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«Blick»-Schlagzeile über mehr als eine Seite © Ringier

Wohlfeile Putin-Schelte mit kleinlautem Dementi

upg /  Vielleicht war in schwedischen Gewässern ein russisches Mini-U-Boot, aber Beweise gibt es keine, nicht einmal Indizien.

Medien behandeln politische Feinde häufig als Freiwild, das sich für wilde und verkaufsträchtige Schlagzeilen eignet. Idealerweise befindet sich dieses Freiwild im Ausland. Ein Recht auf Anhörung gewährt man ihm nicht – Pflichten und Rechte der Journalisten und Journalistinnen hin oder her.
Ein Beispiel bot der «Blick» letzte Woche. Der unübersehbare Titel «Schweden jagen Putins geheimes U-Boot» liess keinen Zweifel am neuen niederträchtigen Vorgehen Russlands aufkommen, diesmal in schwedischen Hoheitsgewässern. Nur wer den Artikel weiter las, erfuhr, dass die Schweden aufgrund eines verschlüsselten «Notrufs auf russisch» lediglich «vermuten», dass ein russisches Boot in Seenot sei. Der Blick zitierte im Folgenden anonyme «Militärexperten», die angeblich davon ausgehen, dass es sich «um die Neuentwicklung Triton-NN handelt». Zehn Kampftaucher fänden darin Platz, die Torpedos abschiessen könnten. «Auffällig» sei, verbreitete der «Blick» weiter, dass ein russischer Öltanker abgedreht habe. Es könne das Mutterschiff der Triton-NN gewesen sein.
Eine Stellungnahme der russischen Behörden suchte man im «Blick»-Artikel vergeblich.

Dementi mit der Lupe zu suchen

Fünf Tage später meldete der «Blick» kleinlaut, dass die Schweden das «mysteriöse Unterwasserfahrzeug» nicht gefunden hätten. «Waren es Russen oder waren es die Niederländer, wie Moskau behauptet?» fragte der «Blick». Auf seine früheren Behauptungen gingen die paar Zeilen im «Blick» nicht ein.
In der «NZZ am Sonntag» konnte man einen Tag später nachlesen, dass der Tanker, der als Mutterschiff verdächtigt wurde, nichts damit zu tun hat, und dass ein verdächtigter geheimnisvoller schwarzer Mann ein pensionierter Fischer war.
Damit nicht genug: Auch der Notruf auf russisch, von dem der «Blick» berichtete, sei unbestätigt geblieben. Einzig übrig gebliebenes Indiz: Privatpersonen hätten einen «schemenhaften gelben Fleck» auf dem Meer beobachtet gehabt.
Der Skandinavien-Korrespondent der «NZZ am Sonntag» berichtete, die Suche mit Kriegsschiffen und 200 Soldaten habe ausgerechnet vor Budget-Verhandlungen über die Militärausgaben stattgefunden. «Der Zwischenfall kam jedenfalls gelegen, um auf mangelnde Ressourcen, etwa Helikopter, hinzuweisen. Der Einsatzleiter habe dies allerdings dementiert.


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Keine

Zum Infosperber-Dossier:

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Der Umgang mit Putins Russland

Russland zwischen Europa, USA und China. Berechtigte Kritik und viele Vorurteile.

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Kritik von Zeitungsartikeln

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21 Meinungen

  • am 27.10.2014 um 11:39 Uhr
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    Erinnert mich irgendwie an eine politische Variante des Ungeheuers von Loch Ness…

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  • am 27.10.2014 um 11:54 Uhr
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    Das passt doch zusammen:
    Die Medien wollen Ihre Blätter verkaufen und die Rüstungsindustrie ihre Waffen!
    Da werden Spannungen erzeugt, Geschäft ist Geschäft. Die Verständigung und die Wahrheit könnten dem Geschäft schaden.
    Wirtschaft über alles….

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  • am 27.10.2014 um 13:37 Uhr
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    Walter Lippmann hat bereits 1919 in «Liberty and the News» darauf aufmerksam gemacht, dass Journalisten nirgends so dreist und so ungestraft lügen können wie in der Krisen- und Kriegsberichterstattung. Richtiggestellt wird oftmals gar nicht, oder aber die mickrige Richtigstellung geht unter dem Getöse der nächsten Falschmeldung unter.

