Kommentar
Finanzierung von AHV und Rüstung: Zwei Kröten und eine Lösung
Red. – Dies ist ein Gastbeitrag von Rudolf Strahm, ehemaliger Preisüberwacher und alt SP-Nationalrat. Er wirkte von 1991 bis 2004 als Präsident des Deutschschweizer Mieterverbandes sowie sieben Jahre als SP-Zentralsekretär. Sein Artikel erschien zuerst in der «Handelszeitung». Infosperber veröffentlicht hier eine leicht erweiterte Fassung.
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Was da alles auf uns zukommt! Die Armee will bis Ende Jahrzehnt 31 Milliarden mehr Rüstungsgüter kaufen oder vorfinanzieren. Bundesrat Martin Pfister fordert dazu eine Erhöhung der Mehrwertsteuer (MwSt) um 0,8 Prozent Normalsatz. Die AHV braucht zusätzlich rund 4 Milliarden Franken pro Jahr (mit steigender Tendenz) zur Dauerfinanzierung der vom Volk angenommenen 13. AHV-Rente.
Für die AHV will der Bundesrat einen MwSt-Zuschlag von 0,7 Prozent beim Normalsatz (und proportionalen Zuschlägen bei den Sondersätzen). Der Nationalrat will diesen bis 2030 befristen. Die zuständige Kommission des Ständerats will demgegenüber eine unbefristete Mischfinanzierung für die AHV von zusätzlich 0,4 Prozent MwSt und 0,3 Prozent höheren Lohnzuschlägen, die nur die aktive Generation und Arbeitgeber finanzieren. Alle diese Vorentscheide kamen mit äusserst knappen Mehrheiten zustande. Es fehlt eine breit abgestützt Lösung.
Die Mehrwertsteuererhöhung wird je nach Zweck von ganz unterschiedlichen Lagern abgelehnt
Sind diese Pläne realistisch? Eine erste Meinungsumfrage von Sotomo lässt zweifeln: Eine Mehrheit von 76 Prozent der 15‘000 Befragten lehnt eine MwSt-Erhöhung für die Armee ab. Und gleichzeitig sind auch 66 Prozent gegen eine MwSt-Erhöhung für die 13. AHV.
Dies sind grobe Frühsondierungen, aber die Mehrheit der Bürger ist skeptisch gegen jede Art neuer Steuern. Doch ganz entscheidend ist die folgende Tatsache: Die ablehnenden Lager gegen die MwSt sind nicht dieselben! Im linken Lager dominiert die Gegnerschaft gegen die Armee, und im breiten Wahlvolk fehlt das Vertrauen in die Rüstungsbeschaffungen. Fast wöchentlich erfährt man von millionenteuren Kostenüberschreitungen bei VBS-Projekten. Bei den Bürgerlichen anderseits ist man gegen die Zusatzfinanzierung bei der AHV, weil man diese möglichst bald mit einer Erhöhung des Rentenalters koppeln will – obschon ein höheres Rentenalter erst vor zwei Jahren mit 75 Prozent Nein-Stimmen versenkt worden ist.
Ein besserer Vorschlag kam aus der Mitte
Weil die MwSt-Sätze in der Bundesverfassung festgeschrieben sind, braucht jede Satzänderung eine Mehrheit von Volk und Ständen, was erfahrungsgemäss ein sicheres Volksmehr von mindestens 55 Prozent erfordert. Jedes namhafte politische Lager kann eine MwSt-Vorlage blockieren. In dieser Konstellation würde sich aufdrängen, jetzt schon nach einer solid mehrheitsfähigen, klugen Lösung zu suchen: Sie bestünde in der Kombination der beiden MwSt-Erhöhungen für die Armee und für die AHV mit zwei gekoppelten Kompetenzerlassen. Ähnliches wollte die Mitte. Das ist zwar auch riskant, aber erfolgsversprechender: Die kombinierte Staf-Vorlage, die eine Kombination von Firmensteuersenkung (Wunsch der Wirtschaft) und MwSt-Erhöhung für die AHV-Kasse (Wunsch der Linken) vorsah, wurde 2019 mit 66 Prozent Ja-Stimmen haushoch angenommen!
