizienz, um Markt. In Wahrheit geht es um etwas anderes: um die Frage, wer heute das System ist, und wer dagegen.

Früher war das einfacher. Alternative Medien waren fast selbstverständlich links konnotiert. Projekte wie «Democracy Now!», 1996 gegründet und im Umfeld der globalisierungskritischen Bewegung gross geworden, sendeten aus einer Gegenwelt. Seattle 1999. Die Welt vor 9/11. Eine Epoche, in der Medienkritik Kapitalismuskritik war.

Als Störung links stand

Diese Gegenwelt existierte nicht nur ausserhalb der Institutionen. DRS 3 spielte die Musik, die anders klang als der Rest. DRS 3 war Teil der SRG, also gebührenfinanziert, aber nannte sich selbst «Störsender», und das zu Recht. Disruption war damals kein Investmentbegriff, sondern ein ästhetisches Versprechen.

Störsender
Einst «Störsender», heute Teil der Institution: SRF 3.

DRS 3 – noch bevor der Störsender in ein Hitradio überführt wurde – fühlte sich an wie ein Kanal, durch den Blumen in Ruinen blühten. Es war Teil der Institution und zugleich ihr Widerspruch. Plattenläden waren Vorposten einer anderen Wirklichkeit, und das Internet war Verheissung.

Andy Müller-Maguhn vom Chaos-Computer-Club träumte vom Netz als Infrastruktur des Weltfriedens. Man glaubte, Information solle frei sein, und Freiheit bedeute Fortschritt. Heute zeigt sich: Frei zirkuliert vor allem, was viral geht. Das Netz brachte keine Weltgesellschaft hervor, sondern eine Aufspaltung in tausend Öffentlichkeiten. Es demokratisierte nicht nur Stimmen, sondern auch Obsessionen.

Der Widerspruch verschiebt sich

Die Formate der Gegenöffentlichkeit, das lange Gespräch, die demonstrative Skepsis gegenüber den Medien, die Inszenierung des Aussenseitertums, verschwanden nicht. Sie wechselten ihre politische Trägerschaft. Rechts verstand es, sie zu professionalisieren und in ein Geschäftsmodell zu überführen. In einer Welt, in der das Fortschrittliche zur Norm geworden schien, suchte der Widerspruch ein neues Zuhause. Die eigentliche Verschiebung bestand darin, dass das Selbstverständnis der Gegenöffentlichkeit nach rechts wanderte.

Und währenddessen geschah etwas Unheimliches: Die einstigen Rebellen begannen, Institutionen zu verwalten. Die «WoZ», einst Symbol einer publizistischen Gegenkultur, verteidigt heute die SRG im Ton staatspolitischer Verantwortung.

Rechte Unternehmer und Politiker wie Tito Tettamanti und Christoph Blocher wiederum haben früh verstanden, dass Medien Macht sind und entsprechend investiert. Dass die SRG mindestens halbiert gehört, war für sie weniger eine Rechenaufgabe als eine ordnungspolitische Überzeugung. Es ging nie nur um Programme oder Gebühren, sondern um Einfluss und Struktur.

«Halbieren» klingt nach Buchhaltung. Nach Rationalisierung, nach Modernisierung, nach betriebswirtschaftlicher Vernunft. Und doch verändert es mehr als eine Bilanz. In einem System wie der SRG, viersprachig, föderal austariert und auf Quersubventionierung angewiesen, ist eine Halbierung kein lineares Kürzen. Man verändert die Architektur. Man verschiebt das Gleichgewicht zwischen Sprachregionen. Man zwingt zur Aufgabe von Bereichen, die sich nicht rechnen, aber politisch gewollt sind.

Die Bastion und ihre Grenze

Die Schweizer Debatte ist das Echo eines grösseren Musters. Über Jahrzehnte wurde, vor allem von liberaler Seite, unter dem Banner von Markt und Effizienz staatliche Infrastruktur ausgedünnt, demokratische Verfahren wurden als träge verspottet, Öffentlichkeit privatisiert. Und nun, da die Abrissbirne in Gestalt von Donald Trump grinsend auf der Weltbühne steht, beschwören auch solche, die zuvor am Rückbau beteiligt waren, den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Frage ist nur: Lässt sich eine Öffentlichkeit verteidigen, die man jahrzehntelang ökonomisiert hat?