    Dass die NZZ in diesem Artikel einmal mehr positiv wegkommt, bzw. als positives Gegenbeispiel verwendet wird, überrascht mich offen gesagt. Auch in der NZZ konnten wir in den letzten Tagen Schlagzeilen lesen wie «U-Boot-Suche vor Schweden: Russlands Auge auf der Ostsee», «Vor 33 Jahren: Schweden entdeckt russisches U-Boot», «Mysteriöses U-Boot vor Schwedens Küste: Russland beschuldigt [!!!] die Niederlande», und Leadsätze wie «Die Ostsee rückt stärker in den Fokus russischer Militärs. Ein Anrainerstaat muss nicht Nato-Mitglied sein, um vom Säbelrasseln tangiert zu werden.», «Experten sind sich aber einig, dass Russland gute Gründe für eine Provokation hätte.», «Es ist kein Geheimnis, das Russland die Nähe des allianzfreien Schweden zur Nato nicht goutiert. Die immer dreisteren Provokationen und Verletzungen schwedischen Hoheitsgebiets sind Zeichen dafür."

    Mit anderen Worten: NATO-Propaganda aus vollen Rohren. Es sei daran erinnert, dass NZZ-Auslandschef Eric Gujer ein Buch geschrieben hat zusammen mit dem Ex-Direktor des «Project for a New American Century» (PNAC) sowie Mitgied war im «Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland».

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  • am 27.10.2014 um 14:09 Uhr
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    Man darf nicht vergessen, dass die NATO das «neutrale» Schweden gerne noch enger einbinden würde. Da sind mysteriöse russische Uboote durchaus nützlich.

    Gleiches gilt natürlich für die Schweiz, die bereits seit 1999 an der NATO KFOR Mission im Kosovo teilnimmt, das in einem völkerrechtswidrigen Bombenkrieg der USA und der NATO von Serbien abgetrennt und mit Camp Bondsteel von den USA militärisch besetzt wurde.

    Die Schweizer Armee wurde dadurch zu einem Hilfs- und Aufräumtrupp (Swisscoy, jöö…) in einem knallharten US-Imperialkrieg gegen Russland und seinen Verbündeten Serbien.

    Seit 2004 beteiligt sich die Schweiz auch an der EUFOR Althea Militärmission der EU (!!) in Bosnien, welche die NATO SFOR und IFOR Kampagnen abgelöst hatte, die auf den NATO Bombenkrieg «Operation Deliberate Force» in Bosnien gefolgt sind. (www.admin.ch/cp/d/40b5d5f4_1@fwsrvh.html)

    Zu allem Uebel liess sich die Schweizerin Carla Del Ponte auch noch für das defacto von der NATO kontrollierte Känguru-Tribunal ICTY in Den Haag instrumentalisieren. (www.emperors-clothes.com/docs/h-list.htm)

    Ich hoffe, der Infosperber hat seine scharfen Augen auf diese unguten Entwicklungen gerichtet…

    0
  • am 27.10.2014 um 15:55 Uhr
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    Gibt es keine Möglichkeit gegen eine solche Volksaufhetzung zu klagen?

