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SRF-«Arena» zum Service Public © srf

Arena: Mehr Durchblick bei der SRG

Robert Ruoff /  Das neue Format der «Arena» kann ergiebig werden, wenn die Übungsanlage stimmt.

Jonas Projer will es wissen. Nach der Abstimmungs-«Arena» hat er erneut eingeladen in die Höhle des Löwen, das Zürcher Zentrum des «Service Public». Die Front der SRG-Kritiker will offenkundig die Gunst der knappen Abstimmung nutzen; sie ist dabei, sich neu zu formieren. Und in der SRG kommt wohl nach den ersten Verharmlosungs-Übungen so etwas wie Nachdenken in Gang. Eine neue Auslegeordnung steht auf der Tagesordnung.

Mehr Transparenz bei der SRG

Aber die News vorweg, wie es sich gehört. Ladina Heimgartner, Direktorin der Radiutelvisiun Rumantsch und erste Frau in der Geschäftsleitung der SRG, hat – selbst für den Moderator überraschend – mitgeteilt, dass die SRG die Kosten für ihre Sendungen nach dem Muster des ZDF öffentlich bekanntgeben wird («Infosperber» Your text to link…hatte auf die Publikationspraxis des ZDF hingewiesen). Heimgartner: «Wir sind in Kontakt mit dem ZDF, und wir werden das ab Grössenordnung Spätsommer tun.»
Das war gegen Ende der Sendung und wurde ringsum begrüsst. Von den Verfechtern des Service Public sowieso, aber auch von der Konkurrenz aus dem Verlagswesen und SRG-Kritikern.

«Mehr Internet!»

Zurück zur Sendung: Für die «Arena» zur neuen Auslegeordnung beim Service Public hat Jonas Projer das Casting leicht überarbeitet. Auf den hinteren Bänken sass wieder eine Publikumsgruppe, die sich sogar kurz äussern durfte. In der Mehrheit waren diese Gäste überraschend zufrieden mit dem SRG-Programm. Nur ein junger Freak wollte das Angebot auf die Informationssendungen zurückstutzen; den Rest hole er sich bei «Netflix» und überhaupt im Internet. «Mehr Internet!» kam als Forderung aber auch von der älteren Generation – allerdings mehr Internet von der SRG. Für die Auslandschweizer aber auch für die Heimatverbindung auf den eigenen Auslandreisen. Die Verleger mögen das nicht so gerne gehört haben.

Überhaupt wollte die Heiligsprechung des Marktes in dieser Sendung nicht so recht gelingen. Projer, der diesmal wieder zwei echte Experten und nicht einfach als Fachleute getarnte Interessenvertreter an den Expertentisch setzte, hat dabei einen echten Glücksgriff getan. Mit Manuel Puppis hat er wohl einen Shooting Star der Medienwissenschaft für die «Arena» entdeckt. Der Freiburger Professor hat jedenfalls in knappster Form ein paar kluge Sachen über den Service Public gesagt.
Wenn man denn so etwas will wie ein Radio-, Fernseh- und Internet-Angebot, das eine Programmleistung für die verschiedenen Interessen in einer vielfältigen Gesellschaft erbringt, dann muss das eine «öffentliche Organisation» sein, die nicht gewinnorientiert ist. Und diese Organisation braucht zweitens, so Puppis, einen klaren Auftrag mit, drittens, möglichst deutlichen Qualitätsanforderungen für Information und Dokumentation, Kultur, Sport, Film, Serien, Unterhaltung.

Geist und Geld

Aber in der «Arena» ging es dann doch immer wieder und wohl ein bisschen mehr ums Geld als um den Geist des Service Public. Urs Meister, der andere Experte neben Manuel Puppis, erinnerte als Vertreter von Avenir Suisse und der heiligen Marktwirtschaft daran, dass die SRG-Gebühren seit dem Jahr 2000 nominal um 14 Prozent gewachsen, die Einnahmen der Verleger hingegen zurückgegangen seien. Meister sagte nicht, dass das eine oder andere grössere Verlagshaus durchaus floriert, aber mit der Verlagerung von Werbung auf Internetplattformen und der aggressiven Verbreitung von Gratiszeitungen (20min. und so) die eigenen publizistischen Leistungen kannibalisiert. Aber er bestätigte, dass die privaten Medienhäuser zunächst einmal gewinnorientierte Unternehmen sind, denen die Produktion grosser Unterhaltungskisten wie «Voice of…» wohl zu teuer wären.

