Afghanistan

Die in Afghanistan eingesetzten Präzisionswaffen waren keineswegs so präzise wie behauptet. Das bekam die Zivilbevölkerung zu spüren. © ArmyAmber

Ein bisschen Hoffnung für Afghanistan

Erich Gysling /  Der Krieg in Afghanistan hatte verheerende Folgen für das Land. Das zeigt ein aktuelles Buch.

Emran Feroz, Mitglied einer aus Afghanistan nach Österreich migrierten Familie, war am 11. September 2001 neun Jahre alt und lebte in Innsbruck, seiner Geburtsstadt. Als er an jenem Tag nach Hause kam und sich auf das damals übliche Zeichentrickprogramm im Fernsehen freute, wurde er enttäuscht: «Meine Eltern starrten gebannt auf das Gerät, während auf allen Sendern ein Sonderprogramm lief», schreibt Feroz in «Der längste Krieg – 20 Jahre War on Terror». Und: «Man sah die einstürzenden Türme in New York und panische Reporter, die live zugeschaltet waren. Meine Eltern machten einen besorgten Eindruck.»

Wer hätte es geahnt?

Ahnten sie, was geschehen würde? Konnte jemand an diesem Tag die Folgen des Horrors von New York und Washington erkennen? Gewiss nicht. Wer hätte erwartet, dass der «nine-eleven» einen zwanzig Jahre dauernden Krieg mit entsetzlichen Gräueln auslösen würde; dass US-Präsident George W. Bush den Terrorakt zwei Jahre später als Anlass für einen Krieg gegen den Irak nehmen würde. Allerdings konnte man bereits am Abend des elften Septembers damit rechnen, dass das Ereignis schwerwiegende Konsequenzen haben würde.

Ich war in Shiraz, im Süden Irans, auf dem dortigen Flughafen und eben dabei, für den Flug nach Isfahan einzuchecken. Tele Züri rief auf mein Mobiltelefon an, wollte meine Meinung hören. Da handle es sich wohl um Palästinenserterror, vermutete der Journalist. Ich war ahnungslos, hatte vom Drama nichts mitbekommen. Also machte ich mich erst telefonisch kundig, was denn überhaupt los sei. Ich vermutete bald, da sei viel eher al-Qaida am Werk gewesen als irgendeine andere Organisation. Das hat sich kurz danach bestätigt.

Nicht klar war mir, wie die Iraner reagieren würden. In der ganzen mittelöstlichen Region ahnte man allerdings: Die USA werden zuschlagen oder zurückschlagen, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wohl gegen eines jener Länder, die ohnehin schon im Visier Washingtons waren. Iran? Irak? Afghanistan? Warum nicht Saudi-Arabien, denn 15 der 19 Attentäter stammten ja aus dem Königreich? Von dort stammte auch Osama bin Laden, der – zu Recht – als geistiger Drahtzieher von al-Qaida benannt wurde. Wenige Tage später wurde in Iran deutlich, dass die USA ein anderes Ziel hatten – aber die Stimmung, auch in Teheran, blieb bedrückt und besorgt. Ein Krieg im benachbarten Afghanistan, das müsste unweigerlich zu einer neuen Flüchtlingswelle in Iran führen, lauteten die Meinungen.

Irrationale Entscheidungen

Rückblickend wirken viele Entscheidungen nach dem 11. September irrational. Ja, gewiss, den in Afghanistan seit damals fünf Jahren herrschenden Taliban konnte vorgeworfen werden, dass sie Bin Laden und dessen Organisation als «Gäste» willkommen geheissen hatten. Aber weshalb nahm die sogenannte internationale Gemeinschaft es einfach so hin, dass die USA über «dem Land am Hindukusch» mit B-52-Maschinen tonnenweise Bomben abwarfen? Mussten da nicht alle im Westen erkennen, dass mit solchen Einsätzen nicht nur Terroristen getroffen würden, sondern vor allem unbeteiligte Menschen irgendwo am Boden?

