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Die "Nebelspalter"-Autoren bekommen vom Publikum viel Applaus. © Budikai

Der «Nebelspalter» in der Filterfalle

Rainer Stadler /  Beim Online-«Nebelspalter» versammelt sich ein gleichgesinntes Publikum. Die harte Bezahlschranke fördert die Eintönigkeit.

Markus Somm, der vor gut einem Monat die digitale Ausgabe des «Nebelspalters» startete, hat die «Basler Zeitung» seines Zuschnitts wieder aufleben lassen. Das aus dem Satire-Magazin herausgewachsene Online-Organ ist zwar gestalterisch bedeutend knackiger als die Tageszeitung am Rheinknie. Doch inhaltlich ist die Kontinuität unübersehbar. Journalisten und Autoren, die das rechtsliberale Profil der Sommschen «Basler Zeitung» prägten, sind nun an Bord des «Nebelspalters» und zeigen wieder ihren Kampfgeist: zugunsten einer von der EU unabhängigen, marktwirtschaftlichen Schweiz, gegen die Linken, Halblinken und Halbrechten, gegen Sprachsittenpolizisten und gegen einen Gouvernanten-Staat im Pandemiezeitalter.

Männer mit längerer und langer Berufserfahrung dominieren das Impressum, welches das redaktionelle Desinteresse gegenüber den verpönten Quotenforderungen offenbart. Zwei Junge spielen die Rolle der fleisssigen Bienen, die draussen Fakten sammeln, während die Alten gerne gegen den Zeitgeist wettern. Zwei Videokommentatorinnen schaffen einen gewissen optischen Kontrast – die weltanschauliche Tonlage ist allerdings dieselbe.*

Viel Applaus

Schaut man sich die Besucherkommentare zu den Beiträgen an, sticht etwas ins Auge. Die Meinungslage ist im Vergleich zu anderen Online-Medien auffällig homogen. In der Regel wird applaudiert: Bravo, genau, jawohl, endlich sagt es mal jemand – so der Tenor. Entsprechend häufig werden Sympathiepunkte in Form eines hochgestreckten Daumens verteilt. Gegenstimmen (Daumen nach unten) sind kaum sichtbar. Auch der Mehrheitsmeinung widersprechende Kommentare liest man selten. Das mutet etwas seltsam an angesichts des Anspruchs des «Nebelspalters», die mediale Meinungsmonotonie zu stören.

Die Einseitigkeit ist allerdings erklärbar. Der «Nebelspalter» hat von Beginn weg eine rigide Bezahlschranke errichtet. Die Audio- und Videobeiträge sind zwar frei zugänglich, doch für das Kernangebot, die Texte, muss man den Geldbeutel hervorholen. Einzelne Artikel kann man kaufen. Für den Grossteil der neugierigen Laufkundschaft, die erst unverbindlich schmökern will, ist das indessen abschreckend. Auf diese Weise gewinnt man unweigerlich nur die Gleichgesinnten, die das Profil von Markus Somm kennen und damit wissen, was sie hinter der Bezahlschranke erwartet.

Keine Aussenwirkung

Ist die Zahl der gleichgesinnten Kundschaft genügend gross, mag das betriebswirtschaftlich aufgehen. In publizistisch-politischer Hinsicht bleibt dies jedoch unbefriedigend, vor allem für eine Plattform, deren missionarischer Anspruch unübersehbar ist. Wenn die in den Artikeln transportierten Tatsachen und Meinungen nur jene erreichen, die schon derselben Ansicht sind, besteht kaum eine Chance, Zögernde und Zweifelnde für sich zu gewinnen und so auf den politischen Prozess einzuwirken. Dieses Manko liesse sich allenfalls beseitigen, wenn es gelänge, Meinungsmacher und Journalisten anzusprechen, welche die Ideen aufgreifen und weitertragen.

In der krisengeschüttelten Medienbranche hat sich die Meinung durchgesetzt, Journalismus könne man nur über Abonnements nachhaltig finanzieren. Das mag sein. Doch für neugierige Konsumenten, die sich breit informieren wollen und die während Jahren gratis unzählige Angebote ansteuern konnten, wird das eine teure Sache. Für Online-Angebote scheinen sich Jahrespreise von 200 bis 300 Franken durchzusetzen. Will ein Interessent nur schon auf 5 bis 6 Medien zugreifen, summiert sich das schnell auf Ausgaben in Höhe von 1500 Franken pro Jahr. Die Aufwendungen für Geräte und Medienunterhaltung sind dabei noch nicht mitgerechnet. Der Markt für Abonnements-Medien wird hart umkämpft bleiben.

*In einer früheren Version wurde hier auch eine Textkolumne erwähnt, die fälschlicherweise Dominik Feusi zugeordnet war. Deren Autorin heisst jedoch Dominique Feusi.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

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6 Meinungen

  • am 20.04.2021 um 12:29 Uhr
    Permalink

    Danke, sehr erfreulich dieser Bericht. Er erinnert mich an die Worte von Martin Buber, welcher damals, als wir die Nonprofit Projekte Streetwork Basel gründeten, (1977) unser Leitsatz wurde. Martin Buber beschrieb die Tatsache, das etwas was der Gesellschaft dienen soll, in seinem Wert und seiner Funktion allein dadurch gemindert wird, das man dafür Geld verlangt. Darum finanzierten wir unsere Projekte durch Spenden und Eigenleistungen (Alle Webautoren und Sozialarbeiter arbeiteten Ehrenamtlich) im Rechtskleid einer Interessengemeinschaft. Dies erhöht auch die Qualität des Infosperbers, welcher auf einer Stiftung basiert. Martin Buber beschrieb als Beispiel die Situation eines Menschen der psychologische Hilfe braucht. Die Tatsache, das er dafür Geld bezahlen muss, lässt die Therapie zu einer Kaufhaustherapie verkommen, welche der Entwicklung der Menschen nie so gerecht werden kann, wie wenn nicht dafür bezahlt werden müsste. Ein verkauftes Wort hat nie dasselbe Gewicht wie ein durch eine Spendengemeinschaft geschenktes Wort. Darum kommt für mich und einen großen Teil meines Freundeskreises der Infosperber als Morgenlektüre zum Kaffee dazu seit 10 Jahren. Meine Interessenbindung: Alles was der Entwicklung der Menschen dient.

