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Im Kampf gegen linke Medienwächter verwenden die französischen «Korsaren» Klischees von Seemannshelden. © jackma34

Rechte mobilisieren gegen linke Online-Aktivisten

Rainer Stadler /  Mit Aufrufen zu Werbeboykotten versuchen Linke, rechtslastige Medien zu torpedieren. Nun formiert sich Widerstand.

Nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten sind auch die Auseinandersetzungen um die Deutungshoheit und die publizistischen (Un-)Sitten im Internet heftiger geworden. Im November 2016 gründeten Nandini Jammi und Matt Rivitz die Organisation «Sleeping Giants», mit der sie den Kampf gegen lügnerische, rassistische, sexistische, fremdenfeindliche und antisemitische Äusserungen im Netz aufnahmen. Faktisch hiess dies, dass vor allem Online-Medien am rechten Rand ins Visier gerieten, nicht zuletzt «Breitbart» mit seinem damaligen Aushängeschild Steve Bannon. Jammi und Rivitz operierten zuerst anonym; 2018 bekannten sie sich in der «New York Times» dazu.

Die Sleeping Giants rufen via Twitter Werbeauftraggeber dazu auf, keine kommerziellen Botschaften auf den kritisierten Plattformen zu platzieren. Einige Unternehmen tun dies teilweise ohne ihr Wissen, denn ihre digitalen Werbespots werden automatisch dort aufgeschaltet, wo Computerprogramme die potenzielle Kundschaft identifiziert haben. Programmatic Advertising heisst diese Marketingpraxis, welche die trügerische Hoffnung weckt, man könne nun in der digitalen Ära Werbegelder ohne Streuverluste ausgeben. Dabei unterschätzen die Firmen das Risiko, dass die Inserate auch auf Websites auftauchen, die rufschädigend sein können.

«Breitbart» schlägt zurück

Etliche Unternehmen reagierten auf die Aufforderungen der Sleeping Giants und setzten einige Online-Medien auf den Index. Gegenreaktionen blieben nicht aus. Nachdem etwa Kellogg’s Inserate auf «Breitbart» zurückgezogen hatte, bezeichnete das Online-Medium dieses Vorgehen als Angriff auf die Konservativen, listete Produkte der Firma auf und ermunterte das Publikum zum Gegenboykott. Zehntausende folgten innert Kürze dem Aufruf. Derlei Gegenaktionen haben allerdings selten eine lange Wirkung.

Die «Schlafenden Riesen» mischten sich auch in Europa ein. Etwa in Frankreich, wo sie Medien wie das 1966 von Raymond Bourgine gegründete Magazin «Valeurs actuelles» und den Fernsehsender CNews angriffen, der mit der Talkshow «Face à l’info» die Karriere des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Eric Zemmour förderte. Zemmour war dort bis zu seiner Kandidatur Dauergast.

Die Korsaren greifen ein

Die Versuche, den rechten Kanälen durch Werbeboykotte das Wasser abzugraben, erregten den Missmut von rechten Akteuren. Sie schritten gemäss Medienberichten zur Tat. Im Herbst versammelten sie sich unter dem historisierenden Namen «Les Corsaires de France». Wie es auf ihrer Website heisst, sehen sich die Korsaren als Flottenführer, die ihre Schiffe zwischen jenen der Piraten und der Handelsleute positionieren, um so den freien Warenverkehr zu schützen. Im übertragenen Sinn heisst das: Es geht um die Verteidigung der Meinungsfreiheit.

Auf ihrer Website zeigen die Korsaren zahlreiche alte Segelschlachtschiffe und Seeschlachten; zu jedem Bild nennen sie einen Werbeauftraggeber. Beispielsweise die Staatsbahn SNCF. Dazu halten sie fünf Textvorschläge bereit. Diese sind leicht kopierbar und können schnell als Twitter-Botschaften eingesetzt werden, um SNCF darauf aufmerksam zu machen, dass es falsch wäre, CNews zu boykottieren. Ob die Gegenattacken einen gewissen Erfolg haben, bleibt offen. Gemäss einem Bericht von Streetpress sagte ein Vertreter von Sleeping Giants, dass die Korsaren nur eingriffen, wenn es um CNews oder «Valeurs actuelles» gehe, nicht aber, wenn die rechten Plattformen «France Soir» und «Rivarol» von Werbeboykotten betroffen seien.