So entstand ganz unversehens zwischen allen Beteiligten der Konsens, dass es einen Service Public wohl geben müsse. Und dass eine aufwendige Unterhaltungs-Sendung wie «Voice of Switzerland» wohl doch zu diesem Service gehörten und nur von einem grösseren Unternehmen wie der SRG gestemmt werden könne.

Geschützter Markt oder duales System?

Projer, der ganz ungewohnt die Debatte über längere Strecken auch mal laufen liess und dann doch wieder zu ein paar wesentlichen Fragen zurückführte – «Arena»-Moderator Projer kann für sich in Anspruch nehmen, dass die eine Frage durch die spontane Debatte immer deutlicher durchscheint. Die Frage an die SRG-Kritiker nämlich, was sie eigentlich wollen. Etwas genauer: Ob es ihnen um die Demontage der SRG mit möglichst guten und ausgedehnten Profit-Bedingungen für private Unternehmer geht, möglichst noch mit einem gediegenen Gebührenanteil. Oder ob sie sich auf eine echte Konkurrenz in einem echten dualen System einlassen wollen, wie es das grosse englische Original zeigt: Auf der einen Seite steht das ausschliesslich öffentlich finanzierte nationale Medienhaus wie die BBC – das wäre bei uns die SRG –, auf der anderen Seite stehen die ausschliesslich kommerziell finanzierten privaten Stationen.

Aber die SRG-Kritiker in der Schweiz pflegen den Traum der Demontage. Nationalrätin Petra Gössi, die FDP-Liberale aus dem Kanton Schwyz, beklagt wie üblich (und nicht ganz zu Unrecht) die jahrzehntelange Expansionspolitik der SRG auf Kosten der Privaten, verlangt weniger Kanäle für den nationalen Sender und reklamiert das Internet im Wesentlichen als Spielwiese für die kommerziellen Privaten. Mehr ist da nicht, ausser dem Glauben an die alleinseligmachende Wirkung des Marktes. Gössi zu den Medien: «Die vierte Gewalt» wird stark, wenn viele Anbieter auf dem Markt sind, denn so kommen alle Meinungen zum Ausdruck.»

Gebühren für die Privaten

Der blinde ideologische Glaube an den Markt als Allheilmittel ist immer wieder bemerkenswert. Ein wacher Blick auf die Schweizer Medienlandschaft würde genügen, um festzustellen, dass sich Tamedia in der Westschweiz eine monopolartige Marktmacht von um die 70% zusammengekauft hat und dass die vier Verlagshäuser Tamedia, NZZ, AZ Medien und Somedia den regionalen Zeitungsmarkt in der Deutschschweiz faktisch kontrollieren. Vielfalt? Wie gross ist das Meinungsspektrum?
Und mit Blick auf die Werbung: Fast jeder dritte Werbefranken wird für die vier Gratiszeitungen in der Schweiz ausgegeben – Tamedia und Ringier lassen grüssen (Quelle: Jahrbuch Qualität der Medien 2014).
Drei der vier Zeitungen gehören zum «Tages-Anzeiger»-Verlag. – Das ist in der «Arena» nicht zur Sprache gekommen.

Zum Gebührengeld erinnert der CVP-Nationalrat Martin Candinas daran, dass die Klage über die Medienabgabe im eigentümlichen Kontrast steht zu den realen Verhältnissen: Finanziert sich die SRG heute zu 70 Prozent aus Gebühren und zu 30 Prozent aus kommerziellen Einnahmen, so stützen sich die privaten Sender noch stärker aus öffentlichen Mitteln: 25 Prozent sind bei ihnen Werbeeinnahmen, 75 Prozent Gebührengelder! Was, so Candinas, durchaus im Interesse von Minderheiten und Randregionen ist.

