Aurelia Seusing Glyphosat Honig BuLWMinisterium 2020

Klebriger Protest: Imker Seusing schüttet Honig auf die Eingangstreppe des Bundeslandwirtschaftsministeriums. © Fabian Melber, Aurelia-Stiftung

Deutscher Imker erstreitet Schadenersatz für Glyphosat im Honig

Daniela Gschweng /  Eine Landwirtschaftsgesellschaft muss einem Bio-Imker 14‘550 Euro für den Honig zahlen, der wegen Glyphosat ungeniessbar wurde.

Vor zwei Jahren kippte der Bio-Imker Sebastian Seusing aus Brandenburg frustriert seinen Honig auf die Treppe des Landwirtschaftsministeriums. Jetzt hat er vom Landgericht Frankfurt (Oder) für seinen wegen Glyphosat ungeniessbaren Honig Schadenersatz zugesprochen bekommen. Dazu muss der Landwirtschaftsbetrieb, der das Glyphosat verspritzt hatte, die Gerichtskosten bezahlen.

Als Präzedenzfall will das Landgericht das Urteil nicht verstanden wissen, dennoch ist es wegweisend. Deutsche Imker, deren Honig mit Glyphosat belastet ist, blieben auf dem Schaden bisher nämlich sitzen.

Mehr als vier Tonnen ungeniessbarer Honig

Seusing, der als Profi-Imker nach Angabe der dpa eine seit 12 Jahren gutgehende Imkerei betrieb, musste 2019 mehr als vier Tonnen Honig vernichten, weil eine Landwirtschaftsgesellschaft in einem Feld neben seinen Bienenstöcken glyphosathaltiges Unkrautvernichtungsmittel gespritzt hatte. Dort blühte zwischen Luzernen Löwenzahn, an dem seine Bienen sammelten.

Die Glyphosatwerte des Honigs, stellte sich in Folge heraus, lagen 152-fach über dem Grenzwert von 0,05 Milligramm pro Kilogramm Honig. Schadenersatzforderungen wies die Landwirtschaftsgesellschaft Stadtgüter Berlin Nord KG allerdings zurück.

Seusing kippte 2020 in einer publikumswirksamen Aktion seinen zu Sondermüll gewordenen Honig auf die Treppe vor dem deutschen Bundeslandwirtschaftsmnisterium, berichtete unter anderen die «Bauernzeitung».

Gericht fällte nur ein Einzelfallurteil

Bienenzüchter feiern das Urteil als Erfolg. Die Rechtslage in solchen Fällen ist aber weiter keineswegs eindeutig. Der Imker hätte sich vorher an die Gesellschaft wenden und bekannt machen sollen, wo er seine Bienen platziert hatte, fand die Beklagte. Das ist zwischen Imkerinnen und Landwirtschaftsbetrieben üblich.

Seusings 89 Völker seien vom Feld aus jedoch gut zu sehen gewesen, urteilte das Gericht. Erwarten konnte der Imker das «Totspritzen» der Luzerne nicht, fand im Vorfeld die Aurelia-Stiftung, die den Imker unterstützte, berichtete das «Bienenjournal».

Bedenkt man, dass es neben Profi-Imkern noch viele Hobby-Imker gibt und Bienen beim Sammeln mehrere Kilometer weit fliegen können, ist die Sachlage noch weniger eindeutig. Imker ihrerseits sind verpflichtet, ihren Honig testen zu lassen, wenn sie den Verdacht haben, dass dieser verschmutzt ist. Wenn sie glyphosatversetzten Honig in Verkehr bringen, machen sie sich unter Umständen strafbar.

Eine grundsätzliche Regelung zu Glyphosat steht aus

Das Landgericht Frankfurt (Oder) fällte also keinen Grundsatzentscheid. Ein solcher wäre aber dringend geboten, so Thomas Radetzki, Vorstand der Aurelia-Stiftung: «Wir hätten uns gewünscht, dass die Richterin in ihrer Begründung schreibt, dass Bienen zur Landwirtschaft dazugehören und der Landwirt immer damit rechnen muss, dass das, was er spritzt, Bienen erreicht», sagte er gegenüber der «dpa». Es handle sich nicht um einen atypischen Fall, sagt auch Seusings Anwalt Georg Buchholz. Laut «Öko-Test» musste Seusing sein Unternehmen in Folge der Verschmutzung aufgeben. Auf der Website des Familienbetriebs steht der Vermerk «Wir haben momentan keinen Honig mehr zu verkaufen».

Die unterlegene Gesellschaft kann gegen das Urteil Berufung einlegen. Die Landwirtschaftsgesellschaft Stadtgüter Berlin Nord KG ist allerdings gut weggekommen. Seusings Schadenersatzklage bezog sich nur auf 550 Kilogramm Honig der direkt am Feld platzierten Bienenstöcke. Einen Bruchteil der gesamten verschmutzten Menge, denn auch weiter entfernte Bienenstöcke waren betroffen. Den Teilschaden bezifferte der Imker auf 14‘455 Euro aufgrund verlorener Einnahmen für Honig und Wachs, Entsorgungskosten und Arbeitsaufwand.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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2 Meinungen

  • am 3.07.2022 um 19:11 Uhr
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    Vielleicht sollte sich der Imker mal um den Metabolit AMPA kümmern und sich weiterbilden. Dies ist das Hauptabbauprodukt von Glyphosate. Leider wird das AMPA auch gebildet durch die Verwendung von Reinigungsmitteln. Diese Reinigungsmittel braucht er für die Reinigung und Sterilisation seines Geschirrs und Werkzeuge. «Ja auch BIO Imker brauchen Reinigungsmittel.» Leider ist das AMPA das einzige Abbauprodukt das auf Glyphosate in der Chemie hinweist aber es kann jetzt natürlich auch sein, dass das gefundene AMPA auch von den Reinigungsmitteln stammt. Dies kann nicht abschliessend geklärt werden. Ich würde behaupten, dass keine Biene auf eine Pflanze fliegt die am streben ist und keine Blüte mehr hat. Wer interessiert ist kann sich auf YT den Film «Brotzeit: Pflanzenschutzmittel – hilfreich und relativ harmlos» anschauen.

    1
    • am 3.07.2022 um 19:33 Uhr
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      Guten Tag Herr Büschi, ich zitiere aus dem Urteil (im Artikel verlinkt):
      – «In der Zeit, nachdem das Pflanzenschutzmittel ausgebracht, aber die Pflanzen noch nicht tot waren, sammelten die Bienen weiterhin Pollen und Nektar vom Löwenzahn.Sie trugen mit dem Pflanzenschutzmittel versetzte Bestandteile der Pflanzen in die Bienenstöcke hinein und verbanden diese Bestandteile mit bis dahin unbelasteten Erzeugnissen.»
      – «Der Kläger ließ am 29.04.2019 Proben entnehmen von Honig und Pollen aus seinen Bienenstöcken sowie Pflanzenmaterial vom Schlag 7.1. Proben des Rohhonigs wiesen eine 150-fache Überschreitung des höchstzulässigen Rückstandgehalts auf.»
      – «Die Probenahme und -untersuchungen seien aber auch deshalb nicht nötig gewesen, da die Beklagte von Anfang an die Verwendung des glyphosathaltigen Mittels eingeräumt hatte.»
      Beste Grüsse, Daniela Gschweng

      0

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