Kommentar

Die «NZZ» macht Politik mit der Tragödie von Crans-Montana

Marco Diener © zvg

Marco Diener /  Sollen wir vor dem Besuch von Restaurants und Bars eine Brandschutz-Inspektion vornehmen? Der «NZZ»-Chefredaktor findet: Ja.

Unter dem Titel «Der Horror in den Alpen» veröffentlichte «NZZ»-Chefredaktor Eric Gujer einen langen Leitartikel zur Tragödie von Crans-Montana. Kernfrage: «Wie krank ist unsere Spassgesellschaft?»

Er beschreibt und kritisiert: «Noch im Moment der höchsten Gefahr, als das Feuer bereits die Decke des Kellers erfasst hatte, tanzten die jungen Gäste ausgelassen. Es war wichtiger, die züngelnden Flammen mit dem Handy zu filmen, als sich in Sicherheit zu bringen. Was am frühen Neujahrstag in der Bar ‹Le Constellation› seinen Lauf nahm, kann als Sinnbild für eine enthemmte Spassgesellschaft und die Krise der Eigenverantwortung gelten.»

«Irrationales Vertrauen in Feuerpolizei»

Dann driftet Gujer in seine neoliberale Gedankenwelt ab. Er schreibt: «Die Kehrseite der Spassgesellschaft ist das Verschwinden der Selbstverantwortung und eine schleichende Entmündigung. Es sind nicht nur die Angehörigen der Generation Handy, die ein irrationales Vertrauen darin setzen, dass Feuerpolizei und Bauämter eine Kellerbar penibel inspizieren.»

Mit anderen Worten: Wir sollten vor dem Besuch eines Restaurants, einer Bar, eines Konzertlokals oder einer Sporthalle alles selber untersuchen. Das Material der Deckenverkleidung analysieren. Die Treppen eigenhändig ausmessen. Das Personal richtig instruieren. Jeder Besucher ein kleiner Brandschutzkontrolleur!

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«NZZ»-Chefredaktor Eric Gujer: Er beklagt «irrationales Vertrauen in Feuerpolizei und Bauämter».

«Wir haben uns angewöhnt, die Verantwortung für unsere Sicherheit an öffentliche Stellen wie die Feuerpolizei zu delegieren», hat Gujer festgestellt. Und er hat recht. Genau das haben wir uns angewöhnt. Weil es entsprechende Vorschriften gibt. Weil Personal dafür angestellt ist. Weil wir Steuern dafür bezahlen. Und vor allem: weil wir dazu nicht selber in der Lage sind.

«Eine Rundumbetreuung»

Aber Gujer möchte wohl am liebsten aus dem Staat Gurkensalat machen, wie es die Jugendbewegung in den frühen 80er-Jahren propagierte. Er beklagt: «Die Sozialpolitik nimmt uns die Sorge um den Lebensunterhalt.» Unsere Gesellschaft erwarte «eine Rundumbetreuung.»

Schliesslich behauptet er sogar «Auch unsere Gesundheit machen wir zur Sache des Staates. Er soll mit Verboten für Zucker und Fett richten, wozu seine Bürger offenkundig nicht mehr fähig sind: auf die eigene Ernährung zu achten.»

Dabei redet niemand einem Verbot von Zucker und Fett das Wort. Die gegenwärtigen Diskussionen drehen sich vielmehr um eine Reduktion von Zucker und Fett in Fertigprodukten und um eine bessere Deklaration. Aber Gujer geht offenbar davon aus, dass nicht nur jeder sein eigener Brandschutzkontrolleur sein sollte, sondern auch sein eigener Ernährungsberater.

Der Chefredaktor der «NZZ» analysiert nicht die Katastrophe von Crans-Montana – er nutzt sie für seine Politik!

«USA schneiden am besten ab»

Schliesslich stimmt Gujer ein Loblied auf die USA an: In Bezug auf die «Widerstandskraft einer Gesellschaft» würden «die USA noch immer am besten abschneiden». Was er damit meint, ist unklar. Die Widerstandskraft gegen einen Präsidenten, der gleichzeitig sein eigenes Land ausnimmt und den Rest der Welt in Angst und Schrecken versetzt?

Kritik an den USA lässt er nicht gelten: «Es ist in Europa Mode geworden, Amerika als ein von Populismus und Polarisierung zerfressenes Land im Niedergang zu beschreiben. Dabei sind individuelle Freiheit und Verantwortung gross – und damit die Fähigkeit, mit Unbill aller Art fertigzuwerden.»

Ob er dabei ans Waffenrecht in den USA gedacht hat?

Und was das wohl mit der Tragödie von Crans-Montana zu tun hat?

«Die Spasskultur hat die Politiker, die sie verdient»

Der Rundumschlag von «NZZ»-Chefredaktor Eric Gujer gipfelt in der Feststellung: «Die Spasskultur hat die Politiker, die sie verdient.» Gujer fordert zudem den Rücktritt des Gemeindepräsidenten von Crans-Montana, Nicolas Féraud.

Möglicherweise hat sich der Chefredaktor nicht die Mühe gemacht, sich über die politische Zusammensetzung der Kantons- und der Gemeinderegierung zu machen. Sie sind beide durch und durch bürgerlich. Die Sitze sind wie folgt verteilt:

  • Kantonsregierung: 2 Mitte, 1 FDP, 1 SVP, 1 SP.
  • Gemeinderegierung: 3 Mitte, 2 FDP, 1 SVP, 1 Mouvement Démarche Citoyenne.

Besonders interessant ist die Rolle der FDP, der die «NZZ» seit jeher nahesteht. Stéphane Ganzer – in der Walliser Regierung für die Sicherheit zuständig – ist ein Freisinniger. Und Nicolas Féraud, der erwähnte Gemeindepräsident, den Gujer zum Rücktritt auffordert, ebenfalls.


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3 Meinungen

  • am 13.01.2026 um 11:18 Uhr
    Permalink

    Mit andern Worten: Das Volk wählt die unzuverlässigen Kontrolleure!

  • am 13.01.2026 um 13:40 Uhr
    Permalink

    Es stimmt, wir vertrauen darauf, dass öffentlich Infrastruktur funktioniert, dass die Restaurants z.B. ihre Hygienevorschriften kennen und einhalten, wir können nicht alles selbst kontrollieren. Aber wenn ich eine enge Treppe in ein Kellerlokal runtergehe, dann gucke ich schon, wo der Notausgang ist, und ich verlasse mich darauf, dass er nicht abgeschlossen ist. Und in einem überfüllten Saal, überlege ich schon, wie ich da rauskomme. Aber ob Fluchtwege vorhanden sind, dass Notausgänge vorhanden und unverschlossen sind, darauf muss ich mich verlassen können. Wenn jeder Passagier überprüfen müsste, ob der Nothalt im Zug funktioniert, dann würde kein Zug mehr fahren.

  • am 14.01.2026 um 05:44 Uhr
    Permalink

    Besuche ich eine öffentliche Einrichtung gehe ich davon aus, dass ich als Teil meiner Bezahlung der Dienstleistung die ich beanspruche die notwendigen Massnahmen mit finanziere damit diese auch sicher ist. Treu und Glaube.
    Hr. Gujer ist nach meiner Erfahrung dafür bekannt, dass er sich die Wahrheiten so zurechbiegt, dass sie in sein gewünschtes Weltbild passen. Das ist schlussendlich aus privater Sicht jedem sein Ding. In seiner öffentlichen Funktion als Chefredakteur einer grossen Tageszeitung vergisst er aber wie es scheint, welche Verantwortung er gegenüber der Gesellschaft hat.

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