Kommentar

kontertext: «Elon Musk hat viel zu viel Macht»

Lupe © Depositphotos

Philipp May /  «Im Silicon Valley wird möglicherweise Demokratiezerstörung geprobt»: Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen zum Kampf um Twitter.

Red. – Zur aktuellen Auseinandersetzung um Twitter äusserte sich der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen im Gespräch mit dem Deutschlandfunk-Moderator Philipp May am 22.11.2022. Infosperber bringt hier eine gekürzte und aktualisierte Fassung dieses Radiogesprächs. 

Philipp May: Herr Pörksen, Sie sind gar nicht auf Twitter, warum nicht?

Ich nutze Twitter als ein phantastisches Recherchetool, das mir Ideen zuspielt, auf die ich sonst nie gekommen wäre. Und ich beobachte die Trends der Bewusstseinsbildung und der Gesellschaft gleichsam in Echtzeit. Auf Twitter, dem Nachrichtenkanal für jedermann, können wir die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Posten und Twittern betrachten. Ich bin fasziniert vom Hashtag, dem Rautezeichen. Es erlaubt eine Art Organisation ohne Organisation, die Schwärme ganz unterschiedlicher Menschen zusammenbringt. Denken Sie an #BlackLivesmatter, denken Sie an #MeToo – solche Bewegungen ermöglicht Twitter. 

Wieso wollen Sie selbst denn Ihre Gedanken nicht bei Twitter äussern? 

Die ehrliche Antwort lautet: Ich selbst kann mit der Echtzeit-Hektik nicht besonders gut umgehen. Ich bin verführt, immer nachzugucken, was kommt, was passiert, wer kommentiert, wer teilt, wer setzt ein Like. Kein eigenes Twitter-Konto zu haben, ist Selbsterziehung gegen die Verführbarkeit durch die Geschwindigkeit des Mediums und die Ablenkung vom konzentrierten Arbeiten. 

In letzter Zeit haben ja viele Politiker, auch Vieltwitterer, die Plattform verlassen, Kevin Kühnert, der Generalsekretär der SPD beispielsweise, oder Saskia Esken, Bundesvorsitzende der SPD, weil sie neben der Verrohung auch eine Verzerrung der öffentlichen Meinung beklagen, also, wenn man so will, viele riesige Blasen, die, selbst zusammengenommen, eben nicht die Wirklichkeit abbilden. Ist da was dran?

Natürlich ist da was dran, und wir haben ja twitternde Politiker erlebt, die sich auch extrem verkalkuliert haben. Nach dem Raketeneinschlag in einem polnischen Dorf, kürzlich, gab es ad hoc Reaktionen von Politikerinnen und Politikern, die sich als vollkommen falsch und vorschnell erwiesen haben. Der Rückzug aus Einsicht kann da natürlich eine Möglichkeit sein, aber es geht ja eigentlich um etwas anderes, jetzt aktuell: Elon Musk hat Twitter gekauft und tritt wie eine Mischung aus Autokraten, libertärem Ideologen, Internettroll und verantwortungslosem Spieler auf. Hier stellt sich die Frage: Wem gehört eigentlich Öffentlichkeit? Kann Öffentlichkeit so etwas sein wie Privatbesitz? Und: Natürlich kann man, wie geschehen, Twitter zwar kaufen, aber gehört es einem dann auch? Und wer bestimmt eigentlich, was hier geschieht? Wir erleben momentan einen hochinteressanten und berührenden Moment, weil man sieht, wie Userinnen und User um ihre Plattform und um das Kommunikationsklima auf ihrer Plattform kämpfen. Sie kämpfen mit Satire und scharfer Kritik, mit der Löschung von Accounts, dem Anlegen von Adressen auf der Alternativplattform und dem Kapern von Accounts. Das ist ein Lehrstück. Ausgang offen.

Musk hat damit gedroht, die Plattform insolvent gehen zu lassen, und er hat über seinen eigenen Rücktritt abstimmen lassen.  

Man wird sehen, was daraus wird. Und ob er sich an das Abstimmungsergebnis hält. Der Kern ist hier: Er verwandelt eine Plattform in ein Medium, dem er als Chefredakteur mit unumschränkter Macht vorsteht. Er agiert als der Typus des libertären Ideologen, der seine Staatsverachtung pflegt, der Wahlempfehlungen für die Republikaner ausspricht. Eigentlich ist es ein bestimmter Strang einer frühen Silicon-Valley-Ideologie, die man von den Hackerkonferenzen der 80er-Jahre kennt; das Motto: «Move fast and break things!» Sich schnell bewegen und Dinge kaputt machen, nicht darauf achten, was in der eigenen Umwelt passiert. Wir sehen auch an der Art, wie jetzt dieser tumultartige Aktivismus von Musk rezipiert wird, wie sehr sich das Image des Silicon Valley selbst geändert hat: vom Kultort, zu dem auch deutsche Medienmacher:innen pilgerten, hin zu einem Ort, an dem möglicherweise Demokratiezerstörung geprobt wird. 

So weit würden Sie gehen: Elon Musk als Gefahr für die Demokratie?

