Kommentar

Störsender ohne Störung

Portrait Daniel Ryxer 436 ©

Daniel Ryser /  Die Halbierungs-Initiative trifft die SRG. Doch sie steht für mehr: eine Verschiebung von Opposition, Macht und Öffentlichkeit.

Es gibt diesen Moment, in dem man merkt, dass man auf der falschen Seite einer Barrikade steht. Oder schlimmer noch, dass es die Barrikade gar nicht mehr gibt. Die Debatte um die Halbierungs-Initiative ist so ein Moment. Offiziell geht es um Geld. Um 335 Franken, um 200 Franken, um Effizienz, um Markt. In Wahrheit geht es um etwas anderes: um die Frage, wer heute das System ist, und wer dagegen.

Früher war das einfacher. Alternative Medien waren fast selbstverständlich links konnotiert. Projekte wie «Democracy Now!», 1996 gegründet und im Umfeld der globalisierungskritischen Bewegung gross geworden, sendeten aus einer Gegenwelt. Seattle 1999. Die Welt vor 9/11. Eine Epoche, in der Medienkritik Kapitalismuskritik war.

Als Störung links stand

Diese Gegenwelt existierte nicht nur ausserhalb der Institutionen. DRS 3 spielte die Musik, die anders klang als der Rest. DRS 3 war Teil der SRG, also gebührenfinanziert, aber nannte sich selbst «Störsender», und das zu Recht. Disruption war damals kein Investmentbegriff, sondern ein ästhetisches Versprechen.

Störsender
Einst «Störsender», heute Teil der Institution: SRF 3.

DRS 3 – noch bevor der Störsender in ein Hitradio überführt wurde – fühlte sich an wie ein Kanal, durch den Blumen in Ruinen blühten. Es war Teil der Institution und zugleich ihr Widerspruch. Plattenläden waren Vorposten einer anderen Wirklichkeit, und das Internet war Verheissung.

Andy Müller-Maguhn vom Chaos-Computer-Club träumte vom Netz als Infrastruktur des Weltfriedens. Man glaubte, Information solle frei sein, und Freiheit bedeute Fortschritt. Heute zeigt sich: Frei zirkuliert vor allem, was viral geht. Das Netz brachte keine Weltgesellschaft hervor, sondern eine Aufspaltung in tausend Öffentlichkeiten. Es demokratisierte nicht nur Stimmen, sondern auch Obsessionen.

Der Widerspruch verschiebt sich

Die Formate der Gegenöffentlichkeit, das lange Gespräch, die demonstrative Skepsis gegenüber den Medien, die Inszenierung des Aussenseitertums, verschwanden nicht. Sie wechselten ihre politische Trägerschaft. Rechts verstand es, sie zu professionalisieren und in ein Geschäftsmodell zu überführen. In einer Welt, in der das Fortschrittliche zur Norm geworden schien, suchte der Widerspruch ein neues Zuhause. Die eigentliche Verschiebung bestand darin, dass das Selbstverständnis der Gegenöffentlichkeit nach rechts wanderte.

Und währenddessen geschah etwas Unheimliches: Die einstigen Rebellen begannen, Institutionen zu verwalten. Die «WoZ», einst Symbol einer publizistischen Gegenkultur, verteidigt heute die SRG im Ton staatspolitischer Verantwortung.

Rechte Unternehmer und Politiker wie Tito Tettamanti und Christoph Blocher wiederum haben früh verstanden, dass Medien Macht sind und entsprechend investiert. Dass die SRG mindestens halbiert gehört, war für sie weniger eine Rechenaufgabe als eine ordnungspolitische Überzeugung. Es ging nie nur um Programme oder Gebühren, sondern um Einfluss und Struktur.

«Halbieren» klingt nach Buchhaltung. Nach Rationalisierung, nach Modernisierung, nach betriebswirtschaftlicher Vernunft. Und doch verändert es mehr als eine Bilanz. In einem System wie der SRG, viersprachig, föderal austariert und auf Quersubventionierung angewiesen, ist eine Halbierung kein lineares Kürzen. Man verändert die Architektur. Man verschiebt das Gleichgewicht zwischen Sprachregionen. Man zwingt zur Aufgabe von Bereichen, die sich nicht rechnen, aber politisch gewollt sind.

Die Bastion und ihre Grenze

Die Schweizer Debatte ist das Echo eines grösseren Musters. Über Jahrzehnte wurde, vor allem von liberaler Seite, unter dem Banner von Markt und Effizienz staatliche Infrastruktur ausgedünnt, demokratische Verfahren wurden als träge verspottet, Öffentlichkeit privatisiert. Und nun, da die Abrissbirne in Gestalt von Donald Trump grinsend auf der Weltbühne steht, beschwören auch solche, die zuvor am Rückbau beteiligt waren, den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die Frage ist nur: Lässt sich eine Öffentlichkeit verteidigen, die man jahrzehntelang ökonomisiert hat?

