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Informieren, erklären, analysieren oder auch belehren - Journalismus ist ein weites Feld. © Elf-Moondance

«Linke SRG-Journalisten»: lange Wirkung einer alten Schlagzeile

Rainer Stadler /  SRG-Kritiker zitieren gerne eine Umfrage über die politische Einstellung von Journalisten. Und überschätzen die Resultate.

Aktuelle Informationen haben manchmal ein langes Nachleben. Wer in der Google-Suchmaske «SRG Journalisten» eintippt, erfährt als erstes das: «Fast drei Viertel aller SRG-Journalisten sind links». Die Aussage ist der Titel eines Artikels, der am 12. November 2017 in der «Sonntags-Zeitung» erschien. Gleichlautende Nachrichten kursierten kurz darauf in den Online-Ausgaben der einschlägigen Deutschschweizer Medienanbieter. Der Autor des Sonntagsblatts bezog sich auf eine Umfrage der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), welche Schweizer Journalisten nach ihrer politischen Einstellung befragt. 763 von 909 Personen hatten damals den Forschern Auskunft gegeben.

Wichtige Resultate daraus hatte ich in der «NZZ» bereits im Juli 2016 publiziert. Demnach sind jüngere Journalisten linker als ältere, die Kultur- und Politik-Journalisten linker als die Wirtschaftsjournalisten, und die Journalisten rücken in die Mitte, wenn sie Chefpositionen übernehmen. In der Tendenz denken die Journalisten linker als die durchschnittliche Bevölkerung. Das waren keine überraschenden Erkenntnisse; vielmehr bekräftigten sie bisherige Beobachtungen und Einschätzungen des journalistischen Personals.

Am Anfang war die «Sonntags-Zeitung»

Die «Sonntags-Zeitung» interessierte sich 2017 – im Vorfeld der «No Billag»-Initiative – für Angaben zur politischen Haltung der SRG-Journalisten. Entsprechende Daten lieferten die ZHAW-Forscher auf Anfrage der Zeitung. Danach positionieren sich die meisten SRG-Journalisten im linken Spektrum, wobei die Befragten zwischen 0 (sehr links) und 10 (sehr rechts) wählen konnten. Der Grossteil der SRG-Beschäftigten kreuzte die Position 3 oder 4 an – sie sahen sich also mehr oder weniger links von der Mitte (Position 5). Die Forscher erhoben auch Daten zu den Einstellungen der Journalisten in privaten Medien. Nimmt man die absoluten Zahlen zum Nennwert, scheinen die Angestellten der Privatmedien etwas weniger links zu stehen. Doch die Forscher wiesen darauf hin, dass die Unterschiede zwischen der SRG und den Privaten nicht signifikant seien. Der Artikel der «Sonntags-Zeitung» erwähnte das. Im Medienecho hallte indessen zumeist nur die Titel-Botschaft nach: Die meisten SRG-Journalisten sind links.

Im Abstimmungskampf um das inzwischen abgelehnte Medien-Hilfspaket tauchte die mehr als vier Jahre alte Nachricht wieder auf. Sie dürfte mit dem baldigen Start der Unterschriftensammlung für die Halbierungsinitiative, welche die Radio- und Fernsehabgabe von 335 auf 200 Franken pro Jahr reduzieren will, weiterleben. Sie passt ins Schema einer wiederkehrenden Kritik an der politischen Ausrichtung der SRG-Programme. Unabhängig davon, ob man diese Einschätzung der SRG-Angebote teilt oder nicht: Die Forschungsdaten eignen sich schlecht zur Bekräftigung der These einer besonders linken SRG-Belegschaft, die zudem linker als die Journalisten der Privatmedien denke. Doch weil es kaum harte Daten zu diesem Themenkreis gibt, ergreift der medienkritisch Gesinnte eben die wenigen vorhandenen Daten-Strohhalme. Die Magie der einprägsamen Zahl überstrahlt die grauen Relativierungen, die eigentlich nötig wären. Die intellektuelle Trägheit obsiegt.

Scheinbare Exaktheit

Im Kleinen wirkt hier derselbe Effekt, der die publizistische Begleitung der Pandemie prägte. Dank den digitalen Techniken bekam die visuelle Gestaltung in der Nachrichtenproduktion mehr Gewicht. Die Grafik-Abteilungen wurden aufgebläht, und diese realisierten während der Pandemie laufend einprägsame Darstellungen der Entwicklungen an der Virus-Front. Dass die Zuverlässigkeit und Vergleichbarkeit der verwendeten Daten teilweise recht fragwürdig waren, ignorierte man grosszügig. Der visuelle Effekt zählte. So konstruierte die Branche eine Schein-Exaktheit.

Bald neue Daten

Doch zurück zur politischen Einstellung im Journalismus. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften bereitet derzeit eine neue Umfrage unter den hiesigen Journalisten vor, wie Filip Dingerkus, wissenschaftlicher Mitarbeiter, auf Anfrage sagte. Die Resultate sollen Ende 2023 vorliegen. Dann wird man sehen, ob allenfalls ein Gesinnungswandel unter den Informationsvermittlern erkennbar wird. Vielleicht werden einige Umfrageteilnehmer, wissend um die öffentliche Diskussion um ihre politische Einstellung, ihre Antworten danach ausrichten – oder nicht mehr teilnehmen und sich nicht mehr in ihre Karten blicken lassen. Im Hinblick auf die kommende Halbierungsinitiative dürfte den SRG-Beschäftigten nun bewusst sein, dass ihre Antworten auf diese Umfrage die öffentliche Diskussion um ihren Arbeitgeber mitprägen könnten.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
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Zum Infosperber-Dossier:

SRG_Dossier

Medien: Service public oder Kommerz

Argumente zur Rolle und zur Aufgabe der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG.