Und genau darin zeigt sich die zweite Verschiebung. Auch linke Milieus, die Institutionen einst skeptisch gegenüberstanden oder sie als Teil hegemonialer Strukturen kritisierten, verteidigen nun den öffentlichen Rundfunk als Bastion gegen Fake News. Man verweist auf BBC, SRG, ARD, ZDF, ORF als Bollwerke der Vernunft in einem Meer aus Wahnsinn, gegen den Irrsinn deregulierter Plattformen. Doch diese Rede von der Bastion hat eine Kehrseite. Eine Bastion schützt. Aber sie grenzt auch ab. Sie definiert, was drinnen und was draussen ist. Die gebührenfinanzierte SRG bewegt sich im Korridor des gesellschaftlich Akzeptablen. Das ist ihr Auftrag und zugleich ihre Grenze.

Nimmt man etwa Georg Restle, Moderator des Politmagazins «Monitor» bei der öffentlich-rechtlichen ARD, so verkörpert er eine klare linke Haltung innerhalb dieses Korridors. Ein rechtes Pendant mit vergleichbarer Zuspitzung wäre in derselben Institution kaum vorstellbar. Das Problem ist nicht, dass es Restle gibt. Sondern dass Symmetrie entweder nicht gewollt oder nicht denkbar erscheint. Die Rechte sieht darin den Beweis für ideologische Schlagseite. Die Linke sieht darin die Verteidigung demokratischer Standards. Beide sprechen von Freiheit.

Marktförmige Disruption

Und damit sind wir wieder beim Kern der Schräglage. Disruption ist heute rechts codiert. Der Angriff auf Institutionen kommt nicht mehr von links. Systemkritik ist nicht nur Geschäftsmodell geworden. Sie ist Teil eines Selbstverständnisses, das sich mit enormer ökonomischer Macht verbindet, in einer digitalen Infrastruktur, die von wenigen globalen Plattformunternehmen kontrolliert wird und deren Logik der Aufmerksamkeitsökonomie das Gemeinsame eher fragmentiert als festigt.

Früher wusste man, wo der Störsender stand. Er war hörbar. Er hatte eine Frequenz. Heute ist die Störung diffus. Sie kommt nicht mehr aus einer Redaktion, sondern aus einer Infrastruktur. Sie ist eingebaut in Geschäftsmodelle, in Algorithmen, in Aufmerksamkeitsmärkte. Die eigentliche Disruption ist längst privatwirtschaftlich organisiert.

Langsamkeit als Widerstand

Wer die SRG heute verteidigt, tut dies nicht, weil sie oppositionell oder subversiv wäre, sondern weil sie institutionelle Stabilität repräsentiert: eine letzte Zone kalkulierter Langsamkeit in einer Ökonomie der permanenten Reizung. Gegen eine Welt, wo diese Langsamkeit kein Strukturprinzip mehr wäre, sondern ein Luxus.

Gegen eine Welt, wo es keine Vielfalt mehr gibt, sondern Tiktok-Beschleunigung und Alice-Weidel-Clips-Dauerfeuer, während Journalistinnen bei der Regionalen Arbeitsvermittlung Schlange stehen in einer rechtsautoritären Fake-News-Welt, in der niemand unter sechzig noch weiss, was «Sternstunde Philosophie» war, aber alle Reels von Joe Rogan und «Tele Thomas Matter» zitieren können, unsere Aufmerksamkeitsspanne auf zehn Sekunden geschrumpft ist und «Nebelspalter»-Chefredaktor Markus Somm täglich die «Tagesschau» moderiert und «10 vor 10» und das «Wort zum Sommtag».

Die Frage ist nicht, ob dieses Szenario eintritt. Die Frage ist, warum es plausibel klingt. Und so geschieht in dieser surreal wirkenden Make-America-Great-Again-Welt das Paradox. Jene, die einst Institutionen als Teil des Systems kritisierten, bewahren sie heute, nicht aus Liebe zur Ordnung, sondern aus Misstrauen gegenüber dem Markt. Denn die Revolution, sie ist marktförmig geworden.


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