Das Märchen von der Arbeit, die sich nicht lohnt
Infosperber hat sich Ende Januar in diesem Kommentar klar für die Individualbesteuerung ausgesprochen. Was Infosperber nun aber trotzdem kritisiert: die unsaubere Kampagne der Befürworter der Individualbesteuerung. Sie erzählen viel Unsinn.
Ein paar Beispiele:
- Reporter Philipp Loser schrieb Ende Januar in den Tamedia-Zeitungen (Bezahlschranke): «Dabei ist es erwiesen, dass viele Frauen genau wegen dieser Heiratsstrafe nicht am Erwerbsleben teilnehmen (auch nicht niederprozentig), weil es sich nicht lohnt, zu arbeiten. Der zusätzliche Lohn wird von der Steuer aufgefressen.»
- Die SP schreibt auf ihrer Website: «Viele Frauen würden ihr Pensum gerne erhöhen – doch oft lohnt es sich heute wegen der ‹Heiratsstrafe› schlicht nicht.»
- Und in leichter Sprache noch deutlicher: «Ungefähr 7 von 10 Frauen möchten mehr arbeiten. Das lohnt sich wegen den Steuern nicht.» (Anmerkung der Redaktion: Gemeint sind 7 von 100 Frauen.)
- Das Komitee «Ja zur Individualbesteuerung» behauptet: 7,5 Prozent der Frauen «würden gerne ihre Pensen erhöhen, können diesen berechtigten Wunsch aber nicht erfüllen – vielfach, weil es sich nicht lohnt oder nicht vereinbar ist».
- Das Gleiche schreiben die Grünen des Kantons Bern.
- Die FDP des Kantons Zürich – am anderen Ende des politischen Spektrums angesiedelt – ebenfalls.
- Die grünliberale Nationalrätin Kathrin Bertschy sagte im Parlament schon 2019: «Es sind meistens die Frauen, verheiratete Mütter, die den Erwerb aufgeben, trotz guten Ausbildungen – weil es sich nicht lohnt.»
Arbeit, die sich nicht lohnen soll? Steuern, die den ganzen zusätzlichen Lohn auffressen?
Infosperber fragte bei den erwähnten Journalisten, Politikern, Parteien und Komitees nach:
«Können Sie uns dafür ein Zahlenbeispiel nennen?»
Niemand konnte.
Denn damit sich Arbeit nicht lohnen würde, müsste der Grenzsteuersatz 100 Prozent betragen. Das heisst: Jeder zusätzlich verdiente Franken müsste zu einem Satz von 100 Prozent besteuert werden. Aber ein solcher Grenzsteuersatz existiert in der Schweiz nicht.
Die SP-Mediensprecher Nicolas Haesler räumt gegenüber Infosperber denn auch ein: «Arbeit lohnt sich im rein steuertechnischen Sinn tatsächlich praktisch immer, weil der Grenzsteuersatz in der Schweiz nicht 100 Prozent beträgt.»
Dafür nannten die SP und auch die anderen Befragten gegenüber Infosperber plötzlich ganz andere Argumente: zusätzliche Kosten für den Arbeitsweg und für die Kinderbetreuung. Doch darum geht es am 8. März nicht. Am 8. März stimmen wir nicht über die Kinderbetreuung ab, nicht über deren Kosten und auch nicht über deren Subventionierung, sondern nur über die Individualbesteuerung.
Und überhaupt: Die Kinderbetreuung muss auch nicht zwingend einer Kinder-Tagesstätte übertragen werden. Häufig können sich auch Grosseltern um die Enkel kümmern. Oder Eltern tun sich zusammen und hüten die Kinder gegenseitig. Es muss nicht immer eine professionelle Lösung sein.
Das bereits erwähnte Komitee «Ja zur Individualbesteuerung» hat auf seiner Website auch die Stimmen zahlreicher Prominenter aufgeschaltet. Eine ganze Reihe von ihnen behauptet, dass sich zusätzliche Arbeit für Verheiratete heute nicht lohne. Offenbar verstehen sie unser Steuersystem nicht. Oder sie wollen es nicht verstehen.
Vom zusätzlichen Lohn bleibt immer etwas übrig
Wenn es stimmen würde, dass sich zusätzliche Arbeit wegen der zusätzlichen Steuern nicht lohnt, dann müssten Angestellte eigentlich auf jede Beförderung und jede Lohnerhöhung verzichten. Ja, sogar den Teuerungsausgleich müssten sie ablehnen. Tut aber niemand.
Denn der zusätzliche Lohn wird nie vollständig von den zusätzlichen Steuern aufgefressen. Auch nicht bei sehr hohen Einkommen.

