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Geld macht frei - und schafft Abhängigkeiten. © kschneider2991

Ringier: Journalismus im Zwielicht

Rainer Stadler /  Ringier-Chef Marc Walder hat Aussagen gemacht, die ein gefundenes Fressen für die Gegner des Mediengesetzes sind.

Via «Nebelspalter» kam Ende Dezember ein zweieinhalbminütiges Video in Umlauf, das den CEO von Ringier, Marc Walder, in die Bredouille bringt. In dem auch auf Youtube greifbaren Dokument ist zu hören, wie Walder in Bezug auf die Corona-Pandemie sagt: «Wir wollen die Regierung unterstützen durch unsere mediale Berichterstattung, [so] dass wir alle gut durch die Krise kommen.» Diesen Leitsatz hat der Ringier-Chef allen Redaktionen in seinem internationalen Reich mitgeteilt, wie er sagte.

Die Aussage machte er laut dem «Nebelspalter» am 21. Februar 2021 an einem Anlass der Schweizerischen Management-Gesellschaft (SMG). Auf der Website der SMG wird nur ein Auftritt von Walder am 3. Februar 2020 dokumentiert. Seine auf dem Video hörbaren Äusserungen machen aber klar, dass sie Walder nicht schon zu Beginn der Pandemie gemacht hat. Jedenfalls hat der Ringier-CEO gegenüber dem «Nebelspalter» die Aussagen nicht bestritten. Seine Stimme und seine Sprechweise sind darauf gut erkennbar.

Die Verantwortung der Medien

Walder verweist im Video auf die deutschen Medien, die «unglaublich hart» gegen die Regierung ausgeteilt hätten, weil diese zu wenige Impfdosen bestellt habe – Walder dachte da wohl an die «Bild»-Zeitung, die unter dem im Herbst entlassenen Chefredaktor Julian Reichelt zuweilen hart zugriff und deswegen von anderen Redaktionen kritisiert wurde. Laut Walder hätten auch die «Blick»-Organe deutlich härter vorgehen können, aber das bringe niemandem etwas: «Die Medien dürfen nicht einen Keil treiben zwischen die Gesellschaft und die Regierung», so Walder. Mit Blick auf Deutschland macht er die Medien dafür verantwortlich, dass es an Demonstrationen zu gewalttägigen Ausschreitungen gekommen sei.

In «dieser historischen Krise» hätten die Medien eine zusätzliche Verantwortung, sagte Walder weiter. Er bat die Zuhörerschaft darum, seine Aussagen nicht weiterzuerzählen – eine illusorische Bitte, auch wenn es etwas gedauert hat, bis der Gesprächsausschnitt an die Öffentlichkeit gelangte. Doch das Video spielt den Gegnern des Medienhilfspakets direkt in die Hände. Sie publizierten die Zitate zu einem für sie idealen Zeitpunkt. Die Propaganda zur Volksabstimmung im Februar läuft nun an.

Der Schaden ist angerichtet

Walders Einschätzung der deutschen Medien widerspricht diametral jener von Mathias Döpfner, dem Geschäftsführer von Axel Springer. Im vergangenen Herbst war auf Grund einer perfiden Indiskretion des Schriftstellers Benjamin Stuckrad-Barre bekannt geworden, dass Döpfner in einer SMS die meisten deutschen Journalisten mit Blick auf die Corona-Berichterstattung als Propaganda-Assistenten eines neuen DDR-Obrigkeitsstaates bezeichnet hatte. Döpfner versuchte im Nachhinein die Aussage zu relativieren – doch der Schaden war angerichtet.

Nun haben bereits zwei Chefs von grossen Mediengruppen Äusserungen gemacht, die das Image des hiesigen Journalismus aushöhlen. Die Kritiker der Corona-Massnahmen können jetzt zwei Kronzeugen zitieren, die ihre Meinung bekräftigen, dass «die» Medien viel zu unkritisch und zu regierungsnah das Pandemie-Management der Behörden begleiten würden.

In einer akuten Phase einer Grosskrise mag es kurzfristig angebracht sein, mit Kritik zuzuwarten, bis ein bisschen Klarsicht möglich ist. Die wichtigste Aufgabe des Journalismus bleibt jedoch, Fakten zusammenzutragen, zu analysieren und zu bewerten – gemäss den Werten der Aufklärung und unabhängig davon, wie eine Behörde die Realität darstellt und zu gestalten versucht. Es kann sinnvoll sein, dass Redaktionen auf boulevardeske Überzeichnungen verzichten und die Tonlage mässigen, um inmitten einer Krise eine Eskalation zu vermeiden. Auch Medien sollten daran interessiert sein, zur Lösung einer Krise beizutragen, aber bestimmt nicht in informeller Absprache mit einer Regierungsstelle.

Abhängigkeit von wem?

