Sperberauge

Für Tagesschau ein «Rundumschlag»

Urs P. Gasche © Peter Mosimann

upg /  Je weniger sich Betroffene wehren können, desto salopper formuliert zuweilen die Tagesschau. Ein Beispiel.

Leistungsgerechte Löhne, anstössige Boni oder die Entwicklung der niedrigsten Einkommen verdienen wohl eine ernsthafte gesellschaftspolitische Diskussion.
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB zog am 5. Januar wie jedes Jahr eine Bilanz und legte den Fokus auf die «wachsende Lohnungleichheit». Der «Tages-Anzeiger» titelte «Der Gewerkschaftsbund stellt neue Zahlen vor», die «NZZ»-Schlagzeile hiess «Der ständige Verteilungskampf».
Abschätzige Tagesschau
Gewiss: Die Medien können und sollen die Zahlen des SGB kritisch hinterfragen. So zitiert der «Tages-Anzeiger» eine andere Studie, die eine «sinkende Polarisierung der steuerbaren Einkommen» feststellte. Nur: Die Reichsten profitieren enorm von nicht steuerbaren Einkommen. Die Zahlen kann man hinterfragen.
Einfach machte es sich die Nachtausgabe der Tagesschau am Montag Abend: Der Gewerkschaftsbund habe zu einem «Rundumschlag» ausgeholt. In der Bedeutung des Duden habe sich also der SGB mit verbalen Schlägen Luft gemacht bzw. seine Gegner ziellos angegriffen.
Es fällt immer wieder auf, dass die Tagesschau desto salopper und unsachlicher formuliert, je weniger sich die Betroffenen wehren können oder je weiter sie weg sind.
Auch Wirtschaftsverbände halten regelmässig Pressekonferenzen ab, an denen sie häufig das Gleiche wiederholen: Man müsse deregulieren, Mindestlöhne vermeiden und dürfe ja keine zu hohen Löhne zahlen. Noch nie hat die Tagesschau bei solchen Gelegenheiten despektierlich von «Rundumschlägen» gesprochen.
Nicht einmal die immer noch abwertende Variante «Jahr für Jahr wiederholt die Economiesuisse ihre Forderung: Es braucht mehr Eigenverantwortung» würde die Tagesschau verwenden. Genau dies tat die Hauptausgabe aber mit dem von der Tagesschau offensichtlich weniger geliebten SGB: «Der Gewerkschaftsbund wiederholt die Klage Jahr für Jahr: Die Verteilung der Einkommen werde immer ungerechter


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2 Meinungen

  • am 7.01.2015 um 13:16 Uhr
    Permalink

    Zu diesem einsichtig, wohlbegründeten Beitrag kann man dem Autor nur danken. Seine Beiträge sind Grundlagen zu wesentlichen, bewusstseinsfördernden Lektionen an der Oberstufe. Eigentlich sind alle seine Texte Pflichtlektüre für autonome StaatsbürgerInnen.

    0
  • am 7.01.2015 um 23:13 Uhr
    Permalink

    Jawohl Herr Gasche !!!

    Man kann der NZZ nur raten, den GLOBAL RISK REPORT 2014 DES WEF
    http://www3.weforum.org/docs/WEF_GlobalRisks_Report_2014.pdf
    zu konsultieren. Dort findet sich auf Seite 16 die Einschätzung, dass die extreme Einkommensungleichheit zu den 4 Hauptrisiken für den Kapitalismus gehört. Noch knapp vor der Finanzkrise selber. Und beim WEF pflegt man eiskalt zu saldieren.
    Selbst im NZZ-Feuilleton kann man unter «Piketty» nachschlagen:
    Ein Wachstum weit unter 5 % zusammen mit Gross-Kapitalrenditen weit über 5 % (gar nicht mal Ackermann-Phantasie-%) bewirken eine unbremsbare Zunahme der Ungleichverteilung. Es sei denn, man besinnt sich im letzten Moment noch auf massive Reichtumssteuern.

    Das sind unterdessen Gemeinplätze auch in «besten» Kreisen. Die NZZ-Redaktoren scheinen nicht mehr dazu zu gehören.

    Werner T. Meyer

    0

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