    0
  • am 20.04.2021 um 14:32 Uhr
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    Warum ich u.a. den Eindruck habe, unsere Medien seien grossmehrheitlich links gefärbt: Seit US-Präsident Trump weg ist, hören wir etwa im Monatstakt aus Washington. Vorher war es mehrmals täglich.

    Da kann es schonmal sein, dass die Leserschaft sich nach einer anderen Meinung umsieht – mitte oder rechts. Rechts ist leider meistens nicht so sprachgewandt und gebildet wie links, was die Publikationen dann dementsprechend hetzerisch und plump aussehen lässt (mit Ausnahme eines R. Köppel, der mir scheint, er vertrete zwar das Volk – davon aber besonders die oberen 10‘000). Trotzdem muss es erlaubt und möglich sein, auch Meinungen von rechts zu lesen.
    Wenn die BAZ, Markus Somm und der Nebelspalter dazu beitragen, solche von links unterschlagenen Tatsachen anzuprangern – wer ausser links wollte das verbieten und schlechtreden?

    Andererseits habe ich jetzt das Abo der Gewerbezeitung gekündigt: So ein unfassbarer Bullshit, der uns da unter Verkrümmung von Raum, Zeit und Verfassung zugemutet wird, sucht seinesgleichen.

    Von Nebelspalter, Infosperber, SHAZ, BAZ und WOZ erwarte ich nicht eine Berichterstattung, die trivial auf den Mann spielt (also auf die entgegengesetzte Weltanschauung), sondern welche primär die Sache beleuchtet. Es ist mir allerdings klar, dass dies eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt ist: Neutral Bericht zu erstatten.

    4
  • am 20.04.2021 um 16:58 Uhr
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    Lieber Herr Stadler, da ist ihnen wohl ein Fehler unterlaufen: Es gibt den Journalisten Dominik Feusi und es gibt die Journalistin Dominique Feusi. Beide schreiben für den Nebelspalter und die von Ihnen erwähnte «Blondine» ist niemand anderes als besagte Journalistin Dominique Feusi.

    0
    • am 20.04.2021 um 17:57 Uhr
      Permalink

      Danke für Ihren Hinweis. Der Fehler ist korrigiert.

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  • am 20.04.2021 um 19:58 Uhr
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    @Leonhard Fritze: Sie legen offenbar die Tatsache, dass Trump dauernd in den Medien erwähnt wurde, dahingehend aus, dass die Medien nach links tendieren. Für mich war es eher das Gegenteil: Dass dieser Lümmel in gewissen Medien täglich erwähnt wurde, lege ich als eine Form von unterschwelliger Sympathie für seine Person aus. So beurteile ich ein Medium danach, auf welche Inhalte es fokussiert. Und da beim Nebelspalter offensichtlich ist, dass nicht mehr die Satire im Mittelpunkt steht, sondern die politische Meinungsmache, urteile ich, dass die Rechten lieber Meinungsmache betreiben, als Inhalte zu präsentieren. So ist es ja auch dem NZZ-Feuilleton ergangen, wo jetzt Meinungsmache die professionelle Kulturberichterstattung verdrängt hat, und so ergeht es auch dem Tagesanzeiger mit seiner neuen Redaktion «Leben», die den Empörungsjournalismus bedient. Diesen Erfahrungen entnehme ich, dass, wenn die Rechten durch die Redaktionen durchmarschieren, die Inhalte und die Professionalität leiden. Und die meisten Schweizer Medien sind jetzt rechts. Der Mainstream ist rechts, und die Medien sind damit unprofessionell geworden.

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  • am 21.04.2021 um 03:12 Uhr
    Permalink

    Danke für diesen Artikel.
    Gustav Freytag sagte: „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“
    Dies bezieht sich auch darauf, dass sich Gleichgesinnte eher zusammenrotten. Ein Konzept welches Soziale Netzwerke schon lange für sich entdeckt haben, diese waren auch die ersten die den Begriff der Filterblase „entdeckt“ haben. Ein Grund weshalb ich diese meide. Nach Möglichkeit bestimme ich lieber selbst und bewusst, in welcher Blase ich mich gerade befinden will, anstatt eines Algorithmus, bei dem ich weder Kenntnis noch Einfluss auf die zugrunde liegenden Zusammenhänge habe. Meist dürfte es profanerweise schlicht Geld sein.
    Der Mensch scheint süchtig nach positiver Zuwendung und grosse Schwierigkeiten damit zu haben seine eigene Meinung zu hinterfragen und allenfalls anzupassen. Es ist wohl den meisten zu anstrengend, was für mich Folge einer komplett verkorksten Fehlerkultur ist, die aus einer ebenso kritisch zu hinterfragenden Erziehungs- und Bildungspolitik resultiert. Leider ein schlecht übernommenes Beispiel der USA in welcher bis zum Erbrechen privatisiert wurde mit offensichtlichen Folgen: Bildung, Gesundheitswesen, Strafvollzug. Zur Erinnerung: 2019 war die USA laut WHO das Land welches global am Besten auf eine Pandemie vorbereitet ist!
    Und zum nachdenken: welches Interesse hat ein privatisierter Strafvollzug daran, dass die Kriminalitätsrate sinkt?

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