SocialMedia

Dank den digitalen Techniken ist es schwieriger geworden, Meinungen zu unterdrücken. © Miguel Ugalde (Free Images)

Keine Angst vor sozialen Netzwerken

Rainer Stadler /  Pessimisten bezeichnen Facebook und Co. als Reiche der Finsternis. Doch sie bescherten uns mehr Vielfalt und Freiheit.

Josef Joffe, Herausgeber der «Zeit», hat dieser Tage in der «NZZ» einen verwirrenden Artikel über die sozialen Netzwerke geschrieben. Das wäre kein Grund für eine Nachricht. Doch in seinem Text formuliert er Gedanken, welche manche Journalisten ventilieren, wenn sie sich mit den neuen Medienverhältnissen befassen. Es sind Reflexionen einer von Abstiegsängsten geprägten Branche, welche die Kontrolle über die Kommunikationswelt verloren hat und welche gleichzeitig mit schweren Finanzierungsproblemen konfrontiert ist. Entsprechend gereizt reagieren Medienvertreter auf die Aufsteiger aus dem Technologiesektor.

Ähnlichkeiten mit dem Verhalten der vielgescholtenen Wutbürger sind zuweilen erkennbar. So malen die Kritiker aus den Massenmedien die sozialen Netzwerke gerne als Bösewichte, welche vor allem den Hass fördern und sich als Zensoren und Gedankenkontrolleure gebärden würden. «Sie alle unterdrücken Missliebiges mit wachsendem Eifer», notiert etwa Joffe.

Zwei Fraktionen unter den Kritikern

Unter den Kritikern sind zwei Fraktionen auszumachen. Die einen wollen die sozialen Netzwerke bändigen und sie mit den Massenmedien gleichstellen. Das hiesse: Facebook und Co. müssten ebenfalls die Verantwortung für die Beiträge tragen, die auf ihren Plattformen erscheinen. Gemäss der amerikanischen Gesetzgebung sind sie davon ausgenommen. Das andere Lager der Kritiker hält es nicht für akzeptabel, dass die Netzwerke als Richter bzw. als parastaatliche Akteure auftreten, die darüber entscheiden, welche Meinungen und Informationen zugelassen werden.
Beide Fraktionen übersehen wichtige Punkte.

Nehmen wir an, die sozialen Netzwerke und die Massenmedien würden hinsichtlich der redaktionellen Verantwortung gleichgestellt: Das wäre höchst heikel. Facebook und Twitter gerieten dann in eine Doppelrolle. In erster Linie sind sie Metamedien, welche auf ihren Plattformen eine beliebig grosse Zahl von Anbietern versammeln und dabei möglichst unparteiisch allen einen Zugang gewähren. Wenn sie gleichzeitig eine mediale Funktion einnähmen, müssten sie – so die Hoffnung der Kritiker – viel strenger gegen digitale Randalierer und Falschmünzer vorgehen.

Eingriffe gegen Massenmedien

Entsprechende Massnahmen würden den Netzwerken zwar weitherum Sympathien eintragen. Die Konsequenz wäre allerdings, dass die Selektion der Beiträge deutlich verschärft würde. Um rechtliche Schwierigkeiten zu vermeiden, würden die Plattformen die Zügel lieber zu stark als zu schwach anziehen – zulasten der Meinungsfreiheit. Auch die Massenmedien müssten damit rechnen, dem strengeren Regime unterworfen zu werden. Wenn beispielsweise eine Zeitung eine brisante Publikation verbreiten will, die möglicherweise persönlichkeitsverletzend ist, wäre es für ein Netzwerk naheliegend, zur Vermeidung von allfälligen rechtlichen Folgen den Beitrag zu löschen. Ein Aufschrei wäre garantiert.

Aufgeschrien haben jetzt schon einige. Etwa im Oktober, als die «New York Post» mitten in der heissen Phase des US-Wahlkampfs in einem Artikel die Rolle von Joe Bidens Sohn in der Ukraine skandalisierte. Twitter griff damals erstmals gegen ein Informationsmedium ein, weil das Netzwerk die Seriosität der Publikation bezweifelte. Facebook tat dies ebenfalls. Kritiker sprachen von politisch gefärbter Zensur zugunsten der Demokraten.

Zensur?