Politisches Klumpenrisiko

Trotzdem bleibt der Totalangriff auf die SRG und den Service Public nicht aus. Jonas Projer hat uns mit seinem neuen Casting diesmal zwar die schärfste Variante des Anti-SRG-Lobbyings glücklicherweise erspart: Natalie Rickli war nicht da. Aber ihre Rolle hat Olivier Kessler übernommen, der «No-Billag»-Initiant, der bei seiner Unterschriftensammlung nun Sukkurs erhält von Frau Rickli und auch vom Gewerbedirektor Hans-Ulrich Bigler, der mit der Gewerbezeitung 140’000 Unterschriftslisten verteilen will.
Kessler ist Teil der «liberalen Kräfte der Jungen SVP und der Jungfreisinnigen» (Original-Ton Kessler im «Blick» am Tag nach der «Arena»). Diese Gruppierung will unter dem Motto «Endstation Sozialismus» möglichst wenig Staat und schon gar nicht eine gebührenfinanzierte SRG. Projers «Arena» hat diesen politischen Hintergrund nicht aufgedeckt, obwohl das erhellend gewesen wäre. Kessler gehört wie Frau Rickli und offenkundig auch Herr Bigler zum Netzwerk der Schweizerischen Tea Party, und das Ziel dieser Gruppe ist ganz offenkundig die Demontage der SRG. Da bildet sich ein medienpolitisches Klumpenrisiko heraus.
Die gleichen fundamentalistischen Ideen werden von wechselnden Akteuren mit wechselnden Etiketten immer aufs Neue vorgebracht. Fordert Rickli, dass die SRG nicht machen darf, was die Privaten machen können und wollen, so beschwört Kessler die «Freiheit» der Verbraucher und ruft: «Die Konsumenten sollen entscheiden, was sie bezahlen wollen».
Es sagt ihm in der «Arena» niemand, dass der Konsument zwar auf dem Medienmarkt frei entscheidet, welches Produkt er kaufen will. Aber auf diesem zugleich kommerziellen und politischen Markt entscheidet ein anderer, welches Angebot überhaupt auf den Markt kommt. Auch in Zukunft erfordert ein starkes Medienunternehmen grosses Kapital, und ohne Kapitalmacht geht es nicht. In diesem Sinn gilt das Wort von Paul Sethe: «Frei ist, wer reich ist.» (In: Spiegel 34/1966)

Jacqueline Badran, medienpolitischer Shooting Star der Sozialdemokraten, schiesst in der «Arena» entsprechend scharf. «Das Ergebnis ist, dass wir einen Paten haben, der seine Sender führt und einsetzt, um die Schweizer Bevölkerung (für seine Interessen) einzukaufen,» und: «Vielfalt wird durch die SRG hergestellt», insbesondere in den Regionen, in denen Verleger eine monopolartige Stellung hätten, wie beispielsweise die AZ Medien im Raum Aargau. Das trägt ihr ein «Bullshit» ein von Peter Wanner, dem Verleger der AZ Medien. Wanner sitzt zusammen mit der Direktorin der Radiutelevisiun Svizra Rumantscha Ladina Heimgartner als Interessenvertreter auf der Hinterbank der «Arena», selbstverständlich in geziemendem Abstand.

Eingezäunte SRG

Wanner ist Verleger der AZ Medien, die aus dem Raum Aargau heraus das Mittelland von Zürich bis Bern mit Presse, Radio und Fernsehen abdecken. Er ist Mitglied des Vorstands des Verbands Schweizer Medien – früher: Verlegerverband –und ausserdem Mitglied der Eidgenössischen Medienkommission, die zurzeit für den Bundesrat an einem Bericht über den Service Public arbeitet. Eine kleine, nicht unwichtige Information, die in der «Arena» irgendwie untergegangen ist.

Auch Wanner will selbstverständlich den Zaun der SRG enger stecken. Er will ihre Kaufkraft schwächen, um sein eigenes Unternehmen auf dem Markt der Sportrechte zum Beispiel in eine bessere Position zu bringen. Vielleicht in einem Joint Venture mit Swisscom oder Cablecom, die über das nötige Kapital verfügen. Er möchte ran an die Champions League oder an Sportereignisse wie ein Eidgenössisches Schwingfest. Er möchte damit Marketing machen, das heisst, mehr Publikum und damit mehr Werbung generieren. Und er möchte, dass die SRG ähnlich wie der Teleclub oder der Satellitensender Sky gegen Basisgebühren ein Grundprogramm anbietet und zusätzlich, wie ein Bezahlsender, ein Sportpaket oder ein Kulturpaket oder ein Unterhaltungspaket offeriert. So etwas dürfte die SRG ein bisschen teurer und etwas weniger attraktiv machen.

Peter Wanner legt in der «Arena» mit wohltuender Offenheit seine Vorstellungen als publizistischer Unternehmer dar. Er macht uns klar, dass die privaten Verleger sich einen Markt bauen wollen, auf dem sie freien Zugriff auf die gewinnträchtigen Programme haben, und auf dem die SRG nicht mehr als wirkungsmächtiger, zahlungsfähiger Konkurrent auftreten kann. Das ist die gemässigte Position. Der eine oder andere Verleger äussert sich noch etwas radikaler.