Walders fragwürde Aussagen gefährden die Glaubwürdigkeit der Ringier-Titel. Aber nicht nur das. Die Gegner des Medienhilfspakets werden die Äusserungen als vorauseilenden Gehorsam gegenüber den Behörden interpretieren und als Beweis dafür sehen, dass zusätzliche staatliche Geldspritzen die Abhängigkeit der Redaktionen verstärken werden. Staatliche Stellen dürfen allerdings die Medienhilfsgelder – sofern das Volk diese im Februar bewilligt – nicht willkürlich zuteilen, sondern nur gemäss gesetzlichen Regeln. Einen Verstoss gegen diese können die Betroffenen einklagen. Insofern sind die Redaktionen nicht den Launen staatlicher Organe ausgeliefert. Sie können ohne Furcht vor Repressalien handeln und kritisieren. Abhängig sind die Medienhäuser vielmehr von den Volksvertretern, welche über die Medienhilfe befinden.

Die Gegner einer staatlichen Medienförderung legen zu Recht Wert auf die Unabhängigkeit des Journalismus. Dieser Anspruch muss jedoch nicht nur gegenüber staatlichen und politischen Organen durchgesetzt werden, sondern gegenüber allen Machtfaktoren, also auch gegenüber wirtschaftlichen Akteuren. Dazu gehört ebenso sehr eine Verpflichtung auf Transparenz und eine klare Rollenverteilung. Philipp Gut, der für den «Nebelspalter» und lokale Websites Marc Walders Aussagen skandalisierte, tritt als Journalist auf und betreibt gleichzeitig eine Kommunikationsagentur. Er ist zudem Geschäftsführer eines Abstimmungskomitees gegen das Medienpaket. Der «Nebelspalter» verschweigt das. Solche Doppel- und Mehrfachrollen passen nicht zu einem unabhängigen Journalismus. Zumindest müssten sie offengelegt werden.


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8 Meinungen

  • am 3.01.2022 um 11:42 Uhr
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    Die Unabhängigkeit des Journalismus in diesem kleinen Land insbesondere grosser Medienorganisationen ist eine Illusion. Es wird in kritischen Fällen selektiv und politisch informiert und das muss sich der Leser/in bewusst sein. Es geht soweit, dass Fairness und Wahrheit ignoriert wird zB. als Rinigier einer der wichtigsten Grundsätze des Journalismus «Quellenschutz» mit Füssen getreten hat:

    https://fairmedia.ch/2021/12/06/wie-die-medien-im-fall-elmer-versagten/

    Es noch schlimmer, dass auch ein Schweizer Presserat sich als Hüter des professionellen Journalismus ganz «grobe Schnitzer» (vielleicht sogar politisch motivierte) erlaubte z.B.

    1) den Quellenschutz mit vorgeschobenen Argument in der Causa Elmer nicht schützt
    https://presserat.ch/complaints/ablauf-der-beschwerdefrist/

    2) Die Weltwoche, d.h. Roger Köppel wegen Persönlichkeitsverletzung «Datendieb» und «Verräter» in der Causa Elmer verurteilt wurde, hingegen der Schweizer Presserat diese Begriffe in seinem Urteil als zulässig für Whistleblower Rudolf Elmer qualifiziert.
    https://presserat.ch/complaints/wahrheitspflicht-anhren-bei-schweren-vorwrfen-unschuldsvermutung-anonyme-anschuldigungen/

    Schlussfolgernd werden nun kleine Medieninstitute für das Fehlverhalten der grossen Institute an der nächsten nationalen Abstimmung abgestraft, was mich stört, doch für mich verständlich ist, denn es geht um die vierte Gewalt im Staat. Die darf keine Illusion sein!

    0
  • am 3.01.2022 um 16:33 Uhr
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    Oho, wer hätte das gedacht!? Politik und Presse unter einer Decke. Woher kennt man das nur? Dass Walder seine Zuhörerschaft darum bittet, seine Aussagen nicht weiterzuerzählen, offenbart ja deutlich sein schlechtes Gewissen dabei. Natürlich haben die Medien in «dieser historischen Krise» eine zusätzliche Verantwortung. Nämlich offen, kritisch und unabhängig zu berichten. Zugegeben, in diesem Fall nicht ganz einfach, wo eine geballte Macht aus Lobby und pharmagläubiger Wissenschaft ein apokalyptisches Szenario aufgebaut hat, das zu erheblichen Einschränkungen unserer bürgerlichen Freiheiten führte. Aber gerade unter diesen Voraussetzungen wäre es so wichtig wie noch nie gewesen, den Ball möglichst flach zu halten, um möglichst keine Angst und Panik zu befeuern. Das hat aber fast die gesamte Presse unisono missachtet. (Mit wenigen löblichen Ausnahmen, wie z.B. der IS).

