Kommentar

Die Saat des Krieges

Andreas Missbach © Daniel Rihs

Andreas Missbach /  Der Iran-Krieg gefährdet die weltweite Düngerversorgung. Einmal mehr trifft ein Krieg die ärmsten Menschen im Globalen Süden stark.

Red.Andreas Missbach ist Geschäftsleiter von Alliance Sud, dem Kompetenzzentrum für internationale Zusammenarbeit und Entwicklungspolitik. Sein Kommentar ist auf der Webseite von «Alliance Sud» erschienen.

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Seit der Invasion Russlands in die Ukraine wissen auch wir Nicht-Agronom:innen, dass Erdgas der wichtigste Rohstoff für die Herstellung von Stickstoffdünger ist. Und dass Kriege in einer Ecke der Erde dramatische Auswirkungen in anderen Weltgegenden haben können. So stiegen 2022 etwa die Düngerpreise in einigen Ländern Afrikas um bis zu 50 Prozent.

Dies wiederholt sich gerade vor unseren Augen. Gleich nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran und dem Gegenangriff auf die Golfstaaten stieg mit dem Öl- auch der Gaspreis. Seither oszillieren die Preise nach oben und dies dürfte so bleiben, solange die Strasse von Hormuz blockiert ist. Am meisten abhängig von Erdgas aus der Golfregion ist Asien. Bereits in der ersten Kriegswoche meldeten Düngerfabriken in Indien und Pakistan, dass sie ihre Produktion zurückfahren müssen.

Mitte März waren die Preise fossiler Brennstoffe noch nicht so hoch wie zu Beginn des Ukrainekriegs, aber für die Landwirtschaft sind die Aussichten dennoch düster. Damals gingen nämlich die Düngerexporte Russlands weiter, sie waren von den Sanktionen bewusst ausgenommen. Die Auswirkungen auf die Düngerversorgung der Landwirtschaft ergaben sich also «nur» über den Erdgaspreis. Das ist diesmal anders.

Golfregion wichtiger Düngermittelexporteur

Die Golfregion – vor allem Katar – exportiert nämlich nicht nur Flüssiggas, sondern verarbeitet auch einen Teil ihres Erdgases weiter zu Harnstoff, dem am häufigsten verwendeten Stickstoffdünger. Etwa 35 Prozent der weltweiten Harnstoffexporte müssen auch durch die Strasse von Hormuz. Über diese Route werden zudem 45 Prozent der weltweiten Schwefelexporte abgewickelt, eines wichtigen Bestandteils für die Herstellung von Phosphatdüngern, sowie erhebliche Mengen an Ammoniak, einem anderen Ausgangsprodukt für Stickstoffdünger.

Der Krieg kommt für die Landwirtschaft zum dümmstmöglichen Zeitpunkt – einmal abgesehen davon, dass es für Krieg so selten einen geeigneten Zeitpunkt gibt, wie es «gerechte» Kriege gibt. Auf der Nordhalbkugel steht die Aussaat an; und wenn Bäuer:innen sich in dieser Zeit keinen oder weniger Dünger leisten können, so lässt sich das später nicht mehr aufholen. Die Umstellung auf agrarökologische Methoden – was die Abhängigkeit ebenso reduzieren könnte wie die Umstellung auf Solar- und Windenergie in Europa –   kann nicht in so kurzer Zeit geschehen. Die Folgen werden sich in der Erntesaison zeigen. Kommt hinzu, dass auch die Preissteigerung beim Öl die Produktions- und Transportkosten landwirtschaftlicher Produkte und damit die Preise für Lebensmittel nach oben treiben. 

Wie lange der Krieg so weitergeführt wird, dass die Erdgas- und Düngerexporte ausfallen, weiss niemand. Wer ausserhalb des Irans am meisten darunter leiden wird, ist hingegen glasklar: Es werden einmal mehr die ärmsten Menschen im Globalen Süden sein. «Jede Waffe, die hergestellt wird, jedes Kriegsschiff, das vom Stapel läuft, jede Rakete, die abgefeuert wird, bedeutet letztlich einen Raub an denen, die hungern und nichts zu essen bekommen, an denen, die frieren und keine Kleidung haben.» Wer sagte das schon 1953? Ex-General und US-Präsident Eisenhower.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Andreas Missbach ist Geschäftsleiter von «Alliance Sud», dem Kompetenzzentrum für internationale Zusammenarbeit und Entwicklungspolitik.
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5 Meinungen

  • am 23.03.2026 um 19:58 Uhr
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    Dass die fossilen Energieträger problematisch sein können, wissen wir alle seit der ersten Erdölkrise. Solarenergie, elektrische Verkehrsmittel, ökologische Düngung, alles schon lange da nur waren wir zu bequem es anzugehen. Jetzt ist ein GAU eingetroffen (zum Glück noch kein nukrearer) und alles schreit oder fordert Sofortmassnahmen.
    Die Anwendung von Dünger ist nicht nur Segen, sondern hat diverse Schattenseiten. Umdenken wäre ohnehin angezeigt. Die aktuelle Situation könnte auch als Starthilfe gesehen werden.

