Kommentar
kontertext: So einseitig berichteten Medien über den Gaza-Krieg
«Medienschaffende verstossen seit dem 7. Oktober 2023 kontinuierlich gegen journalistische Prinzipien. Falsche Darstellungen, fehlende Ausgewogenheit und das Ausblenden historischer, politischer und völkerrechtlicher Hintergründe finden sich regelmässig in den meisten grösseren Medien». Zu diesem Schluss kommt Goldmann in seinem Buch «Staatsräsonfunk – Deutsche Medien und der Genozid in Gaza».
Goldmann hat so ziemlich alles gelesen, was in Deutsch und Englisch vorliegt. Er hat im Alleingang erledigt, was Aufgabe medienwissenschaftlicher Institute wäre: die empirische Untersuchung der Medienrealität.
Untersucht hat er 11’125 Beiträge, die im Zeitraum vom 7. Oktober 2023 bis 19. Januar 2025 (Beginn einer kurzzeitigen Waffenruhe) online auf den Nahost-Rubrikseiten von «Spiegel», «Bild», «Zeit», «taz» und ARD-Tagesschau veröffentlicht wurden; die Schlagwörter von über 300 Tages- und Wochenzeitungen; die Perspektivenvielfalt in öffentlich-rechtlichen Talkshows. Diese empirischen Befunde, untersucht an Medien mit ganz unterschiedlichem Publikum, bilden das Gerüst des Buchs.
Goldmann will den Journalismus an den eigenen Ansprüchen messen und nach seiner Wirkung (Mitverantwortung) fragen. Das thematische Feld ist breit. Kapitel 2 zu den «leitenden Perspektiven» spricht mit der Frage «Gefängnisausbruch oder Zivilisationsbruch?» die Kontextualisierung an. Es folgen: «Informationen und ihre Quellen», «Narrative und Motive» und «Sprache der Gewalt» (darin ein nützliches «Glossar des Genozids»). Schliesslich «Schicksale» (gute Opfer, schlechte Opfer) und «Kontexte und Hintergründe» (hier u.a. eine Begründung für die Verwendung des Begriffs Genozid).
Punkt 2 der Bilanz nennt den wohl wichtigsten Grund: «Angaben von Israels Regierung und Militär sind mit grossem Abstand die häufigste Quelle für deutsche Nahost-Nachrichten.» Goldmann belegt das im Dutzend. Nach zweieinhalb Jahren Krieg ist manches nicht mehr präsent, deshalb ein frühes Beispiel zur krassen Einseitigkeit: «Fast drei Monate, 83 Sendungen, 1248 Sendeminuten und 59 Auftritte israelischer Militärs und Politiker vergingen schliesslich, bis das Tagesschau-Publikum am 3. Januar 2024 erstmals einen palästinensischen Politiker zu Gesicht bekam» (S. 58f).
Warum «Staatsräsonfunk»?
Goldmann qualifiziert die real existierende Misere als «Staatsräsonfunk». Seine Begründung geht von der «womöglich wichtigsten», gleichzeitig aber «am schwersten zu beantwortenden Frage» aus: Was sind die Ursachen des journalistischen Versagens (und des Versagens der Medienkritik)? Auf 69 Seiten erörtert er die ganze Fülle: Nähe zur Macht, ökonomische Zwänge, orientalistische Vorurteile etc. Sie kann hier unmöglich resümiert werden. Zwei Stichworte, die mir aufgefallen sind, sollen genügen. Beide sprechen zwar keine zentralen Ursachen an, haben aber trotzdem Gewicht.
Erstens das «Klima der Angst». Für mich, lange in einer Mediengewerkschaft tätig, hat diese Angst auch mit der erschreckenden Passivität der Journalistenverbände zu tun (Goldmann sieht das auch so). Zweites Stichwort: «Teufelskreis des journalistischen Nichtsehenwollens». So hat ein Newsjournalist die verbreitete Untugend genannt, internationale Medien weitgehend zu ignorieren.
Goldmann erwähnt viele Beispiele. Das bekannteste betrifft die IDF-Behauptung, unter der Al-Shifa-Klinik befinde sich eine «Hamas-Kommandozentrale». Internationale Medien recherchierten, die Behauptung wurde widerlegt. Deutsche Medien aber strickten die Legende fort (S. 127-135). Sein bitteres Urteil: «(…..) bis auf wenige Ausnahmen interessierten sich deutsche Medien selbst dann nicht für die Wahrheit hinter der israelischen Propaganda, wenn ausländische Kolleginnen ihnen die Recherchearbeit schon abgenommen hatten» (S. 134). Was zur Frage führt: War das andernorts gleich?
Goldmanns Buch ist der wichtigste Teil einer Gaza-Dokumentation, in der man zur Berichterstattung über Israels Offensive in Gaza fast alles findet: Kapitel 7.3. verlinkt Texte zur Berichterstattung deutscher Medien.