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  • am 27.10.2014 um 16:22 Uhr
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    @Walter. In Russland gäbe es diese Möglichkeit, bei uns sollte man die Meinungsfreiheit nicht unterschätzen u. die Möglichkeit, einseitige Nachrichten und Kampagnen richtig einzuschätzen. @Roelli. An Carla del Ponte störte mich, dass man sie zwar auf die Kriegsverbrecher in Ex-Jugoslawien losliess, aber sich nie wirklich für Abklärung des grössten Verbrechens gegen die Menschlichkeit auf Schweizer Boden seit dem Massaker von Greifensee (1444) interessierte, nämlich das Attentat auf die Swissair-Coronado vom 21. Februar 1970, dessen Ohren- u, Augenzeuge ich war. Die Täter, zumindest einer davon sind im Raum Jordanien im Bett gestorben, Schweiz u. Swissair selig hatte aber immer Angst, bei aktiver Verfolgung ev. erneut Opfer einer Flugzeugentführung zu werden wie damals beim Schwarzen September. Es gab schon immer Verbrechen, die man aus politischen Gründen nicht aufklären wollte, und zwar sogar solche, die uns weit mehr angehen müssten als das Geschehen in Ex-Jugoslawien. Deswegen habe ich Mühe, da stimme ich mit Roelli überein, die Rolle der Schweiz betr. Ex-Jugoslawien als heldenhaft oder auch nur als wünschenswert u. notwendig einzuschätzen. Immerhin durfte ich mal auf das Geschehen in Würenlingen u. dessen schändliche Nachgeschichte bei einer Ansprache in Gegenwart von Verteidigungsminister Samuel Schmid im Sinne obiger Ausführungen aufmerksam machen. «Wäre ich der Bundesrat, ich würde sofort durchgreifen», sagte mal W. Ritschard ironisch in einer solchen Konstellation.

    0
  • am 27.10.2014 um 17:39 Uhr
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    Danke für die interessanten Hinweise und Hintergründe, Herr Meier. Dominik Osswalds Doku «Von Palästina bis Würenlingen» von 2008 ist inzwischen auf Youtube, wie ich gerade gesehen habe: https://www.youtube.com/watch?v=L7DcAiK4bWo

    0
  • am 27.10.2014 um 17:51 Uhr
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    @Meier: Ist 1444 haltbar? Was ist mit den Uebergriffen auf die Zivilbevölkerung während der französischen Invasion in Nidwalden im September 1798?

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  • am 27.10.2014 um 18:22 Uhr
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    @Walter, Meier:

    "Gibt es keine Möglichkeit gegen eine solche Volksaufhetzung zu klagen?"

    Die kurze Antwort ist: Nein. Das Schweizer Medienrecht und Medienstrafrecht bieten keine Handhabe dazu. Es ist in der Tat eine Gratwanderung bezüglich Presse- und Meinungsfreiheit.

    Seit 1985 haben wir mit Art. 28g-i ZGB zwar ein Gegendarstellungsrecht (vor dem die Medien damals zitterten), aber das bezieht sich nur auf Personen, die sich durch eine Mediendarstellung «in ihrerer Persönlichkeit betroffen fühlen.» Putin könnte diesen Artikel vielleicht anrufen…

    Ansonsten bleibt nur noch die Anrufung des Presserates wegen Verletzung der journalistischen Pflichten, die Herr Gasche oben verlinkt hat. Eine NZZ (genauer: ihre Autoren) hat die journalistischen Pflichten in ihrer Ukraine-Berichterstattung beispielsweise beinahe täglich verletzt. Das können Sie dem Presserat nach jedem Artikel melden. Dann gibt’s vielleicht eine Beurteilung. Ernsthafte Konsequenzen hat das freilich nicht. Der Presserat ist letztlich eine reine Alibi-Uebung. Wenn’s drauf ankommt, hat «Selbstregulierung» noch nie funktioniert.

    Im Radio- und TV-Bereich ist es mit der UBI etwas schärfer geregelt, aber auf die massive Kriegspropaganda der NATO hat auch dies keinen Einfluss.

    http://www.medienethik.ch/upload/Medienrecht.pdf

    http://www.unifr.ch/strr/downloads/Medienrecht/Medienrecht_06_Riklin_Medienstrafrecht.pdf

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  • am 27.10.2014 um 18:25 Uhr
    Permalink

    2/2

    Fazit: Über die Frisur eines Schweizer B-Promis dürfen unsere Medien nicht fehlerhaft berichten, aber Falschmeldungen über eine russische Invasion der Ukraine dürfen sie unbenommen verbreiten.

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  • am 27.10.2014 um 20:16 Uhr
    Permalink

    @Roelli. 1444: Ich dachte an Kriegsverbrechen, welche die Eidgenossen selber zu verantworten haben, nicht um diejenigen der Franzosen. Danke aber, dass Sie mich zur Präzisierung aufgefordert haben.