Die sozialen Netzwerke übernehmen damit bereits eine Überwachungsfunktion auch gegenüber herkömmlichen Nachrichtenanbietern. Von einer Zensur im Sinne einer flächendeckenden Unterdrückung von Informationen kann allerdings nicht die Rede sein. Die Macht der Netzwerke reicht nicht so weit wie jene eines Staats. Es herrscht Wettbewerb. Die Medienhäuser verfügen über verschiedene Kanäle, um ihre Produkte unters Volk zu bringen. Zudem verschaffte der Aufruhr um die Eingriffe von Facebook und Twitter der Botschaft der «New York Post» zusätzliche Aufmerksamkeit auf anderen Kanälen. Die Nachricht geriet somit nicht unter den Teppich.

Ohnehin haben die beiden Netzwerke den Artikel nicht eliminiert, sondern dessen Verbreitung ausgebremst mit dem Argument, es müsse erst geprüft werden, ob der umstrittene Beitrag nicht auf Falschinformationen beruhe.
Zweifellos geraten hier die Netzwerke in die heikle Rolle eines gleichsam privatwirtschaftlichen Wahrheitsministeriums. Das ist auch eine Folge der teilweise hysterischen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen um Fake News. Gegen deren Verbreitung müssten die Plattformbetreiber etwas tun, forderten weitherum die Wortführer in Politik und Gesellschaft.

Facebooks Partner

Um diesen Ansprüchen gerecht zu werden, schlug Facebook keinen schlechten Weg ein. Seit langem kooperiert das Netzwerk mit Nachrichtenagenturen wie der AP sowie mit weiteren Redaktionen von Medienhäusern. Diese überprüfen heikle Behauptungen, die auf Facebook kursieren, auf ihre Richtigkeit hin. Fragwürdiges wird mit einem Warnhinweis versehen. Die Auslagerung der Faktenklärung erlaubt es Facebook, nicht als Richter auftreten zu müssen. Ferner hat das Netzwerk einen unabhängigen Kommunikationsrat eingerichtet, der darüber entscheiden soll, wie Facebook grundsätzliche Fragen zur Publikationspraxis lösen soll.

Dennoch wird Facebook den Verdacht der Willkür nicht beseitigen können. Trotz Reglementen, automatischen Selektionen und Tausenden Beschäftigten, die unstatthafte Nutzerbeiträge entfernen, gleichen globale Kommunikationsplätze wie Facebook einem Dschungel. Die riesige Menge und das extreme Tempo der Interaktionen macht es praktisch unmöglich, eine halbwegs kohärente Unternehmenspolitik durchzusetzen. Zufälle prägen die Praxis der Netzwerkkontrolle. Das entlastet die Kommunikationsplattformen aber nicht von der Pflicht, ihren Umgang mit Problembären, Manipulatoren und dubiosen Beiträgen zu verbessern.

Der gigantische tägliche Kommunikationsverkehr relativiert indessen die Sorgen um einzelne fragwürdige Eingriffe, die in Medienberichten zum Thema werden. Die Meinungsfreiheit reicht auf den sozialen Netzwerken bedeutend weiter als in den Massenmedien, die missliebige Personen ohne grosses Aufsehen bedeutend schneller und ohne Begründung ausschliessen.

Sammelbecken für Dissidente

Zu hinterfragen ist auch der Vorwurf der politischen Schlagseite der sozialen Netzwerke. Einige sagen, diese würden vor allem linke Positionen begünstigen. Tatsache ist, dass bei Facebook und anderswo gerade jene Personen und Gruppen grosses Engagement zeigen, welche in den Massenmedien wenig Gehör finden – Linke und Rechte in den politischen Randzonen. Mit einigem Geschick nutzen sie die Mechanismen der Netzwerke, machen Lärm und finden so wiederum die Aufmerksamkeit der Redaktionen. Einige Akteure bauschen mit Hilfe von Robotern ihre Resonanz künstlich auf – ein immer noch kaum beleuchtetes Feld, wo sicher auch Drahtzieher mit politischen oder wirtschaftlichen Interessen eine einflussreiche Rolle spielen. Insofern führen die Netzwerke einen ständigen Abwehrkampf gegen die Instrumentalisierung durch Aktivisten.