Die Antwort ist erschreckend einfach: Man wollte es nicht erkennen. Ebenso wenig wie in Westeuropa, wohl auch in den USA, später zur Kenntnis genommen wurde, welch verheerende Wirkung der von Präsident Obama forcierte Drohnenkrieg in Afghanistan hatte. Bis heute grassiert breitflächig die Meinung, die Drohnen-Geschosse würden «zentimetergenau» Terroristen treffen – wie viele Opfer sie wirklich forderten und wohl weiterhin fordern werden, scheint nebensächlich. Es waren mindestens mehrere Tausend.

Deshalb ist das Buch von Emran Feroz so wichtig. Der Autor zeichnet – im Rahmen des Möglichen und aufgrund zahlreicher Recherche-Reisen auch in schwer zugängliche Regionen Afghanistans – nach, wie sich der «Krieg gegen Terror» in Afghanistan auswirkte; und weshalb die Armee jetzt, im Sommer und Frühherbst 2021, keinen Anlass sah, sich gegen die vorrückenden Taliban zur Wehr zu setzen; und warum es in der Bevölkerung mehrheitlich keine Loyalität zu den in Kabul Herrschenden gab.

Auch ehrlich gemeintes Engagement

Die Korruption der «Eliten» im ganzen Land war, seit Ende 2001, gigantisch. Ausländische Gelder in Höhe von mehr als zweitausend Milliarden Dollar sind buchstäblich versickert – wer sich die Mühe machen würde, könnte einige dieser Milliarden beispielsweise in Luxus-Immobilien in den Emiraten am Golf ausfindig machen. Das Engagement der «Elite» zugunsten von Frauen war auch, so geht es aus dem Text von Feroz hervor, eher symbolischer Natur.

Aber, so möchte ich zurückfragen, wie steht es denn mit dem Engagement von westlichen Regierungen und Nichtregierungsorganisationen hinsichtlich der Förderung von Schulbildung für Mädchen, was taten sie für die afghanischen Frauen? Ich schlage nach im Buch, lande beim Kapitel «Die Mär von der Frauenbefreiung», und lese: «Den vermeintlichen Befreiern ging es niemals um Frauenrechte in Afghanistan, sondern lediglich um die eigenen Machtinteressen und die Erhaltung des <War on Terror>, der Millionen von afghanischen Frauen und Mädchen zusätzliches Leid bescherte.»

Ich erlaube mir, von der Ferne aus, hier ein Fragezeichen zu setzen. Bis zum jetzigen Sieg der Taliban konnten – das besagen verschiedene Recherchen – fast 30 Prozent der Frauen und Mädchen in Afghanistan Schulen besuchen, die sie in die Lage versetzten, zu lesen und zu schreiben. Neben dem brutal von den USA und europäischen NATO-Kräften geführten Krieg, gab es nämlich auch ehrlich gemeinte Bemühungen von Regierungen und von NGO, der Bevölkerung des geschundenen Landes zu helfen. Ihre Hilfe mag verblassen ob all dem Leid, das angerichtet wurde – aber ist das die Schuld jener, die sich in diesem Sinne engagierten?

Emran Feroz wagt gegen Ende des Textes eine Prognose: In vielen Bereichen der Gesellschaft Afghanistans habe sich eine neue Lebensweise so weit durchgesetzt, dass die Taliban chancenlos seien beim allfälligen Versuch, das Land in die versteinerte Lage der neunziger Jahre zurück zu zwingen. Also: ganz am Schluss doch noch etwas Hoffnung.

Hoffen wir mit.

Emran Feroz, «Der längste Krieg – 20 Jahre War on Terror», Westend Verlag, 173 Seiten.

  

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

afghanistan

Der Nato-Krieg in Afghanistan

Seit 2001 führt die Nato unter Führung der USA in Afghanistan einen «Krieg gegen den Terror».