Ich persönlich bin jedenfalls der Auffassung, dass Öffentlichkeit kein Privatbesitz sein kann; dieser Gedanke ist zutiefst demokratiefeindlich. Man sieht hier, nebenbei bemerkt, das Grundparadox digitaler Kommunikation. Einerseits eine Öffnung des digitalen Raumes – eine wunderbare Entwicklung: Ganz viele Menschen, die vorher keinen Zugang zu Öffentlichkeit hatten, können sich jetzt zuschalten. Und auf der anderen Seite erleben wir eine totale Vermachtung des kommunikativen Raumes. Natürlich hat Elon Musk viel zu viel Macht und geht mit ihr erkennbar verantwortungslos um.

Nun hatte Twitter schon lange vor Elon Musk, noch unter dem sehr idealistischen Mitbegründer Jack Dorsey, Probleme. Schon damals gab es diesen teilweise verrohten Diskurs, fake Accounts, Fake-News usw. Das war aber gar nicht so wichtig, entscheidend war:  Die Plattform war hoch defizitär. Am Ende geht’s ums Geld. Das wirft auch die Frage auf, wo und wie eine solche Kommunikationsinfrastruktur angesiedelt und organisiert sein kann. Staatlich kann’s ja auch nicht sein. Oder doch?

Sie haben völlig Recht. Die Frage ist, wie reguliert man Plattformen so, dass sie den Kampf gegen Desinformation möglich machen und andererseits die Kommunikationsfreiheit und den Mündigkeitsgedanken nicht gefährden. Das ist die Schlüsselfrage unserer Kommunikationszukunft. Ich selbst war in den letzten Jahren intensiv im Silicon Valley unterwegs und habe die frühen Onlinegemeinschaften studiert, und da zeigen sich aus meiner Sicht doch interessante Modelle: Verzicht auf Werbung, also auch ein Verzicht auf Data-Mining, dann Abo-Modelle zur Finanzierung, eine sehr starke, ja fast exzessive Moderation, trotz der sehr liberalen Haltung. Es ist die Frühphase der sozialen Netzwerke, von der man heute durchaus nochmal lernen könnte. 

Sehen Sie denn eine Alternative zu Twitter? Mastodon? Halten Sie eine Massenabwanderung von Twitter für möglich? 

Ich bin da skeptisch, weil es einfach ungeheuer lange dauern würde, auch für viele Menschen, die sich jetzt über Jahre und Jahrzehnte ihre eigene Followerschaft aufgebaut haben, diese dann dort bei Mastodon wieder aufzubauen. Wir haben ja bei Mastodon ein dezentrales Netzwerk. Server sind häufig überlastet. Das hate speech-Problem ist auch dort nicht gelöst. Und es gibt etwas, was der Plattformanalytiker Michael Seemann mal mit einer hübschen Formulierung «den zwanglosen Zwang dominanter Standards» genannt hat, das heisst: man hat sich so sehr daran gewöhnt, wie Twitter funktioniert, dass man erst mal mit dem Vertrauten weiter arbeitet, auch wenn es jetzt Bekenntnislöschungen von Twitter-Accounts gibt, oder die eignen Mastodon-Adressen im Twitter-Account schon genannt werden, sodass man signalisiert, man wird sofort und unmittelbar umziehen, wenn sich die Situation weiter zuspitzt. 

Nur einer will offenbar nicht zurück, obwohl er dürfte: Donald Trump. Musk lässt ihn zurück auf die Plattform, hat die User darüber abstimmen lassen, vordergründig ganz demokratisch, aber es haben sich kaum Leute beteiligt. Ist Donald Trump wirklich noch eine Gefahr für die Plattform Twitter?

Natürlich, er hat ja den Nachrichtenzyklus über Twitter mit seinen mehr als 80 Millionen Followern weltweit bestimmt. Sie sehen hier, und das ist das Interessante und Brisante an dem Vorgehen von Elon Musk, ein aus meiner Sicht falsches, fehlerhaftes, bloss formales Verständnis von Meinungsfreiheit nach dem Motto: wir lassen Menschen abstimmen, und Menschen haben zugestimmt, also soll er zurück. Mit diesem Argument könnte man auch die Todesstrafe wieder einführen, oder die Leugnung des menschengemachten Klimawandels beschliessen. Und über dieses bloss formale Verständnis von Meinungsfreiheit und Neutralität muss in anderer Deutlichkeit gestritten werden.

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Transkription des Interviews: Felix Schneider 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Letzte Buchveröffentlichungen: «Die Kunst des Miteinander-Redens» (gemeinsam mit dem Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun) sowie «Digital Fever. Taming the Big Business of Disinformation» (Palgrave MacMillan). 
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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6 Meinungen

  • am 3.01.2023 um 11:53 Uhr
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    Diese Sozialen Netzwerke und andere Datensammelkraken bringen nichts gutes!
    Mal abgesehen von personalisierter Werbung werden die User manipuliert ohne es zu merken.
    Algorythmen analysieren jede einzelne Person und kennen sie so gut, das es ein leichtes ist mit Hilfe von Werbung und Postings die bestimmte Meinungen vertreten oder Zwecke verfolgen, die jeweiligen Personen über die Zeit in ihrer Meinung, aber auch in ihrer Persönlichkeit zu manipulieren.

