Barrage des Toules

Die Staumauer von Les Toules müsste für Winterstrom weiter unten oder an selber Stelle total neu gebaut werden © Romande Energie

Neue Wasserkraft-Projekte: Im Wallis nochmal alles von vorne

Christian Bernhart /  Wegen falscher Berechnungen fallen drei wichtige Projekte weg. Sie hätten helfen sollen, die Winterstromlücke zu schliessen.

Bis 2040 hätten 15 Wasserkraftprojekte die Winterstromlücke schliessen sollen. Das war der Plan, der 2021 am Runden Tisch entworfen worden war (siehe Teil 1 dieses Artikels). Doch im Wallis stehen drei der acht im Richtplan vorgesehenen Projekte vor dem Aus. Das weitere Prozedere ist ungewiss.

Am schwersten wiegt der Verzicht auf die Gornerli-Staumauer, die mit 650 GWh die grösste Ausbeute hätte bringen sollen. Der Stromkonzern Alpiq musste seine hohen Erwartungen dort drastisch zurückstufen. Der hinter Zermatt, südlich des Gornergrats geplante Stausee könnte nämlich bis 2030 höchstens einen Drittel des vorgesehenen Wassers aufnehmen. Dem Klimawandel zum Trotz schmilzt der Gletscher nicht so rasant wie zunächst angenommen. Somit gerät das Kosten-Nutzen-Verhältnis in Schieflage, zumal ein Volumen von über 10 Millionen Kubikmeter als Hochwasserschutz freizuhalten ist.

Die gleiche Frage stellt sich bei zwei weiteren Walliser Projekten, die technisch falsch kalkuliert worden sind. Statt wie vorgesehen um 21 Meter könnte Alpiq die Staumauer von Moiry allenfalls um 8 Meter erhöhen. Daraus würde eine Jahresproduktion von bloss 40 GWh resultieren, statt wie geplant 125 GWh. Bei Les Toules müsste Romande Energie eine vollständig neue Staumauer am alten Ort oder weiter unten ins Auge fassen. 

Moiry Alpiq
Die Staumauer von Moiry kann nicht so stark erhöht werden wie dies vorgesehen war.

Umweltverbände lehnen die neuen Vorschläge des Kantons ab

Der Wegfall der drei bedeutendsten Projekte bewog den Kanton Wallis, seinen Richtplan mit neun weiteren Projekten in die Vernehmlassung zu schicken. Darunter befinden sich solche, die am Runden Tisch kein Gehör fanden, so das Projekt Oberaletsch, das mit einer Ausbeute von 765 GWh sogar das Gornerli übertreffen soll. Jedoch beeinträchtigt das Projekt Oberaletsch das Unesco-Kulturerbe weit mehr als das Gornerli – ein Grund, weshalb sich der erste Runde Tisch fürs Gornerli entschieden hatte.

In ihrer Stellungnahme lehnen die Umweltverbände (Pro Natura Wallis, Stiftung Landschaftsschutz, Schweizerischer Fischereiverband und WWF Wallis) sämtliche neuen Walliser Projekte in dieser Form ab. Sie hegen Vorbehalte, vor allem wegen fehlender Abklärungen, ob Umweltgesetze eingehalten werden.

Gornerli
Der ursprünglich geplante Stausee (hellblau) am Gornerli. In dunklerem Blau der See, wie er natürlich entsteht.

Zweiter Runder Tisch ohne Zeitangabe

Das stolpernde Vorgehen des Kantons Wallis bei der Wasserkraft bewog das Uvek, das Zepter bei der Planung wieder selbst in die Hand zu nehmen. Es soll ein zweiter Runder Tisch stattfinden. Ungewiss ist jedoch, wann. Damit es nicht erneut mit falschen Angaben hinters Licht geführt wird, will sich das Uvek zunächst bei den Kantonen und Betreibern nach dem Stand der Dinge erkundigen. Gemäss seiner Mitteilung vom vergangenen Dezember soll dann nach dem gleichen Prozedere wie beim ersten Runden Tisch eine Begleitgruppe den Nachfolgetisch vorbereiten. Anschliessend will das Uvek die neue Liste dem Bundesrat unterbreiten, der diese später ins Eidgenössische Parlament schickt. Ein konkreter Zeitplan fehlt indes noch.