Medienkritik in Frankreich
Im Artikel über eine Veranstaltung zum Thema «Medien und Gaza» hat Silvia Henke kürzlich erwähnt, kontrovers sei in der Diskussion höchstens gewesen, ob die Blindheit in der Schweiz auf Unbedarftheit und Nicht-Wissen zurückzuführen sei oder ob es sich um ein gezieltes politisches Ausblenden handle (Infosperber vom 9.2.2026). Nicht-Wissen durch Wissen ersetzen: Das wäre gut möglich gewesen. Kapitel 5 der Gaza-Dokumentation verlinkt Beiträge, meist aus den USA, England und dem arabischen Raum, die sehr früh Verzerrungen etc. nachwiesen. Auf deutsche Medien hatten sie keinen Einfluss. Wie war es im Nachbarland?
Allen geschichtlich bedingten Unterschieden zum Trotz (grad beim Thema Israel-Palästina) sieht die französische Medienwelt ähnlich aus wie in Staatsräson-Deutschland. Die Gaza-Berichterstattung jedenfalls war in reichweitestarken Medien nicht grundlegend anders. Was im Vergleich mit der deutschen Einheitsmeinung einen Unterschied macht, ist die Existenz eines «Störfunks». Es gibt den hervorragenden «Le Monde diplomatique», es gibt «Mediapart», «Arrêt sur Images» und «Médiacritiques».
«Médiacritiques», werbefrei und ohne staatliche Unterstützung herausgegeben von Acrimed (Observatoire des Médias), hat die Gaza-Berichterstattung früh unter die Lupe genommen. Die Titel der ausführlichen Analysen, die ab 12. Februar 2024 auf der Website publiziert wurden, sprechen für sich: Un cadrage médiatique verrouillé; Doubles standards et compassions sélectives; Invisibilisation de Gaza et déshumanisations des Palestiniens (eine abgeschottete Medienlandschaft, doppelte Standards und selektives Mitgefühl, Unsichtbarmachung von Gaza und Entmenschlichung der palästinensischen Bevölkerung). Diese Artikel gingen Mitte Februar ins Heft 49 von Médiacritique ein, das ausschliesslich der Gaza-Berichterstattung gewidmet war (auf der Website von Acrimed verfügbar).
Man sieht auf den ersten Blick, dass wichtige Fragen sehr früh im Fokus waren: Framing, Kontextualisierung, Enthistorisierung, doppelte Standards, blinde Flecken, Entpolitisierung, Wording, Bias, Enthumanisierung. Alles Konzepte, die in späteren Studien leitend blieben, ob bei «Framing Gaza» (mediabiasmeter) oder in Goldmanns Buch. Was mir – neben der Unmittelbarkeit der Kritik – besonders gefällt, ist die Vielfalt der Formen. Man findet so ziemlich alles, was die Lektüre aufschlussreich und anschaulich macht: Mitschriften aus Studio-Gesprächen oder Talkshows (meist mit selbsternannten Experten, natürlich auch Bernard-Henri Lévy), Auszüge aus Kommentaren und Artikeln, Analysen von Titelseiten und Schlagzeilen, Auswertungen von Posts auf «X», Artikel zur internationalen Berichterstattung. Alles ist Gegenstand einer informierten, kompetenten, manchmal auch sarkastischen Kritik. Das vorläufige Verdikt in diesem wichtigen Heft 49 von Médiacritique lautete drastisch: Le naufrage du débat publique (der Schiffbruch der öffentlichen Debatte). Ob der «Störfunk» daran etwas ändern konnte? Das wäre ein wichtiges Thema für die Medienwissenschaft…
Salviamo il giornalismo
Italien, das Land mit den grössten Palästina-Demos, verdient auch einen Seitenblick. «Professione Reporter», 2019 ins Leben gerufen von Vittorio Roidi und geleitet von Andrea Garibaldi, ist eine Vereinigung mit beschränkter Reichweite, betreibt aber eine kluge Form von Medienkritik. Die Website-Texte, verfasst von pensionierten Kolleginnen und Kollegen mit grosser Erfahrung (u.a. Alberto Ferrigolo, Ex-Chefredaktor des Manifesto), greifen Fragen auf, die für den Journalismus essentiell sind. Die Texte gehen meist von Zeitungsartikeln, Agenturmeldungen oder Schlagzeilen aus. Zur Gaza-Berichterstattung sind fast 100 erschienen, die ersten am 14. Oktober 2023 zu Fake News. Ich würde sagen: zur Nachahmung empfohlen.
Zum Schluss ein Hinweis auf zwei kommende Bücher zum Thema: «The Complicit Lens» von Robin Andersen und «How to Sell a Genocide» von Adam H. Johnson. Und als erneutes Zeichen für das Fortbestehen von «Staatsräsonfunk» ein Titel aus der Süddeutschen Zeitung (30.3.): «ZDF übernimmt Sanktionen der Trump-Regierung». Der Lead zum Artikel kann eventuell doch als Hinweis gelten, dass die Medien sich gegenseitig kritischer beobachten bezüglich ihrer «Staatsräson»: «Mitwirkende an ZDF-Sendungen müssen sich teilweise verpflichten, nicht mit Personen zusammenzuarbeiten, die auf einer Sanktions- und Terrorliste stehen. Kritiker werfen dem Sender vor, sich damit zum Handlanger der USA zu machen.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine. Ernst Gräub ist Historiker, Soziologe und ehem. Sekretär des Schweizer Syndikats Medienschaffender (SSM).
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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