Und genau darin zeigt sich die zweite Verschiebung. Auch linke Milieus, die Institutionen einst skeptisch gegenüberstanden oder sie als Teil hegemonialer Strukturen kritisierten, verteidigen nun den öffentlichen Rundfunk als Bastion gegen Fake News. Man verweist auf BBC, SRG, ARD, ZDF, ORF als Bollwerke der Vernunft in einem Meer aus Wahnsinn, gegen den Irrsinn deregulierter Plattformen. Doch diese Rede von der Bastion hat eine Kehrseite. Eine Bastion schützt. Aber sie grenzt auch ab. Sie definiert, was drinnen und was draussen ist. Die gebührenfinanzierte SRG bewegt sich im Korridor des gesellschaftlich Akzeptablen. Das ist ihr Auftrag und zugleich ihre Grenze.

Nimmt man etwa Georg Restle, Moderator des Politmagazins «Monitor» bei der öffentlich-rechtlichen ARD, so verkörpert er eine klare linke Haltung innerhalb dieses Korridors. Ein rechtes Pendant mit vergleichbarer Zuspitzung wäre in derselben Institution kaum vorstellbar. Das Problem ist nicht, dass es Restle gibt. Sondern dass Symmetrie entweder nicht gewollt oder nicht denkbar erscheint. Die Rechte sieht darin den Beweis für ideologische Schlagseite. Die Linke sieht darin die Verteidigung demokratischer Standards. Beide sprechen von Freiheit.

Marktförmige Disruption

Und damit sind wir wieder beim Kern der Schräglage. Disruption ist heute rechts codiert. Der Angriff auf Institutionen kommt nicht mehr von links. Systemkritik ist nicht nur Geschäftsmodell geworden. Sie ist Teil eines Selbstverständnisses, das sich mit enormer ökonomischer Macht verbindet, in einer digitalen Infrastruktur, die von wenigen globalen Plattformunternehmen kontrolliert wird und deren Logik der Aufmerksamkeitsökonomie das Gemeinsame eher fragmentiert als festigt.

Früher wusste man, wo der Störsender stand. Er war hörbar. Er hatte eine Frequenz. Heute ist die Störung diffus. Sie kommt nicht mehr aus einer Redaktion, sondern aus einer Infrastruktur. Sie ist eingebaut in Geschäftsmodelle, in Algorithmen, in Aufmerksamkeitsmärkte. Die eigentliche Disruption ist längst privatwirtschaftlich organisiert.

Langsamkeit als Widerstand

Wer die SRG heute verteidigt, tut dies nicht, weil sie oppositionell oder subversiv wäre, sondern weil sie institutionelle Stabilität repräsentiert: eine letzte Zone kalkulierter Langsamkeit in einer Ökonomie der permanenten Reizung. Gegen eine Welt, wo diese Langsamkeit kein Strukturprinzip mehr wäre, sondern ein Luxus.

Gegen eine Welt, wo es keine Vielfalt mehr gibt, sondern Tiktok-Beschleunigung und Alice-Weidel-Clips-Dauerfeuer, während Journalistinnen bei der Regionalen Arbeitsvermittlung Schlange stehen in einer rechtsautoritären Fake-News-Welt, in der niemand unter sechzig noch weiss, was «Sternstunde Philosophie» war, aber alle Reels von Joe Rogan und «Tele Thomas Matter» zitieren können, unsere Aufmerksamkeitsspanne auf zehn Sekunden geschrumpft ist und «Nebelspalter»-Chefredaktor Markus Somm täglich die «Tagesschau» moderiert und «10 vor 10» und das «Wort zum Sommtag».

Die Frage ist nicht, ob dieses Szenario eintritt. Die Frage ist, warum es plausibel klingt. Und so geschieht in dieser surreal wirkenden Make-America-Great-Again-Welt das Paradox. Jene, die einst Institutionen als Teil des Systems kritisierten, bewahren sie heute, nicht aus Liebe zur Ordnung, sondern aus Misstrauen gegenüber dem Markt. Denn die Revolution, sie ist marktförmig geworden.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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SRG_Dossier

Medien: Service public oder Kommerz

Argumente zur Rolle und zur Aufgabe der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG.

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5 Meinungen

  • am 25.02.2026 um 12:44 Uhr
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    Danke für diese gute Analyse, mit der ich über weite Strecken einverstanden bin. Auch in der Beobachtung, wie links und rechts die Seiten gewechselt haben. Als kritischer Zeitgenosse findet man sich bei gewissen Themen in der Nähe rechter Parteien, mit denen man in den Grundzügen nicht übereinstimmt. In Deutschland gibt es das Bündnis Sahra Wagenknecht, das am ehesten eine kritische Haltung gegenüber dem Staat mit den Anliegen früherer Linksparteien ziemlich überzeugend zu verbinden vermag. In der Schweiz fehlt ein solches Sammelbecken.
    Einzig die Schlussfolgerung von Daniel Ryser überzeugt mich nicht ganz. Dass man aus einer Haltung des Misstrauens gegenüber dem Markt nun der SRG den Rücken stärken könnte, leuchtet mir nicht ein. Zu sehr sehe ich die SRG selbst mit den Marktstrukturen, die ja auch Machtstrukturen spiegeln, verwoben, als dass hier noch unabhängige Berichterstattung garantiert wäre. Auch was die politische Ausrichtung betrifft.

