Kommentar
Die Saat des Krieges
Red. – Andreas Missbach ist Geschäftsleiter von Alliance Sud, dem Kompetenzzentrum für internationale Zusammenarbeit und Entwicklungspolitik. Sein Kommentar ist auf der Webseite von «Alliance Sud» erschienen.
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Seit der Invasion Russlands in die Ukraine wissen auch wir Nicht-Agronom:innen, dass Erdgas der wichtigste Rohstoff für die Herstellung von Stickstoffdünger ist. Und dass Kriege in einer Ecke der Erde dramatische Auswirkungen in anderen Weltgegenden haben können. So stiegen 2022 etwa die Düngerpreise in einigen Ländern Afrikas um bis zu 50 Prozent.
Dies wiederholt sich gerade vor unseren Augen. Gleich nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran und dem Gegenangriff auf die Golfstaaten stieg mit dem Öl- auch der Gaspreis. Seither oszillieren die Preise nach oben und dies dürfte so bleiben, solange die Strasse von Hormuz blockiert ist. Am meisten abhängig von Erdgas aus der Golfregion ist Asien. Bereits in der ersten Kriegswoche meldeten Düngerfabriken in Indien und Pakistan, dass sie ihre Produktion zurückfahren müssen.
Mitte März waren die Preise fossiler Brennstoffe noch nicht so hoch wie zu Beginn des Ukrainekriegs, aber für die Landwirtschaft sind die Aussichten dennoch düster. Damals gingen nämlich die Düngerexporte Russlands weiter, sie waren von den Sanktionen bewusst ausgenommen. Die Auswirkungen auf die Düngerversorgung der Landwirtschaft ergaben sich also «nur» über den Erdgaspreis. Das ist diesmal anders.
Golfregion wichtiger Düngermittelexporteur
Die Golfregion – vor allem Katar – exportiert nämlich nicht nur Flüssiggas, sondern verarbeitet auch einen Teil ihres Erdgases weiter zu Harnstoff, dem am häufigsten verwendeten Stickstoffdünger. Etwa 35 Prozent der weltweiten Harnstoffexporte müssen auch durch die Strasse von Hormuz. Über diese Route werden zudem 45 Prozent der weltweiten Schwefelexporte abgewickelt, eines wichtigen Bestandteils für die Herstellung von Phosphatdüngern, sowie erhebliche Mengen an Ammoniak, einem anderen Ausgangsprodukt für Stickstoffdünger.
Der Krieg kommt für die Landwirtschaft zum dümmstmöglichen Zeitpunkt – einmal abgesehen davon, dass es für Krieg so selten einen geeigneten Zeitpunkt gibt, wie es «gerechte» Kriege gibt. Auf der Nordhalbkugel steht die Aussaat an; und wenn Bäuer:innen sich in dieser Zeit keinen oder weniger Dünger leisten können, so lässt sich das später nicht mehr aufholen. Die Umstellung auf agrarökologische Methoden – was die Abhängigkeit ebenso reduzieren könnte wie die Umstellung auf Solar- und Windenergie in Europa – kann nicht in so kurzer Zeit geschehen. Die Folgen werden sich in der Erntesaison zeigen. Kommt hinzu, dass auch die Preissteigerung beim Öl die Produktions- und Transportkosten landwirtschaftlicher Produkte und damit die Preise für Lebensmittel nach oben treiben.
Wie lange der Krieg so weitergeführt wird, dass die Erdgas- und Düngerexporte ausfallen, weiss niemand. Wer ausserhalb des Irans am meisten darunter leiden wird, ist hingegen glasklar: Es werden einmal mehr die ärmsten Menschen im Globalen Süden sein. «Jede Waffe, die hergestellt wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel läuft, jede Rakete, die abgefeuert wird, bedeutet letztlich einen Raub an denen, die hungern und nichts zu essen bekommen, an denen, die frieren und keine Kleidung haben.» Wer sagte das schon 1953? Ex-General und US-Präsident Eisenhower.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Andreas Missbach ist Geschäftsleiter von «Alliance Sud», dem Kompetenzzentrum für internationale Zusammenarbeit und Entwicklungspolitik.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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