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8 Meinungen

  • am 7.09.2021 um 11:39 Uhr
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    Sehr geehrter Autor,

    in jungen Jahren glaubt -und hofft- man auf «das Gute». Irgendwann lernt man, dass die Voraussetzungen «regieren zu dürfen» relativ wenig mit dem «positivem Charakter» der jeweiligen «Persönlichkeiten» zu tun haben- aber dafür relativ viel mit

    1. deren Durch-setzungs-vermögen, Cleverness und Rücksichts-Losigkeit
    an 2. Stelle deren Fähigkeiten, «sich selbst bestens zu verkaufen»
    3. deren Intelligenz und Kreativität –
    deren Charakter oft erst an 4. Stelle

    Es ist daher NICHT der Normalfall,
    sondern ein richtiger «Glücks»-Fall.

    wenn ein Volk eine Regierung hat,
    die sowohl technisch gut als auch charakterlich
    » erfreulich » arbeitet und regiert.

    Leider !

    Wolfgang Gerlach
    scheinbar.org

    1
    • am 8.09.2021 um 06:18 Uhr
      Permalink

      Herr Gerlach, da kann ich Sie leider nur bestätigen: Wie wahr!

      0
  • am 7.09.2021 um 11:45 Uhr
    Permalink

    ‹Ihre Hilfe mag verblassen ob all dem Leid, das angerichtet wurde – aber ist das die Schuld jener, die sich in diesem Sinne engagierten?›
    Ja, es ist deren Schuld. Man kann auf dem Rücken von Aggressoren nichts Gutes tun. Jeder der sich ab 979 in Afghanistan egal wofür engagierte hat dem Volk Afghanistans geschadet. Man kann einer anderen Kultur nur nutzen, wenn man sie schweigend anschaut und nicht versucht, Einfluss zu nehmen, egal wofür.
    Auch Hilfe ist Kolonialismus, nur Nichteinmischung ist gut getan.

    0
  • am 7.09.2021 um 13:31 Uhr
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    Lieber Herr Gysling, Ihre präzisen und klugen Analysen beeindrucken mich immer. Zu den von Ihnen beschriebenen Folgen des Krieges der Westmächte in Afghanistan gibt es nichts hinzuzufügen.
    Davon ist in der Mainstreampresse leider nichts zu lesen. Sie füllen hier eine grosse Lücke.

    Eines aber kann ich leider nicht gelten lassen: Der Einsturz der Zwillingstürme in New York und der Aufprall eines angeblichen Passagierflugzeugs ins Pentagon können aus physikalischen Gründen unmöglich von Osama bin Laden von Afghanistan aus orchestriert und von 19 angeblichen Hijackern ausgeführt worden sein. Ich habe den offiziellen 9/11 Report gelesen sowie viele ausführliche Bücher von Fachleuten, die jede Menge Widersprüche aufzeigen. Der erwähnte Report ist für jeden, der auch nur eine leise Ahnung von wissenschaftlicher Recherche, Sachverstand und kritischer Darstellung hat, ein blanker Hohn. Ich weiss: Wer die offizielle Darstellung in Zweifel zieht, wird sofort als «Verschwörungstheoretiker» fertiggemacht. Dabei widerspricht nur schon die Dynamik des senkrechten Einsturzes der Zwillingstürme im freien Fall! (S. 305 im Report heisst es ausdrücklich vom Südturm, er sei «in 10 Sekunden» eingestürzt – nach dem Fallgesetz erreicht ein Stein aus 400m Höhe den Boden in 9.1 Sekunden!) allgemein bekannter Physik. Die ganze internationale Presse hat hier die offensichtlichsten Widersprüche ganz einfach negiert und jegliche kritische Recherche verweigert und damit gegen ihren Auftrag verstossen.