Die Finanzministerin versteht das Steuersystem nicht ganz
In einem Interview in den Tamedia-Zeitungen sagte Bundesrätin Karin Keller-Sutter (FDP): «Heute wird das Zweiteinkommen – meistens jenes der Ehefrau – steuerlich bestraft. Mit der Individualbesteuerung wird das korrigiert. Damit stärken wir die Unabhängigkeit der Frauen.»
Das ist falsch: Das Zweiteinkommen wird nicht separat besteuert. Die beiden Einkommen werden zusammengezählt und gemeinsam besteuert. Wenn also das gemeinsame Einkommen steigt, dann steigen auch die gemeinsamen Steuern.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









Ich kenne mich im Schweizer Sreuerrecht nicht aus – aber ich möchte eine allgemeine Anmerkung machen in Analogie zu mathematischen Schlußfolgerungen : man kann sehr logische Operationen ausführen und dennoch kommt am Ende Unsinn heraus, weil Operatoren nicht EINDEUTIG definiert sind. Ähnliches scheint mir im Artikel passiert zu sein und zwar hinsichtlich des Begriffes «lohnend» . Was bedeutet der ? Ich sehe ihn als das Verhältnis OUTPUT/INPUT an und verlange 1. das in beide Parameter ALLE wertigen Größen eingehen und bei OUTPUT ist das nicht nur der geldliche Lohn; aber lassen wir dem mal den Vortritt, dann muß man einen Betrag G festsetzen. ABER : im INPUT muß ALLES – in der richtigen Einheit [Euro] – eingehen, was für die Erzielung von G aufgewendet werden muß . Dies als erfüllt vorausgesetzt(!) kommt dann G heraus. ABER : nicht jedes G wird psychologisch als «lohnend» empfunden : für G= 1 [Euro/Monat] – z.B. – setzt kein Mensch einen Fuß vor den anderen. obwohl ein NETTO-GEWINN.
Diese Diskussion geht an der Hauptsache vorbei: Die Individualbesteuerung bricht die Progression und ist grundsätzlich ein Vorteil bei hohen Einkommen. Dies führt zu Steuerausfällen und entweder wird mehr gespart oder die Steuern für alle erhöht. Das heisst tiefe Einkommen haben dreimal verloren: Es bringt ihnen keinen Steuervorteil, aber doppelte Ausfüllarbeit. Es wird (weil weniger Steuereinnahmen des Staates) in der Regel beim Sozialen zuerst gespart oder die Steuern werden für alle erhöht und damit haben tiefe Einkommen noch eine zusätzliche Belastung. Für den Steuereintreiber hat sich der Aufwand auch fast verdoppelt und er nimmt weniger ein.
100% einverstanden. Einmal mehr eine Vorlage, welche Steuererleichterungen für die Reichen bringt. Und Mindereinnahem für die öffentliche Hand. Déjà vu.
Vielleicht – wenn die Zuwanderung in Anerkennung der Realität in Zukunft reguliert wird – könnte der Schweiz auffallen, dass sinkende Geburtenzahlen auch mit den gesetzten staatlichen «Belohnungen» z.B. im Steuerrecht zu tun haben. Statt starke Signale zu setzen, um diesem Trend entgegenzuwirken, verschärfen wir dieses Problem mit der Individualsteuer. In Frankreich schreibt Präsident Macron gleichzeitig einen Brief an die 29-jährigen, sie sollten sich mit der Familienplanung befassen. Die CH-Paare können sich kein Haus mehr leisten und müssen aber beide arbeiten gehen, damit sie mit dem Zusatzverdienst die Kita bezahlen können.
In der Wirkung wird die Individualsteuer zu weniger Familiengründungen führen. Bereits heute wird die Familie und das Aufziehen von Kindern vom Schweizerischen Staat zu wenig (Steuerliche Abzüge, AHV, etc.) wertgeschätzt. Dies widerspricht der Bundesverfassung Art. 41.: «Familien als Gemeinschaften von Erwachsenen und Kindern werden geschützt und gefördert»!
Mir gefällt das Wort Heiratsstrafe nicht.
Die Menschen heiraten wegen der Zusammengehörigkeit, dass man nicht alles immer alleine stemmen muss, wegen sozialer Sicherheit für Alte und Kinder etc.
Man bezahlt nicht nur etwas höhere Steuern, man bekommt dafür auch einiges geboten. Wenn die Kinder klein sind, profitiert man von den höheren Steuern der Anderen. Im Alter bezahlt man dann halt mehr, z.B. höhere Radio und TV-Gebühren und vieles mehr.. Immer ganz gerechte Lösungen gibt es nie.
Es gibt immer Situationen in denen man mehr oder auch weniger bezahlt.
Warum muss man das immer gegen einander aufrechnen?