    Nach anfänglicher Neugier und anschliessender Begeisterung habe ich schon lange keine Accounts in sozialen Netzwerken mehr. Das Denken und die Meinungsbildung ist viel bunter und interessanter geworden.
    Ausser das man sich verrät und verkauft oder dumm-dusselig in der Öffentlichkeit blamiert und die Unternehmen bereichert, sehe ich keinen Zweck dieser Netzwerke

    3
  • am 3.01.2023 um 13:01 Uhr
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    Der Artikel ist nicht wirklich erhellend: Verzicht auf Werbung, Verzicht auf Data-Mining, Finanzierung durch Abo tönt recht überzeugend. Aber heisst das, dass soziale Netzwerke mit Werbung und Data-Mining verboten werden sollen? Und mit welcher Begründung? Gratiszeitungen waren und sind auch nicht verboten.
    Und «fast exzessive Moderation» wirft die alles entscheidende Frage auf, wer da «fast exzessiv moderiert». Herr Musk oder Herr Dorsey, AfD oder SPD?
    Persönlich ist Herr Pörksen immerhin konsequent: Er ist nicht auf Twitter. Wenn das alle Menschen machen, ist das Problem gelöst.

    0
  • am 3.01.2023 um 13:15 Uhr
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    P.: «Ich persönlich bin jedenfalls der Auffassung, dass Öffentlichkeit kein Privatbesitz sein kann; dieser Gedanke ist zutiefst demokratiefeindlich.»
    War sie das nicht zu lange?
    Natürlich kennt P. die bald 60 Jahre zurückliegenden Feststellungen der konservativen Journalistengröße Paul Sethe. Hier nachzulesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Sethe
    «Sein wohl berühmtester Ausspruch stammt aus einem Leserbrief im Spiegel vom 5. März 1965: „Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten.“[8] Dort hieß es auch: „Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher.“ […] Des Weiteren stellt Sethe fest, dass „[f]rei ist, wer reich ist. Das ist nicht von Karl Marx, sondern von Paul Sethe.“[10] Da Journalisten nicht reich seien, seien sie auch nicht frei.»
    200 war einmal.

    1
  • am 3.01.2023 um 15:42 Uhr
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    Ich habe immer ein Problem wenn jemand «weiss» was die «Wahrheit» ist und Fake bekämpfen will. Auch Herr May weiss anscheinend was wahr und was fake ist. Wie soll man da einem Konzern das Vertrauen entgegenbringen dies zu bestimmen. Um so mehr als man ja gesehen hat (Twitter files), dass Regierung, CIA, Pentagon etc. aktiv die Twitter Moderatoren beeinflusst haben. Da ist mir der extrem liberale Ansatz lieber und die Verantwortung beim Leser selbst zu belassen was er sehen will. Eine Entmündigung durch wen auch immer ist abzulehnen. Man kann ja Kanäle die einem nicht passen abschalten. In diesem Sinne begrüsse ich die aktuelle Stossrichtung von Herrn Musk.

    1
  • am 3.01.2023 um 18:13 Uhr
    Permalink

    Zitat: «nach dem Motto: wir lassen Menschen abstimmen, und Menschen haben zugestimmt, also soll er zurück. Mit diesem Argument könnte man auch die Todesstrafe wieder einführen, oder die Leugnung des menschengemachten Klimawandels beschliessen.»
    «über dieses bloss formale Verständnis von Meinungsfreiheit und Neutralität muss in anderer Deutlichkeit gestritten werden.»

    Das heisst, zur Todesstrafe gibt es offensichtlich unterschiedliche Meinungen (siehe USA, Japan, China usw.) Oder «menschengemachter Klimawandel», eine Theorie, die als Fakt dargestellt wird (wie die Erdscheibe gegen die Erdkugel).
    Was soll da eine «offizielle» Meinung bringen? Die ist doch nur Manipulation des Volks.

    0
  • am 4.01.2023 um 08:53 Uhr
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    «Elon Musk als Gefahr für die Demokratie»
    Könnte man nicht die gleiche Frage auch für andere Milliardäre wie Gates, Soros, Zuckerberg, Schwab u.A stellen? Musk ist wohl deshalb eine Gefahr, weil er am Lack anderer Globalisten herumkratzt.
    Er war einer der ersten, welcher Zweifel an der Covid Testerei hatte. Er liess sich sich mehrmals mit dem Antigen Schnelltest testen heraus kam „Zwei positiv, zwei negativ“. Dann liess er bei Twitter kritische Ärzte und Wissenschaftler wieder entsperren. Eine Gefahr für die Demokratie ist eher, wenn andere Erkenntnisse, Meinungen, Ansichten, welche keine Gesetzesverstösse darstellen unterdrückt. Wie gefährlich sind Faktenfüchse und Correktive für die Demokratie?

    https://www.infosperber.ch/politik/lobbys/grosse-medien-sind-mit-einaeugigen-faktencheckern-verbandelt/

    0

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