  • am 25.02.2026 um 14:15 Uhr
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    Der erste «kritische» Artikel zum Thema auf IS. Bisher kamen ausschließlich Gegner der Initiative zu Wort, eine offene Debatte vermisse ich auf dieser Plattform.Der Autor versucht die Verschiebung der Medien aufzuzeigen, die sie in den letzten Jahrzehnten durchmachte und lässt seine Haltung nicht gross durchschimmern, eine Wohltat in der heutigen Medienlandschaft. Wahrscheinlich hat er es auch nicht mehr nötig sich, den mehrheitlich linken Journalisten, anzubiedern, der Zug ist abgefahren.
    Dazu gäbe es noch zu sagen, dass den Gegner der Initiative ein deutlich höheres Budget zur Verfügung steht, was auch zur angedeuteten Verschiebung passt.Linke sind in Wirtschaft und Institutionen angekommen und haben die Deutungshoheit über viele gesellschaftliche Themen.Doch leidet leider die Vielfalt.Gut zu sehen, eine große Rede,wie diejenige von Harald Martenstein kürzlich, erklärt eigentlich nur,wie Demokratie eigentlich gehen sollte und ist trotzdem zu viel Realität für viele bekennend Linke.

  • am 25.02.2026 um 16:55 Uhr
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    Sehr gut gedacht und geschrieben. Vor 30 Jahren war ich WoZ Abonnent; heute halte ich das Blatt kaum noch aus, obwohl ich meine Meinungen kaum geändert habe. Dafür fühle ich mich auf youtube-Kanälen wohl, wo lange Gespräche geführt werden, die von der WoZ-Redaktion wohl als rechtsextremistisch angesehen werden. Da hat sich einiges verschoben. Auch DRS3 ist ein gutes Beispiel; damit bin ich aufgewachsen. Ich stimme ja, weil die Zensurmentalität weg muss. Wir sind zur Freiheit bestimmt und müssen lernen damit umzugehen.

  • am 27.02.2026 um 06:57 Uhr
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    Also wer die Linkslastigkeit von SRF in seinen vielbeachteten Comedy-Sendungen nicht zu erkennen vermag, hat ein Wahrnehmungsproblem. In diese Sendegefässen wird seit Jahren, dauernd und einseitig SVP-Bashing betrieben.

    ARENA mit Schlagseite: SVP kann immer wieder in die „Schäm di“-Ecke gestellt werden.

    Wenn die ARENA EIN Thema zur Diskussion stellt, müssen Befürworter:innen und Gegner:innen gleich gut vertreten sein. Das war am 10.11.23 bei der Diskussion über das Verhältnis der Schweiz zur EU einmal mehr NICHT der Fall. Es wurden alle vier Bundesratsparteien eingeladen. Damit konnte die SVP mit ihrem Vertreter NR Thomas Aeschi isoliert als ewige Kritikasterin einer grossen Mainstream-Meinung der Parteien an den Pranger gestellt werden. 3:1 für die EU-Euphoriker:innen! SRF, lern endlich mal was dazu!

  • Felix Schläpfer
    am 27.02.2026 um 19:39 Uhr
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    Ja, linke Milieus verteidigen den öffentlichen Rundfunk als “Bastion gegen Fake News”. Aber die Fake News werden gern einseitig auf den deregulierten Plattformen gesucht und gefunden. Die folgenschwersten Fake News sind aber diejenigen, die die grossen Medien selber mitverbreiten. Leider sehe ich hier bei SRF keine wesentlich höhere Qualität. Es geht dabei nicht um Links oder Rechts, sondern vor allem um Distanz zu US-abhängigen Quellen. Um Themen und Sichtweisen, die unbesehen übernommen werden. SRF prägt damit die Meinungen in der Schweiz im Sinn der USA. Auch bei Themen, bei denen die Interessen der Schweiz und der USA sehr verschieden sind. Etwa beim Ursprung des Corona-Virus, wo die Schweiz kein Interesse an Voreingenommenheit hatte, oder bei Sichtweisen zur Ukraine. Mangelnde Distanz zu US-Quellen macht die Schweiz und Europa abhängig und unsouverän. Hier sollte SRF sorgfältiger werden, um die Schweiz nicht zu spalten, sondern eine breit anerkannte Bastion zu sein.

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