Geschützter Medienmarkt?

Das gilt nicht zuletzt für das Internet. Dort spielt sich die künftige Entwicklung ab. Die SRG soll dort noch ihre Sendungen abspielen und mit ein paar dürren Worten antexten dürfen. Medienspezifische Mittel wie die üblichen Apps oder gar kleine filmische Eigenproduktionen kommen nach diesen Vorstellungen nicht in Frage: Im Internet muss die SRG gefesselt, um nicht zu sagen stranguliert werden.

Dabei verlangte nicht nur der junge Freak aus dem «Arena»-Publikum, sondern auch die ältere Generation «Mehr Internet!». Die Vorstellungen des Publikums sind nicht immer deckungsgleich mit den Vorstellungen der kommerziellen Unternehmer.

Zukunft im Internet

Mit seinem Casting hat uns Jonas Projer an genau dieser Stelle zu einem erfrischenden Auftritt verholfen. Ladina Heimgartner, die 35 Jahre junge Direktorin der Radiutelevisiun Romantsch, ist die wohl erste Frau in der Geschäftsleitung der SRG. Sie verkörpert eine neue Generation auf der Leitungsebene der SRG. Und sie erklärt ohne Zögern und ohne den angestammten Machtanspruch eines Medien-Apparatschik ganz selbstverständlich, dass die SRG nicht nur im Internet präsent sein, sondern diese Präsenz auch ausbauen muss. Ganz einfach, weil das Internet das selbstverständliche Medium der Digital Natives ist, der Jungen, der Jugendlichen und der Kinder.

Wer nicht Konkurrenzinteressen vertritt oder sich selber mit ideologischen Scheuklappen den Blick verengt, kann das nur zur Kenntnis nehmen. Die Zukunft ist trimedial. Im dualen System des Vereinigten Königreichs liefern sich die BBC und private Kanäle wie Channel 4 ganz selbstverständlich einen höchst herausfordernden Konkurrenzkampf. Das produziert Innovation im Interesse des Publikums. Und sichert eine spannende Medienzukunft.

Aber Ladina Heimgartner ist pflichtgemäss auch eine Vertreterin der alten SRG, und so bietet sie wie schon längst ihr Generaldirektor Roger de Weck gutschweizerisch den Verlegern eine Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Internet an. Jeder bekommt ein Stück vom Kuchen. Die Verleger bekommen ein bisschen mehr Radio und Fernsehen für ihre Sender, und die SRG bekommt ein bisschen mehr Spielraum im Internet. Das ist dann das Ende der innovativen Konkurrenz. Und wenn der Konsument in diesen Kuchen beisst, schmeckt er irgendwie verfilzt.

Das möchten wir doch bitte nicht mehr.

Die «Arena» im neuen Format hingegen könnte sich in eine nahrhafte Zukunft entwickeln, wenn sie ihr Potential ausschöpft.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war bis 2004 Mitarbeiter der SRG.

Zum Infosperber-Dossier:

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Kritik von TV-Sendungen

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Medien: Service public oder Kommerz

Argumente zur Rolle und zur Aufgabe der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG.

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Eine Meinung zu

  • am 22.06.2015 um 17:16 Uhr
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    Meine persönliche Informationsversorgung kommt (immer noch) zu einem nicht unwesentlichen Teil aus dem Fernsehen. Swisscom kann mit Bestimmtheit Auskunft geben, mit welcher Einschaltquote die etwa 400 Sender an meiner Versorgung beteiligt sind.
    Was würde mir denn fehlen, wenn SRF von heute auf morgen verschwinden würde? Beinahe nichts. Was mich interessiert bringen die ausländischen Sender auch oder sogar besser.
    Ein Service Public der SRG müsste sich auf Schweizerthemen beziehen, an welchen ausländische Sender kein Interesse haben können. Es kommen aber «Bestatter», Jacobo Müller», «Einer gegen 100», «Top Secret», hunderte von Stunden Sport, der auf allen andern Sendern auch kommt. Auch der «Tatort» kommt mindestens dreifach gleichzeitig und rund um die Uhr.
    Sind das die Leistungen, für welche ich Billag bezahlen muss? Das habe ich auch an dieser Arena nicht herausgefunden. Ich bezahle Gerne einen Service Public Suisse, aber ohne Werbung und mit klarer Herkunftsdeklaration. Für alles andere sehe ich keine Rechtfertigung für SRG und Billag.

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