    P.S.
    Die Neue Zürcher Zeitung schrieb zur Verabschiedung des NS-Schriftleitergesetzes:
    „Infolgedessen wird die Aufgabe der Presse von Grund aus verändert. Sie besteht wesentlich darin, nicht mehr zu diskutieren, sondern zu interpretieren und die Entschlüsse der Regierung mit den Argumenten unterbauen zu helfen, die sie beizubringen vermag.“
    Max Ruchner: Bemerkungen zum deutschen Schriftleitergesetz. In: Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 10. Oktober 1933

    0
    • am 5.01.2022 um 14:59 Uhr
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      Sehr geehrter Herr Jud,
      ich bin vollständig mit Ihnen einverstanden und finde auch Ihre Informationen sehr wichtig. Sie schreiben:
      «Aber gerade unter diesen Voraussetzungen wäre es so wichtig wie noch nie gewesen, den Ball möglichst flach zu halten, um möglichst keine Angst und Panik zu befeuern. Das hat aber fast die gesamte Presse unisono missachtet. (Mit wenigen löblichen Ausnahmen, wie z.B. der IS : und nun meine Ergänzung «Weltwoche daily» J.G. ).
      Darf ich noch anfügen, dass für mich die Weltwoche in der Hand des SVP-«Blocher-Jüngers» Köppel bis vor kurzem ein rotes Tuch war. Zum Glück bin ich vor kurzem über meinen eigenen Schatten gesprungen und habe mich für ein Abo von «Weltwoche daily» eben dieses Mannes, Besitzer und Chefredaktor. Und ich muss gestehen: Ich möchte Herr Köppels so frische, humorvolle, parteibüffellose, spannende, eigenwillige, mutige und ehrliche Morgensendung nicht mehr missen. Gestatten Sie mir bitte, dass ich ihre Klammer etwas ergänze.

      0
  • am 3.01.2022 um 17:27 Uhr
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    Auch wenn Herr M.Walder ueber ein umfangreiches Medien-Imperium «verfuegt» muesste er wissen,
    dass Beitraege wie dieses Video ausser für Ringier-Leute wenig bis keinen Sinn machen. Ueberdies glaenzt ua der Bilci/Sobli pausenlos mit den fast schon Weihräucherartigen Pro-Bundesrat Kommentaren.
    schade – fuer ein vermeintlich unabhaengiges Medium und bedauerlich, dass sich die
    Leserschaft pausenlos mit pro-BR/BAG Kommentaren herumschlagen muss.

    0
  • am 3.01.2022 um 18:35 Uhr
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    Von irgendwem ist die Presse immer abhängig. Vom Staat mit Briefmarken, von der Werbung mit Werbung oder vom Abonnenten. Oder von einem Milliardär wie Blocher. Ist mir der halbwegs demokratische Staat am liebsten.

    9
  • am 3.01.2022 um 18:56 Uhr
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    «In «dieser historischen Krise» hätten die Medien eine zusätzliche Verantwortung…»? Damit bin ich absolut einverstanden. Nur verstehe ich das wohl ziemlich anders als Marc Walder. Und ich bin mit meiner Meinung nicht allein. Schon nur, dass die sogenannten «Leitmedien» DIES nicht zu verstehen scheinen, beunruhigt mich zutiefst. Sind sie wirklich nicht fähig zur Distanz, zur Aussensicht, zum Wechsel auf die Metaebene? Haben die Journalisten wirklich so wenig Ahnung von den einfachsten Grundlagen der Kommunikation oder werden sie aktiv behindert? Die Aussagen von Marc Walder legen letzteres nahe. Dass jetzt die Gegner des Medienhilfspakets die Situation ausschlachten, ist nur logisch. Sie agieren von rechts und staatsfeindlich. Dass dies möglich ist, hat allerdings viel mit diesem Staat selber zu tun, der sich je länger je mehr zurückdrängen lässt. «Staatsmedien» waren in einem demokratischen Staat einst ein Garant für Unabhängigkeit, für Journalismus, der nicht den Zwängen des Marktes, sprich: des Boulevards ausgesetzt war. Und von links kam nie eine ernsthafte Gegenwehr gegen diese Demontage. Da haben sich die linken Kräfte mit ihrem Hang zum Anarchismus ins eigene Knie geschossen, überkompensieren jetzt mit völlig unverständlicher Staatstreue und Abwesenheit in den Reihen der Coronakritiker.

    1
    • am 6.01.2022 um 21:29 Uhr
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      «Dass jetzt die Gegner des Medienhilfspakets die Situation ausschlachten, ist nur logisch. Sie agieren von rechts und staatsfeindlich.»
      Gegner des Medienhilfspakets und/oder rechts = staatsfeindlich
      Du meine Güte!

      0
  • am 3.01.2022 um 19:49 Uhr
    Permalink

    Die Medien müssen laut Ringier-CEO Marc Walder dafür sorgen, dass während der Pandemie kein Keil zwischen die Bevölkerung und die Regierung getrieben wird. Und das soll rechtfertigen, dass man in dieser Zeit möglichst regierungskonform Bericht erstattet.

    Dass aber ein Keil zwischen die Bevölkerung getrieben wird, scheint weder diese Medien noch die Regierung zu interessieren. Man könnte sogar das Gefühl bekommen, dass das noch aktiv gefördert wird.

    Und wir sollen noch Vertrauen in die Regierung und in die Medien haben?

    0

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