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6 Meinungen

  • am 3.03.2022 um 09:10 Uhr
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    Den verlässlichsten News-Thread halbieren – in dieser Zeit

    Es braucht viel Frechheit oder Dummheit oder Boshaftigkeit, in einer Zeit, wo man täglich auf den verlässlichsten News-Thread der Schweiz schaut – den von SRF –, die SRG halbieren zu wollen. Noch dazu, wenn man von einer Partei kommt, in der die meisten Putinfans und Autokratiefans stecken. Michael Walther, Wattwil

    7
    • am 4.03.2022 um 08:47 Uhr
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      Da habe ich eine ganz andere Wahrnehmung. Auch SRG hat die Zahlen blind übernommen, publiziert und nicht hinterfragt. Ebenso habe ich das Gefühl, dass Autokratiefantasien mittlerweile mehr aus dem linken Establishment und von den Lifestylelinken kommt. Und die am meisten rechts liegende Partei die ich jemals wählt, war die GLP, Und so wie mir geht es sehr vielen, eigentlich links denkenden Menschen. Aber Schubladisierung macht das Leben einfacher, nicht wahr? (-; Auch dazu hat die unseriöse Berichterstattung vom SRF beigetragen.
      Und jetzt frage ich mich, wieso es frech sein soll, dass ich da nicht mehr mit bezahlen will, weil ich die Berichterstattung für ungenügend und ideologisch vorbelastet halte? Ist es nicht viel eher frech von Ihnen zu erwarten, dass andere eine Leistung mit bezahlen müssen, bloss weil Sie selber diese für gut halten?
      Bei der No-Billagabstimmung stimmte ich noch mit nein, weil ich der Meinung war, dass es ein Gegengewicht zu den Konzernmedien braucht. Mittlerweile sehe ich Staaten und Konzerne als ein ineinandergeflossenes Konstrukt welches nicht voneinander zu trennen ist. Unterstütz man eins, unterstützt man beides. Heute würde ich mit ja stimmen.

      2
  • am 3.03.2022 um 10:33 Uhr
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    Die politische Ausrichtung von Journalisten würde viel weniger ins Gewicht fallen, wenn die Medien sich auf eine neutrale Berichterstattung beschränken würden. Die Berichterstattung der meisten Medien ist aber tendenziös und man hat das ungute Gefühl der versuchten Manipulation. Bei einer SRG, die von öffentlichen Geldern lebt sollte dies ein no go sein.

    4
  • am 4.03.2022 um 11:10 Uhr
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    Eine politische Einstellung kann ja durchaus auch ein Ausfluss von Informiertheit und Intelligenz sein,
    Die Volkswirtschaftslehre hat beispielsweise schon lange erkannt, dass Chancengleichheit auch pareto-effizient ist.
    Nicht-Links ist pareto-ineffizient. Bzw. Rechte Positionen haben schlicht ganz viel mit individuellen Besitz- und Machtinteressen zu tun.
    Wobei notabene nicht alles Links ist, was sich Links nennt.
    Und Linke Politik anspruchsvoll ist und dynamisch sein muss.
    Alles Gute braucht Pflege und Intelligenz.

    1
  • am 4.03.2022 um 22:27 Uhr
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    Ich brauche keine Umfrage, um fast täglich zu sehen, zu hören, wo die Journalisten politisch stehen: links, woke, besserwissend, belehrend, überheblich, unprofessionell – so heissen die Orte, wo sie stehen, ganz viele dieser Journalisten, welche dabei doch meistens nur das nachplappern, was andere oder DPA schon plappern.
    Fast täglich sehe und höre ich subtile bis weniger subtile Beeinflussungen in den Nachrichten (mehr konsumiere ich schon gar nicht mehr, weil ich dieses ständige Framing schlicht micht mehr ertrage), und frage mich dabei jedesmal: merken diese Journalisten nicht, wie peinlich sie dabei wirken ? Sind die wirklich derart schmerzbefreit ?

    1
    • am 5.03.2022 um 09:55 Uhr
      Permalink

      Die rechten Medien haben Sie vergessen? Weltwoche? Das ganze Netz. Die Millionenauflage der Blochermedien, der es nicht lassen kann, jede Woche seinen Senf dazuzugeben? Diese Medien brauchen keine Ombudsstelle, die man mit sinnfreien Beschwerden fluten kann. Sie sind einfach rechts. Blocher macht also sein Investment einfach so? Nicht, wie der Vorredner richtig formulierte, auf die individuellen Besitz- und Machtinteressen fokussiert? Die Zerschlagung der Sozialwerke, des Service public, des funktionierenden demokratischen Staats – was immer Sie möchten?! – Und dann gibt es natürlich nur “die” JournalistInnen. Dachten Sie schon mal, dass man als Mensch eine persönliche Meinung haben kann. Und und als JournalistIn trotzdem austariert schreibt? Vom Journalistenkodex https://presserat.ch/journalistenkodex/richtlinien, den jedeR JournalistIn nach zwei Jahren Stage/Ausbildung unterschreibt, haben Sie schon einmal gehört? Wissen Sie, dass es in der Schweiz eine ganz anständige journalistische Ausbildung gibt; die freilich in den letzten Jahren auch unter Druck kam? Und gerade die eigene Ausbildung von SRF sehr gut ist? Derweil schreiben bei Blochers Swiss Regio Media besonders viele, die das http://www.maz.ch sicher noch nie von innen gesehen haben. (Denn das ist ja links.) Was Sie schreiben – tut weh. Machen Sie es besser. Differenzierter, woker. Ohne Framing, Copypaste. Dazu allerdings müssen Sie weiter (Umfragen) lesen. Freundliche Grüsse! Michael Walther

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