Läuft es ähnlich harzig wie nach dem ersten Runden Tisch, ist absehbar, dass erst Mitte Jahr eine Begleitgruppe die Vorschläge für die zweite Runde bereinigen kann. Könnte der zweite Runde Tisch noch Ende 2026 tagen, so würde das Uvek wohl im Frühsommer 2027 dem Bundesrat den neuen Vorschlag unterbreiten, und das Parlament könnte vielleicht 2028 grünes Licht für den Eintrag der neuen Liste im Bundesgesetz für eine sichere Stromversorgung geben. Vorbehältlich eines Referendums könnten dann die Kantone ihren ergänzten Richtplan einreichen, worüber das Uvek bestenfalls Ende 2028 oder Anfang 2029 befinden und die Planung freigeben würde. 

Am Beispiel des Wasserprojekts Trift des Kantons Bern, das voraussichtlich ab 2029 gebaut werden kann (siehe Kasten unten), lässt sich abschätzen, dass danach bis zum Spatenstich gut zehn weitere Jahre verstreichen können. Eher mehr, falls die Planung noch bevorsteht. Bei einer Bauzeit von acht Jahren könnten folglich um 2050 einige der neuen Wasserkraftwerke Strom produzieren. In Anbetracht der strengeren Umweltgesetze wird damit die 2,2-Terawattstunden-Winterstromlücke nicht geschlossen, sondern erst langsam dem heutigen Stand der Stromproduktion angeglichen.

Initiative für neue Atomkraftwerke 

Derweil hat ein bürgerliches Komitee (SVP, FDP und Mitte) im Februar 2024 die Initiative Jederzeit Strom – Stopp dem Blackout eingereicht, mit dem Ziel, das vom Volk 2017 angenommene Verbot neuer Atomkraftwerke aufzuheben. Der Bundesrat verabschiedete 2025 einen indirekten Gegenvorschlag zur Initiative. In dieser Frühjahrssession soll das Eidgenössische Parlament über Initiative und Gegenvorschlag brüten. Bundesrat Rösti erwägt sogar, den Bau neuer Atomkraftwerke mit Fördergeldern zu unterstützen. Die Akademie der Naturwissenschaften prognostizierte im Juli 2025, dass ein neues Atomkraftwerk 2050 in Betrieb gehen könnte. Für die Mehrheit im Parlament könnte das bedeuten: Mehr Wasserkraft ade, zusätzlich Atomstrom juhe. 

Berner sind bei der Wasserkraft am schnellsten

Trift
Der Ausbau der Staumauer Trift könnte frühestens 2029 beginnen.

Die beiden Berner Wasserkraftprojekte – Trift und Grimselsee – sind die einzigen bedeutenden Projekte, die das Ziel des ersten Runden Tisches erfüllen und bis 2040 Winterstrom von insgesamt 455 GWh liefern werden. Während die grossen Strombarone Axpo in Zürich und Alpiq in Olten sich in den Gebirgskantonen auf die lukrativen Gewinne der Wasserkraft beschränkten, setzten sich die Kraftwerke Oberhasli (KWO) seit über einem Jahrzehnt für mehr Wasserkraft in der Grimselregion ein. Das erste Projekt für das Pumpwasserprojekt Grimselsee mit der Erhöhung der Staumauer um 23 Meter bestand bereits 2005. Für die neue Staumauer Trift reichte das KWO sein erstes Konzessionsgesuch 2017 ein, für das der Bundesrat zunächst die Erstellung eines kantonalen Richtplans forderte. 

Gegenüber den Projekten der anderen Kantone hatten die KWO-Projekte den Vorteil, dass der Kanton Bern die KWO bereits mehrheitlich besitzt und damit das Heimfall-Problem wegfällt. Ende 2025 wurden sämtlich Einsprachen gegen das Grimselprojekt zurückgezogen. Für die Konzession der Staumauer Trift liegen die KWO noch im Clinch mit der Gemeinde Innertkirchen und dem Grimselverein. Im Idealfall könne mit dem Bau 2029 begonnen werden, sagte KWO-Geschäftsführer Daniel Fischlin im Januar 2026 gegenüber der «Berner Zeitung».

Projekt Grimselsee
Von den Kraftwerken Oberhasli geplantes Projekt am Grimselsee.

Weiterführende Informationen


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Keine. Christian Bernhart is freier Journalist in Bern.
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Zum Infosperber-Dossier:

SolaranlageBauernhof-1

Energiepolitik ohne neue Atomkraftwerke

Erstes, zweites und drittes Gebot: Der Stromverbrauch darf nicht weiter zunehmen.

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