Die Angst vor digitaler Desinformation hat zahlreiche Akteure mobilisiert. In den vergangenen Jahren ist ein neues Gewerbe von Faktenprüfern herangewachsen, die auch mit sozialen Netzwerken kooperieren. Es fällt auf, dass hier oft recht junge Personen tätig sind, die ihre Arbeit teilweise beckmesserisch wahrnehmen und die Komplexität der Kommunikation unterschätzen – zulasten von abweichenden Meinungen. Das mag zuweilen den Eindruck erzeugen, die Faktenchecks hätten eine politische Schlagseite.

Wettbewerb unabdingbar

Entscheidend bleibt jedenfalls, dass auf dem Kommunikationsmarkt Wettbewerb herrscht. Das ist der Fall, auch wenn Facebook derzeit eine sehr starke Rolle einnimmt. Wenn ein Netzwerk allzu rigide eingreift, muss es ohnehin damit rechnen, dass Mitglieder auf andere Plattformen abwandern.

Eine kritische Beobachtung der sozialen Netzwerke ist zweifellos notwendig. Doch man sollte auch festhalten: Die Digitalisierung der Kommunikation hat – auch dank Facebook und Co. – eine ungeheure Vielfalt an Meinungs- und Informationsangeboten geschaffen, wie sie es zu Zeiten der massenmedialen Oligarchien nie gegeben hat.

Superspreader gibt es auch bei Fake News

Leithammel prägen auch auf den sozialen Netzwerken oft die Diskussionen und Interaktionen. Die «New York Times» zeigte das am Montag am Beispiel der Präsidentschaftswahlen. Zusammen mit der NGO Avaaz und der Election Integrity Partnership untersuchte sie die digitale Kommunikation über Vorwürfe wegen Wahlbetrugs. In der Woche des Wahltags vom 3. November zählte sie auf Facebook 3,5 Millionen Interaktionen, welche sich auf die Losung «Stop the Steal» bezogen. Davon wurden 200’000 Interaktionen durch bloss drei Akteure ausgelöst: Eric Trump, Diamond and Silk (Trump-Unterstützer) und Brandon Straka (konservativer Aktivist). Der Artikel spricht in diesem Zusammenhang von «Superspreaders». Avaaz analysierte im Weiteren 65’500 Facebook-Beiträge mit haltlosen Betrugsvorwürfen. Diese lösten 60 Millionen Likes, Shares oder Kommentare aus. Aber allein 33 dieser fast 100’000 Beiträge bewirkten 13 Millionen Interaktionen. Ab Mitte Oktober waren – neben Präsident Trump – gemäss dem Zeitungsartikel 25 Superspreader von Desinformation auszumachen, welche 28 Prozent der Interaktionen prägten. Facebook hat die Falschinformationen jeweils markiert. Sie verbreiteten sich dennoch epidemisch. Die Superspreader operieren dabei nicht nur auf Facebook und Twitter, sondern auch auf neuen Plattformen wie Parler, MeWe und Gab, wo sie noch weniger Kontrolle ausgesetzt sind als auf den grossen Netzwerken.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

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8 Meinungen

  • am 26.11.2020 um 12:36 Uhr
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    Wie kommt man dann nur darauf, dass in den (sozialen) Medien keine Zensur stattfindet? Es stimmt bedenklich, dass einer wie Rainer Stadler sich erdreistet, darüber hinwegzusehen, dass unzählige kritische Stimmen nicht nur massiven und unlauteren Gegenwind erfahren. Dass diese Stimmen trotzdem noch ihre Nische gefunden haben, lässt aber die real existierende Zensur nicht geringer werden und ist darauf zurückzuführen, dass es Kanäle und Technologien gibt, die sich nicht einfach so unterdrücken lassen. Und so manche der auf Youtube gesperrten Beiträge wurden durch die Gerichte hindurch wieder zurück in die Öffentlichkeit erkämpft.

    Dieser Artikel ist erneut ein klassisches Beispiel für einen Journalismus, der sich vornehmlich durch Haltung auszeichnet und Fakten dadurch gewichtet, ob sie ins Weltbild passen. Es ist ein Journalismus, der von Menschen gemacht wird, die wahnsinnig viel von sich und ihrer Meinung halten. Aber genau da versagen sie und genau darum braucht es andere Stimmen. Wenn aber vor einer Diskussion Leitplanken fürs Denkens gesetzt werden, dann findet Demokratie nicht mehr statt. Es geht einfach und viele machen mit.