Die Korsaren praktizieren auch sogenanntes Typosquatting. Sie kaufen Internet-Adressen, die ähnlich lauten wie jene von Sleeping Giants und nur ein paar abweichende Buchstaben enthalten. Ziel ist es, Nutzer, welche die schlafenden Riesen suchen und dabei unbeabsichtigt auf falsche Tasten drücken, auf die Website der Korsaren zu locken.

Ihre Identität geben die Korsaren nicht preis. Die französische Website «L’ADN» suchte nach digitalen Spuren der Aktivisten. Wie sie Anfang Dezember schrieb, entdeckte sie unter den Unterstützern einen Anhänger der Patriotes, der Partei von Florian Philippot, einem ehemaligen Mitglied des Front National. Ferner fand sie auf Facebook Sympathisanten, die bei der Kommunikationsagentur NewSoul arbeiten. Deren Chef war im Umfeld von Abtreibungsgegnern aktiv. Er verneint eine Verbindung zu den Korsaren, bekundet aber Sympathie für deren Anliegen.

Eine gefährliche Waffe

Werbeboykotte haben eine lange Geschichte. Zur Jahrtausendwende empörten sich kulturkritische Kreise über «Big Brother» und ähnliche TV-Shows. Mit einem Aufruf zum Entzug von Werbegeldern hofften sie, Medienunternehmen dazu zu bringen, auf den Pfad der publizistischen Tugend zurückzukehren. Sie hatten keinen Erfolg.

Werbeboykotte sind dennoch eine gefährliche Waffe. Früher bekamen das vor allem linke Medien zu spüren. Unternehmen haben das Recht, Werbebotschaften nach ihrem Gutdünken zu platzieren. In erster Linie sollten sie sich danach ausrichten, was ihren Geschäften Erfolg bringt – unabhängig von der Frage, wie ein jeweiliger Medienanbieter weltanschaulich ausgerichtet ist. Wenn sich ein Organ über fundamentale Werte wie die Menschenrechte hinwegsetzt, sind Werbeboykotte legitim. Wer jedoch seine Ausgabenpolitik einem engen weltanschaulichen Begriff unterwirft und entsprechendes publizistisches Wohlverhalten erwartet, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Meinungsfreiheit zu beeinträchtigen.


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2 Meinungen

  • am 2.01.2022 um 13:57 Uhr
    Permalink

    Ich stimme zu, dass Werbeboykotte quasi den «totalen Krieg im liberalen Totalitarismus» darstellen, wo alle Bereiche der Gesellschaft politisiert und nur noch ideologisch betrachtet werden.
    Beim Thema Menschenrechte muss ich hingegen nachfragen: welche Menschenrechte? Zu oft wird in dieser Dekade der Begriff Menschenrechte angeführt, wenn es um machtpolitische Interessen geht. Das Recht auf täglich Essen sehe ich auf einer ganz anderen Stufe als Rechte wie Demonstrieren, Wählen, oder gar Urlaub – auch wenn alle in der Deklaration drinstehen.

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  • am 8.01.2022 um 16:09 Uhr
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    Ich erinnere, als Urs P. Gasche Chefredaktor der Bernerzeitung war. Das war vor vielen, vielen, vielen Jahren und also bin ich schon ein alter Knochen.
    Damals wagte es Urs P. Gasche den längst fälligen Themebereich Chemie in der Landwirtschaft in einer Artikelserie zu recherchieren. Ich habe keine Meinung zum Inhalt jener Artikelserie, weil ich sie nicht mehr im Detail erinnere. Jedoch muss man sich im klaren sein, dass in der Schweizer Landwirtschaft dazumal ein vielfaches an Giften und Kunstdüngern pro Hektar verbraucht wurden. Und es waren Gifte dabei, für ein Bauer von heute ein paar Monate im Gefängnis schmoren würde.
    Der Landwirtschaft an den Karren fahren im Kanton Bern der 80er Jahre?
    Der Verleger von Graffenried bekam Briefe von Inseratekunden und man drohte mit Inserateboykott. Es war einer der Gründe, weshalb Urs P. Gasche die Stelle bei der Berner Zeitung verlor. Wir jungen Vegetationsökologen hatten grosses Mitleid. Aber dann konnte er ja beim Kassensturz so richtig durchstarten.

    N.B: Leider haben die Grünen von heute schlicht nicht mitbekommen, wie gründlich die Landwirtschaft von heute die Forderungen von damals bereits verwirklicht hat.

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