Ich halte den Mehraufwand für 2 Steuererklärungen für einen Blödsinn.
Die Treuhändler sind die welche sich darüber freuen werden.
Ich mach folgende Model Rechnung mit dem «Ja-zur-individualbesteuerung.ch-Steuerrechner»:
Ehepaar er 100000 sie 30000, keine Kinder. Mit der Individualbesteuerung würden Sie 49 CHF mehr direkte Bundessteuern bezahlen. Die Steuerbelastung des Zweiteinkommens würde sich von etwa 1.2% auf etwa 0.0% ändern.
Mit 2 Kindern: Mit der Individualbesteuerung würden Sie 261 CHF mehr direkte Bundessteuern bezahlen. Krank! Mit Kindern zahlen wir mehr Steuern!
Fakten geändert: er 65000, sie 65000, keine Kinder. Mit der Individualbesteuerung würden Sie 685 CHF weniger direkte Bundessteuern bezahlen. Die Steuerbelastung des Zweiteinkommens würde sich von etwa 1.9% auf etwa 0.6% ändern.
Mit 2 Kindern: Mit der Individualbesteuerung würden Sie 346 CHF weniger direkte Bundessteuern bezahlen. Die Steuerbelastung des Zweiteinkommens würde sich von etwa 0.5% auf etwa 0.0% ändern. Komisch oder? Mit Kinder zahle ich mehr!
Nein zu diesem Flickwerk.
Nach Konsultation des Steuerrechners des Ja-Kommitees ist uns aufgefallen, dass nur von den Veränderungen der Bundessteuern die Rede ist. Jedoch ist es durch die Steuerharmonisierung so, dass die Kantone «ihr» System für die Steuerberechnung aufgeben und an die Individualbesteuerung anpassen *müssen*.
Ich frage daher für einen Freund 😉 :
1. Könnte es sein, dass diese «nur» 14% (gem. Steuerrechner), die angeblich bei der Bundessteuer mehr bezahlen müssen (wir gehören als Einverdiener-Paar natürlich dazu) auch bei der im Vergleich frankenmässig viel höheren Kantons- und Gemeindesteuer zusätzlich zur Kasse gebeten?
2. Bleiben es 14% oder werden es «plötzlich» (weil man im Abstimmungstaumel das ausgeblendet hat) viel mehr, wenn man die Kantons- und Gemeindesteuer mit berücksichtigt?
Weiss hier der Infosperber Genaueres?
Aus unserer Sicht muss diese Vorlage durch die Unklarheit der Konsequenzen bei der viel stärker belastenden Kantons- und Gemeindesteuer abgelehnt werden!
Das kann niemand genau sagen. Zwar müssen bei einem Ja auch die Kantone die Individualbesteuerung einführen. Aber wie das geschieht – mit welchem Steuertarif und mit welchen Abzügen –, das entscheidet jeder Kanton selber.
Es ist wie mit so vielen Initiativen und Gesetzesvorlagen: man stimmt über etwas ab, aber keiner weiss genau, was die Konsequenzen bei einer allfälligen Annahme sein werden. Die Zukunft wird es zeigen.
Ich habe unsere Familiensituation auf dem Steuerrechner des Ja-Komitees durchgespielt.
Wir sind ein verheiratetes Paar, zwei Kinder im Schul-, resp. Ausbildungsalter. Ein Elternteil widmet sich zu 100% der Betreuung des Haushalts und der Ausbildung der Kinder, der zweite Elternteil bringt die Brötchen heim. Oldschool-Bünzli-Familienmodell. Gemäss dem tollen Rechner, würde wir künftig 969.- mehr an Steuern bezahlen. TOLL!! Möglichkeit um die Mehrsteuern zu verhindern: der Elternteil der sich aktuell «nur» den Kindern und dem Haushalt widmet, geht arbeiten. Während dieser Zeit die Kinder in die Kita zur Fremdbetreuung bringen. So viel zum Thema «Heiratsstrafe»
Wir gehören damit zu den 14% die «leicht mehr belastet» werden. Knapp 1000.- aufs Jahr ist für uns leider nicht «leicht mehr»!!
Wir wollen noch mehr arbeiten um unsere Kinder noch mehr fremdbetreuen zu lassen?
Vielleicht sollten wir damit anfangen, dass ich in einem 80/70% Teilzeit Haushalt der versucht auch seinen Teil beizutragen nicht überall komisch angeschaut werde. Dass viele hinterfragen wieso ich fauler Hund mir ein Teilzeitpensum gönne. Und mir dabei noch anmasse weniger Sozialbeiträge zu entrichten. Um ein Zitat von Sarah Wagenknecht zu verwenden: „Habt ihr denn alle …?“