Beide Lager müssten mit dieser Kombination eine Kröte schlucken: Die Linke könnte die ungeliebten Rüstungsmilliarden nicht bekämpfen, weil sonst weitere Budget-Kürzungen drohen und bald eine weitere Rentenalter-Debatte ansteht. Und die Rechte müsste eine unbefristete AHV-Zusatzfinanzierung akzeptieren, um die hochgradig gefährdete Rüstungsbeschaffung zu sichern.
Eine MwSt-Erhöhung um 1,0 Prozent Normalsatz bringt derzeit rund 3,5 Milliarden Franken Nettoertrag in die Bundeskasse. Ich möchte hier offen lassen, mit welchen MwSt-Steuersätzen man in eine Volksabstimmung gehen sollte. Wichtig ist, dass sich die drei Departementschefs von VBS (Pfister), EDI (Baume-Schneider) und EFD (Keller-Sutter) einigen und die bundesrätliche Führung übernehmen, bevor sich die grossen Parteien unter dem polarisierenden Einfluss ihrer jeweiligen dogmatischen Hardliner in einen Nein-Wettlauf verheddern, von dem sie nicht mehr loskommen.
Viele Missverständnisse zur Mehrwertsteuer
Die Mehrwertsteuer wird oft als unsozial und als volkswirtschaftlich schädlich madig gemacht. Viele Politiker und Medienleute kennen den Meccano der Mehrwertsteuer nicht mehr. Ich gestehe, ich sammle die dümmsten und inkompetentesten Zitate von Journalisten zur Mehrwertsteuer: Sie wissen meist nicht, dass Mieten und KV-Prämien gänzlich von der Mehrwertsteuer befreit sind. Sie wissen nicht, dass demzufolge beim untersten Quintil (also bei den 20 Prozent Ärmsten) über 60 Prozent aller Haushaltausgaben gänzlich von der MwSt befreit sind. Ausserdem sind rund 18 Prozent weitere Haushaltausgaben für den Grundbedarf wie Nahrungsmittel, Medikamente, Zeitungen, nur zu einem Drittel des MwSt-Normalsatzes belastet. Beim zweittiefsten Quintil sind auch noch 45 Prozent gänzlich befreit und 12 Prozent teilentlastet.
Viele, die die MwSt als volkswirtschaftlich schädlich brandmarken, ignorieren, dass jeder MwSt-Franken für die AHV zu einem Kaufkraftfranken wird und im Kreislauf komplett BIP-neutral bleibt. Ich würde der Finanzministerin Karin Keller-Sutter nahelegen, wieder mal ein Medienseminar zu organisieren, damit alle Nicht- oder Besserwisser den Meccano der Mehrwertsteuer wenigstens so weit kennen lernen wie die KV-Lernenden im dritten Lehrjahr.
P.S: Noch eine Quizfrage für die Konsumenten: Würde der MwSt-Normalsatz um 1,0 Prozentpunkt für Armee und AHV erhöht, was würde das kosten? Richtige Antwort: Ein Wocheneinkauf von 100 Franken bei Coop oder Migros (halb Nahrungsmittel mit reduziertem Sondersatz, halb Non-Food mit Normalsatz) würde 70 Rappen teurer werden – ein halbes Joghurt!
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Rudolf Strahm ist ehemaliger SP-Nationalrat und eidgenössischer Preisüberwacher. Er wirkte von 1991 bis 2004 als Präsident des Deutschschweizer Mieterverbandes sowie sieben Jahre als SP-Zentralsekretär.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Dieser Vorschlag ist akzeptabel, wenn verbindlich festgelegt ist, wie viel Geld fix in die AHV und wie viel fix in die Rüstung fliesst. Es muss unbedingt verhindert werden, dass AHV-Gelder z.B. per Notrecht für Militär verwendet werden.
