interview-905535_1920

Mit einem Betrug erschlich sich ein BBC-Journalist ein Interview mit Prinzessin Diana. © Tumisu

Die allzu häufigen Skandale der BBC

Rainer Stadler /  Wie ein Schleim legen sich Skandale über die jüngere Geschichte der BBC. Ein gefundenes Fressen für deren Gegner.

Die BBC hat schwer versagt, als sie vor einem Vierteljahrhundert ein aufsehenerregendes Interview mit Prinzessin Diana brachte, welches auf Grund von erfundenen Bankkonto-Auszügen zustande gekommen war. Ein Untersuchungsbericht hat das betrügerische Vorgehen des damaligen BBC-Journalisten Martin Bashir nun offengelegt.

Es ist keineswegs der einzige Skandal, den der weltbekannte britische Sender zu verantworten hat. Vor fünf Jahren befasste sich eine Untersuchung mit dem Skandal um den 2011 verstorbenen Starmoderator Jimmy Savile. Dieser missbrauchte während Jahrzehnten zahlreiche Kinder, ohne je ertappt zu werden. Gerüchte darüber gab es zwar schon lange. Doch verschlossen weite Kreise ihre Augen vor den Taten, oder sie halfen gar dabei, sie zu vertuschen. Laut dem Bericht war das nur möglich gewesen wegen schwerer Unterlassungen durch die BBC. Im Sender habe eine Angstkultur geherrscht. Die Mitarbeiter hätten sich davor gefürchtet, Beschwerden einzureichen, gerade dann, wenn es um Prominente und Talente gegangen sei.

Nicht belegte Pädophilie-Vorwürfe

Als der Saville-Skandal in den Schlagzeilen war, musste überdies ein altgedienter BBC-Frontmann eingestehen, dass einige Missbrauchsvorwürfe gegen ihn zutrafen. In derselben Zeitphase hatte die BBC einen Politiker der Pädophilie bezichtigt, doch die Vorwürfe waren falsch. Der Generaldirektor, George Entwistle, musste nach nicht einmal zwei Monaten im Amt zurücktreten. Die BBC hatte dem Politiker eine Entschädigung von 185 000 Pfund zu zahlen.

Unter Druck geriet die BBC auch im Zusammenhang mit der Irak-Invasion im Jahr 2003. Einer ihrer Reporter, Andrew Gilligan, hatte damals behauptet, die britische Regierung habe das Dossier über die irakische Gefahr aufgebauscht. Der Journalist mochte Ungereimtheiten – Premierminister Blair spielte hier tatsächlich eine dubiose Rolle – gerochen haben, aber es gelang ihm nicht, seine Vorwürfe klar zu belegen. Die Affäre, die gar zum Selbstmord eines Involvierten führte, wurde von Lordrichter Hutton untersucht, der die BBC für ihr Verhalten scharf rügte. Sowohl der BBC-Präsident wie auch der BBC-Generaldirektor mussten ihre Posten räumen.

Nur ein paar Jahre später – 2007 – wurde die BBC zu einer Busse von 50 000 Pfund verurteilt, weil sie in einem Unterhaltungsprogramm – einem Wettbewerb – getrickst hatte. Wegen technischer Probleme kamen damals die Zuschauer nicht durch, worauf die Programmmacher ein Kind, das gerade auf Studiobesuch war, holten und es als Gewinner hinstellten – eine Praktik, die man gemeinhin Privatsendern zurechnen würde.

Im aktuellen Fall dauerte es ein Vierteljahrhundert, bis der Betrug in seiner vollen hässlichen Dimension ans Licht kam. Martin Bashir hatte sich 1995 das Vertrauen von Prinzessin Diana und von deren Bruder, Charles Spencer, erschlichen, indem er ihnen gefälschte Bankkontoauszüge vorlegte. Diese sollten belegen, dass Personen im Umfeld der Prinzessin für Indiskretionen bezahlt wurden. Diana willigte darauf in ein Interview mit Bashir ein, in welchem sie erstmals über ihre zerrüttete Beziehung mit Prinz Charles sprach. Ihren Aussagen hörte ein riesiges Publikum zu – mehr als 20 Millionen Personen. Es war der Anfang vom Ende der Ehe mit Charles. Für den damals noch weitgehend unbekannten Journalisten Bashir war es der Beginn einer internationalen Karriere.