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  • am 28.10.2014 um 12:48 Uhr
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    Danke Bregy, «Medienwalze: Mitten in die Presse», ausgezeichnet 🙂

    Ausserdem:

    Journalisten-Käuflichkeit in Deutschland und in der Schweiz
    http://www.textatelier.com/index.php?id=996&blognr=5303

    Derzeit nimmt dank Journalisten-Schreck Udo Ulfokottes Buch «Gekaufte Journalisten» (aktuell meistverkauftes Buch auf amazon.de, Nr. 10 auf der Spiegel-Beststellerliste) die von mir sogenannte «Entnatofizierung» der deutschen und hoffentlich auch der deutschsprachigen Medien rasant fahrt auf. Die überregionalen deutschen Transatlantik-Medien (FAZ, Welt, Bild etc.) haben im letzten Jahr wieder 5 bis 10% der Leserschaft verloren, das sind ausgezeichnete Neuigkeiten.

    http://www.mmnews.de/index.php/politik/24448-sinkende-verkaufszahlen-mainstream-crasht

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  • am 28.10.2014 um 13:40 Uhr
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    Eines darf man nicht vergessen, Herr Roelli:
    Am www ist die Nato noch viel näher dran, als an den Printmedien. Portale können attackiert oder verboten und Server ausgeknipst werden.

    Zeit sich mit den Alternativen zu beschäftigen:

    http://t3n.de/news/mesh-netzwerke-488157/

    Was halten Sie übrigens vom jähen Tod des TOTAL-Chefs, Herr Roelli?

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  • am 28.10.2014 um 16:10 Uhr
    Permalink

    @Bregy:

    Ja, am Internet ist die die NATO bzw. die USA *potentiell* näher dran, d.h. sie könnte selektiv ausknippsen, wenn sie dereinst wollte (insb. weil die meisten DNS Server in den USA stehen, was aber auch nicht so bleiben muss). Aber derzeit ist unser Internet *real* noch nahezu vollständig frei. Wobei z.B. google.com noch einiges freier ist als etwa google.de oder google.fr oder google.ch, wo aufgrund nationaler Gesetze schon ordentlich rausgeschnitten wird. Umgekehrt in unseren Printmedien, wo die NATO/USA *real* erheblichen Einfluss hat, aber *potentiell* durch Alternativen auch relativ leicht verdrängt werden kann (siehe rapide fallende Auflagen der NATO-Medien).

    Zu Christophe de Margerie habe ich keine Informationen, habe auch noch nicht recherchiert. Kann ein normaler Unfall gewesen sein, oder eine Geheimdienstaktion.

    Dominique de Villepin hat sich in der Valdai-Diskussion mit Putin kurz dazu geäussert, hier die vollständige Version der Vorträge und Fragen:
    https://www.youtube.com/watch?v=9F9pQcqPdKo

    Villepin stammt ja noch aus der Chirac-Aera, als sich zusammen mit Schröder und Putin beinahe eine Achse Paris-Berlin-Moskau gebildet hätte in Reaktion auf die angloamerikanische Intervention im Irak, die im wesentlichen dazu gedient hat, die europäische Oel- und Gasversorgung weiterhin unter US-Kontrolle zu behalten (natürlich auch die indische, chinesische und japanische). Dank Transatlantik-Medien konnte Schröder durch Merkel, Chirac durch Sarko ersetzt werd

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  • am 28.10.2014 um 16:21 Uhr
    Permalink

    Danke für die Links. Man kann nur spekulieren…das Flugzeug lag auf dem Rücken – hab ich noch nie gesehen.

    Falls verdeckte Aktion, fällt ein mögliches Motiv ins Auge: Margerie wollte den Petrodollar angreifen. Schon wieder einer…beängstigend.

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  • am 28.10.2014 um 16:30 Uhr
    Permalink

    nein, noch nicht gesehen. Mir ist sogar der Firefox abgestürzt wegen dem Kolomojski-Video. Unglaublich was da abgeht. Will gar keine historischen Vergleiche heranziehen.

    Angesichts der Tatsache, dass jeder deren Geisteshaltung über die Medien abfragen kann, ist die Nicht-Reaktion unserer Regierungen wohl sogar ohne historischen Vergleich.

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