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  • am 26.11.2020 um 13:17 Uhr
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    Auf Strassen kann man Leute zu tode fahren, aber auch Klimademos veranstalten. Ich bin daher noch gegen deren Abschaffung.
    MfG
    Werner T. Meyer

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  • am 26.11.2020 um 14:27 Uhr
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    Dazu kann man nur sagen – bleiben Sie ruhig zuhause in ihrem Märchen die Zensur sei harmlos.

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  • am 26.11.2020 um 19:23 Uhr
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    Twitter und Co. sperrt immer wieder fernab medialer Aufmerksamkeit und ohne Begründung massenhaft Accounts aus Ländern, die zu den Antagonisten der USA gehören, wie etwa Syrien, Iran, Venezuela. Das «Sammelbecken für Dissidenten» steht vor allem jenen offen, die entweder geopolitisch irrelevant (worunter die erwähnten, mit sich selbst beschäftigten Linken und Rechten in den politischen Randzonen fallen) oder die auf Kurs mit der amerikanischen Aussenpolitik sind.

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  • am 27.11.2020 um 11:34 Uhr
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    "Gewissen Verleumdern zu erwidern hieße, sich bis zu ihnen erniedern.» – Heinrich Leuthold, Schweizer Schriftsteller.

    Verleumdungen und Diffamierungen ‹ad personam› und gegen Institutionelle sind in den sogenannten Sozialen Medien gesellschaftsfähig geworden, unter dem Deckmantel der ‹Freien Meinung› und der angeblichen ‹Zensur›.
    In unserem StGB wäre Ehrverletzung u. Verleumdung in Art. 173 u. 174 geregelt :
    Wer jemanden wider besseres Wissen bei einem andern eines unehrenhaften Verhaltens oder anderer Tatsachen, die geeignet sind, seinen Ruf zu schädigen, beschuldigt oder verdächtigt, wer eine solche Beschuldigung oder Verdächtigung wider besseres Wissen verbreitet, wird auf Antrag, mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.
    Wieso hat der Gesetzgeber ein solches erniedrigendes Verhalten mal als straffällig angesehen ? Könnte es sein, weil Verleumdungen, Diffamierungen u. Desinformation den ‹Sozialen Frieden› in der Gesellschaft nachhaltig zerstören ?
    „Verleumde nur dreist, es bleibt immer was hängen.“Das liegt durchaus im Interesse von Herrschaften die nach immer mehr Macht streben, im Sinne von ‹Teile und Herrsche›.
    Andererseits ist das Gefühl von Machtlosigkeit zurecht in immer grösseren Teilen des Volkes verbreitet und da wollen die sich wenigstens im Medium Netz Luft machen und Gleichgesinnte finden. Der Aufgeklärte versteht, dass dieses bestens intrumentalisierte Verhalten deren Machtlossigkeit nur weiter befördert u. vertieft.

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  • am 28.11.2020 um 11:26 Uhr
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    Ich würde vom Autor dieses Artikels gerne die Begriffe «Freiheit» und «Vielfalt» definiert haben.
    Seit ich vor einiger Zeit erleben durfte, wie eine junge Frau verzweifelt hyperventilierte, weil sie ihr Smartphone verloren glaubte, verbinde ich die digitale Welt nicht mehr mit dem Wort «Freiheit» sondern mit «Fessel».
    Wenn man denkt, dass es ein grosser Fortschritt ist, dass man von Algorithmen nach Alter, Geschlecht, Vorlieben und vor allem Kaufkraft sortiert wird und einem dann die passenden Produkte um die Ohren gehauen werden, dass man Fake kaum mehr von echten News unterscheiden kann, dass Bilder so manipuliert werden können, dass es nicht mehr möglich ist, Fälschungen auszusortieren, was nützt einem dann noch der sogenannt «freie» Wille? Auf welchen Grundlagen kann er noch aufbauen?
    Und die gepriesene «Vielfalt» im Web ist wohl nicht damit zu vergleichen, dass man ratlos vor dem Regal mit zweihundert Konfitüresorten steht.
    Üblicherweise pickt man sich die Informationen aus dem Haufen, die einem persönlich in den Kram passen, oder die einem von Mitmenschen aus der Filterblase, in der man selbst festhängt, aufs Auge gedrückt werden.
    Eher frustrierend, wie ich finde. Stillstand, keine persönliche Entwicklung mehr möglich, verhärtende Fronten.

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