Abgewimmelter Whistleblower

Im britischen «Guardian» nahm dieser Tage ein Mann zum Skandal Stellung, der damals involviert gewesen war. Der Bildgestalter Matt Wiessler fabrizierte für Bashir die Kontoauszüge, doch war ihm gemäss seinen Aussagen nicht bewusst gewesen, wozu diese verwendet werden sollten. Nach der Ausstrahlung des Interviews sei ihm ein Licht aufgegangen, sagt Wiessler. Er konfrontierte Bashir mit seinem Verdacht, blitzte aber ab. Er wandte sich an vier BBC-Manager und fand kein Gehör. Der News-Chef der BBC, Tony Hall, der später Generaldirektor des öffentlichen Senders wurde, setzte Wiessler nach einer internen Untersuchung auf eine schwarze Liste. Der Designer durfte nicht mehr für die BBC arbeiten.

Lord Dyson, der die neue Untersuchung des Falls durchgeführt hat, erklärte nun, dass Wiessler verantwortungsvoll und angemessen gehandelt habe. Tony Hall hat sich beim Whistleblower entschuldigt. Wiessler kritisiert allerdings dessen laue Worte und verlangt nun eine Entschädigung, da der Rausschmiss für ihn berufliche Nachteile hatte.

Schon nach der Ausstrahlung der Sendung gab es Betrugsvorwürfe; die «Mail on Sunday» berichtete darüber. Doch die BBC erkannte keine gravierenden Fehler seitens von Bashir. Vielmehr vertuschte sie die Angelegenheit. Und sie gab Bashir, nachdem er in den USA für ABC und MSNBC als Moderator gearbeitet hatte, wieder eine Beschäftigung – als Korrespondent für religiöse Fragen. Inzwischen hat er gekündigt, aus gesundheitlichen Gründen.

Bashir erklärte, er bereue den Betrug zutiefst. Doch habe dieser keine Bedeutung gehabt für Dianas Entscheidung, einem Interview zuzustimmen. Man kann lange darüber spekulieren, ob das Drama um Prinzessin Diana ohne die Täuschung eine andere Wendung genommen hätte.

Langes Sündenregister

Betrug, Vertuschung, Falschbeschuldigungen – das Sündenregister der BBC ist lang. Erwähnung verdienen in diesem Zusammenhang auch die überrissenen Millionensaläre von BBC-Starmoderatoren, die überdies viel besser bezahlt wurden als weibliche Fernsehprominenz. Die hier aufgezählten Fehlleistungen geschahen zwar im Verlauf von etwa zwei Jahrzehnten. Aber sie sind gravierend und passen überhaupt nicht zum vielbeschworenen Selbstbild eines öffentlichen Rundfunks, der als publizistischer Leuchtturm im Mediendschungel dastehen soll. Nach jedem Skandal gab es Befürchtungen – oder je nach Optik: Hoffnungen, der öffentlich finanzierte Medienbetrieb sei in seiner Existenz bedroht. Die BBC hat alle Skandale gut überlebt. Aber irgendwann könnte es einer zu viel sein.

Über den Fall der BBC hinaus muss man festhalten, dass es immer wieder Journalisten gelingt, trotz krimineller Energie Karriere zu machen, und dass ihre Vorgesetzten ihnen aus Blindheit oder Naivität allzu lange vertrauen, während sie Kritiker stillstellen. So war es etwa beim «Spiegel», der vom «Jungtalent» Class Relotius an der Nase herumgeführt wurde, bis der Fall vor drei Jahren aufflog. Dem Ruf der Medienbranche tut das alles nicht gut.

Eine Ergänzung (4.6.2021): Der Whistleblower Matt Wiessler hat am Dienstag (2.6.2021) den BBC-Generaldirektor Tim Davie getroffen. Dieser habe sich bei Wiessler aufrichtig entschuldigt, wie der «Guardian» schreibt. Wiessler sagte auch, man solle seinen Fall nicht für politische Abrechnungen mit der BBC nutzen: «I am a through-and-through BBC person».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Business_News_Ausgeschnitten

Medien: Trends und Abhängigkeiten

Konzerne und Milliardäre mischen immer mehr mit. – Die Rolle, die Facebook, Twitter, Google+ spielen können