Schon allein der F 35 A wird die Schweiz über 30 Milliarden kosten bis an sein «Lebensende» in ungefähr 30 Jahren.
Lieber Ruedi,
( Wir waren mal Kommunarden ) Ich werde jede Steuer für die Rüstung ablehnen. Egal mit welchem Vorhaben Du sie kombinierst. Statt Rüsten muss man Abrüsten.
Sie haben natürlich Recht Herr Rothenbühler. Vor dem riesigen Druck der Waffen- und Militär-Lobby ging dieser Aspekt wie üblich unter. Pardon.
Was ist ein Komunard ?
Geehrter Herr Basler, gemäss Wikipedia sind Komunarden Menschen, die sich weigern Kröten zu schlucken.Man muss nicht Vegetarier oder gar Veganer sein , es geht um Ehrfurcht vor der Natur und bedrohten Lebewesen. Gerade jetzt ist die grosse Zeit der Kröten Wanderung. Ich rufe alle Menschen guten Willens auf, lassen sie in der Dämmerung ihr Fahrzeug stehen.
Ich konnte nicht Ahnen, das meine Antwort unter einem Ruedi Basler zu stehen kommt.
Ich lebte mit Rudolf H. Strahm in einer WG mit 29 Menschen.
Es war eine Zeit relativen Glücks. Niemand von uns konnte sich vorstellen, dass militärische Aufrüstung eine gute Sache sei.
Es geht doch nicht um die Steuer. Das ist Augenwischerei, Ablenkung. Es geht darum, für welch unnütze Vorhaben die Gelder verwendet werden (überteuerte Flieger zb).
Die Schweiz braucht keine Armee. Immer noch nicht. Die Zeiten verklärter Schützengrabenromantik sind vorbei. Wir täten am Besten daran uns auf eine unbedingte aber konsequente Neutralität zu konzentrieren statt auf eine „agile, flexible“ die keine mehr ist. Das damit frei werdende Geld investiert in die Absicherung sozialer Systeme und sinnvoller Infrastrukturprojekte.
Der Weg in global unsicheren Zeiten ist sich nach innen zu fokussieren. Der unnötige Ausbau von Rüstungsvorhaben ist zum Scheitern verurteilt weil wir zu klein sind uns selbst verteidigen zu können und zusätzlich mit der Wahl bestimmter Waffensysteme uns „für eine Seite“ entscheiden und damit die Neutralität aufgeben. Das ist dann umso nachteiliger, wenn es „die Falsche“ Seite ist.
Leider werden heutzutage Altmeister nicht mehr gehört. Heutzutage wissen alle alles. Aber die Bildung fehlt.
Bis zum Überfall Russlands auf die Ukraine erlaubte ich mir, linker Pazifist zu sein. Seit dieser indirekten Kriegserklärung an Europa und die Demokratie, bin ich für militärische Verteidigung, möglichst im Verbund mit EU und (Rest)-NATO. Folge: Es braucht mehr finanzielle Mittel für die Verteidigungsfähigkeit. Und gleichzeitig braucht es für das Funktionieren der Gesellschaft mehr staatliche Mittel für AHV, Gesundheit, Bildung…. Da von den Reichen wenig an zusätzlichen Steuern zu holen ist, bleibt die Mehrwertsteuer als Ausweg! Ruedi Strahm analysiert sachlich, dass die Mehrwertsteuer unter dem Aspekt der Lastenteilung besser ist als ihr Ruf. Und sein Rat, wie die Pakete geschnürt werden könnten, um die verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen, verdient politische Unterstützung.
Mehr Waffen sorgen in der Regel nicht für mehr Frieden.
Russland ist keine direkte Bedrohung Europas, das ist eine falsche Darstellung von Tatsachen.
Sich in einen Verbund der primär Angriffskriege führt (NATO) einzubringen hat nichts mit Neutralität zu tun. Auch nicht mit „flexibler“ Neutralität.
Nein Herr Karch. Politische Unterstützung verdient ein Vorhaben mehr Geld in Waffen zu investieren in keinem Fall.