  • am 24.03.2026 um 08:47 Uhr
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    Ja, wahrscheinlich werden die Menschen im globalen Süden am meisten leiden. Gemäss Vandana Shiva wird die Lebensmittelproduktion sehr stark erschwert, dass Bauern/Bäuerinnen (vor allem in Indien) überteuertes Saatgut von grossen Agronomiekonzernen kaufen müssen, da sich das eigene Saatgut nicht mehr vermehren lässt. Beispielsweise ist über 90% vom Saatgut von Baumwolle gentechnisch verändert, mit der Folge, dass das eigene Saatgut nicht mehr produktiv ist und die Bauern/Bäuerinnen gezwungen sind, überteuertes Saatgut von Agronomiemultis zu kaufen. Dieses Saatgut wiederum braucht Dünger, welcher wie schon im oben erwähnt, sehr viele Schattenseiten hat. Mit den Worten von Vandana Shiva: «When you control seed, you control life on earch». Und gleich nochmals ein Buchtipp von ihr: «Wer ernährt die Welt wirklich?».
    Übrigens: auch während des Lockdowns während der Pandemie haben die TagelöhnerInnen im globalen Süden wahrscheinlich am meisten gelitten, da sie nicht arbeiten durften….

  • am 24.03.2026 um 22:19 Uhr
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    Die Düngemittel für die kommende Aussaatperiode sind längst gekauft bzw. eingelagert. Das wird ja nicht on-demand produziert und dann mit dem Flieger geliefert, sondern in Riesenmengen viele Wochen per Schiff transportiert. Es gibt also noch einen Rücklauf über die Düngerfracht, die gerade in hunderten Superfrachtern auf den Weltmeeren unterwegs ist. Die in Zukunft höheren Kosten werden einfach auf das Endprodukt draufgeschlagen und kommen in Form von Teuerung beim Endverbraucher an. Genauso wie die gestiegenen Treibstoffkosten; die zahlt auch der Endverbraucher. Es ist damit zu rechnen, dass Russland seine ungestörte Ammoniak-Produktion hochfährt. Erdgas ist mehr als genug vorhanden und bringt verarbeitet natürlich noch mehr ein. Auch wird Russland nach der letztjährigen Superernte wieder viele Nahrungsmittel exportieren können; es gibt beim Iran-Konflikt also einen unbeabsichtigten Gewinner, der in Asien und Afrika gern gesehen wird.

    • am 25.03.2026 um 11:35 Uhr
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      Die Auswirkungen der Öl- und Gasblockade im Persischen Golf auf die weltweite Versorgung mit Kunstdünger bringt derjenigen Landwirtschaft Probleme, welche auf maximalen Mengenertrag durch hohen Input an nicht erneuerbaren Hilfsstoffen setzt. Das wird unbestrittenermassen Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung haben. Allerdings ist die Verknappung und Verteuerung von fossilen Ausgangsprodukten der wirksamste Antrieb in der Landwirtschaft (wie in der übrigen Wirtschaft) auf nachhaltigere Produktion und Kreislaufwirtschaft umzustellen. Es ist schmerzhafter, in Notlagen innerhalb kurzer Zeit umstellen zu müssen, als dies in einem vorsorglichen Prozess auf Jahrzehnte verteilt tun zu können. Eine Einsicht, mit welcher sich die Menschheit einfach schwer tut!

      • am 26.03.2026 um 10:01 Uhr
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        Die VR Kuba musste ab 1990 die Landwirtschaft komplett auf Öko umstellen: es gab kein Öl, keinen Kunstdünger, keinen Traktordiesel mehr. Aus Havannas Hafenbecken wurde sogar der Ölfilm abgesaugt und wiederverwendet. Das bedeutete: mehr manuelle Arbeit, damit mehr bäuerliche Arbeitskräfte, viel weniger Ertrag, Rückkehr zu organischem Dünger, Rückgang der Tierhaltung, weil Nahrungsmittel wichtiger als Futtermittel sind. Das ist alles machbar, nur müssen die Konsequenzen jedem klar sein. In Sanktionsländern wie dem Iran und Nordkorea wird übrigens so gewirtschaftet. Heutzutage will bei uns doch niemand mehr in der Landwirtschaft arbeiten; die meisten Betriebe sind vollmechanisiert, da macht einer mit dem Traktor und den Maschinen die Arbeit von 40 Leuten.

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