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

4 Meinungen

  • am 25.05.2021 um 13:23 Uhr
    Permalink

    Seltsam war die Berichterstattung von BBC am 11. September 2001: Am Morgen dieses Tages flogen zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York. Der Nordturm des Centers stürzte 112 Minuten nach dem Einschlag des Passagierflugzeuges zusammen und der Südturm 56 Minuten nach der Kollision. Sowohl der Süd- wie der Nordturm explodierten und fielen wie Kartenhäuser zusammen, nachdem das Feuer in den beiden Wolkenkratzern schon am Abklingen war und Feuerwehrleute in den Türmen hochstiegen um die Brände zu löschen. – Sie kamen alle ums Leben. – Trümmer der explodierten Hochhäuser wurden über hundert weit Meter fortgeschleudert und beschädigten auch den 47-stöckigen Wolkenkratzer WTC7 des World Trade Centers. Durch den Einschlag der Trümmer soll in diesem Gebäude ein Feuer ausgebrochen sein. Dieser dritte Wolkenkratzer des World Trade Center stürzte dann am Abend des 11. September 2001 ein, sieben Stunden später als der Nordturm. Seltsam war damals, dass BBC berichtete, das Gebäude der Salomon Brothers (WTC 7) sei eingestürzt, bevor dieser 47-stöckige Wolkenkratzer tatsächlich einstürzte. Laut dem unten verlinkten Video berichtete BBC über diesen Einsturz 16.20. 16.30 Uhr wurde der Einsturz des Salomon-Gebäudes von BBC als Tatsache gemeldet, so dieses Video. Das war mehr als 50 Minuten, bevor es tatsächlich zusammenbrach.
    BBC Reports 911, WTC 7 Collapse BEFORE it Happens – YouTube
    In diesem Video sieht man auch wie die Türme des World Trade Center explodieren

    0
    • am 25.05.2021 um 14:43 Uhr
      Permalink

      Zu dieser Information gehört dazu, dass sich die BBC für diese vorschnelle Meldung entschuldigt hat. Sie kam aufgrund einer Meldung eines drohenden baldigen Einsturzes zustande. Auch der Tod eines Papstes wurde einmal zu früh gemeldet. Es ist der unsägliche Wettstreit unter den Medien, wer eine Meldung zuerst verbreitet.

      1
  • am 27.05.2021 um 08:26 Uhr
    Permalink

    BBC hat sich wirklich entschuldigt über die zu frühe Meldung des Einsturzes des 47-stöckigen Wolkenkratzer des World Trade Centers in New York am 11. September 2001, eine Falschmeldung die BBC von einer Nachrichtenagentur übernommen hatte.

    Eine prophetische Ader hatte BBC auch vor den Terroranschlägen vom 7. Juli 2005 in London. Bei den vier nahezu gleichzeitigen Anschlägen in drei Londoner U-Bahnen und einem Bus starben an diesem Tag über 50 Menschen und mehr als 700 wurden verletzt.

    BBC hatte im Mai 2004 in ihrer Fernsehreihe «Panorama» eine Sendung ausgestrahlt, hat unter dem Titel «London under attack». Darin wurden die Auswirkungen eines hypothetischen Anschlags auf das Verkehrssystems London von einer Reihe hochgestellter Experten diskutiert – ein Jahr vor den realen Attentaten.

    Peter Power, einer der Teilnehmer der BBC-Sendung, tauchte dann ein Jahr später am Abend von 7/7 wieder im Fernsehen auf. Dort erklärte er, am Morgen des Tages zeitgleich zum Anschlag eine «Krisen-Übung» durchgeführt zu haben, deren Szenario dann – auch für ihn überraschend – plötzlich Realität wurde. Mit der Übung sei seine Sicherheitsfirma «Visor Consultants» betraut gewesen und es sei darin um «simultane Bombenanschläge auf U-Bahn-Stationen» gegangen.

    Der Journalist Paul Schreyer hat die Merkwürdigkeiten dieser Bombenanschläge am 7. Juli 2005, für die sofort islamistische Terroristen verantwortlich gemacht wurden, ausführlich dokumentiert, auf Telepolis «Der trainierte Terror».

    0
  • am 28.05.2021 um 09:22 Uhr
    Permalink

    @Heinrich Frei. Die Sendung der BBC von Mai 2004 war gar nicht so prophetisch, wie Sie zu denken scheinen. Zwei Monate früher (11. März 2004) hatten in Madrid gleichzeitige Anschläge auf vier Nahverkehrszüge 192 Menschen getötet und über 2000 verletzt. Alle grösseren europäischen Hauptstädte hatten damals Angst, das könnte sich bei ihnen wiederholen.

    0

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...