    2
  • am 7.09.2021 um 14:51 Uhr
    Permalink

    Sicher konnte am 11. September vor 20 Jahren keiner die Folgen erkennen, aber bereits in den ersten Stunden des monströsen Attentat wunderte man sich über den Totalausfall der US-Abwehr und der Dienste und es gab Stimmen, die öffentlich zweifelten, ob hinter dem Rücken der Dienste ein solches Attentat von außen überhaupt denkbar ist. Dass die Reaktion schrecklich werden würde, musste jedem klar sein. In New York gab es umgehend die Bewegung „not in our name“, die an die Bergpredigt erinnerte und das Verbrechen nicht mit weiteren, schlimmeren Verbrechen vergolten wissen wollte. Auch in meinem Gymnasium gab es neben Trauer und Kerzen Plakate, die zur Besonnenheit aufriefen. Dass Afghanistan wegen des unterstellten Aufenthalts von Bin Laden angegriffen wurde, war von Anfang an so inakzeptabel wie der 2 Jahre zuvor als „humanitäre Intervention“ bezeichnete Angriffskrieg gegen Jugoslawien, der kurzerhand aus dem „Defensivbündnis“ NATO ein Interventionsbündnis machte. Am Anfang machte man sich noch lustig darüber, dass vor den Höhlen, in denen Bin Laden vermutet wurde, ein Schild „Bin Weg“ stünde, dass hier aber ein über dreimal so langer Krieg wie der 2. Weltkrieg stattfinden würde, ahnte niemand. Ob die UNO-Resolution 1333 zur Stabilisierung Afghanistans einen von ihr organisierten „Friedenseinsatz“ umfasst, im Unterschied zu Jugoslawien, wo sie einfach übergangen wurde, wurde in 20 Jahren genauso wenig geklärt wie die Tatsache, dass es hier um Krieg nicht um Frieden ging.

    1
    • am 8.09.2021 um 07:31 Uhr
      Permalink

      Liebe Frau Küster-Sartori,

      Ganz grossen Respekt – und herzlichen Dank
      für diesen Beitrag Ihrer-seits !

      Wolfgang Gerlach

      0
  • am 8.09.2021 um 06:37 Uhr
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    Sehr geehrte Frau Küster-Sartori. Auch ich verfolge diesen schrecklichen Krieg in jenem fernen Land sehr interessiert und könnte jeden Ihrer Sätze unterstreichen. Es ist ein Jammer, dass nicht solche Menschen wie Sie und Herr Sachs in den Mainstream-Medien zu Wort kommen, anstatt Murdoch und seine gut bezahlten Verschleierer. Aber eben, die immer noch mächtigste Weltmacht und seine Geheimdienste haben seit 20 Jahren verhindert und werden es auch Zukunft «todsicher» fertigbringen, die Wahrheit zu unterdrücken und durch ihre Fake-News zu verdrehen. Man sollte diesen Krieg nicht «Krieg gegen den Terror» nennen, sondern der längste Krieg der mächtigsten Terroristen.

    1
  • am 8.09.2021 um 12:05 Uhr
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    Wer hätte erwartet, dass der «nine-eleven» einen zwanzig Jahre dauernden Krieg mit entsetzlichen Gräueln auslösen würde

    Erstaunliche Verkürzung der Geschichte, denn Afghanistan ist seit 40 Jahren im Krieg. 1978 stürzte eine von der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA) geführte Befreiungsbewegung die Diktatur von Mohammad Daud, dem Vetter des Königs Sahir Shar. Es war eine ungeheuer populäre Revolution, die die Briten und die Amerikaner überraschte. ….. Für Frauen waren die Verbesserungen ohnegleichen, Ende der 1980er war die Hälfte der Studenten an den Universitäten Frauen, und Frauen stellten 40 Prozent der afghanischen Ärzte, 70 Prozent der Lehrer und 30 Prozent der öffentlichen Angestellten. …. Das alles hat dem Westen aber offensichtlich nicht gefallen, ansonsten dieser wohl nicht «ein paar aufgewühlte Moslems» erschaffen hätte, um eine linke Regierung zu stürzen und deren Unterstützer die Sowjetunion zu schwächen. …………….. https://de.rt.com/meinung/123139-john-pilger-das-grosse-spiel-laender-zu-zerschlagen/

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